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Taufe, Hochzeit und Beerdigung – mit oder ohne Kirche?
Episode 6427th February 2026 • Laut + Leis • kath.ch
00:00:00 00:39:04

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Shownotes

Während die klassischen Kasualien in den Landeskirchen drastisch zurückgehen, wächst der Markt für freie Zeremonien. Darüber diskutieren Christian Walti, Pfarrer am Zürcher Grossmünster, und Philipp Erne, Präsident vom Berufsverband Schweizerischer ZeremonienleiterInnen (SZL). 

Die Themen dieser Folge:

  • Zwingt man seinem Kind einen Glauben auf, wenn man es kirchlich taufen lässt?
  • Wie unterscheidet sich eine Willkommensfeier von einer Taufe?
  • Christian Walti plädiert für eine «klient:innen-zentrierte Kasualpraxis». Doch genau das scheint den Landeskirchen nicht zu gelingen. Warum?
  • Was machen freie Zeremonienleiterinnen und Ritualbegleiter anders als Pfarrpersonen?
  • Philipp Erne ist römisch-katholisch getauft und hat die Erstkommunion empfangen. Warum hat er auf die Firmung verzichtet?
  • Heute arbeitet Erne als Krisenbegleiter und präsidiert den Berufsverband SZL. Welche Kriterien müssen erfüllt sein, um Mitglied zu werden?
  • In der Schweiz sind heute rund 250 Ritualbegleiter:innen tätig. Vor zehn Jahren waren es erst 15. Macht diese Entwicklung Christian Walti Angst?
  • In der Deutschschweiz finden zwei von drei Beerdigungen nicht in der Kirche statt. Wer bucht den Trauerredner Philipp Erne?
  • Was können und müssen Landeskirchen unternehmen, um attraktiver zu werden?
  • Droht Beliebigkeit, wenn Landeskirchen stärker auf die individuellen Wünsche der Menschen eingehen?

Transcripts

Speaker:

Philipp Erne [00:00:02]

Aus meiner Sicht finde ich es gar

2

:

nicht gut, wenn unsere Branchenvertreter:innen 

von einer freien Taufe sprechen. Ich glaube,

3

:

theologisch gesehen ist die Taufe die 

Taufe in den Leib Christi, in die Kirche,

4

:

und es gibt keine freie Taufe. Also ich kann nicht 

außerhalb der Kirche getauft sein, außerhalb des

5

:

Leibes Jesu, aber eine Willkommensfeier, das 

heisst feiern, dass ein Kind geboren wird,

6

:

eigentlich geht es darum, dem Kind einen guten 

Start zu ermöglichen und zu feiern gemeinsam.

7

:

Sandra Leis [00:00:38]

Das sagt Philipp Erne. Er

8

:

ist Präsident vom Berufsverband Schweizerischer 

Zeremonienleiterinnen und -leiter. Christian

9

:

Walti ist seit einem Jahr Pfarrer 

am Grossmünster in Zürich. Er sagt:

10

:

Christian Walti [00:00:51]

Ich habe mich immer wieder gestritten mit

11

:

Kirchenvertreter:innen, die betont haben, es komme 

nicht darauf an, wer die Taufe durchführt. Da habe

12

:

ich gesagt, ja, ich verstehe das theologisch 

schon. Natürlich, für Gott ist das egal, wer

13

:

Taufen durchführen. Aber das Vertrauen, das ist 

immer persönlich. Und dieses persönliche Vertrauen

14

:

braucht ein klares Gegenüber, und das ist auch 

individuell. Deswegen brauchen wir eben diesen

15

:

Markt, und wir müssen auch als Landeskirchen 

auf den Markt. Das ist eigentlich mein Votum.

16

:

Sandra Leis [00:01:23]

17

:

Während Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen 

in den Landeskirchen drastisch zurückgehen,

18

:

wächst der Markt für freie Rituale kontinuierlich. 

Was sagt das über unsere Gesellschaft aus, und wie

19

:

reagieren die Landeskirschen auf die Konkurrenz? 

Darüber diskutiere ich in dieser Podcastfolge

20

:

mit meinen beiden Gästen. Ich bin Sandra Leis, 

und wir treffen uns in der Helferei in Zürich,

21

:

in der altehrwürdigen Zwinglistube direkt neben 

dem Grossmünster. Philipp Erne, Christian Walti,

22

:

ganz herzlich willkommen zu unserem Gespräch. Kurz 

vor der Adventszeit haben die Tamedia-Zeitungen

23

:

einen Artikel publiziert, in dem eine 

Ritualbegleiterin porträtiert wurde. Das Echo war

24

:

gross, und auch Sie, Christian Walti, haben einen 

Leserbrief geschrieben. Was hat Sie getriggert?

25

:

Christian Walti [00:02:18]

Mich triggert es immer,

26

:

wenn Menschen versuchen, kirchliche 

Veranstaltungen und kirchlicher

27

:

Rituale gegen freie Rituale auszuspielen. Ich 

finde, kirchliche Rituale sind auch sehr frei,

28

:

und wir sind Expertinnen darin, auch mit 

individuellen Wünschen umzugehen. Das hat

29

:

mich ein bisschen getriggert und dann auch noch 

so die Selbstverständlichkeit, mit der da über die

30

:

Kirche gesprochen wurde. Ich will ein bisschen 

weniger selbstverständlich Kirchenmensch sein.

31

:

Sandra Leis [00:02:48]

Also der Titel des Artikels,

32

:

der lautete «Seinen Kindern keinen 

Glauben mehr aufzwingen». Philipp Erne,

33

:

Sie sind der Branchenvertreter der 

Ritualbegleiterinnen und -begleiter.

34

:

Zwingt man seinen Kindern einen Glauben 

auf, wenn man es kirchlich taufen lässt?

35

:

Philipp Erne [00:03:06]

Zwingen ist schon ein krasses

36

:

Wort. Ich würde sagen, man lenkt vielleicht 

in Bahnen. Ich glaube, der Glaube hat,

37

:

da komme ich natürlich mit meinem kirchlichen 

oder Glaubensverständnis auch dazu, sollte am

38

:

Schluss aus innerer Überzeugung geschehen. Und 

wenn man halt keine innere Überzeugung hat,

39

:

das Baby respektive als Erwachsene. Hat man 

keinen Bezug zum Glauben und dann würde ich sagen,

40

:

könnte die Taufe doch als aufgezwungen verstanden 

werden. Aber ich würde es nicht so formulieren.

41

:

Sandra Leis [00:03:39]

Christian Walti, Sie waren

42

:

über zehn Jahre lang Pfarrer in Bern in der 

Friedenskirche. Jetzt sind Sie im Grossmünster,

43

:

Sie haben also schon eine langjährige Erfahrung. 

Was ist die christliche Taufe aus Ihrer Sicht?

44

:

Christian Walti [00:03:53]

Aus meiner Sicht ist die

45

:

christliche Taufe ein Anfang auf dem Glaubensweg.

