Mit Mitte 30 konvertierte sie von der reformierten zur römisch-katholischen Kirche, trat in ein Kloster ein und nach fünf Jahren wieder aus. Heute studiert sie Theologie. Wie es zu diesen Wechseln gekommen ist und was bleibt, darüber spricht Sara Kissling.
Themen dieser Folge:
Ich wollte nicht wieder gerade in die Pflege einsteigen oder als Musikpädagogin arbeiten, weil ich spürte, wenn ich jetzt da wieder voll aufgehe in meiner Berufstätigkeit, dann habe ich keinen Raum und keine Muße, die Erlebnisse aufzuarbeiten. Ich habe gemerkt, das ist jetzt ganz wichtig, ich muss mir diesen Raum geben, auch mir die Frage stellen: Was mache ich denn jetzt mit meiner Berufung? Weil die ist ja mit meinem Kloster-Austritt nicht einfach erloschen.
Sandra Leis [:Das sagt Sara Kissling. Sie hat etwas gemacht, was nur wenige tun. Sie konvertierte von der reformierten zur römisch-katholischen Kirche, trat in ein Kloster ein und nach fünf Jahren wieder aus. Heute studiert sie Katholische Theologie. Wie es zu diesen Wechseln gekommen ist und was Sara Kissling antreibt, darüber sprechen wir in dieser Episode des Podcasts «Laut und Leis». Ich bin Sandra Leis und hätte, wie angekündigt, für diese Folge eigentlich nach Deutschland reisen wollen zu Schwester Phillipa Rath. Sie musste aus gesundheitlichen Gründen absagen und das Interview verschieben. Statt Rüdesheim am Rhein jetzt also Wattwil im Toggenburg. Ich freue mich sehr, dass Sie, Sara Kissling, Zeit für unser Gespräch haben heute. Vielen Dank. Wir sind in einem Sitzungszimmer der römisch-katholischen Kirche Sankt Felix und Regula. Hier in Wattwil. Sara Kissling, weshalb haben Sie die Kirche als Treffpunkt ausgewählt?
Sara Kissling [:Die Kirche Felix und Regula ist eigentlich der Ort, wo ich hier in Wattwil Fuß gefasst und Heimat gefunden habe. Weil ich hatte hier im Toggenburg ja kein soziales Netz und musste mir meine Existenz hier wieder aufbauen. Und die Pfarrei hat mich sehr mit offenen Armen empfangen. Dafür bin ich sehr dankbar.
Sandra Leis [:Auf Sie aufmerksam geworden bin ich dank eines Artikels im «Toggenburger Tagblatt», erschienen Mitte August. Und darin heißt es, ich zitiere: «Tausende verlassen die katholische Kirche. Sara Kissling ging den umgekehrten Weg.» Was gab den Ausschlag?
Sara Kissling [:Ich bin ja evangelisch-reformiert aufgewachsen. Und irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mich in dieser Kirche nicht mehr heimisch fühle. Es war mir zu nüchtern, zu trocken. Mit diesem Fokus auf das Wort Gottes ist in meinen Augen ein Stück Sinnlichkeit verlorengegangen. Der Mensch ist ja ein sinnliches Wesen. Und da bin ich dann auf die Suche gegangen, habe mir verschiedene Alternativen angeschaut, darunter auch Freikirchen und bin dann aber letztendlich in der römisch-katholischen Kirche gelandet. Ja, wegen dieser Sinnlichkeit. Die Zeichenhandlungen, die Sakramente, die liturgischen Farben, Weihrauch. Da werde ich als ganzer Mensch angesprochen.
Sandra Leis [:Sie haben es angesprochen. Sie wurden christlich sozialisiert, evangelisch-reformiert. Sie sind in Liestal aufgewachsen, Kanton Basel-Landschaft. Und ich habe gelesen, dass Sie auch mit Ihren Eltern gebetet haben, also zum Essen beispielsweise und vor dem Schlafengehen. Das heißt, Sie sind schon christlich sozialisiert. Und gleichwohl hat Ihnen was gefehlt, nämlich das Sinnliche, wie Sie sagen.
