Sie ist eine der renommiertesten Autorinnen im deutschsprachigen Raum. Ihr Vater ist Eugen Gomringer, der Erfinder der konkreten Poesie. Ihre Mutter Nortrud Gomringer war Germanistin und Kulturvermittlerin und hat sich neben der literarischen auch um die katholische Erziehung der Tochter gekümmert. Nora Gomringer gehört zu den wenigen Kulturschaffenden, die sich öffentlich zu ihrem Glauben bekennen.
Themen dieser Folge:
Na gut, es gibt natürlich auch Kritiker, die mir sagen: Ja, aber der Katholizismus macht nichts anderes. Es ist alles dasselbe Brainwashing. Und das tut mir immer weh, weil ich die Religion und auch vor allem das Verhältnis zum Religiösen als wahnsinnig offen und Menschen bejahend und positiv empfinde. Bei aller Freiheit. Und ich glaube, die meisten Menschen haben ein Problem mit dem Freisein, sich zu entscheiden und damit natürlich auch Türen hinter sich verschließen zu sehen. Entscheidest du dich für das eine, sagst du es nicht explizit, dass das andere nicht mehr geht. Aber das ist eine Folge davon. Das ist heute wirklich schwierig für Leute zu akzeptieren, dass einfach nicht alles immer gleichzeitig geht.
Sandra Leis [:Das sagt Nora Gomringer, eine der renommiertesten Dichterinnen im deutschsprachigen Raum. Sie lebt in Bamberg und leitet dort seit 14 Jahren das Internationale Künstlerhaus Concordia. Ihr Vater ist Eugen Gomringer, der Erfinder der Konkreten Poesie. Ihre Mutter, Nortrud Gomringer, war Germanistin und Kulturvermittlerin und hat sich neben der literarischen auch um die katholische Erziehung der Tochter gekümmert. Nora Gomringer gehört zu den wenigen Kulturschaffenden, die sich öffentlich zu ihrem Glauben bekennen. Nora Gomringer Ich freue mich sehr, Sie als Gast begrüßen zu dürfen. Normalerweise besuche ich meine Gäste an ihren Wirkungsstätten. Doch Sie waren gestern in Zürich auf der Bühne in der Paulus-Akademie, und deshalb treffen wir beide uns heute im katholischen Medienzentrum. Herzlich willkommen.
Wie gesagt, gestern Abend standen Sie auf der Bühne, und Sie haben einmal geschrieben, dass Sie nachher eigentlich Ruhe und Schlaf brauchen und nicht so lustig seien, wie gewisse Leute meinen, sondern sie wollen sich erholen. Das hat gestern nicht wie gewünscht geklappt, wie Sie mir geschrieben haben. Was ist passiert?
Nora Gomringer [:Gestern gab es ein kleines Problem mit dem Check-In im Hotel. Also ich will es gar nicht größer erzählen, weil sonst kommt gleich wieder eine Schuldfrage. Und wer hat vielleicht irgendwie falsch gebucht. So ist es. Man reist, und dann sind viele Dinge sehr schön, und irgendwie passiert immer etwas. Aber dann kann man ja auch etwas erzählen. Und diese Geschichte muss erst noch zu Ende geschrieben werden, weil irgendjemand muss die Rechnung zahlen.
Sandra Leis [:Weil Sie das Hotel wechseln mussten.
Ich bin immer wieder verblüfft ob Ihrem Arbeitspensum. Sie publizieren, Sie performen, Sie halten Reden. Und Sie sind Direktorin der Bamberger Künstlervilla, wo jährlich rund 90 Veranstaltungen stattfinden und Sie auch Gäste beherbergen. Wann kommen Sie zum Dichten?