46

:

Es hat historisch gesehen natürlich. . . Die 

ersten Taufen waren natürlich unglaubliche

47

:

Überzeugungstaufen. Menschen, die ihr Leben 

völlig umgekrempelt haben durch die Taufe.

48

:

Sandra Leis [00:04:11]

Also die Erwachsenentaufe.

49

:

Christian Walti [00:04:12]

Erwachsenentaufe. In unserer Tradition

50

:

ist die Taufe eigentlich zweigeteilt: Wir haben 

die Kindstaufe in den allermeisten Fällen,

51

:

wo die Eltern die Verantwortung übernehmen, 

dieses Kind dann irgendwie in der christlichen

52

:

Tradition zu sozialisieren. Und nachher haben 

wir eine Konfirmation oder eine Firmung,

53

:

bei der dann die Betonung draufliegt, wo jetzt 

das Kind selber den Akzent setzen will und dann

54

:

als Erwachsener sein will. Das ist bei uns 

das Übliche. Ich habe aber immer mehr auch

55

:

Erwachsenen- und Jugendlichentaufen, weil Eltern 

sich gegen eine Kindstaufe entscheiden. Das ist

56

:

für mich auch überhaupt nicht minderwertig oder 

weniger gut. Es ist dann einfach zwei in einem.

57

:

Ich kann gut damit leben, dass Menschen 

heute sehr individuell entscheiden,

58

:

ob sie das eine oder das andere bevorzugen.

59

:

Sandra Leis [00:05:07]

Aber ist es richtig, dass man als Eltern,

60

:

wenn man jetzt ein Baby tauft, taufen lässt, dass 

dann man doch ein Stück weit die Richtung vorgibt?

61

:

Christian Walti [00:05:16]

Das ist sehr gut, genauso

62

:

wie ich mit meiner Sprache oder mit meiner 

Wohnungswahl oder meinem Lebensstil oder dem

63

:

Essensstil den Kindern etwas vorgebe, gebe 

ich mit der Taufe auch etwas vor. Es geht ja

64

:

auch ein bisschen darum, dass ein Teil der Taufe 

nicht an meiner Entscheidung hängt, sondern an

65

:

der Entscheidung von Gott über mich. Also das 

ist theologisch gesehen, Gott entscheidet ja,

66

:

ob er mich als Mensch so will, wie ich bin. Und 

da sagt er Ja, und das nehme ich in Anspruch,

67

:

wenn ich ein Kind taufe. Also das heisst, das 

ist nicht meine Entscheidung, sondern Gott wird

68

:

für dieses Kind sorgen, und ich mache so quasi 

eine Bestätigung, indem ich die Taufe durchführe.

69

:

Sandra Leis [00:05:59]

Sie, Herr Walti, haben vor drei Jahren

70

:

einen Aufsatz geschrieben, und darin plädieren 

Sie, Zitat, «für eine klient:innenzentrierte

71

:

Kasualpraxis». Also klientinnenzentriert, das 

tönt für mich jetzt eher nach Ritualbegleitung,

72

:

so wie es die Zeremonienleiter und -leiterinnen 

von Herr Erne anbieten. Aber offenbar gelingt

73

:

gerade dieses Klientinnenzentrierte den 

Landeskirchen, der römisch-katholischen,

74

:

der evangelisch-reformierten Kirche, 

eben nicht. Denn Fakt ist, dass die

75

:

Taufen drastisch zurückgehen. Weshalb haben 

die freien Willkommensfeiern einen Zuwachs?

76

:

Von Boom möchte ich jetzt vielleicht noch 

nicht gerade sprechen, weil viele Menschen

77

:

machen auch gar nichts, aber der Trend, 

der ist klar. Wie erklären Sie sich das?

78

:

Christian Walti [00:06:47]

Ich glaube, es hängt daran,

79

:

dass das Vertrauen in die Institutionen 

einfach nicht mehr vorhanden ist. In die

80

:

Kirche als Institution vertrauen können, 

das ist heute etwas völlig Abwegiges,

81

:

und viele Menschen verstehen das nicht mehr, was 

das soll. Man vertraut Personen. Und deswegen:

82

:

Menschen, die keinen Bezug zu irgendeiner 

Pfarrperson haben oder einer kirchlichen Person,

83

:

die eine Taufe durchführen kann. Und dieser 

Person ihr Kind auch anvertrauen für das Ritual.

84

:

Solche Menschen machen das Ritual natürlich 

nicht. Und der freie Markt hat den Vorteil,

85

:

da kann ich mir natürlich genau anschauen, 

wer macht das Ritual. Ich nehme Kontakt

86

:

auf mit einer Person und wähle dann diese 

gezielt aus, weil ich dieser Person vertraue.

87

:

Sandra Leis [00:07:33]

Aber das kann ich bei der

88

:

Landeskirche auch. Ich kann auch entscheiden, 

von wem ich mein Kind taufen lassen möchte.

89

:

Christian Walti [00:07:39]

Genau so ist es, und deswegen finde ich,

90

:

ist es auch ein grosses Image-Problem oder 

sagen wir ein Kommunikations-Problem. Viele

91

:

Menschen wissen einfach nicht, dass sie bei der 

Kirche auch eine Wahlmöglichkeit haben. Es gibt

92

:

natürlich auch Kirchenmenschen, die ganz 

bewusst diese Wahl verweigern. Und da habe

93

:

ich auch ein Gegenüber, ich habe mich immer 

wieder gestritten mit Kirchenvertreter:innen,

94

:

die betont haben, es komme nicht darauf an, 

wer die Taufe durchführt. Da habe ich gesagt,

95

:

ja. Ich verstehe das theologisch schon, natürlich, 

für Gott ist das egal, wer die Taufe durchführt.

96

:

Gott zählt alle Menschen auf die gleiche Seite. 

Aber das Vertrauen, das ist immer persönlich. Und

97

:

dieses persönliche Vertrauen braucht ein klares 

Gegenüber, und das ist auch individuell. Jeder

98

:

Mensch hat zu anderen Menschen ein grösseres 

Vertrauen. Deswegen brauchen wir eben diesen

99

:

Markt, und wir müssen auch als Landeskirchen 

auf den Markt. Das ist eigentlich mein Votum.

100

:

Sandra Leis [00:08:34]

Philipp Erne, gibt es

101

:

noch weitere Gründe, weshalb sich Eltern 

für eine Willkommensfeier entscheiden?