Sara Kissling [:Ja, ich würde sagen, meine Eltern haben die christlichen Werte sehr gelebt im Alltag. Als Kinder sind meine Schwester und ich auch jeden Sonntag in die Sonntagsschule gegangen und eigentlich mit Freude, das war interessant. Da hat man Geschichten gehört, gebastelt, Lieder gesungen. Und so dieser Prozess, wo ich dann auf die Suche nach etwas Neuem ging, das war später.
Sandra Leis [:Das war so Mitte 30, oder?
Sara Kissling [:Ja.
Sandra Leis [:Ausgebildet sind Sie ja als Pflegefachfrau. Und dann haben Sie später noch ein Studium gemacht als Musikpädagogin. Und dann haben Sie sich entschieden, einen ganz anderen Weg einzuschlagen. Nämlich Sie sind ins Kloster Mariazell Wurmsbach in Rapperswil-Jona eingetreten. Das ist ja doch ein radikaler Schnitt. Also weg von der Pflege, weg von der Musikpädagogik. Weshalb dieser Weg ins Kloster?
Sara Kissling [:Ich wollte ein Leben führen, wo Gott im Zentrum steht. Und ich habe gemerkt, wie schwierig das ist in einem mit Beruf und Hobby gefüllten Alltag. Und ich habe mich gesehnt nach Gleichgesinnten, die auch auf dem Weg sind, hin, immer mehr hin zu Gott. Das war eigentlich die Hauptintention, dann diesen Schritt zu wagen. Und das war keine leichte Entscheidung, weil ich habe auch sehr viel zurückgelassen. Aber ich habe die Entscheidung nicht bereut. Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung, auch wenn es nicht immer einfach war.
Sandra Leis [:Also, Sie waren 39, als Sie sich fürs Kloster in Rapperswil-Jona entschieden haben. Und das heisst ja auch, Sie mussten sich für ein zölibatäres Leben entscheiden, also enthaltsam leben. Hat es da nie Zweifel gegeben, ob das das Richtige ist?
Sara Kissling [:Nein, da hatte ich keine Zweifel, weil ich habe vorher immer alleine gelebt. Es war für mich nie elementar, eine Familie zu haben, weil ich glaube, Partnerschaft und Familie, das ist nicht etwas, was man, was man selber machen kann. Ich denke, Gott fügt das oder nicht. Und ich habe immer gedacht, wenn Gott möchte, dass ich eine Familie habe, dann werde ich einen passenden Partner finden. Und es war für mich aber nicht elementar. Also ich bereue auch nicht, dass ich keine Kinder habe.
Sandra Leis [:Wie haben Ihre Familie und Ihre Freunde auf diesen Entscheid reagiert, ins Kloster zu gehen?
Sara Kissling [:Eigentlich sehr gut. Also ich denke, so im Innersten verstanden, warum ich diesen Schritt wage, glaube ich, konnten sie nicht. Aber meine Eltern haben da wirklich eine Offenheit und gesagt: Du bist erwachsen, und wenn das für dich das Richtige ist, dann unterstützen wir dich in dem. Das fand ich sehr schön.
Sandra Leis [:Wenn Sie heute zurückdenken an Ihre Zeit im Kloster, was war prägend für Sie?
Sara Kissling [:Das Prägendste war sicher das Gebet. Also, Gott ist der Taktgeber des Tages. Und der Rest des Tagesablaufs unterordnet sich der Gebetsstruktur. Das ist das, was ich gesucht habe, und das fand ich sehr schön. Die viele Zeit fürs Gebet, die intensive Auseinandersetzung mit der Bibel. Ich meine, das sind Schätze, von denen ich heute immer noch zehre und auch profitiere. Heute in meinem Studium.
Sandra Leis [:Und was waren Ihre Hauptaufgaben im Kloster?
Sara Kissling [:Das war sehr vielfältig. Also ich habe in einem kleinen Pensum Rhythmik unterrichtet an der klostereigenen Internatsschule.
Sandra Leis [:Die gab es damals ja noch. Heute ist sie geschlossen.
Sara Kissling [:Ganz genau. Und dann, ich habe von meiner Mutter das Nähen gelernt. Und als dann eine betagte Schwester das nicht mehr konnte, habe ich die Nähstube, also das Nähen und Flicken, übernommen. Dann habe ich gebacken, Konfitüre gekocht für den Klosterladen und natürlich auch viel Haushalt und putzen. Also es war eigentlich eine sehr bunte Palette.
