Sie hat die Organisation «PeaceWomen Across the Globe» vor zwanzig Jahren gegründet und bis vor kurzem präsidiert. Die frühere National- und Europarätin Ruth-Gaby Vermot spricht über ihr Leben und Wirken und erklärt, wo die Friedensarbeit der Frauen in den gegenwärtigen Kriegen geblieben ist.
Weitere Themen:
Ruth-Gaby Vermot [00:00:02]
Ja, ich lehne Waffen grundsätzlich ab,
2
:aber es ist mir ganz wichtig auch zu sagen,
ich respektiere es auch, wenn Frauen sagen, wir
3
:wollen Waffen, wir wollen mit Waffen verteidigt
werden, wir brauchen diese Unterstützung der
4
:anderen Länder. Aber wir arbeiten mit Frauen,
die sagen, wir wollen einen anderen Frieden,
5
:wir wollen diesen Frieden aushandeln, wir wollen
so rasch als möglich, wollen wir Friedensprozesse
6
:haben. Und das denke ich, dass das eine ganz
wichtige, andere Arbeit ist, die wir unterstützen.
7
:Sandra Leis [00:00:43]
Das sagt die frühere
8
:National- und Europarätin Ruth-Gaby Vermot.
Sie hat die Initiative «Tausend Frauen
9
:für den Friedensnobelpreis» initiiert. Den
Preis haben die Frauen zwar nicht erhalten,
10
:doch ihre Arbeit rückte für eine Weile ins
Scheinwerferlicht. Geblieben ist die Organisation
11
:«Peace Women Across the Globe» mit Sitz in
Bern, bis vor kurzem präsidiert von Ruth-Gaby
12
:Vermot. Im Podcast «Laut + Leis» sprechen wir
über ihr Leben und Wirken und fragen, wo die
13
:Friedensarbeit der Frauen in den gegenwärtigen
Kriegen geblieben ist. Ich bin Sandra Leis und
14
:besuche meinen Gast zu Hause in Bern. Ruth-Gaby
Vermot, herzlich willkommen zu unserem Gespräch.
15
:Ruth-Gaby Vermot [00:01:27]
Dankeschön.
16
:Sandra Leis [00:01:29]
Krieg im Nahen Osten, in der Ukraine,
17
:im Sudan und an vielen anderen Orten. Macht
Ihnen die gegenwärtige Weltlage Angst?
18
:Ruth-Gaby Vermot [00:01:41]
Ja. Sie macht mir wirklich Angst,
19
:und man kann es nicht wegreden, man
kann es nicht weglegen, und ich glaube,
20
:diese Spirale, die macht uns allen Angst.
21
:Sandra Leis [00:01:53]
Sie sind heuer 85 Jahre
22
:alt geworden, hätten Sie je gedacht,
dass nach 80 Jahren nach dem Ende des
23
:Zweiten Weltkriegs und dem Slogan «Nie
wieder Krieg!» Krieg allgegenwärtig ist?
24
:Ruth-Gaby Vermot [00:02:06]
Nein, das konnte ich mir überhaupt
25
:nicht vorstellen. Ich war ja für Friedensfragen
immer unterwegs. Mich interessiert ja Frieden
26
:und nicht Krieg. Und dass jetzt diese
Situation so eskaliert, weltweit eskaliert,
27
:auch in Europa eskaliert, das ist wirklich
beängstigend und daran habe ich nie geglaubt.
28
:Sandra Leis [00:02:28]
Sie haben 20 Jahre lang die Organisation
29
:Peace Women Across the Globe präsidiert. Die
Organisation wurde auch von römisch-katholischen
30
:und von reformierten Kirchgemeinden unterstützt
und wird es bis heute immer wieder unterstützt.
31
:Was kann diese Organisation konkret
bewirken? An einem Beispiel am besten.
32
:Ruth-Gaby Vermot [00:02:49]
Da kann ich gerade über die Ukraine reden:
33
:Dieser Krieg kam nicht überraschend,
sondern ist ja im Gange seit:
34
:und als die Situation dann eskalierte, haben
wir sehr rasch gesehen, dass es wichtig ist,
35
:dass wir mit den Frauen in der Ukraine in Kontakt
treten. Das war auch ganz schwierig, weil im
36
:Laufe der Zeit hat sich ja die Situation sehr
verändert. Zum Beispiel gibt es ja die Frauen,
37
:die an der Front verblieben sind, Frauen, die
intern vertrieben sind. Frauen, die in Europa
38
:und anderen Ländern auf der Flucht sind und alle
diese Frauen zusammenzubringen, mit ihnen ein
39
:Programm aufzubauen, wie kann Frieden gelingen?