102

:

Philipp Erne [00:08:42]

Aus meiner Sicht finde ich es gar nicht gut,

103

:

wenn unsere Branchenvertreter:innen von einer 

freien Taufe sprechen. Ich glaube, theologisch

104

:

gesehen ist die Taufe die Taufe in den Leib 

Christi, in die Kirche. Und es gibt keine freie

105

:

Taufe. Also ich kann nicht außerhalb der Kirche 

getauft sein, außerhalb des Leibes Jesu. Aber

106

:

eine Willkommensfeier, das heisst feiern, dass 

ein Kind geboren wird. Das kann man natürlich,

107

:

das passiert ja auch in anderen Kulturen, die 

keine christliche Tradition kennen. Und dort

108

:

gibt es die Gründe, dass man sagt, wir freuen uns 

oder wir wollen unserem Kind die besten Wünsche

109

:

mitgeben. Und da schwingt schon eine gewisse 

Form von Spiritualität mit, aber die hat keinen

110

:

direkten Bezug zur klassisch traditionellen 

kirchlichen Theologie, die wir hier kennen.

111

:

Sondern dann sind so gute Wünsche mitgegeben, das 

vermischt sich dann mit verschiedenen Dingen. Aber

112

:

eigentlich geht es darum, dem Kind einen guten 

Start zu ermöglichen und zu feiern gemeinsam.

113

:

Sandra Leis [00:09:44]

Für mich gibt es noch einen

114

:

anderen grossen Unterschied zwischen der 

Taufe und der Willkommensfeier. Nämlich

115

:

für mich ist die Taufte ein öffentlicher Akt. 

Dabei bekenne ich mich oder mein Kind auch

116

:

zur christlichen Gemeinschaft, zur Menschheit 

der Welt letztlich. Und die Willkommensfeier

117

:

ist aus meiner Perspektive eher etwas Privates. 

Teilen Sie diese Meinung, oder wie sehen Sie das?

118

:

Philipp Erne [00:10:09]

Ja, das würde ich auf jeden Fall

119

:

unterschreiben. Das ist wirklich etwas anderes. 

Und deshalb findet sie ja auch eine andere

120

:

Gestalt. Also das passiert dann nicht in eine 

Kirche, sondern vielleicht auf der Terrasse eines

121

:

Restaurants. Es erinnert vielleicht am besten 

so an, wenn man die Kommunion oder die Firmung

122

:

gehabt hat, und dann geht man nachher noch essen. 

Und so geht man halt nicht vorher in die Kirche,

123

:

sondern macht ein kleines Ritual auf der 

Terrasse und isst dann im selben Restaurant,

124

:

wo man würde, wenn man vorher jetzt 

kirchlich die Taufe gemacht hätte.

125

:

Also es gibt viele Ähnlichkeiten aber 

der Grundzugang ist ein anderer. Der

126

:

Glaube spielt bedingt bis gar keine Rolle, und 

deshalb geht man nicht zur kirchlichen Taufe.

127

:

Sandra Leis [00:10:48]

Möchten Sie etwas

128

:

ergänzen zu öffentlich und privat?

129

:

Christian Walti [00:10:50]

Also ich finde, öffentlich ist

130

:

ein unglaublich schwieriger Begriff in dem 

Zusammenhang, weil viele Kirchgemeinden in

131

:

ihren sogenannten öffentlichen Gottesdiensten 

ja einen Mini-Ausschnitt der Öffentlichkeit

132

:

nur repräsentieren. Der öffentliche 

Charakter ist dort mehr hypothetisch,

133

:

also rein theoretisch ist es öffentlich. Was ich 

aber unterschreibe, ist diese Vorstellung von der

134

:

Familie der Kinder Gottes, die grösser ist als 

unsere Vorstellungen, übrigens auch grösser als

135

:

die institutionellen Formen von Kirche. 

Theologisch gesehen sprechen wir von der

136

:

unsichtbaren Kirche und diese Gemeinschaft, in 

die hinein wird ein Kind getauft, und das muss

137

:

ich irgendwie zum Ausdruck bringen. Das hängt 

aber für mich jetzt nicht am Gottesdienst,

138

:

sondern das hängt eher daran, wie ist die Feier 

gestaltet und was wird dort auch noch gesagt,

139

:

was eben nicht nur die Tauffamilie oder diese 

Kleinfamilie betrifft. Ich denke, da muss ich

140

:

als Ritualgestalter, als Pfarrperson einen Akzent 

setzen, der über diese Kleinräumigkeit hinausgeht.

141

:

Aber das hängt für mich nicht am Kirchengebäude, 

und das hängt für mich auch nicht daran,

142

:

dass da eine Gruppe versammelt ist, die 

halt ein bisschen eingeschränkt ist.

143

:

Sandra Leis [00:11:59]

Philipp Erne, Sie sind

144

:

römisch-katholisch getauft und 

haben auch die Erstkommunion

145

:

empfangen. Auf die Firmung haben Sie 

verzichtet. Was ist damals passiert?

146

:

Philipp Erne [00:12:10]

Ja, das ist eine meiner Wurzeln,

147

:

warum ich heute tue, was ich tue. Das habe ich 

damals natürlich noch nicht realisiert. Aber ich

148

:

habe als Kind den Glauben mitbekommen. Also, es 

gibt Gott, das war für mich keine Frage. Aber in

149

:

der Form, in der Institution habe ich als Teenager 

das Gefühl gehabt, hier kann ich nicht zu Hause

150

:

sein. Und dann habe ich erst später Menschen 

kennengelernt, die einen Glaubens gelebt haben,

151

:

der mich sehr beeindruckt hat. Und wo ich dann 

das Gefühl habe, das, was ich glaube, und das,

152

:

was ich sehe, bringe ich so zusammen, und das 

gilt natürlich nicht für alle Kirchen und nicht

153

:

für alle Situationen, aber in meinem Leben war es 

so, dass ich das Gefühl hatte, das, was ich von

154

:

der Institution sehe und das, was ich eigentlich 

bräuchte, passt nicht zusammen. Das war damals so.

155

:

Man wird ja auch älter, und dann schaut man Dinge 

auch mit anderen Augen an. Auf jeden Fall hat

156

:

das dann dazu geführt, dass ich mich auf den Weg 

gemacht habe, aber mich nicht habe firmen lassen.

157

:

Sandra Leis [00:13:07]

Sie haben später auch

158

:

noch Theologie studiert an einer höheren 

Fachhochschule und waren bis vor drei Jahren,

159

:

wenn ich das richtig im Kopf habe, auch 

Pastor in einer evangelikalen Gemeinde.

160

:

Philipp Erne [00:13:18]

Ja, genau.

161

:

Sandra Leis [00:13:19]

Heute haben Sie eine eigene

162

:

Firma und nennen sich Krisenbegleiter. Der Name 

ist nicht geschützt, genauso wie Ritualbegleiter,

163

:

Zeremonienleiterin und so weiter. Und Sie 

sind ja der Präsident des Verbandes. Welche

164

:

Kriterien muss ein Ritualbegleiter oder 

eine Zeremonienleiterin erfüllen, damit

165

:

sie Mitglied werden kann im Berufsverband? 

Sonst kann jeder machen, was er will.