Sandra Leis [:Eine bunte Palette. Sie haben auch von demütigenden Erfahrungen im Kloster gesprochen. Darüber konnte man lesen, wenn man wollte. Können Sie ein Beispiel nennen, was so eine demütigende Erfahrung gewesen ist?
Sara Kissling [:Also so dieses Nie-ganz-Dazugehören, dieses Ausgeschlossenwerden. Auch Informationen nicht zu erhalten. Und immer wieder gesagt bekommen und zu spüren: Das steht dir nicht zu. Als Jüngste.
Sandra Leis [:Und weil Sie noch Novizin waren, nehme ich an.
Sara Kissling [:Ja, aber auch dann mit der mit der ersten Profess. Man gehört ja eigentlich voll zur Gemeinschaft erst mit der ewigen Profess. Und so dieses Gefühl eigentlich auch nicht mitgestalten zu können, ja, oder auch sehr verletzende Äußerungen, klein gemacht werden. Ja, es war sehr, sehr diffus. Eigentlich in Worten schwierig zu beschreiben.
Sandra Leis [:Und das war der Hauptgrund für den Austritt. Oder gab es noch andere Gründe?
Sara Kissling [:Ich würde sagen, es waren viele verschiedene Gründe, und ich hätte das damals, wo ich ausgetreten bin, hätte ich das auch gar nicht so genau benennen können. Aber heute, drei Jahre später, kann ich das auch benennen, was ich dort erlebt habe. Ich habe da wirklich spirituellen Machtmissbrauch erlebt. Ich kannte dieses Wort damals gar nicht, und ich habe in der Auseinandersetzung mit meiner geistlichen Begleitung, aber auch mit anderen ehemaligen Schwestern von dort im Austausch – ich kannte die vorher nicht, das war alles vor meiner Zeit –, habe ich dann gemerkt, dass es in dieser Gemeinschaft große Probleme gibt und dass eigentlich alle paar Jahre dieselben Dynamiken zum Tragen kommen, dass das mit mir als Person eigentlich wenig zu tun hat.
Sandra Leis [:Und Sie bereuen die Entscheidung nicht. Es war. . .
Sara Kissling [:Absolut die richtige Entscheidung. Obwohl ich sehr darum gerungen habe, weil ich von meiner geistlichen Berufung überzeugt war und das heute noch bin. Ja, und ich denke, das ist auch der Hauptgrund, warum ich so lange dort geblieben bin. Weil ich immer die Hoffnung hatte und die Überzeugung, wenn Gott mich dahin führt, dann hat das seine Bedeutung. Dann habe ich dort eine Aufgabe. Und ich habe gehofft, da kommen vielleicht noch andere junge Frauen. Wir könnten da gemeinsam Veränderungen herbeiführen. Und das hat sich dann aber in eine völlig andere Richtung entwickelt. Anstatt in die Weite ging das immer mehr in die in die Enge.
Sandra Leis [:Und darf ich noch ganz konkret fragen: Also wenn man aus einem Kloster austritt, jetzt auch nach fünf Jahren, was heißt das? Stehen Sie da vor einem bodenlosen Loch, oder was haben Sie dann genau gemacht, nachdem Sie ausgetreten sind?
Sara Kissling [:Das war wirklich eine große Zäsur in meinem Leben, weil ich musste ja bei Null wieder anfangen. Also die ganz konkreten, alltäglichen Dinge eine Wohnung suchen, eine Arbeit.
Sandra Leis [:Eben. Wie haben Sie Ihren Lebensunterhalt bestritten?