Das war ja unser Ziel, das war auch das Ziel
40
:von vielen Frauen in der Ukraine. Und wie kann
Frieden gelingen während eines solchen Krieges?
41
:Und die Frauen sind jetzt doch zu verschiedenen
Netzwerken zusammengewachsen. Wir haben Programme
42
:in der Ukraine und da geht es v.a.
darum, wie kann Frieden möglich sein.
43
:Sandra Leis [00:03:55]
Haben Sie auch Kontakt zu
44
:russischen Frauen? Das wäre
eigentlich die Grundidee,
45
:nehme ich an, dass von beiden Seiten
Frauen am gleichen Strick ziehen.
46
:Ruth-Gaby Vermot [00:04:05]
In Friedensprozessen mit dem Feind reden, mit
47
:den Feindinnen reden, das ist natürlich wichtig,
dass wir mit den russischen Frauen oder dass die
48
:ukrainischen Frauen und die russischen Frauen
zusammen reden. Das passiert auch, mehr möchte ich
49
:darüber aber nicht sagen, es passiert auch und es
ist ganz wichtig, das diese Kontakte bestehen und
50
:dass diese Kontakte von den ukrainischen Frauen
ausgebaut werden. Die Frauen haben zuerst gesagt,
51
:Frieden, das gibt es gar nicht, die haben von
Krieg geredet, nicht von Frieden. Frieden war
52
:ein Unwort in der Ukraine. Heute, nach all
diesen Jahren, hat sich das wirklich geändert.
53
:Sandra Leis [00:04:46]
Die Frauen reden über Frieden.
54
:Wir kommen gleich nochmal auf die Ukraine, aber
ich möchte noch eine ganz grundsätzliche Frage
55
:stellen. Warum braucht es Friedensorganisationen,
die ausschliesslich aus Frauen bestehen?
56
:Ruth-Gaby Vermot [00:05:01]
Die Frauen haben ja in den Kriegen ganz andere
57
:Rollen. Sie sind nämlich die Trümmerfrauen,
die Aufräumerinnen, die Flickerinnen.
58
:Sandra Leis [00:05:06]
Also ein Begriff aus dem Zweiten Weltkrieg, nicht?
59
:Ruth-Gaby Vermot [00:05:09]
Ja, natürlich. Ich nenne sie
60
:trotzdem. Sie sind es immer noch, und sie werden
es immer bleiben. Sie sind die Sorgearbeiterinnen.
61
:Sie sind eigentlich jene, die die Trümmer, die
Zerstörung, die psychische Gewalt, die physische
62
:Gewalt erleiden, die mitten im Geschehen sind.
Die kämpfen müssen, um Brot zu haben, um Essen
63
:zu haben und um die Kinder sicher in die Schule zu
bringen. Und, und, und. Es gibt tausend Dinge, die
64
:die Frauen erledigen müssen. Und die Frauen sind
aber bei Friedensprozessen nie beteiligt. Also
65
:unser Mitglied des Vorstands von Friedensfrauen
weltweit aus Afghanistan, sie war Ministerin für
66
:Frauensachen, und die hat gesagt, Männer machen
Krieg und sie meinen, sie können auch Frieden
67
:machen. Und das stimmt so nicht. Und darum
haben wir, als wir die tausend Frauen gesucht
68
:haben weltweit, die tausend Friedensfrauen,
haben wir gesagt, wir wollen die Frauenarbeit
69
:in Kriegssituationen sichtbar machen. Man muss
hinschauen, was die Frauen leisten. Und das ist
70
:uns eigentlich auch... Ja, man kann sagen, dass
uns das auch zu einem guten Teil gelungen ist.
71
:Sandra Leis [00:06:25]
Schauen wir nochmals auf
72
:die Ukraine. Sie haben sie vorhin
schon erwähnt. Der Krieg jetzt,
73
:der aktuelle Krieg, der dauert schon
mehr als vier Jahre. Öffentlich werden
74
:die Friedensfrauen aus meiner Perspektive
nicht. Ich habe es jetzt nirgends gefunden.
75
:Ruth-Gaby Vermot [00:06:42]
Natürlich nicht. Krieg ist Gewalt,
76
:Krieg ist Männersache, Kriege ist eine Machtfrage.
Die Frauen arbeiten immer unter diesem Schirm,
77
:und dass man sie nicht sieht, nicht davon
spricht und dass man sie gar nicht sehen will,
78
:weil sie ganz andere Forderungen stellen.
Ich denke, dass das damit zusammenhängt,
79
:dass man nicht interessiert ist an den Frauen.
Frauen existieren in den Kriegen nicht.
80
:Sandra Leis [00:07:08]
Aber was macht Ihre Organisation
81
:jetzt ganz konkret im Ukraine-Krieg?