166

:

Philipp Erne [00:13:46]

Ja, genau, das ist ein bisschen

167

:

das Problem, und deshalb haben wir auch den 

Verband gegründet. Ich muss noch sagen, es

168

:

gibt einen Ritualbegleiterverband, und es gibt den 

Zeremonienleiterverbund, das ist nicht dasselbe.

169

:

Es gibt auch unterschiedliche Ausbildungen. Es 

gibt eine Ritualbegleiter-Ausbildung, und es gibt

170

:

verschiedene Zere-monieneiterinnen-Ausbildungen. 

Was muss man mitbringen? Wir erwarten in

171

:

Mindestmaß eine Ausbildung, da gibt es 

unterschiedliche mittlerweile. Wir glauben,

172

:

dass es wichtig ist, dass man eben nicht nur, 

wenn man gut reden kann, vorne hinstellen sollte

173

:

oder irgendwas erzählen. Und als Pastor, als 

Pfarrperson muss man ja auch eine Ausbildung

174

:

geniessen, um gewisse Rituale begleiten zu 

können. Und deshalb finde ich es wichtig. Dann

175

:

erwarten wir stetige Weiterbildung, Vernetzung, 

mindestens acht Zeremonien pro Jahr zu leiten,

176

:

damit man eine gewisse Kontinuität hat. Das gilt 

vielleicht für evangelische oder katholische

177

:

Pfarrer noch sehr wenig. Aber wenn man das 

berufsbegleitend macht, gibt es dann doch

178

:

mindestens so im Schnitt einmal in der Woche so 

einen Termin, wo man sich damit auseinandersetzt.

179

:

Man hat vielleicht ein Vorbereitungsgespräch, man 

ist in der Vorbereitung, man hält eine Zeremonie

180

:

und so weiter und so fort. Das ist natürlich 

immer schwierig, als Verband kann man nur

181

:

das Dach bieten. Ob einzelne Verbandsglieder 

dann auch sauber arbeiten, kann man ja nicht

182

:

garantieren. Man kann nur Voraussetzungen 

schaffen, die diesen dienen sollen.

183

:

Sandra Leis [00:15:10]

Also es gibt auch einen Ehrenkodex, habe ich

184

:

gesehen, auf Ihrer Webseite zum Beispiel. Also Sie 

bemühen sich darum, gewisse Vorgaben zu machen.

185

:

Philipp Erne [00:15:17]

Ja.

186

:

Sandra Leis [00:15:19]

Der Tagesanzeiger-Artikel, den wir zu Beginn

187

:

angesprochen haben, hat es geheissen, heute gebe 

es in der Schweiz rund 250 Ritualbegleiterinnen

188

:

und -begleiter. Vor zehn Jahren – so sagt es die 

Frau, die porträtiert wurde – seien das nur 15

189

:

gewesen. Also ein Riesenwachstum. Christian 

Walti macht ihnen diese Entwicklung Angst?

190

:

Christian Walti [00:15:42]

Überhaupt nicht. Ich finde, das ist einfach

191

:

ein Erscheinungsbild, das mit der Pluralisierung, 

der Veränderung der Religionslandschaft zu tun

192

:

hat. Auch damit, dass eben überhaupt gewisse 

Bereiche zu einem Markt werden. Also das sieht

193

:

man ja nicht nur bei den Ritualen. Das ist fast in 

allen Gesellschaftsbereichen. Die werden zunehmen,

194

:

auch das Bestattungswesen zum Beispiel, das 

war früher sehr stark institutionalisiert.

195

:

Unterdessen sind das viele private 

Unternehmer und Unternehmerinnen,

196

:

die in diesem Bereich tätig sind. Mir macht das 

von der Landeskirche aus nicht mehr Angst als

197

:

zum Beispiel die Kirchenaustrittszahlen oder 

so etwas. Das ist einfach eine Entwicklung,

198

:

die mit der Dynamik der Gesellschaft zu tun hat. 

Ich finde es umgekehrt sogar eine Herausforderung

199

:

und irgendwie einen schönen Challenge für uns 

Pfarrpersonen, weil wir uns wieder besinnen

200

:

müssen darauf, was tun wir denn überhaupt für 

Familien, für Einzelpersonen, wenn wir sie bei

201

:

Ritualen begleiten. Und was ist eigentlich 

unsere Rolle? Auch was gibt uns quasi das

202

:

Alleinerkennungsmerkmal gegenüber einer Person, 

die ich frei anstelle? Und ich würde sagen,

203

:

für mich ist doch das Haupterkennungsmerkmal, 

ich bin völlig, ich komme von aussen und ich bin

204

:

von aussen beauftragt. Das heisst, ich bin 

nicht rein beauftragbar durch eine Familie

205

:

und diese Situation. Ich habe eine gewisse 

Freiheit. Ich habe ein Standbein ausserhalb

206

:

der Familiensituation. Und in den meisten Fällen 

versuche ich das so ins Spiel zu bringen, dass

207

:

ich sage, ich komme hier hin und begleite euch, 

aber ich bin nicht abhängig von der Stimmung,

208

:

der Gefühlslage, von dem, was jetzt euch im Moment 

gefangen hält, zum Beispiel bei einem Trauerfall

209

:

oder bei einer Hochzeit, von den unglaublichen 

Überansprüchen, die ihr an eure Hochzeit stellt.

210

:

Da habe ich ein Standbein ausserhalb. Ich muss 

eure Vorstellungen nicht vollständig erfüllen,

211

:

sondern ich darf noch etwas dazugeben, und 

ich darf euch ermöglichen, dass ihr feiern

212

:

könnt und auch ein bisschen loslassen könnt von 

all den Dingen, die euch im Moment beschäftigen.

213

:

Sandra Leis [00:17:53]

Das klingt jetzt alles schön und gut,

214

:

gleichwohl. Also wenn man so Porträts liest von 

Ritualbegleiterinnen und -begleitern, da habe

215

:

ich natürlich jetzt verschiedene 

gelesen. Und da heißt es immer wieder,

216

:

dass die Kundschaft halt sagt, die 

Ritualbegleiter hätten viel mehr Zeit,

217

:

seien viel persönlicher. Und das biete einem die 

Kirche in der Regel nicht. Es mag Ausnahmen geben,

218

:

aber es kann ja schon sein, dass eine 

Pfarrperson nicht die gleiche Zeit hat,

219

:

weil sie auch nicht einen Stundenlohn 

verrechnen kann. Also ganz praktisch gesehen.

220

:

Christian Walti [00:18:26]

Ich sehe das auch, das ist in gewissen

221

:

Fällen sicher so. Wahrscheinlich ist es aber 

auch ein bisschen ein Klischee. Die Vorstellung,

222

:

dass eine Person, die völlig in meinen Diensten 

ist, dass die dann mehr von mir auch kontrolliert

223

:

werden kann, die stimmt sicher. Auf der anderen 

Seite eine Pfarrperson, die ganz viele Erfahrungen

224

:

mitbringt und auch die Verbindung herstellen kann 

zu x anderen Situationen in diesem Moment. Hat

225

:

halt wie diese Stärke, dass sie ein bisschen 

unabhängiger ist von mir. Gewisse Menschen

226

:

schätzen das enorm, dass in einer Situation, wo 

sie selber gefühlsmässig so vereinnahmt sind,

227

:

so übervoll mit Gefühlen, ein Gegenüber haben, 

das ein bisschen Stabilität markieren kann.