Nora Gomringer [:Wann immer ich mir ein bisschen Zeit nehmen kann. Ich kann gut unter Druck funktionieren, dachte ich immer. So war es zumindest immer. Und ich bin jemand, der sehr früh aufsteht und recht ökonomisch mit der Zeit umgeht. Von daher: Ich bin so ab 5 Uhr wach und arbeite eine Stunde, und dann muss ich mich auch schon um Haus und Leute kümmern. Und dann geht der Tag fort und am Abend ist Veranstaltung und ich merke, das nimmt mich doch durchaus ran, so dass ich am Abend dann auch gar nicht mehr so viel schreiben will. Was ich also erreichen will mit meinem eigenen Schreiben, muss ich zwischen fünf und sechs Uhr morgens schaffen.
Sandra Leis [:In einem Interview haben Sie einmal gesagt, Kreativität kommt von Gott. Wie erfahren Sie das konkret? Um 5 Uhr in der Früh erscheint Ihnen Gott und dann schreiben Sie ein wunderbares Gedicht?
Nora Gomringer [:Nein, nein, zwischen fünf bis sechs Uhr, das ist Fleiß. Und am Tag darüber nachdenken, was man wie eventuell fassen könnte. Wie der richtige Ansatz ist, um einen bestimmten Abend zu beginnen, eine Rede, zwei Sätze zu finden, die den Einstieg geben. Das sind die kreativen Funken, bei denen ich nicht immer recht weiß, wo sie herkommen und von daher sie gerne bei Gott verorte.
Sandra Leis [:Sie sind ja eine der wenigen Kulturschaffenden, die sich auch öffentlich zum katholischen Glauben bekennen. Stößt das bei Kolleginnen und Kollegen, die Sie ja auch in Ihrer Künstlervilla treffen, auf Unverständnis, oder wie geht das?
Nora Gomringer [:Ja, völliges. Also vor allem Frauen reagieren sehr streng und sagen, wie kann man als Feministin noch in der Kirche aktiv sein? Frauen sind da sehr streng. Die meisten Künstlerinnen und Künstler, mit denen ich arbeite, finden das verständlich, dass ich mit der Kirche etwas zu tun habe. Das sind aber natürlich auch Herrschaften, mit denen ich sowieso eine Gemeinschaft suche und eine Verbindung habe. Weil wir Werte teilen oder einfach auch die Sicht auf die Welt oder genau an diesen Punkten dann eben die Reibung auch aushalten, wenn wir es ganz unterschiedlich halten. Aber Künstlerinnen und Künstler, die ich nicht persönlich kenne und die mich von außen beobachten, die sind meist sehr befremdet davon, dass ich noch in der Kirche bin und mich auch für die Sache der Kirche interessiere und stark mache.
Sandra Leis [:Sie haben vorhin gesagt Feministin und gläubige Katholikin. Wie bringen Sie selber das unter einen Hut?
Nora Gomringer [:Aus der Erfahrung, dass ich wunderbare Frauen im Dienst der Kirche erleben durfte, dass ich immer wieder auf Männer in der Kirche treffe, die genau die richtigen Dinge sagen, nämlich dass der ganze kirchliche Ablauf, alle Tätigkeiten in den Kirchen und in den Gemeinden unmöglich wären ohne Frauen. Ich bin eigentlich aufgewachsen mit der Vorstellung eines sehr frohen und sehr herzvollen Katholizismus, der gar nicht so viele Einschränkungen kennt, sondern viele Fragen im Guten an die Gläubigen stellt und sie eigentlich mitten ins Leben vor allem stellt. Ich bin so aufgewachsen, also ich kenne Leute, die auch so eine leidenschaftliche, fröhliche Religiosität leben konnten und durften und von denen, wenn man sie von außen beobachten würde, man gar nicht denken würde, dass es fromme Menschen sind, die im Zeichen Christi arbeiten und leben, aber die sich selbst so verstehen. Und mit denen teile ich dann doch das Sein und das Wahrnehmen der Welt.
Sandra Leis [:Eine wichtige Rolle spielte Ihre Mutter Nortrud Gomringer Sie war sehr katholisch, also auch kritisch natürlich, aber sie hat Sie sehr begleitet, wenn ich das so ausdrücken darf, auf Ihrem Weg. Was ist eine ganz prägende Kindheitserinnerung, die Sie mit Ihrer Mutter verbinden und dem Katholizismus?