Sara Kissling [:Ich habe gemerkt, dass ich. Ich wollte nicht wieder gerade in die Pflege einsteigen oder als Musikpädagogin arbeiten, weil ich spürte, wenn ich jetzt da wieder voll aufgehe in meiner Berufstätigkeit, dann habe ich keinen Raum und keine Muße, die Erlebnisse aufzuarbeiten. Ich habe gemerkt, das ist jetzt ganz wichtig, ich muss mir diesen Raum geben, auch mir die Frage zu stellen: Was mache ich denn jetzt mit meiner Berufung? Weil die ist ja mit meinem Klosteraustritt nicht einfach erloschen. Ich habe dann Exerzitien gemacht, geistliche Begleitung. Es war ein langer Prozess und ich habe gemerkt, dass die Entscheidung, ein Leben, wo der Glaube im Zentrum steht, dass das nach wie vor wichtig und richtig ist. Und so kam ich denn zum Theologiestudium, und um meinen Lebensunterhalt zu finanzieren, habe ich dann in der Kinderbetreuung als Nanny bei verschiedenen Familien gearbeitet. Das war eine sehr schöne Erfahrung, weil ich auch gemerkt habe, diese Spontanität dieser Kinder, das tut mir so gut nach diesen vielen negativen zwischenmenschlichen Erfahrungen. Weil ich musste ja auch als Mensch wieder Fuß fassen, Selbstvertrauen, ein Selbstbewusstsein aufbauen, weil ich war wirklich, ich war wirklich am Boden.
Sandra Leis [:Nach dieser Klosterzeit.
Sara Kissling [:Ja, das muss ich heute so sagen.
Sandra Leis [:Was ich spannend finde, dass Sie trotz diesen schmerzhaften Erfahrungen, die Sie gemacht haben, den Namen behalten haben. Sie haben sich im Kloster den Namen Sara ausgewählt. Und Sie nennen sich heute immer noch so: Sara Kissling. Sie haben eigentlich nicht ganz gebrochen. Sie sind nicht mehr im Kloster, aber Sie haben den Namen behalten. Und der Name ist etwas ganz Wichtiges. Was bedeutet Ihnen der Name Sara, den Sie ja heute noch tragen?
Sara Kissling [:Dieser Name bedeutet mir sehr viel, weil ich die biblische, die alttestamentliche Gestalt der Sara eine faszinierende Person finde.
Sandra Leis [:Also die Frau Abrahams.
Sara Kissling [:Ganz genau, weil sie ja einfach mit ihrem Mann mitgeht in eine Ungewissheit. Und sie wagt das einfach. Das fasziniert mich. Und ich war mit meinem Taufnamen Marianne nie glücklich. Und darum war für mich auch klar, dass ich mit meinem Klostereintritt, dann auch den Namen gewechselt habe. Und ich denke, es ist wichtig zu differenzieren: Ich habe ja nicht nur negative Erfahrungen gemacht in diesen fünf Jahren. Da gab es auch wirklich ganz viel Gutes, wofür ich sehr, sehr dankbar bin und das ich auch nicht vergessen habe. Und darum habe ich auch diesen Namen behalten, weil auch irgendwie der Name steht für meine Berufung, und die ist ja nicht erloschen. Die lebe ich heute einfach in einer anderen Form.
Sandra Leis [:Genau. Sie haben gesagt, Sara hat den Weg gewagt oder den Schritt gewagt ins Ungewisse. Das haben Sie auch gemacht mit diesem Abschied vom Kloster. Und dann haben Sie sich entschieden für ein Studium der Katholischen Theologie an der Theologischen Hochschule in Chur. Jetzt starten Sie dann ins Herbstsemester. Was fasziniert Sie am meisten an diesem Studium? Das Sie jetzt mit Mitte 40 angefangen haben.
Sara Kissling [:Es ist diese breite Vielfalt, auch an Fächern: Philosophie, dann Exegese, also die Bibel auszulegen, die Fremdsprachen, dann aber auch die praktischen Dinge wie Pastoral, Seelsorge, Liturgie, Kirchengeschichte ganz wichtig, also einfach diese breite Palette. Und aber eigentlich geht es immer um den christlichen Glauben. Ich empfinde es als große Bereicherung, Immer tiefer einzutauchen und dann zu merken: Ah, ich kann immer mehr verknüpfen, und das Bild wird irgendwie immer konkreter.
Sandra Leis [:Und was fordert Sie am meisten heraus beim Studium? Was ist das Anstrengendste?
Sara Kissling [:Also das Anstrengende ist, dass ich merke, das mit Mitte 40 mein Gedächtnis nicht mehr so gut wie mit 20. Ich habe in jungen Jahren sehr einfach gelernt, auch auswendig gelernt. Und das ist heute schon anstrengender. Auf der anderen Seite gibt es diese Dinge, die man mit Lebenserfahrung verknüpfen kann. Da stehe ich heute ganz anders als als junge Frau.