228

:

Sandra Leis [00:19:12]

Herr Erne, was sagen

229

:

Sie dazu? Bieten Sie keine Stabilität?

230

:

Philipp Erne [00:19:15]

Das habe ich mich jetzt beim Zuhören

231

:

gerade auch gefragt. Ich würde sagen, natürlich, 

wenn man in einem Dienstleistungsverhältnis ist,

232

:

steckt man ein bisschen mehr in der Abhängigkeit 

des Kunden, sage ich mal, als jetzt gerade Herr

233

:

Walti gesagt hat. Das würde ich unterschreiben. 

Aber Stabilität bieten, Klarheit, vielleicht auch

234

:

eine gewisse Distanz. Trotzdem kann ich natürlich 

auch bieten, und ich kann ja auch Rückbezug auf

235

:

meine Ressourcen aus Lebenserfahrung etc. 

nehmen. Deshalb sehen wir z.B. bei uns,

236

:

dass vor allem Jüngere unter 30 bis 30 eigentlich 

keine Beerdigungen anbieten, weil sie sich nicht

237

:

in der Lage fühlen, die Atmosphäre zu halten, 

den Raum zu halten. Die meisten beginnen erst

238

:

später damit, weil sie sagen, ich will 

ein bisschen Erfahrung und so Hochzeit,

239

:

eher leicht. Natürlich gibt es da manchmal 

auch gewisse Ansprüche, die dann überfordern,

240

:

Aber insgesamt ist es, gibt es viele, die sagen, 

ich mache mal die Hochzeit von einer Kollegin,

241

:

aber ich habe eigentlich noch fast niemanden 

getroffen, der gesagt hat, ich mach die Beerdigung

242

:

von meinem Freund. Ja, ich finde vielleicht noch, 

beim Zuhören habe ich gedacht, aus meiner Sicht,

243

:

ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, 

weil ich auch in der kirchlichen Arbeit war,

244

:

was ist es denn? Und für mich würde ich 100% 

unterschreiben, dass ich sowohl in der Kirche,

245

:

wie ausserhalb der Kirchen Personen finde, die 

sich für mich interessieren, die gut arbeiten,

246

:

die zugänglich sind, die Raum geben für 

Persönliches, die sich Zeit nehmen. Die Frage ist,

247

:

was ist das Bedürfnis des Kunden, der Kundin? 

Und dort würde ich sagen, da scheidet sich die

248

:

ganze Geschichte. Es ist nicht die Frage, 

ob es eine gute Pfarrperson gibt oder. Also

249

:

manchmal auch die Illusion. Ich höre ja ganz viele 

Zeugnisse von schlechten Zeremonienleiterinnen und

250

:

Zeremonienleitern, und das war auch der Grund, 

einen Verband zu gründen, weil wir gemerkt haben,

251

:

es gibt keine Qualitätsstandards, jeder kann 

machen, was er will, es gibt wirklich schlechte

252

:

Beispiele, und die wollen wir ausmerzen. 

Auf der anderen Seite stellt sich die Frage,

253

:

will die Person, die Familie, das Kind, natürlich 

haben wir vorhin auch davon gesprochen, einen

254

:

Bezug zum Glauben haben, innerhalb des Rituals 

oder der Zeremonie. Und dort würde ich sagen,

255

:

da scheidet es sich. Ich glaube, Kirche sollte 

so viel Kirche wie möglich sein. Und ich glaube,

256

:

freie Zeremonien sollten so frei wie möglich 

sein. Weil man sollte die Dinge nicht vermischen.

257

:

Entweder will ich, dass der Glaube eine Rolle 

spielt, dann soll ein Kirchenlied gesungen werden,

258

:

die Taufkerze angezündet, dann soll gebetet werden 

und ein Bibeltext gepredigt. Aber wenn der Glaube

259

:

jetzt aus dieser institutionellen Sicht keinen 

Bezug zum Leben der verstorbenen Person oder

260

:

zum Hochzeitspaar hat, frage ich mich, warum 

soll ein Kunde etwas kaufen, das er nicht will?

261

:

Aus persönlicher Sicht sage ich, es ist gut, 

wenn man glaubt. Es ist gut sich zu überlegen,

262

:

was man glaubt und wie man es ausdrückt. 

Aber nicht anhand eines Lebensübergangs,

263

:

sondern sowieso. Wenn der Lebensübergang 

kommt, dann auch den Glaube einbeziehen.

264

:

Christian Walti [00:22:31]

Da habe ich eine ganz andere

265

:

Vorstellung von Glauben oder auch von 

unserem Auftrag als Kirche. Ich finde,

266

:

wenn Menschen schon nur ein Senfkorn von Glauben 

haben, so spricht Jesus, wenn nur schon quasi eine

267

:

Ahnung davon da ist, dass diese Situation mit dem 

Kind oder diese Beerdigung oder diese Hochzeit

268

:

über das Normale hinausgeht, dann kann ich mit 

der christlichen Tradition den Menschen helfen,

269

:

diesen Glaubensweg weiterzugehen und den zu 

vertiefen. Ich habe keine Garantie dafür,

270

:

dass diese Menschen nachher vollumfänglich 

gläubige Christen werden, ihr Leben Jesus hinlegen

271

:

oder sich enorm in einer Kirchgemeinde engagieren. 

In den meisten Fällen ist das wahrscheinlich nicht

272

:

so, ich bin aber nicht sicher. Aber was ich machen 

kann, ich kann ein Stück weit sie begleiten,

273

:

damit das für sie eine Tiefe gewinnt. Und da sehe 

ich eben einen öffentlichen Auftrag. Deswegen

274

:

bin ich auch bei einer öffentlichen Institution 

angestellt, die sich eben in der Öffentlichkeit

275

:

bewegt. Und ich möchte diese Möglichkeit offen 

halten. Die ganze Dynamik der Gesellschaft spricht

276

:

im Moment völlig dagegen. Die Dynamik will klare 

Unterscheidungen. Du bist drinnen oder draussen.

277

:

Du bist gläubig oder ungläubig. Du bist in 

einem Club oder du bist nicht in einem Klub.

278

:

Und so funktionieren sicher auch gewisse 

Kirchen, die eine tolle Dynamik haben. Ich

279

:

habe überhaupt nichts gegen freie Kirchen. 

Ich finde das toll, und ich finde auch in

280

:

der Landeskirche gibt es solche Gemeinschaften. 