Sie haben vorhin gesagt Programme,
82
:aber können Sie das noch
ein bisschen konkretisieren?
83
:Ruth-Gaby Vermot [00:07:18]
Die Frauen müssen ja zuerst
84
:untereinander reden können, sich wieder finden
können, sich Zeit nehmen können, an einem Ort
85
:zusammenkommen, wo sie sagen, wie sieht unsere
Friedensvision aus, was wollen wir vom Frieden,
86
:und wie können wir mit dem Frieden umgehen, und
diese Gespräche sind eigentlich die Grundlage
87
:unserer Arbeit in diesen Programmen. Wir können
die Frauen unterstützen, dass sie sich treffen,
88
:wie kürzlich in Lwiw, wo wir eine grosse Anzahl
von Frauenorganisationen zusammenrufen konnten,
89
:die während drei Tagen über Friedensprozesse,
ihre Beteiligung an Friedensprozessen,
90
:ihre Bedingungen für Frieden artikulieren
konnten. Und das ist eine ganz wichtige
91
:Sache. Die Frauen konnten auch sagen,
was brauchen wir für unsere Sicherheit?
92
:Das ist ja eine ganz grundlegende Frage,
eine bewaffnete Sicherheit, Waffen. Munition,
93
:Kriegsstrategien, oder brauchen wir eine andere
Sicherheit, nämlich die Alltagssicherheit,
94
:wo wir die Kinder in die Schule schicken können,
wo wir eine gute Nachbarschaft pflegen können,
95
:wo wir gesundes Essen bekommen können, wo
wir unsere Familien nicht in Gefahr sehen,
96
:wo wir unser Rente bekommen, wo wir unseren
Alltag wirklich auch leben und gestalten können.
97
:Sandra Leis [00:08:44]
Frau Vermot, lehnen Sie
98
:Waffen grundsätzlich ab? Wie stehen Sie dazu?
99
:Ruth-Gaby Vermot [00:08:50]
Ja, ich lehne Waffen grundsächlich ab,
100
:aber es ist mir ganz wichtig auch zu sagen,
ich respektiere es auch, wenn Frauen sagen, wir
101
:wollen Waffen, wir wollen mit Waffen verteidigt
werden, wir brauchen diese Unterstützung der
102
:anderen Länder. Aber wir arbeiten mit Frauen,
die sagen, wir wollen einen anderen Frieden,
103
:wir wollen diesen Frieden aushandeln. Wir wollen
so rasch als möglich Friedensprozesse haben. Und
104
:das denke ich, dass das eine ganz wichtige andere
Arbeit ist, die wir unterstützen. Aber der Respekt
105
:für diejenigen Menschen, die Waffen wollen
und sich mit Waffen verteidigen lassen wollen.
106
:Sandra Leis [00:09:33]
Es geht ja in der Ukraine
107
:auch um Selbstverteidigung.
108
:Ruth-Gaby Vermot [00:07:18]
Der steht. Den Respekt haben
109
:wir. Also wir respektieren diesen Wunsch.
110
:Sandra Leis [00:09:47]
Ruth-Gaby Vermot, lassen Sie
111
:uns auf Ihre Biografie schauen. Aufgewachsen
sind Sie mit vier Geschwistern in Solothurn,
112
:in einer Taglöhnerfamilie. Was hat Sie
in Ihrer Kindheit am meisten geprägt?
113
:Ruth-Gaby Vermot [00:10:03]
Es gab natürlich viele,
114
:viele Geschichten, die mich geprägt haben.
Ich hatte auch eine sehr engagierte Mutter,
115
:die uns Kinder immer auch beschützt hat und
immer für uns eingestanden ist. Das ist etwas,
116
:was ich eigentlich immer wieder festgestellt
habe. Auch wenn man die Mütter dann nicht immer
117
:gern hat dafür, aber sie war wirklich eine sehr
unterstützende Mutter in dieser doch schwierigen
118
:Situation einer grossen Taglöhnerfamilie. Was
mich ganz intensiv geprägt hat, war mein Kampf,
119
:dass ich ins Gymnasium komme, Matur machen
konnte und dann auch studieren konnte. Das
120
:war wirklich mein Ziel. Das ging aber nicht,
weil so rasch als möglich mussten wir arbeiten,
121
:eine Lehre machen, ich musste eine KV-Lehre
machen. Eine sehr ungeliebte KV-Lehre.
122
:Sandra Leis [00:10:57]
Die haben Sie aber nach
123
:drei Tagen abgebrochen. Stimmt das nicht?
124
:Ruth-Gaby Vermot [00:11:00]
Ja, das war furchtbar. Der
125
:Chef hat immer so grausliche Witze
erzählt und mich auch angetatscht,
126
:und das ging einfach nicht. Und dann hat
meine Mutter gesagt, nein, das geht nicht,
127
:wir haben eine neue Lehrstelle gesucht.