Nora Gomringer [:Also meine Mutter begegnete mir als junger Mensch erst mal als eine unglückliche Katholikin, die sich hatte scheiden lassen und sich erst mal sehr unwillkommen fühlte in der katholischen Kirche und sich erst wieder einen Weg hinein suchen musste und wollte. Und die Zeiten und die Veränderungen innerhalb von Kirche und Gesellschaft haben dabei geholfen. Das war schon, glaube ich, eine wichtige Erfahrung im Leben meiner Mutter, dass 20 oder 30 Jahre, die man auch die Krise überlebt, etwas ausmachen. Und wir haben ja ganz oft das Gefühl und verwenden die Rhetorik, das alles beim Alten bleibt, und es ist nicht besser geworden, und man guckt 100 Jahre zurück und bestimmte Dinge sind immer noch so wie damals usw. Das stimmt nicht recht. Es gibt dann doch Schübe und Veränderungen ja auch in einem selbst, die eine Veränderung bewirken.
Meine Mutter wurde wieder katholisch und wahrscheinlich auch beobachtend, dass ich so angezündet war davon, Ministrantin zu sein und da irgendwie in eine Gemeinschaft gefunden zu haben, die mir sehr fremd war, weil wir das zu Hause nicht lebten. Es gab keine katholischen Riten, kein Tischgebet, kein Gebet miteinander oder so. Mich hat das ganz früh ganz beeindruckt und ich hab mir das selbst ein bisschen herausgenommen, so zu sein und das zu machen, also für mich in der Bibel zu lesen. Und ich hatte eine Lese- und Sprachhemmung und habe mir dann bewusst die Bibel vorgenommen als Übungsbuch, weil ich auch gedacht hab in rein kindlich magischem Glauben, dass ja Gott meine Lesung hier in diesem Fall auf keinen Fall sabotieren würde. Ich lese ja sein Wort sozusagen, und das hat tatsächlich geholfen. Ich konnte mir dadurch eine innere Sprachproblematik mit Logopädie heilen.
Sandra Leis [:Also quasi eine Selbstheilung.
Nora Gomringer [:Genau.
Sandra Leis [:Ihr Vater, der Lyriker Eugen Gomringer. Er sagt von sich, er sei Pantheist. Hat der Pantheismus Sie ebenfalls ein Stück weit geprägt?
Nora Gomringer [:Ich glaube, als junger Germanist, wenn man viel liest und Goethe einem begegnet, dann kann man eine Zeit lang gar nicht anders, als sich pantheistisch fühlen und selbst denken und imaginieren. Es hilft, die Welt so beseelt zu fühlen und zu denken, um besser auf sie achtzugeben, glaube ich. Es fällt den Leuten viel leichter zu denken, alles sei irgendwie beseelt und dann eine Konsequenz der Nachhaltigkeit, und der Umwelt Sorge daraus zu ziehen. Denn ein Gott kann sich natürlich auch abkehren und fort sein und weit weg und wird ja so paternal dann verstanden. Und dass ein Gott aber alles durchdringt und sein will und sein kann, das ist auch. . .
Sandra Leis [:. . . eine Idee.
Nora Gomringer [:Ja, für viele aber schwer nachvollziehbar. Und wahrscheinlich als Gedankenkonstrukt auch nicht willkommen derzeit.
Sandra Leis [:Sie sind heute 44 Jahre alt. Ihr Vater ist 99 Jahre alt und Sie haben sieben ältere Halbbrüder. Sie sind die einzige Tochter Ihrer Eltern. Das heißt, Sie waren auch ein Stück weit Einzelkind und Nesthäkchen. Wurden Sie mit Liebe überschüttet?