Aber ich möchte diese Dynamik eben, die ist für

281

:

mich nicht die einzige Möglichkeit. Ich biete 

wie mit der öffentlich-rechtlich anerkannten

282

:

Landeskirche eine Form, eine Möglichkeit 

für Menschen mit dem Glauben anzufangen,

283

:

ohne gleich ein Kreuzchen setzen zu müssen und 

sie einzuordnen. Das ist ein anderer Ansatz.

284

:

Ich weiss, auch theologisch gibt es viele Leute, 

die sagen, das ist die Linie. Bei Taufe wird eine

285

:

Linie gezogen zwischen Himmel und Erde oder 

Hölle und Himmel. Aber das ist nicht meine

286

:

Aufgabe. Meine Aufgabe ist, Menschen zu begleiten. 

Gott wird dann schon unterscheiden, nicht ich.

287

:

Philipp Erne [00:24:40]

Ich kann da voll mitgehen,

288

:

die Frage ist nur, will sich das 

Hochzeitspaar damit auseinandersetzen

289

:

oder nicht. Und wenn sie das nicht 

wollen, dann ist die Kirche als

290

:

Institution einfach nicht auf ihrem Radar. 

Und das finde ich völlig nachvollziehbar.

291

:

Sandra Leis [00:24:57]

Aber was machen Sie dagegen,

292

:

dass sie die Kirche wieder auf 

den Radar haben? Ich finde,

293

:

das ist ein guter Ausdruck. Das ist 

doch irgendwie schon auch bedenklich.

294

:

Christian Walti [00:25:05]

Meine Haltung ist, wir haben

295

:

eh schon verloren. Das heisst, die einzige 

Chance in der öffentlichen Kommunikation hat

296

:

die Kirche verloren. Sie können nur Kirche 

sagen, dann sind Sie gleich auf einer sehr,

297

:

sehr schwierigen Ebene mit den 

meisten Menschen. Ich finde,

298

:

wir müssen ganz woanders anfangen, nämlich 

bei den persönlichen Begegnungen. Für mich

299

:

sind eigentlich Ritualbegleitungen so etwas 

wie eine erweiterte Seelsorgesituation.

300

:

Die Aufmerksamkeit von mir als Kirchenmensch 

ist so stark wie möglich bei der Person,

301

:

die kommt. Das nenne ich «klient:innenzentriert». 

Deswegen spreche ich so einen «Wirtschaftsjargon».

302

:

Sandra Leis [00:25:43]

Sie hatten ja auch mal eine

303

:

Ritualagentur in Bern mitbegründet, 

jetzt sind Sie da nicht mehr aktiv.

304

:

Christian Walti [00:25:50]

305

:

Kann ich nicht mehr, weil ich jetzt 

in Grossmünster keine Zeit mehr habe.

306

:

Sandra Leis [00:25:53]

Das ist logisch. Aber eben,

307

:

Sie haben da schon einen Bezug.

308

:

Christian Walti [00:25:55]

Nein, total. Und ich glaube,

309

:

dass die Aufgabe von uns Menschen von der Kirche 

wäre eben dort, völlig den Modus zu wechseln.

310

:

Das sind nicht Leute, die etwas von uns wollen, 

sondern wir möchten diesen Menschen Raum auftun,

311

:

ihnen Aufmerksamkeit schenken. Und dann 

dürfen diese Menschen auch steuern,

312

:

mindestens mitsteuern, was da passiert. Das ist 

für mich dieses Klientinnenzentrierte. Wenn jemand

313

:

zu mir kommt und sagt, ich möchte getauft werden, 

dann muss ich ganz viele Rückfragen stellen:

314

:

Was bedeutet das für dich? Was bedeutet das 

für deine Familie, für deine Lebenssituation?

315

:

Willst du ein grosses Fest machen? Möchtest 

du vor allem einen Segen bekommen? Möchtest

316

:

du in eine Gemeinschaft übertreten und dein 

ganzes Leben verändern? Diese Zwischenfragen,

317

:

die Nuancen, das genaue Zuhören, das ist für 

mich das Entscheidende. Und wenn natürlich das

318

:

nicht gemacht wird, wenn es auch für mich 

nur ums Abkreuzen von einem Formular geht,

319

:

dann mache ich meinen Job nicht richtig. Und das 

ist meine Selbstkritik der Kirche gegenüber. Ich

320

:

glaube, wir haben über Jahrhunderte lang vor allem 

Menschen eingeordnet, anstatt ihnen Aufmerksamkeit

321

:

zu schenken. Das müssen wir jetzt unbedingt 

machen. Diese Situation fordert uns heraus.

322

:

Sandra Leis [00:27:03]

Und wie machen Sie das?

323

:

Christian Walti [00:27:06]

Zuhören. Wenn ich eine

324

:

Anfrage bekomme, ich sage fast nie nein.

325

:

Sandra Leis [00:27:15]

Aber wenn Sie eben keine bekommen,

326

:

was ist dann? Ich kenne ein Pfarrpersonen, die 

haben zwei Taufen im Jahr oder eine Hochzeit,

327

:

mehr nicht. Ich weiss nicht, wie es bei Ihnen ist.

328

:

Christian Walti [00:27:23]

Das bedeutet, diese Pfarrpersonen müssen

329

:

sich stärker als Persönlichkeit und Mensch gegen 

aussen zeigen. Bei der Ritualagentur haben wir nur

330

:

eine Massnahme gemacht, die anders war als vorher. 

Wir haben Fotos und Porträts von uns auf eine

331

:

Internetseite gestellt, die man mit Suchmaschinen 

gefunden hat. Und schon das war genug, um gewisse

332

:

Kolleg:innen zu verärgern. Weil sie gesagt haben, 

jetzt präsentiert ihr euch, jetzt bringt ihr euch

333

:

auf den Markt. Und ich sagte, genau das 

müssen wir. Weil die Vertrauensbindung,

334

:

wenn die nicht da ist, dann muss doch eine 

Person mich ausforschen können. Dann muss doch

335

:

einer Person schauen können, dann sieht sie ein 

Porträt von mir, sieht schon mal noch was aus. Und

336

:

dann liest sie, ah, der war mal in einer Punkband 

oder der war in der Pfadi. Und genau über solche

337

:

Dinge schaffen Menschen dann Vertrauen, dass sie 

eine Anfrage machen. Wenn ich als Pfarrbeamter

338

:

irgendwo in meinem Pfarrhaus darauf warte, 

dass jemand klingelt, dann habe ich verloren.

339

:

Sandra Leis [00:28:26]

Man konnte oder kann auch

340

:

Porträts lesen von Paaren, die sich eben mit 

einer Ritualbegleiterin verheiratet haben,

341

:

die Zeremonie gemacht haben. Für mich 

erstaunlich war, dass gar nicht so diese

342

:

aussergewöhnlichen, diese coolen Dinge verlangt 

wurden wie beispielsweise eine Unterwassertrauung,

343

:

also das kann man alles buchen, aber 

das sind gar nicht die Renner offenbar.