Sandra Leis [:Aber Sie müssen mehr investieren ins Lernen. Wenn ich Sie richtig verstehe, ins Auswendiglernen auch der Sprachen.
Sara Kissling [:Ja, Und sich das auch dann längerfristig zu merken. Ja.
Sandra Leis [:Langzeitgedächtnis.
Sara Kissling [:Ganz genau.
Sandra Leis [:Vor zwei Jahren haben Sie angefangen mit dem Studium. Und vor einem Jahr ist die Pilotstudie zu sexuellem Missbrauch im Umfeld der römisch-katholischen Kirche veröffentlicht worden. Da waren Sie ein Jahr im Studium. Was hat das mit Ihnen gemacht, als Sie das gelesen und gehört haben?
Sara Kissling [:Es war für mich ehrlich gesagt keine Überraschung, weil es ist ja nicht das erste Mal, dass dieses Thema aufs Tapet kommt. Und auch aufgrund von meinen eigenen Erfahrungen hat es mich jetzt eigentlich nicht so erstaunt und dementsprechend auch nicht so aus der Bahn geworfen. Natürlich ist das Ausmaß erschreckend.
Sandra Leis [:Also über 1000 Menschen sind sexuell missbraucht worden. Sie haben ja vorhin vom spirituellen Missbrauch gesprochen, der natürlich auch dramatisch ist. Das ist, das ist klar, aber der ist ja noch gar nicht untersucht worden, also der spirituelle Missbrauch. Hier geht es primär mal um den sexuellen, das andere kommt dann noch dazu. Das hat Sie nicht erschüttert? Diese Zahl, die nur die Spitze des Eisbergs ist, wie die Forscherinnen vermuten.
Sara Kissling [:Nein, es war für mich keine Überraschung, weil ich denke, überall, wo Menschen tätig sind, gibt es auch das Negative. Und gerade in einem Bereich wie die Kirche, wo die Ansprüche maximal hoch sind, ist halt auch der Untergrund maximal tief. Und ich glaube, wir leben heute in einer Zeit, wo viele solche Dinge jetzt einfach auch aufs Tapet kommen. Oder es fiel mir dann ein, diese ganze Geschichte um die Verdingkinder. Und ich glaube, es passt auch in diese Zeit, und ich finde es wirklich sehr gut, dass das jetzt an die Öffentlichkeit kommt und aufs Tapet, weil nur dann kann sich auch etwas in die Zukunft zum Positiven verändern. Ich glaube, es ist ganz, ganz wichtig.
Sandra Leis [:Und welche Resonanz hatte diese Missbrauchsstudie an der Hochschule in Chur? War das ein Thema?
Sara Kissling [:Ja, natürlich war das Thema unter den Studierenden und auch mit den Professorinnen und Professoren. Und es gab dann auch einen Fernsehbeitrag. «10vor10» hat dann über die Theologische Hochschule berichtet. Und ich, ich denke, das ist wichtig, auch für so eine Institution, dazu Stellung zu beziehen.
Sandra Leis [:Und wie hat sie Stellung bezogen? Ich habe den Beitrag jetzt nicht mehr im Kopf.
Sara Kissling [:Also, so die Grundaussage, war, dass das durchaus präsent ist in den Köpfen und dass versucht wird, eine Atmosphäre zu schaffen, wo solche Dinge eben nicht geschehen, also präventiv dagegen anzugehen. Die Reaktion jetzt, was die Kirche jetzt aus dieser Studie macht. Ich denke, das ist matchentscheidend für die Glaubwürdigkeit, wie das jetzt aufgearbeitet wird. Daran hängt auch ein Stück der Zukunft der Kirche. Und ich denke, so das Grundthema, glaube ich, ist schon auch die Gewaltenteilung, die wir ja politisch seit der Französischen Revolution haben. Ich denke, da braucht es auch kirchenrechtliche Anpassungen unbedingt, weil diese hierarchisch zentralistischen Strukturen, die sind ein Nährboden für Machtmissbrauch, für Vertuschungen.
Sandra Leis [:Und dass man sich deckt usw.
Sara Kissling [:Ganz genau, aber eigentlich sind die Strukturen, wie sie heute bestehen, eigentlich nicht gesund.