Nora Gomringer [:Meine Mutter mochte mich sehr gerne. Mein Vater hält viel Distanz zu all uns Kindern und von daher war ich, glaube ich, immer ein Kind, das ein bisschen sehnsüchtig nach Liebe und Aufgaben war. Ich habe immer vermutet, dass jemand, der einen zu früh gehen lässt, einen vielleicht auch nicht liebt. Und verstehe jetzt erst, dass das auch ein Ausdruck von Zuneigung sein kann, wenn Eltern einen lassen. Und das war für mich nicht die richtige Weise, denn ich wollte wirklich gehalten und gesehen und beauftragt werden. Ich fand es immer schön, wenn die Eltern mir einen Auftrag gaben, den ich gerne erfüllen konnte. Aber ich merke, so arbeite ich jetzt. Von daher: Das ist eine sehr persönliche Frage dahin, dass ich glaube, ich hätte gerne mehr Liebe erfahren. Aber ich hatte eine sehr liebe Mutter, die mich mochte. Das steht fest.
Sandra Leis [:Interessant finde ich übrigens Ihren zweiten Vornamen, Eugenie. Und Sie haben das auch in der Email-Adresse drin, dieses E. Nora Gomringer, wollte sich Ihr Vater, der ja Eugen heißt, ein Stück weit auch in Ihnen verewigen, auch wenn er ein bisschen distanziert ist?
Nora Gomringer [:Ich glaube, ich war sehr ersehnt, denn meine Eltern liebten sich. Ich war ersehnt als Mädchen und als Kind dieser Kombinatorik. Beide waren damals noch verheiratet. Es war also eigentlich alles unter keinem guten Stern und gar nicht katholisch. Und so kam ich in die Welt. Und meine Mutter war immer ein Wesen, das ihren Kindern Doppelnamen gegeben hat. Ich habe einen, ich habe zwei Brüder, die eben auch Doppelnamen tragen und so sollte ich auch einen haben. Und ich bin die Kombination aus beiden Namen Nortrud, Nora, Eugen, Eugenie. Von daher: Das ist einfach eine Art Segensspruch der Eltern, glaube ich.
Sandra Leis [:Das ist eine sehr hübsche Kombination.
Nora Gomringer [:Danke.
Sandra Leis [:Nochmals zurück zum Katholizismus. Als Mädchen wollten Sie ja auch mal Nonne werden. Was war denn da so faszinierend an diesem Lebensentwurf?
Nora Gomringer [:Dass man ja zunächst nicht versteht, um was es geht. Sie ist ein mysteriöses Wesen. Wir hatten eine Nonne in der Familie. Das war die Schwester meines Opas. Als Kind gab es eben meine Großtante. Sie wurde immer liebevoll Tante Nonne genannt.
Sandra Leis [:Weil sie eine Nonne war.
Nora Gomringer [:Ja, und sie auch im Habit herumlief. Und ich durfte dann aber, weil ich ja auch sehr gespannt war, wie das Haar unter der Haube aussieht, durfte ich mich mal mit ihr zurückziehen. Sie hat das dann abgenommen und mir aufgesetzt. Dann durfte ich damit kurz heraustreten und jetzt – im Nachlass meiner Mutter – fand ich all diese Fotos und kann mich sehr gut daran erinnern. Natürlich hat es mich fasziniert und meine Mutter, die zeitweise sehr unglücklich war in ihrer Ehe, hat mir oft gesagt: Es ist eine sehr gute Form zu leben für eine Frau, wenn sie sich auf ihren Geist und auf ihr Verhältnis zur Welt und zu Gott beschäftigen darf, wenn das ihr Leben füllt. Aber man darf nicht zu eitel sein, man muss sich von seinen Besitztümern trennen können. Und da hat sie oft gesagt, das wird ihr nicht gelingen. Und das stimmt auch für mich zunächst noch ganz. Ja.
Sandra Leis [:Als Teenager hatten Sie ja noch eine andere Vorstellung, Nämlich Sie wollten zum Judentum konvertieren. Was war da der Auslöser?