Das war ein Notar, und der hat immer schon
128
:ziemlich strenge Briefe an seine Klientinnen
und an die gegnerischen Parteien geschickt.
129
:Die habe ich dann immer ein bisschen netter
gemacht, weil ich fand, so schreibt man nicht.
130
:Das konnte er dann nicht gebrauchen, und er
hat mit mir gesprochen, ich habe ihm erzählt,
131
:ich will studieren, ich will die Matur machen, und
ich will überhaupt kein KV machen. Und er hat dann
132
:meinen Eltern gesagt, dass er mir während der
ganzen Gymnasialzeit den Lehrlingslohn bezahlen
133
:würde, damit eben das Geld nicht ausfällt in
meiner Familie, das so nötig gebraucht wurde.
134
:Sandra Leis [00:11:52]
Ein sehr,
135
:sehr sympathischer Mensch, eine super Geschichte.
136
:Ruth-Gaby Vermot [00:10:03]
Toll. Ich bin immer noch
137
:sehr glücklich darüber. Das hat mir
wirklich die Möglichkeit eröffnet,
138
:dann eben die Matura zu
machen und auch zu studieren.
139
:Sandra Leis [00:12:05]
Sie haben Ethnologie und Soziologie studiert und
140
:auch doktoriert. Sie haben geheiratet, ihr Mann
war ein katholischer Priester, und Sie haben eine
141
:Familie gegründet. Danach haben sie bei Alliance
Sud gearbeitet, hieß damals noch anders, waren Sie
142
:zehn Jahre. Und dann 1986 sind Sie in die Politik
eingetreten. Warum? Was war der Schlüsselmoment?
143
:Ruth-Gaby Vermot [00:12:27]
Wir waren ja vorher mehrere Jahre in Afrika,
144
:in verschiedenen Projekten mit meinem Mann und
meiner Familie. Und irgendwann habe ich gemerkt,
145
:das passt nicht in meinen Lebenslauf. Ich
muss Politik machen, ich will Politik machen.
146
:Und dann haben wir entschieden, dass wir
zurückkehren. Ich bin in die SP eingetreten und
147
:habe mich da wirklich auch engagiert. Ich war sehr
aktiv. Und das war natürlich die logische Folge,
148
:dass ich dann in den Stadtrat gewählt wurde.
Ich bin dann auch nach Bern gezogen für meine
149
:Arbeit. Und das ist wunderbar, hier
in Bern bin ich dann auch geblieben.
150
:Sandra Leis [00:13:11]
Sie waren im Stadtrat der
151
:Stadt Bern, dann im Großen Rat des Kantons
ließlich Nationalrätin, und:
152
:sind Sie dann zurückgetreten. Sie haben sich ja
auch stark in der Migrationspolitik engagiert,
153
:waren vor Ort, haben Flüchtlingslager
besucht. Sie sind keine Theoretikerin,
154
:sondern Sie kennen das Leben, auch das
Elend aus der Praxis. Was ist so die
155
:Haupterinnerung? Wie ging das zu und hier in
Flüchtlingslagern? Was ist Ihnen da geblieben?
156
:Ruth-Gaby Vermot [00:13:43]
Das sind natürlich nicht solche
157
:Flüchtlingsunterkünfte, wie wir sie haben,
sondern das waren immer Unterkünfte am Rande
158
:des Krieges. Und diese Flüchtlinge-Unterkünfte
waren dann ganz schrecklich. Das waren blecherne
159
:Container, das waren kalte, im Winter
kälteste Eisenbahnwagen. Und die Leute,
160
:die vegetierten da drin und das war wirklich in
Armenien oder Aserbaidschan, in Georgien und in
161
:Tschetschenien und überall in diesen Gebieten, für
die ich eben für den Europarat dann unterwegs war,
162
:das war das pure Elend. Wirklich, die Leute
hatten schwierigste Situationen. Sie hatten
163
:zwar Unterkünfte, sie hatten zwar Wolldecken, sie
hatten ein bisschen zu essen, aber sie lebten in
164
:schwierigsten, kriegsbedrohten Situationen
auch. Und da habe ich gemerkt und gesehen,
165
:wer da eigentlich das Leben in den Händen hält.
Das waren die Frauen. Die ließen sich nicht
166
:unterkriegen. Sie haben auch protestiert vor
den Regierungsgebäuden. Sie haben protestiert,
167
:wenn Besuche kamen, also auch bei mir, wenn
ich für den Europarat da in diese Camps kam.