344

:

Häufig läuft es doch ziemlich klassisch, eben auch 

bei den Ritualbegleitungen: weißes Brautkleid,

345

:

Eheversprechen, Ringtausch, und manchmal 

sogar bringt der Vater, der Brautvater,

346

:

die Braut zum Ritualbegleiter. Das klingt 

jetzt in meinen Ohren schon sehr konventionell,

347

:

und da frage ich mich dann doch, weshalb 

braucht es diese freie Zeremonie,

348

:

wenn man quasi die einzelnen Teile dann doch 

wieder mitnimmt? Was sagen die Leute zu Ihnen?

349

:

Fehlt es an der Persönlichkeit, die sie eben 

nicht gefunden haben in der kirchlichen Szene?

350

:

Weshalb brauche ich einen Ritualbegleiter, wenn 

ich eigentlich das Gleiche will vom Setting her?

351

:

Philipp Erne [00:29:32]

Es wird natürlich Verschiedenes

352

:

gesagt, aber in der Regel sind die 

Ideen nicht so aussergewöhnlich.

353

:

Sandra Leis [00:29:40]

Eben, das stimmt schon.

354

:

Philipp Erne [00:29:42]

Es besteht die Angst, dass wenn

355

:

ich zum Pfarrer oder zur Pfarrerin gehe, dann muss 

ich noch den ganzen frommen Klimbim mitmachen. Und

356

:

das will ich nicht. Und deshalb suche ich schon 

gar nicht dort, sondern ich suche daneben. Ja. Und

357

:

deshalb, auch wenn dann die Grundüberzeugungen 

vielleicht konservativ sind, oder ich frage in

358

:

meinen Gesprächen immer, weshalb nicht in der 

Kirche, weshalb nicht mit einer Pfarrperson,

359

:

weil ich will das auch wissen, ich will auch 

wissen was die auf mich projizieren und ob ich dem

360

:

gerecht werden will oder nicht. Und dabei kommt 

es dann immer wieder: Ja wir kennen niemanden

361

:

und ich glaube nicht, oder ich gehe nicht in 

die Kirche, und dann habe ich das Gefühl, es

362

:

passt nicht zu uns, es passt nicht zu der Person, 

die verstorben ist. Manchmal sagen Leute auch,

363

:

mein Vater ist vor zwei Jahren mit 80 noch aus der 

Kirche ausgetreten, weil es ihm endlich gereicht

364

:

hat. Und dann denke ich manchmal, es ist schon wie 

Sie gesagt haben, Herr Walti, es ist schwierig,

365

:

in den Köpfen der Menschen, zumindest im 

Durchschnittschweizer, Durchschnittschweizerin,

366

:

hat die Kirche eigentlich fast keine Chance. Und 

nicht, weil sie alles falsch macht, sondern weil

367

:

das Mindset schon so geformt ist und es wirklich 

schwierig ist, in alltäglichen Situationen mit

368

:

Pfarrpersonen, mit Kirchen in Kontakt zu kommen. 

Das hat man selten bis nicht, und dann kann man

369

:

auch kein neues Vertrauen gewinnen, weil keine 

Beziehung da ist, wie Sie gesagt haben, und

370

:

deshalb, ich leide mit, weil ich ja auch ein Herz 

für die Kirche habe, und gleichzeitig denke ich,

371

:

jemand, der nicht will, muss auch nicht sollen 

mit Kirche und Glaube sich auseinandersetzen.

372

:

Sandra Leis [00:31:18]

Sprechen wir zum Schluss noch

373

:

über die Beerdigungen, denn in der Deutschschweiz 

finden zwei von drei Beerdigung nicht mehr in der

374

:

Kirche statt. Sie, Herr Erne, halten 

häufig Trauerreden, wer bucht Sie?

375

:

Philipp Erne [00:31:34]

Also jetzt rein vom Altersspektrum

376

:

oder von der Gesellschaftsschicht her querbeet. 

Es ist natürlich, wenn man ausgetreten ist und

377

:

nicht automatisch die Pfarrpersonen bekommen 

darf, ist es auch immer eine Frage des Geldes,

378

:

kann ich mir das leisten? Und dann müssen wir 

halt schauen, was ist möglich. Ich würde sagen,

379

:

es sind die Menschen, die das Gefühl haben, ich 

muss eine Beerdigung organisieren für die Person,

380

:

die verstorben ist. Und was sehe ich bei der? 

Und dann sagen oftmals Leute, sie sagen ja,

381

:

er ging einfach nie in die Kirche, und dann 

fanden wir es irgendwie komisch, jetzt in die

382

:

Kirche zu gehen oder vielleicht auch so dieses, 

wir wollen unbedingt in den Wald oder ans Wasser

383

:

und das habe ich aber wirklich schon auch mehrmals 

gehört. Vor allem in kleineren Pfarrgemeinden,

384

:

dass dann die Person gesagt hat, nein, machen 

wir nicht. Oder der Pfarrer, die Pfarrerin

385

:

wollte und die Kirchenpflege hat gesagt, 

darf er nicht. Also das passiert schon noch.

386

:

Christian Walti [00:32:40]

Das ist eine Katastrophe.

387

:

Sandra Leis [00:32:41]

Aber das stimmt, das erleben Sie auch so.

388

:

Christian Walti [00:32:42]

Ich habe das auch schon

389

:

gehört. Ich selber habe noch nie Nein 

gesagt zu so etwas und ich kenne viele,

390

:

die noch nie nein gesagt haben. Aber 

ich höre das, und ich bin entsetzt.

391

:

Philipp Erne [00:32:52]

Ja, und das Schlimme ist ja eigentlich, dass

392

:

es den Ruf der Kirche nochmals schlechter macht, 

obwohl er gar nicht so schlecht sein sollte. Und

393

:

dort drin gibt es dann immer wieder mal Menschen, 

die mir anrufen oder schreiben und sagen, könntest

394

:

du etwas machen? Und dann treffen wir uns. Ich 

habe aber noch eine Frage an Sie, Herr Walti. Ich

395

:

nehme es hundertprozentig ab, dass es viele freie 

Zeremonien oder Rituale innerhalb der Kirche gibt.

396

:

Ich frage mich jetzt, verliert dann die Kirche 

nicht eigentlich das, was sie genau ausmacht oder

397

:

unterscheidet, sollte nicht, ich sage es jetzt 

mal überspitzt, unbedingt ein Gebet, eine Predigt,

398

:

eine Textlesung vorkommen, weil genau das können 

wir Freien ja nicht oder sollten wir nicht tun,

399

:

weil wir sind keine Pfarrpersonen. Das ist 

meine Überzeugung. Und dort frage ich mich noch,

400

:

ob die Kirche nicht an Profil verliert, wenn sie 

das aufgibt. Ich weiss nicht, was Sie dazu denken?