Nora Gomringer [:Ein großes Schuldgefühl und eine Faszination. Alles, also viele falsche Gründe, nehme ich an, und ein paar Funken des Richtigen. Ich hatte Altgriechisch und Latein in der Schule. Ich hatte eben diese Mutter, die sich damit viel auseinandersetzte, was ihr Vater im Zweiten Weltkrieg getan hat. Eine Familie, die sich in die Archive begab und nachlas. Und ich glaube, ich habe viel in meinem religiösen Tun und Handeln auch gesehen als einen Wunsch, Wunden in meiner Generation zu vernähen oder irgendwie besser heilen zu lassen und vermeinte dies als einen Weg. Und habe dann, bevor ich letztendliche Schritte eingeleitet habe, noch mal ein Gespräch mit meinem Pfarrer gehabt. Pfarrer Pfister. Und er hat mir gesagt, diese Möglichkeit besteht für dich. Du kannst diese Wege gehen. Natürlich. Aber denk darüber nach, dass das sehr viel damit zu tun hat, dann auch dieses Leben zu leben und gleiche es mal mit deinem ab. Ich fand es sehr nett damals, wie er mit mir sprach. Ich kann es nicht im Wortlaut wiedergeben, aber ich fand es zärtlich und schön, wie er mit mir sprach, eben in einer Zugewandtheit, die meine Entscheidung, die ja noch wankte, ernst nahm, mich als Person damit ernst nahm. Und trotzdem stand er ja da auch als ein Hirte vor mir und sagte: Geh nicht, schau doch noch, wo wir hier stehen und vielleicht können wir diesen Weg auch zusammen gehen in der Gemeinde. Was ist hier, das dich halten könnte? Das hat mich dann irgendwie gefreut. Ich glaube, sehr viele Menschen brauchen hin und wieder den ausgesprochenen Wunsch des anderen, der da einfach heißt: Bleib, du bist wichtig hier an dieser Stelle. Wir können etwas gemeinsam verändern und wir können es auch nur gemeinsam verändern. Und es ist wichtig, dass du bleibst.
Sandra Leis [:Sie sind, wie Sie es gesagt haben, dem Katholizismus treu geblieben und sind auch Mitglied, zwar eher Passivmitglied, im Synodalen Rat in Deutschland, aber Sie engagieren sich da und da würde mich schon Wunder nehmen: Wie gehen Sie damit um, dass der Vatikan die Bemühungen, die in Deutschland ja wirklich zu beobachten sind, dass diese Bemühungen um Erneuerung regelmäßig ausgebremst werden?
Nora Gomringer [:Ja, in größter Irritation. Und auch ich muss wirklich sagen, ich bin auch von der Art, wie unser Papst sich gegenüber der Kriegssituation in der Ukraine positioniert, tief enttäuscht und muss ihn dann eigentlich aus meiner gedanklichen Gleichung fast ein bisschen herausnehmen. Muss ihn ganz einzeln sehen. Bin ihm dankbar für die Enzyklika, die ja nächstes Jahr dann auch erinnert und gefeiert wird. All diese Dinge sind wichtig und gelungen, aber so vieles andere ist wirklich im Argen. Ich weiß auch noch, als der synodale Weg, also alle Bemühungen begannen, sich die Menschen fanden und Gespräche führten. Eine der ersten Meldungen aus dem Vatikan war: Ja, also abwarten. Aber eigentlich egal, was ihr da macht und zu welchem Ergebnis ihr kommt, es wird hier nicht die Felsen verschieben und verrenken. Ja, was kann man machen? Man ist enttäuscht und man kann eigentlich nur an der Stelle dann sich wieder verorten, wo man sich auch sehen möchte. Es wird wieder leider eben eine kleine, kleinere Welt und Wahrnehmung der religiösen Praxis des Lebens miteinander und der Leben der Gemeinden. Und da allerdings, und das darf man nie schlechtreden, ist das Engagement Einzelner so immens stark und groß und so kraftvoll und der Welt und den Menschen zugewandt in so herzerfüllter Weise, die genau jetzt gut tut, da viele Menschen suchen und eigentlich ein spirituelles Heim sich wünschen. Gleichzeitig in einer Art verloren gegeben werden und damit anderen Strömungen begegnen, die sie eigentlich aushöhlen. Also wirklich, es gibt sehr viel neues Evangelikales, das ich als geradezu unheimlich manipulativ empfinde. Na gut, es gibt natürlich auch Kritiker, die mir sagen: Ja, aber der Katholizismus macht nichts anderes. Es ist alles dasselbe Brainwashing. Und das tut mir immer weh, weil ich die Religionen und auch vor allem das Verhältnis zum Religiösen als wahnsinnig offen und Menschen bejahend und positiv empfinde. Bei aller Freiheit und ich glaube, die meisten Menschen haben ein Problem mit dem Freisein, sich zu entscheiden, den freien Willen zu üben und damit natürlich auch Türen hinter sich verschließen zu sehen. Entscheidest du dich für das eine, sagst du es nicht explizit, dass das andere nicht mehr geht. Aber das ist eine Folge davon. Und das ist heute wirklich schwierig für Leute zu akzeptieren, dass einfach nicht alles immer gleichzeitig geht.