168
:Sie haben die Camps menschlicher, wärmer,
bewohnbarer gemacht mit allem Möglichen,
169
:mit kleinen Gärten, mit Blumen, die da
wuchsen, mit Gemüse, das da wuchs. Für
170
:die Kinder haben sie Schulen gemacht, sie haben
die Alten gepflegt. Sie haben wirklich geschaut,
171
:dass auch in diesen elenden Ecken dieser Welt eben
das Leben möglich war, eben die Sorgearbeit. Ich
172
:habe dann immer gesagt, wenn ich angekommen bin
mit meinen Delegationen, es waren dann immer die
173
:Männer am Tor, haben dann geraucht und wollten
mich dringend sprechen und ihre Sorgen und auch
174
:ihr Gejammer bei mir deponieren. Da habe ich
immer gesagt, ich rede zuerst mit den Frauen
175
:und will wissen, was die Frauen brauchen,
was sie benötigen. Die haben nicht gejammert,
176
:die waren sehr gut vorbereitet, die haben
gesagt, das und das und das. Wir brauchen Wasser,
177
:wir brauchen Medikamente, wir brauchen zu essen,
wir brauchen Kindernahrung, das sind unsere
178
:Bedürfnisse. Und dann konnte ich schon gehen,
weil ich wusste es, die Frauen waren so klar.
179
:Sandra Leis [00:16:03]
Aber das klingt jetzt doch
180
:ein bisschen schwarz-weiss, die guten Frauen und
die Männer, die im Elend versinken. War es so?
181
:Ruth-Gaby Vermot [00:16:10]
Es war schwarz-weiss. Es war immer
182
:schwarz-weiss in diesen Camps. Da waren natürlich
auch junge Männer mit und so. Aber diejenigen,
183
:die wirklich wussten, worum es geht, was sie
wollten, wie sie die Organisation in diesem
184
:Camp aufrechterhalten wollten,
das waren dann doch die Frauen.
185
:Sandra Leis [00:16:33]
Wenn Sie sich zurückerinnern
186
:an Ihre grosse Initiative, was war da
der Auslöser für diese:
187
:die Sie nominiert haben für
den Friedensnobelpreis:
188
:Ruth-Gaby Vermot [00:16:45]
Ich kam gerade von einem solchen Flüchtlingscamp
189
:zurück, und da war eine Besucherinnengruppe,
und ich war so erfüllt von einer Wut, wieso
190
:Krieg und was man den Menschen antut mit solchen
Kriegen. Und ich war so erfüllt auch von dieser
191
:unglaublichen, selbstverständlichen Sorgearbeit
von diesen Frauen, von der niemand spricht,
192
:unsichtbar ist, die gar nicht existiert, Aber
die Welt würde nämlich zugrunde gehen, wenn
193
:diese Frauen auf der ganzen Welt diese Sorgearbeit
nicht machen würden. Und dann habe ich den Frauen
194
:erzählt, und dann habe ich gesagt, es war gerade
der 10. Dezember, da kam der Friedensnobelpreis,
195
:wurde da bekannt gegeben im Radio, da habe ich
agt irgendwann nominieren wir:
196
:für den Friedensnobelpreis. Und die Frauen haben
gesagt, mach, wir helfen. Und es war dann auch so,
197
:ich habe das mit Freundinnen, mit Kolleginnen,
mit Fachpersonen, Fachfrauen besprochen und dann
198
:haben wir einen kleinen Verein gegründet und dann
hatten wir 15 regionale Koordinatorinnen weltweit.
199
:Sandra Leis [0017:56]
Es sind ja 150 Länder,
200
:wo Frauen ausgewählt wurden.
201
:Ruth-Gaby Vermot [00:18:45]
Es sind etwa 160 Länder. Da
202
:haben wir Koordinatoren nominiert, die kamen
in die Schweiz, wir haben Konzepte gemacht,
203
:wir hatten Kriterien geschaffen. Und dann
haben wir in diesen drei Jahren haben
204
:wir dann die Nomination für diese tausend
Frauen gemacht. Am Schluss hatten wir dann
205
:zweitausend Frauen, weil dieses Projekt
dann plötzlich Fahrt aufgenommen hat.
206
:Wir wollten aber eben diese symbolische Zahl
tausend Frauen, tausend Friedensfrauen, tausend
207
:Frauen, die die Sorgearbeit eben leisten, sichtbar
machen, hörbar machen. Ihnen wirklich eine Stimme.
208
:Sandra Leis [00:18:39]
Den Friedensnobelpreis
209
:haben diese tausend Frauen dann leider nicht
gekriegt. Wie gross war die Enttäuschung?
210
:Ruth-Gaby Vermot [00:18:45]
Boah! Ja, wir waren enttäuscht.
211
:Wir saßen alle in unseren winzigen Büro.