Sandra Leis [:Stichwort systemische Prävention. Sie haben es schon angetönt. Was heißt das? Wenn man das System, die Institution anschaut, also wenn es darum geht, was begünstigt Missbrauch? Die Machtfülle beispielsweise. Und da sieht man ganz wenig in den Maßnahmen. Eigentlich gibt es nur eine, nämlich diese psychologischen Tests. Also Prävention heißt ja, was passiert vorher, bevor überhaupt was passiert und nachher ist Intervention. Also wenn etwas passiert ist, was macht man dann? Gibt es mal dieses Gericht oder gibt es die Beratungsstellen, die Anlaufstellen. Aber was Prävention anbelangt, da ist ja die Schweizer Bischofskonferenz sehr, sehr zögerlich. Will man einfach an den Strukturen nichts ändern?
Sara Kissling [:Ich glaube, die Prävention ist so schwierig, weil die Angelegenheit so multifaktoriell ist. Wenn solche Dinge geschehen, gibt es ja immer Opfer. Es gibt Täter und eine große schweigende Mehrheit. Und ich glaube, so in den kirchlichen Strukturen gibt es auch viele Menschen, die eine unreife, eine unreflektierte, zum Teil auch kranke Persönlichkeit mitbringen. Und weil das so eine enge Gemeinschaft ist, fehlt wie das Korrektiv von außen. Und mangels Alternative kommen dann solche Menschen in verantwortungsvolle Positionen, wo sie dann Macht und Einfluss haben und auch führen müssen, obwohl sie das Führen gar nicht können und auch nicht gelernt haben. Und die führen und leiten dann so, wie sie es selber erlebt haben. Also das ist wie das Phänomen, dass die ehemaligen Opfer werden dann selber zu Täterinnen und Tätern, vergleichbar mit Menschen, die als Kind physische Gewalt erleben, dann ihre eigenen Kinder auch wieder schlagen. Ich glaube, es bräuchte wie ein Korrektiv von außen.
Sandra Leis [:Das würde aber heißen, die Strukturen müssten grundlegend reformiert werden. Trauen Sie das der römisch-katholischen Kirche in der Schweiz zu?
Sara Kissling [:Ja, das traue ich der Kirche zu. Ich denke, entscheidend ist dass die einzelnen Kirchen regional mehr Kompetenzen bekommen. Ich denke, die Kirche der Zukunft kann nicht mehr die gleichen Gesetzmäßigkeiten für die ganze Welt festlegen, weil in Afrika einfach andere Themen unter den Nägeln brennen als hier in Europa. Die ganzen Rollenbilder, die Stellung der Frau, die ist ja völlig anders. Und ich denke, wenn die Kirche Zukunft haben will, dann muss sie dem Rechnung tragen.
Sandra Leis [:Und woher nehmen Sie den Glauben, Sara Kissling, dass das passiert? Denn schon 1972, beim Konzil, wurde das ja gefordert. Genau, was Sie sagen: die Regionalisierung. Dass das so wichtig ist, also die Vielfalt in der Einheit der Weltkirche. Und jetzt warten wir eigentlich schon über 50 Jahre auf das. Sie sind jünger als 50. Woher nehmen Sie die Hoffnung, dass das noch so weit kommt?
Sara Kissling [:Die Kirche gibt es jetzt seit über 2000 Jahren. Und das ist für mich eigentlich Tatsache genug, dass ich die Hoffnung habe, dass sie weiter besteht. Weil Kirche wird es immer geben, weil es sie einfach braucht und weil Gott sie am Leben auch hält und initiiert.
Sandra Leis [:Vielleicht auch verändert?
Sara Kissling [:Ja, aber man sagt ja: Gott hat keine Hände außer die der Menschen. Keine Sprache außer die der Menschen. Aber er braucht die Menschen, um seine Visionen und seine Ideen zu verwirklichen. Und ich glaube prinzipiell an das Gute. Ich kenne so viele gute Menschen, die sich mit Herzblut in der Kirche engagieren. Und ich denke, die schwarzen Schafe: Es sind viele. Aber es ist immer noch die Minderheit. Und dieser Fokus fehlt mir manchmal. Weil es gibt ganz viel Gutes in der Kirche, und das wird oft nicht gesehen. Und das finde ich sehr, sehr schade.