Sandra Leis [:Gleichzeitig bleiben Sie in der katholischen Kirche und Sie haben einen, nicht einen Beitrag, Sie haben natürlich als Lyrikerin Gedichte publiziert. Es gibt ein sehr schönes Buch. Das ist letztes Jahr erschienen. Das heißt «Wir bleiben! Warum sich Frauen nicht aus der katholischen Kirche vertreiben lassen». Da schreiben Persönlichkeiten wie Annette Schavan und Malu Dreyer zum Beispiel und viele andere. Und Sie natürlich auch. Und ich bitte Sie, ein Gedicht von diesen sechs vorzulesen. Der Titel heißt «Man sieht’s».
Nora Gomringer [:«Man sieht’s»
Die Messe biegt in ihre 40ste Minute,
als gewandelt wird.
Das Wasser in Wein zu Blut,
das Brot als Hostie zu Leib.
Glockengeklingel. Ministrant tritt immer hinten auf die Kutte, wenn er sich erhebt.
Da ist viel Liebe am Werk.
Jesus, ein Fremder an einem Holzkreuz,
hat einen schlimmen Schnitt in der Seite.
Seit tausenden Jahren verbindet den keiner.
Das ist schon fahrlässig.
Ein Mann wie ein Briefkasten dadurch.
Kummerkasten aus Holz mit Schlitz.
Gut, dass hier alles gewandelt wird.
Werden Sorgen Gesänge.
Ich fürchte immer, dass ein Blitz in mich fährt, wenn ich das spreche. Aber es ist auch jetzt gut gegangen.
Sandra Leis [:Also man kann das Buch wirklich nur empfehlen. Die Gedichte und auch sonst gibt es Interviews, es gibt Essays, Gedankenanstöße, und ich finde eben gerade beim Gedicht, das Sie jetzt vorgelesen haben, das ist ein Paradebeispiel Ihrer Arbeit. Es zeigt, wie tiefsinnig Sie denken und arbeiten, aber auch wie humorvoll. Wie diese Kombination, die finde ich, die ist wirklich gelungen. Das zeichnet Sie aus. Und das schätze ich schon seit vielen Jahren. Und lassen Sie uns gerne zum Schluss noch über Ihre jüngste Publikation sprechen, den Gedichtband «Die Gottesanbieterin». Also nicht Gottesanbeterin, sondern Gottesanbieterin. Was hat es mit ihr auf sich?