Die Medien waren hier. Wir haben da auf
212
:den Bildschirm gestartet. Man hat auch Wetten
abgeschlossen. Wir waren ziemlich vorne. Wir
213
:waren wirklich sehr gespannt. Und als dann das
Nein kam und dann der Chef der Atombehörde,
214
:der IAEA, nominiert wurde statt
eine Frau oder die tausend Frauen,
215
:waren wir wirklich sehr enttäuscht. Eine Zeit
lang haben wir genommen, um zu überlegen,
216
:wollen wir weitermachen oder war es dann das?
Und dann hat es natürlich aus der ganzen Welt,
217
:aus dieser unglaublichen Anzahl von Frauen,
hat es geheißen, nein, wir machen weiter.
218
:Sandra Leis [00:19:31]
Ein wichtiger Schritt in
219
:diesem ganzen Friedensprozess oder
in den Bemühungen um Frieden ist ja
220
:die Resolution 1325 des UN-Sicherheitsrates.
tion, die stammt aus dem Jahr:
221
:also das ist ein Vierteljahrhundert
alt und hat verschiedene Forderungen,
222
:insbesondere eben auch, dass Frauen am
Verhandlungstisch sitzen sollen. Das ist
223
:explizit dort verlangt. Und trotzdem,
Sie haben es vorhin auch gesagt,
224
:wenn man die Realität anschaut, sitzen
Sie nicht am Verhandlungstisch. Warum?
225
:Ruth-Gaby Vermot [00:20:06]
Die Männer machen Krieg und denken,
226
:sie können auch Frieden machen, und sie sind
auch die Verhandlungspartner der Staaten,
227
:die Friedensprozesse oder Friedensenden wollen. Da
sitzen Männer und verhandeln dann bereits schon.
228
:Und die Frauen müssen sich echt einmischen
und das ist eine Riesenarbeit, wenn man denkt,
229
:dass die Frauen ja diese Sorgearbeit
machen müssen, dann auch die politische
230
:Friedensarbeit machen wollen, weil sie das ganz
wichtig finden. Und da braucht es eben auch,
231
:wie wir in diesen Programmen, die wir in
verschiedenen Ländern haben, wie wir das
232
:grosse Netzwerk mit 50 Ländern haben.
Wo es wirklich um Friedensprozesse,
233
:Beteiligung an Friedensprozessen geht, wo es um
Frühwarnungen geht, wo es auch um Waffenstillstand
234
:usw. Eben um alle diese ganzen Prozesse,
die einen Friedensprozess eben beinhalten.
235
:Sandra Leis [00:21:07]
Also Papier ist geduldig,
236
:die Resolution ist eben 25 Jahre alt, 26
jetzt sogar, und damals hat man gesagt,
237
:das ist jetzt ein Meilenstein, das stimmt aber
eigentlich nicht, wenn man ganz ehrlich ist.
238
:Ruth-Gaby Vermot [00:21:21]
Ich möchte einfach auch nicht in Bausch und Bogen
239
:diese Resolution 1325 verurteilen. Ich denke, wir
sind wieder die Frauenorganisationen weltweit.
240
:Wir halten sie auch ein bisschen hoch, aber sie
hat natürlich einen grundlegenden Fehler. Sie gibt
241
:kein Geld. Wenn die Frauen Friedensarbeit
leisten sollen, wenn sie beteiligt sind,
242
:wenn sie an den Friedensverhandlungen teilnehmen.
. . Aber auch dann eben die letzte Phase umsetzen,
243
:nämlich alles, was da entschieden wird an den
Friedensverhandlungen, muss ja umgesetzt werden.
244
:Sandra Leis [00:21:56]
Und braucht Geld, wie Sie sagen.
245
:Ruth-Gaby Vermot [00:21:58]
Und das braucht ja Geld. Und
246
:das ist nirgendwo verankert, dass es eben
auch Geld braucht. Und daran scheitert
247
:natürlich dann viel. Wenn wir immer betteln
müssen, wenn wir immer von Donor zu Donor,
248
:von Finanzgeberin zu Finanzgeber rennen müssen,
dann wird auch unglaublich viel Zeit absorbiert,
249
:die wir dann eben nicht haben
für die Friedensverhandlungen.
250
:Sandra Leis [00:22:22]
Ja, das ist ein Argument.
251
:Ruth-Gaby Vermot, Papst Leo XIV. Er hält
den Frieden hoch. Es ist ihm ganz wichtig,
252
:wie auch seinem Vorgänger Franziskus.
Was versprechen Sie sich von ihm,
253
:von dieser Figur, die ja
weltweite Ausstrahlung hat?