401

:

Christian Walti [00:33:47]

Für mich ist es eine theologische Frage,

402

:

es ist ungefähr die gleiche Frage wie, wenn man 

Gott fragen würde, ob er nicht Profil verliert,

403

:

indem er inkarniert und auf der Welt Mensch wird. 

Also für mich gehört das in diese Bewegung der

404

:

Kirche hinein. Natürlich bleibt Gott immer noch 

Gott, wenn er ein Baby ist und sich verletzlich

405

:

zeigt. Das ist unser Glaube, das ist ein 

Kerngedanke des christlichen Glaubens. Und

406

:

bei mir ekklesiologisch gesehen, natürlich 

ist die Kirche erst dann richtig Kirche,

407

:

wenn sie aus sich selber hinausgeht. Natürlich 

heisst das auch, dass ich ein Standbein brauche.

408

:

Wenn ich ein Spielbein haben will, muss ich 

ein Standbein haben. Meine Frage, ich glaube,

409

:

da müssen wir lange diskutieren, worin besteht 

das Standbein? Hängt das am Vaterunser im Ritual?

410

:

Oder an der Lesung oder an der Predigt? Ich 

würde sagen, dieses Standbein ist für mich

411

:

viel verborgener. Es gibt ja nicht nur Gott den 

Felsen, sondern es gibt auch Gott den Heiligen

412

:

Geist. Und dieser Geist geht mit mir mit, wenn 

ich mich rausbewege. Und es ist mein Glaube,

413

:

dass ich den Bezug zu Gott nicht verliere, 

wenn ich mich auf Menschen und ihre Situationen

414

:

einlasse. Aber Sie sagen es, oder, es ist ein 

waghalsiger Glaube. Petrus steigt aus dem Boot,

415

:

und irgendwann beginnt er auch zu sinken. Das ist 

wirklich so. Ich erlebe das in solchen Situationen

416

:

auch. Wenn ich mich wirklich auf eine Hochzeit 

mit Klimbim, auf einer Alp, weit ab einlasse,

417

:

dann gibt es manchmal den Moment, wo ich merke, 

Mist, jetzt bist du drin, jetzt kommst du da

418

:

nicht mehr raus. In diesen Situationen mache 

ich ein kurzes Stossgebet und versuche einfach,

419

:

Gott an diesen Ort mitzunehmen, egal, ob 

ich dort den Pfarrer markieren kann oder

420

:

vielleicht eher den Clown spiele. Aber das ist 

einfach meine Überzeugung. Ich weiss, da werde

421

:

ich wieder von ganz vielen Kolleginnen hören, 

die sagen, das ist mir zu waghalsig, ich wäre

422

:

nicht aus dem Boot gestiegen. Ja nun, also, ich 

finde aber trotzdem, dass man es probieren soll.

423

:

Sandra Leis [00:35:50]

Also der Vorwurf der Beliebigkeit,

424

:

den weisen Sie ein Stück weit zurück.

425

:

Christian Walti [00:35:53]

Sehr stark von mir, und ich finde,

426

:

es ist eine theologische Frage. Wir müssen 

auch wieder waghalsiger Theolog:innen sein,

427

:

sonst sind wir irgendwie im falschen Glauben 

zu Hause. Unser Glaube ist ein Glaube,

428

:

der das Risiko wagt, das Risiko Menschheit.

429

:

Sandra Leis [00:36:10]

Ziehen wir Bilanz,

430

:

Philipp Erne, was nehmen 

Sie mit aus diesem Gespräch?

431

:

Philipp Erne [00:36:15]

Ich glaube, es ist wichtig,

432

:

dass sowohl Pfarrperson wie Zeremonienleiterin 

sich bewusst ist, was mache ich hier? Was wird

433

:

mir für eine Aufgabe gegeben, oder was für eine 

nehme ich mir? Und dann auch gut zu unterscheiden:

434

:

Ich mag es nicht, wenn Pfarrer so tun, 

als wären sie keine, und ich mag es nicht,

435

:

wenn Zeremonienleiterinnen so tun, wie wenn sie 

auch noch ein bisschen Pfarrer könnten. Ich finde,

436

:

wir sollten Raum geben, um zu verstehen, was 

die Menschen brauchen, die wir durch diese

437

:

Phasen begleiten. Und dann uns bewusst sein, wer 

wir sind und was ist jetzt unsere Kompetenz darin.

438

:

Und dann gibt es, glaube ich, für beide Gruppen 

einen genug grossen Markt. Und ich denke auch

439

:

in Zukunft, wenn man jetzt sieht, dass gerade 

in den jüngeren Generationen doch auch wieder

440

:

eine Sehnsucht nach Glauben wächst, denke 

ich, die Kirche wird anders, aber sie wird

441

:

auch in Zukunft gebraucht werden, genauso wie es 

unser Angebot auch in der Zukunft brauchen wird.

442

:

Sandra Leis [00:37:19]

Und Sie, Herr Walti,

443

:

was ist Ihre wichtigste 

Erkenntnis aus unserem Gespräch?

444

:

Christian Walti [00:37:24]

Mir macht der Markt nicht nur

445

:

keine Angst, sondern ich sehe darin eine Chance. 

Normalerweise belebt Konkurrenz das Geschäft.

446

:

Die allermeisten Menschen in der Schweiz 

haben nämlich gar keine Ritualbegleitung.

447

:

Weder eine von der Kirche noch eine von 

freien Ritualbegleitenden. Ich würde sagen,

448

:

da haben wir ein gemeinsames Anliegen. Wir 

müssen den Menschen wieder deutlicher machen,

449

:

dass solche Rituale ihnen gut tun, wenn sie gut 

gemacht sind und wenn sie gut begleitet sind.

450

:

Also da würde ich mich dann dem Verband 

doch noch irgendwann anschließen.

451

:

Philipp Erne [00:37:55]

Herzlichen willkommen!

452

:

Sandra Leis [00:37:58]

Philipp Erne, Christian Walti, vielen

453

:

herzlichen Dank für diese engagierte Diskussion. 

Das ist die 64. Folge des Podcasts «Laut + Leis».

454

:

Zu Gast waren der Grossmünster-Pfarrer 

Christian Walti und Philipp Erne,

455

:

Präsident vom Berufsverband Schweizerischer 

ZeremonienleiterInnen. Über Feedback freuen wir

456

:

uns: Schreibt gerne per Mail an [email protected] 

oder per WhatsApp auf die Nummer 078 251 67 83.

457

:

Und: Abonniert den Podcast und bewertet 

ihn positiv, wenn er euch gefällt.

458

:

In der nächsten Folge von «Laut + 

Leis» besuche ich Niklaus Brantschen

459

:

im Lassalle-Haus in Bad Schönbrunn. Der Jesuit 

und Zen-Meister wird übers Altwerden sprechen,

460

:

den Sinn der Stille und die Wichtigkeit 

des interreligiösen Dialogs. Bis in zwei

461

:

Wochen – und bleibt laut und manchmal auch leise.

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