Nora Gomringer [:Der Band ist eine Zusammenfassung verschiedener Gedichte durch verschiedene Zeiten, die sich mit dem Thema Glauben befassen vom ganz Weltlichen. Zum Beispiel: Glaube ich daran, dass jemand mich liebt? bis zu, wie ist mein Verhältnis zum Glauben, zu Gott und zur ganzen himmlischen Schar, zu meiner unsterblichen Seele . Und es ist ein Band, der 2020 erschienen ist, und zwar wirklich einen Wimpernschlag, bevor die ganze Welt dann mit der Coronarproblematik befasst war. Von daher ist es für mich ein besonderes Buch, weil es so eine Zäsur darstellt. Also in der Corona-Zeit, im ersten Jahr ist meine Mutter verstorben, und da muss ich schon sagen, es ist ein Buch sowieso, das aus einer Trauerreaktion heraus entstanden ist. Ich hatte einen lieben Freund verloren und dann auch meine Mutter. Es war mir alles doch sehr unheimlich, denn manchmal ist es so bei den Schriftstellern, dass sie sich das, was dann kommt, voranschreiben. Und in dem Fall war es bei mir Vorangeschriebenes. Ich konnte es kaum tragen. Ich bin auch jetzt noch wirklich sehr beschäftigt damit, mich von dieser Trauer zu lösen. Bezieungsweise man löst sich nie so ganz. Man nimmt sie ja mit in alles, was man dann danach tut und sie gehört dann einem. Man muss nur sehen, wo man dieses Neue gut in einem selbst platziert.
Sandra Leis [:Sie sprechen jetzt über die Trauer um Ihre Mutter. Dieses Buch ist ja dem Freund Tim gewidmet. Ihm haben Sie die Gedichte quasi nachgeschickt. Zu Ihrer Mutter haben Sie noch keine Gedichte geschrieben oder noch nicht publiziert.
Nora Gomringer [:Ja, also es kamen ein paar Texte am Anfang, und dann wurde es ganz still. Ich bin auch jetzt noch ein bisschen gehindert daran. Vor allem so eine Trauer habe ich noch nie gefühlt und noch nie kennengelernt. Und eine Lebensveränderung insofern, dass ich dann natürlich jetzt auch mich anders um meinen Vater kümmere. 99 wird man nur, wenn ein gut funktionierendes Netzwerk um einen herum ist, das sich kümmert. Und dieses Kümmern ist für mich und meinen Bruder Stefan eine ganz, ganz bedeutsame Phase geworden. Und es ist ja nicht nur eine Phase, das wird ja biografisch, das ist jetzt tief in uns drin und ist ein schwieriges Dreieck. Der Bruder, ich, der Vater. Ja, und das macht sprachlos. Da denke ich auch nicht mehr so oft an meine Mutter. Ich merke aber, dass ich hie und da ein Foto finde und das beschreibe. Und stelle es dann auf Social Media, wo solch kurze Textformen durchaus Platz finden. Also da ich empfinde schon, dass es so eine Art Wortplatz dafür gibt, aber ich bin ein bisschen müde von Gedichten im Moment.
Sandra Leis [:Kann ja sein, dass sich das wieder ändert. Sie haben einmal geschrieben: «Ich habe geschrieben, um meiner Mutter zu gefallen. Sie war meine erste Leserin.» Ist das vielleicht auch ein bisschen eine Hemmschwelle, jetzt wieder zu schreiben? Oder ist es die Traurigkeit, die Sie im Moment bremst?
Nora Gomringer [:Ich habe meine erste Leserin verloren. Ich habe meine Lektorin im wahrsten Sinne verloren. Denn sie war eine ganz tolle, stilistisch kluge und versierte Person. Ich habe auch mein Korrektiv verloren. Und ich bin weder in der Lage, jemanden so ernst zu nehmen, dass ich sage, bitte, füll du diese Aufgabe aus! Noch bin ich so leidenschaftlich gerade mit der Literatur verbunden, dass sie mir so fehlte, dass ich das jetzt alles in Bewegung setzen wollte. Ich bin froh, dass ich auch auf den anderen Gebieten mich ausbreite. Ich bin Sängerin und habe ein schönes Bühnenprogramm in der letzten Zeit vorbereiten dürfen, das jetzt Premiere hatte. Die weltlichen und die christlichen Lieder von Annette von Droste-Hülshoff habe ich mit meiner Band verjazzt.