Sandra Leis [:Sie studieren Katholische Theologie im vollen Bewusstsein, dass Sie mit großer Wahrscheinlichkeit oder größter Wahrscheinlichkeit nie Priesterin werden können, weil es keine Gleichberechtigung von Mann und Frau gibt. Wie gehen Sie damit um?
Sara Kissling [:Ich glaube selber, dass ich das nicht mehr erleben werde, dass Frauen zum Priesteramt zugelassen werden. Also ich mache meine Tätigkeit als Seelsorgerin davon nicht abhängig. Ich glaube aber, dass sich in der Pastoral, gerade auch in der Sakramenten-Pastoral etwas verändern wird. Es ist ja heute schon so, dass viele Seelsorger, Laien-Seelsorgende, die Taufbefähigung haben. Und ich denke, da wird es eine Öffnung geben, auch mangels Alternativen. Ich finde es schade, dass immer der Mangel dann die Türen öffnet. Aber ich glaube, es ist jetzt einfach so, und ich versuche den Fokus auf das zu richten, was möglich ist, im Bewusstsein, dass es Dinge gibt, die mir halt vorbehalten bleiben.
Sandra Leis [:Also, wenn Sie Ihr Theologiestudium abgeschlossen haben, was ist Ihr konkreter Berufswunsch?
Sara Kissling [:Ich möchte in der Pastoral tätig sein, also mit Familien, mit Kindern und Jugendlichen, aber auch mit Trauernden oder in der Spitalseelsorge. Es gibt da wirklich viele Felder, die mich interessieren.
Sandra Leis [:Stört Sie nicht die Abhängigkeit dann doch immer von einem Priester, weil letztlich muss er das bewilligen oder seinen Segen geben, auch fürs Taufen beispielsweise in der Regel. Es gibt natürlich Zugeständnisse, wie Sie es gesagt haben. Gleichzeitig gibt es aber auch für Gemeindeleiterinnen immer auch wieder Einschränkungen.
Sara Kissling [:Ja, das stimmt. Aber das gibt es ja in anderen Bereichen auch. Also wenn ich an meine Tätigkeit zurückdenke im Spital. Da ist ja auch immer eine Abhängigkeit von einem Arzt gegeben. Ich denke, in vielen beruflichen Settings gehört das einfach dazu. Und ja, da muss man damit leben.
Sandra Leis [:Wehren Sie sich oder setzen Sie sich ein für Reformen oder akzeptieren Sie es einfach, wie es ist?
Sara Kissling [:Ich setze mich sehr ein für Reformen, weil ich denke, da ist so viel Potenzial vorhanden, das dann eben den Menschen, den Gläubigen zugute käme.
Sandra Leis [:Ein Blick noch zum Schluss in die Zukunft, in Ihre Zukunft. Sie haben gesagt, Sie können sich vorstellen, als Seelsorgerin zu arbeiten. Wie müsste diese Pfarrei sein, damit Sie sich wirklich wohlfühlen und auch entfalten können mit all Ihren Fähigkeiten, die Sie mitbringen?
Sara Kissling [:Meine Vision für die Kirche wäre eigentlich ein Miteinander, ein Dialog auf Augenhöhe. Dass die Hierarchien nicht so eine große Rolle spielen, sondern dass der Mensch sich einbringen kann mit seinen Talenten und Fähigkeiten. Unabhängig davon, ob er jetzt geweiht ist oder nicht, ob er sich ehrenamtlich engagiert oder ob das sein Beruf ist. Weil ich glaube, damit kämen wir der Ur-Kirche ein Stück näher.
Sandra Leis [:Sara Kissling, vielen Dank für dieses offene und auch inspirierende Gespräch.
Sara Kissling [:Sehr gerne geschehen. Vielen Dank!
Sandra Leis [:Das war die 32. Folge des Podcasts «Laut + Leis». Zu Gast war Sara Kissling. Sie konvertierte von der reformierten zur römisch-katholischen Kirche, war eine Zeitlang Ordensschwester und studiert heute Katholische Theologie.
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In der nächsten Folge von «Laut + Leis» besuche ich Maria Regli. Sie ist freischaffende Theologin und passionierte Läuferin. Unser Thema: Was verbindet Sport und Religion?
Bis in zwei Wochen – und bleibt laut und manchmal auch leise.