254
:Ruth-Gaby Vermot [00:22:47]
Er ist ja eigentlich der Einzige,
255
:der diese Ausstrahlung im Moment hat, natürlich
gibt es vielleicht noch andere. Aber ich hoffe,
256
:dass er noch lauter wird und deutlicher und
nachhaltiger und sich wirklich dem Frieden
257
:jetzt verschreibt. Das wäre eine unglaubliche
Hilfe und dass er zum Beispiel auch versucht,
258
:jetzt gerade in der Ukraine mit dem
religiösen Führer in Russland zu reden.
259
:Sandra Leis [00:23:12]
Dem Patriarchen Kyrill I.
260
:Ruth-Gaby Vermot [00:23:14]
Den Patriarchen von Russland,
261
:dass er mit ihm redet, das ist ja sein
Partner eigentlich einer anderen Religion,
262
:und ich denke, das wäre jetzt
wirklich ein ganz mutiger Schritt,
263
:und den müsste er jetzt machen.
Also ich erwarte das auch von ihm.
264
:Sandra Leis [00:23:29]
Vielleicht kommt der Schritt ja noch.
265
:Ruth-Gaby Vermot [00:23:32]
Also er muss ja nicht morgen gehen,
266
:aber er muss übermorgen gehen und das ziemlich
ernst nehmen und auch seine. . . Weil die
267
:Diplomatie und die Gespräche, die Dialoge,
man kann nur so Frieden schaffen. Wir haben
268
:ja keine anderen Möglichkeiten als zu reden,
als zu überzeugen, als verhandeln. Und das
269
:machen ja die Frauen. Darum ist es auch immer so
schwierig zu sagen, ja was machen wir eigentlich?
270
:Wir lernen zu dialogisieren, wir lernen
zu verhandeln, die Rechte kennen, die zu
271
:diesen Verhandlungen führen. Wir diskutieren die
Bedürfnisse, die in die Friedensprozesse gehen.
272
:Es ist einfach ein langes, andauerndes Gespräch,
das aber eben auch organisiert, geführt, und die
273
:Folgen davon, oder dass die Resultate, die müssen
dann wieder in die Bevölkerung getragen werden,
274
:die Resultate müssen dann auch in die Regierungen
getragen werden. Wir müssen ja die Regierungen
275
:überzeugen, dass sie handeln. Dass aber die
Frauen einbezogen sind in diesem Handeln.
276
:Sandra Leis [00:24:36]
Glauben Sie, dass Papst
277
:Leo XIV auch der Meinung ist,
dass es ganz wichtig ist,
278
:dass Frauen im Friedensprozess engagiert
sind, und zwar aktiv? Trauen Sie ihm das zu?
279
:Ruth-Gaby Vermot [00:24:47]
Ich hoffe, dass er das weiß,
280
:dass die Frauen mitverhandeln müssen. Und diese
sehr langsame Entwicklung, dass Frauen in der
281
:Kirche doch auch etwas zu sagen haben, die viel zu
langsame Entwicklung, könnte ja dazu führen, dass
282
:gerade Papst Leo sagt, aber an Friedensprozessen,
in meinen Gesprächen, Dialogen mit den
283
:verfeindeten Kriegsparteien müssen vor allem auch
Frauen dabei sein. Das hoffe ich schon, also das
284
:muss er machen, sonst ist der Friede wieder nur
ein männlicher Friede, und der ist nur halb.
285
:Sandra Leis [00:25:28]
Sie gehören ja zu den ganz
286
:prominenten Katholikinnen der Schweiz.
:
287
:Schweizerinnen aus der römisch-katholischen
Kirche ausgetreten. Das fast zum Überlaufen
288
:gebracht hatte damals eine Äußerung von
Papst Franziskus, nämlich er hat gesagt,
289
:dass Abtreibung Auftragsmord sei. In der Zeitung
«Der Bund» hier in Bern haben Sie nach Ihrem
290
:Austritt gesagt, Ihr Glaube existiere auch ohne
die Institution Kirche. Ist das bis heute so?
291
:Ruth-Gaby Vermot [00:26:02]
Es ist so ein bisschen schwierig,
292
:über Glauben zu reden, weil ich denke,
ich bin eigentlich eine Realistin. Ich
293
:arbeite mit Frauen, ich arbeite mit
Flüchtlingen, ich arbeite mit Menschen,
294
:die in wirklich schwierigen Situationen
sind. Dass diese Welt eine bessere Welt
295
:werden soll, muss, das ist eigentlich meine
Überzeugung. Dass da irgendwo eine Macht ist,
296
:mit der kann ich leben, aber ich bin eigentlich
eine realistische Friedensarbeiterin.
297
:Sandra Leis [00:26:38]
In diesem Artikel im Bund,
298
:den ich vorhin gerade erwähnt habe, wurde auch
gefragt, ja, suchen Sie denn nicht den Dialog,
299
:wegen dem Austritt, also mit Gläubigen oder
mit Priestern, und da haben Sie gesagt,
300
:nein, Dialog bringt da nichts. Aber Sie sind
doch die Person, die immer für Dialog ist,
301
:aber in der römisch-katholischen Kirche
wollten Sie ihn nicht mehr haben.