Sandra Leis [:Da bin ich wirklich sehr, sehr gespannt. Ich. Ich habe meinem Abitur-Arbeit meine Maturarbeit über Droste-Hülshoff geschrieben, weil ich sie liebe. Ich bin gespannt. Das ist eine Maturaarbeit gewesen. Darf ich als Letztes noch fragen: Stresst denn nicht der Verlag auch, dass er sagt, nach vier Jahren müsste wieder ein neues Buch rauskommen?
Nora Gomringer [:Also sie haben nach zweieinhalb Jahren, weil das immer mein Rhythmus war, sich doch intensiv um mich gekümmert. Und dann fühlte ich mich sehr verpflichtet und merkte, ich schaff's nicht. Es kommt nichts. Und da will nichts so formuliert und gebunden sein. Und dann haben sie mich erst mal gelassen und ich dachte, sie lassen mich fallen. Aber sie haben einfach sehr freundlich gesagt, nein, wir lassen dich einfach in Ruhe. Du musst auch verstehen, dass jetzt auch als trauernder Mensch ein bisschen für dich verhandeln musst mit uns. Denn wir sind nicht in der Tiefe deiner Emotionen drin und können auch deine Gedanken nicht lesen. Auch der Trauernde muss wieder in die Welt finden, indem er von sich Auskunft gibt. Und das will ich wirklich üben, denn ich verstehe und erlebe das ja auch in meinem Umfeld. Wenn jemand gestorben ist, beginnt eine Art Bannzone um diesen Menschen, gefüllt mit Floskeln zunächst und dann mit Leere. Und hier und da gibt es dann Berührungspunkte und man sieht die Person eigentlich für immer als versehrt an, da muss der Trauernde selbst einen Weg wieder finden, den Leuten auch zu signalisieren, ich bin ansprechbar, ich breche nicht gleich entzwei. Ist mir lieber, ihr sprecht es an, als dass ich immer so selbst nicht weiß. Ja, wenn ich jetzt mein Trauigkeitsgefühl erwähne, dann rennen alle und verstecken sich alle. Wer trauert, muss auch Verantwortung für diese Trauer übernehmen und den Leuten auch wieder einen Weg zu sich zeigen. Und ich mühe mich redlich, und mein Verlag geht da freundlich mit mir um.
Sandra Leis [:Und wartet geduldig.
Nora Gomringer [:Wartet und hält Kontakt. Das ist schon schön. Ich fühle, ich darf denen immer wieder schreiben und sie nehmen Anteil und kriegen ja viel von mir mit. Denn das Imitieren von Nachricht und Sendung, das passiert bei mir täglich durch die Social Media, also Instagram und Facebook und so, ich halte da sehr viel Kontakt. Aber es ist eben kein echter Kontakt, es ist alles virtuell.
Sandra Leis [:Nora Gomringer, vielen herzlichen Dank für diesen Einblick in Ihr Leben und Schaffen.
Nora Gomringer [: Sandra Leis [:Das war die 29. Folge des Podcasts «Laut + Leis». Zu Gast war die Dichterin und Performerin Nora Gomringer. Sie leitet in Bamberg das internationale Künstlerhaus Concordia und bekennt sich öffentlich zu ihrem katholischen Glauben. Die Angaben zu den beiden erwähnten Büchern findet ihr in den Shownotes.
Wenn ihr, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, uns Feedback geben wollt:
Schreibt gerne per Mail an [email protected]
oder per WhatsApp auf die Nummer: 078 251 67 83.
Und: Abonniert den Podcast, teilt ihn und empfehlt ihn weiter, wenn er euch gefällt.
In der nächsten Folge von «Laut + Leis» sprechen wir übers Streiten und mögliche Strategien zur Konfliktlösung. Mein Gast wird Thierry Moosbrugger sein: Er ist katholischer Theologe, Mediator und seit sechs Jahren Ombudsmann des Kantons Basel-Stadt. Jetzt hat er ein Buch geschrieben mit dem Titel «50x besser streiten».
Der Podcast mit Thierry Moosbrugger erscheint am 16. August. Ich wünsche allen einen wunderbaren Sommer – und bleibt laut und manchmal auch leise.