302
:Ruth-Gaby Vermot [00:26:59]
Ich wollte gar nicht mit der
303
:römisch-katholischen Kirche verhandeln, weil
ich fand, ich bin ja, mein Mann war Priester,
304
:und das war eine grausame Erfahrung, wie er da von
der Kirche einfach auch behandelt wurde. Das hat
305
:ihn sein Leben lang geprägt, das war auch eine
schwierige, schwierige Situation. Und ich hatte
306
:andere Ziele. Ich hatte Ziele, Friedensprozesse zu
begleiten, Friedenprozesse mitzutragen mit Frauen
307
:in verschiedenen Kriegsländern. Das war eigentlich
mein Ziel. Das haben andere gemacht, die haben den
308
:Dialog gesucht mit der Kirche, und das fand ich
eine sehr gute Lösung. Aber es war nicht mein Weg.
309
:Sandra Leis [00:27:42]
Die Organisation Peace
310
:Women Across the Globe hat jetzt nach 20
Jahren eine neue Präsidentin. Sie sind
311
:zurückgetreten erst kürzlich Anfang Mai. Was
machen Sie jetzt mit der neu gewonnenen Zeit?
312
:Ruth-Gaby Vermot [00:27:58]
Ich habe, glaube ich,
313
:nicht viel Zeit neu gewonnen.
314
:Sandra Leis [00:28:00]
Nein, nicht?
315
:Ruth-Gaby Vermot [00:28:02]
Sie ist schon wieder ausgebucht. Nein,
316
:ich bin noch in zwei anderen Organisationen.
Ich habe das Präsidium, eine Organisation,
317
:die sich mit Asyl- und Ausländerrecht befasst.
Wir sind eine kleine Organisation, aber wir
318
:möchten doch die Situation von geflüchteten
Menschen in der Schweiz verbessern, verändern.
319
:Die politische Situation ist schwierig. Das ist
sehr, sehr schwierig, ist auch unmenschlich zum
320
:Teil für geflüchtete Menschen, und da werde ich
mich weiterhin damit befassen und engagieren.
321
:Aber ich bleibe natürlich den Friedensfrauen
weltweit treu und ich bin auch jetzt noch
322
:engagiert in verschiedenen Vorträgen, das liebe
ich, ich mache das gern, ich erzähle gerne,
323
:was wir machen, ich erzähle gerne die
Geschichten von Hatiza S., der Bosnierin,
324
:die sagt, wir haben die Menschen des Krieges
in Bosnien noch nicht begraben. Solange können
325
:wir nicht Frieden haben, solange wir die
Menschen nicht begraben. Dann schauen wir
326
:zurück in den Krieg und nicht vorwärts in den
Frieden. Und da gibt es noch soviel zu tun und
327
:soviel zu diskutieren und soviel auch zu
erklären, wie schwierig Friedensprozesse
328
:sind. Und daran werde ich natürlich
weiterarbeiten. Ich habe noch Energie.
329
:Sandra Leis [00:29:23]
Das spüre ich. Ruth-Gaby Vermot,
330
:vielen Dank für Ihre Ausführungen
und alles Gute für Ihre Zukunft.
331
:Ruth-Gaby Vermot [00:29:31]
Ich danke Ihnen.
332
:Sandra Leis [00:29:36]
Das ist die 71. Folge des
333
:Podcasts «Laut + Leis». Zu Gast war Ruth-Gaby
Vermot. Die ehemalige National- und Europarätin
334
:war Gründerin und Präsidentin von Peace Women
Across the Globe. Über Feedback freuen wir uns:
335
:Schreibt gerne per Mail an [email protected]
oder per WhatsApp auf die Nummer 078 251 67 83.
336
:Und: Abonniert den Podcast und bewertet
ihn positiv, wenn er euch gefällt.
337
:Gast in der nächsten Folge von «Laut +
Leis» ist Thomas Münch. Der katholische
338
:Theologe arbeitete während der letzten Jahre
an der evangelisch-reformierten Predigerkirche
339
:in Zürich. Ein Unikum in der hiesigen
Kirchenlandschaft. Wir sprechen über geglückte
340
:und missratene Ökumene und fragen, weshalb die
Ökumene im Vatikan einen schweren Stand hat.
341
:Und: Wir schauen zurück auf Münchs Studentenzeit
in Tübingen, wo er die Auseinandersetzungen um
342
:Hans Küng miterlebt hat. Bis in zwei Wochen
– und bleibt laut und manchmal auch leise.