Der Jahreswechsel liegt ein paar Tage zurück: Vielleicht sind Vorsätze gefasst, und bestimmt hat der eine oder die andere einen Neustart geplant für das Jahr 2024. Eine, die weiss, was es heisst, immer wieder neu anzufangen, ist die katholische Theologin Simone Dollinger von Mission 21. Sie hat die vergangenen neun Jahre zusammen mit ihrer Familie in Bolivien und Costa Rica gelebt und gearbeitet.
Themen dieser Folge sind:
Es braucht einerseits einfach ein bisschen Vertrauen, dass es schon gut kommt und dass man ja nicht alleine ist in diesen neuen Neuanfängen. Es gibt immer auch andere Menschen, die da sind, die man fragen kann. Ich habe wahnsinnig viel auch gefragt am Anfang, weil man halt einfach nicht weiß, wie es funktioniert. Ich glaube, das ist, das ist wichtig. Diese Offenheit auch zu haben, dass mal was schieflaufen kann oder auch, dass es vielleicht einfach zwei oder drei Anläufe braucht, bis es so ist, wie man es sich wünscht.
Sandra Leis [:Das ist der Podcast «Laut + Leis». Der Jahreswechsel liegt gerade hinter uns. Vielleicht sind es Vorsätze Gefasst und bestimmt hat der eine oder die andere einen Neustart geplant für das Jahr 2024. Ich bin Sandra Leis und spreche in dieser Folge mit der katholischen Theologin Simone Dollinger über Abschied und Neuanfang. Sie hat die vergangenen neun Jahre zusammen mit ihrer Familie in Bolivien und Costa Rica gelebt und gearbeitet und ist nun wieder zurück in der Schweiz. Hier arbeitet sie als Programmverantwortliche Lateinamerika für die Bereiche Bildung, Religion und Entwicklung bei Mission 21. Der Hauptsitz befindet sich in Basel im Historischen Missionshaus der Basler Mission, wo wir uns auch treffen. Simone Dollinger, herzlich willkommen zu unserem Gespräch. Sie sind zurück in der Schweiz. Haben Sie Weihnachten dieses Jahr unter einem Christbaum gefeiert? Ich meine jetzt unter einem echten Christbaum.
Simone Dollinger [:Ja, tatsächlich haben wir dieses Jahr unter einem richtigen Christbaum gefeiert. Den habe ich im Dezember mit meinem Vater geholt, beim Kapelle in Therwil in der Nähe, wo wir jetzt wohnen.
Sandra Leis [:Ich frage, weil ich in Ihren Newslettern aus Bolivien und Costa Rica gelesen habe, dass dieses Beschaffen eines Christbaum gar nicht so einfach ist. Worum ging es damals?
Simone Dollinger [:In Bolivien ging es darum, dass es ja gar keine Bäume mehr hat auf dieser Höhe in La Paz. Da ist man ja fast auf 4000 Meter Höhe. Dann war es für uns wie keine Frage, dass man da einen richtigen Christbaum besorgt. Es gab auch einfach keine. Und in Costa Rica ist es auch nicht so einfach, einen Baum zu holen. Und wir haben uns dann für einen Baum entschieden, aus recyceltem Plastik, was wir irgendwie besser fanden.
Sandra Leis [:Simone Dollinger blenden wir jetzt zehn Jahre zurück. Vor zehn Jahren haben Sie sich gemeinsam mit Ihrem Mann entschieden, einen Auslandseinsatz zu leisten als in Bolivien. Sie haben sich für Bolivien entschieden. Was war der Auslöser, sich auf dieses Abenteuer einzulassen?
Simone Dollinger [:Der Auslöser war eigentlich, dass wir als Paar schon länger für uns überlegt haben Wo können wir uns engagieren? Auch gemeinsam. Und mein Mann kommt ursprünglich aus Lateinamerika, aus Guatemala. Und da wollten wir nochmals zurück nach Lateinamerika und etwas auch von dem, was wir lernen durften, zurückgeben und auch selber lernen von den Menschen vor Ort.
Sandra Leis [:Er hat, wie Sie mir im Vorgespräch gesagt haben, in Fribourg in der Schweiz strukturiert. Das heisst, er kannte die Schweiz auch.
Simone Dollinger [:Ja, genau, Wir haben es gemeinsam entschieden und auch erst, nachdem wir hier in der Schweiz auch gemeinsam gelebt haben. Als Paar und auch als Familie. Und es war dann auch für meinen Mann eine fremde Erfahrung in Bolivien. Vielleicht noch mehr als in Costa Rica, weil die Kultur doch sehr anders ist in Bolivien als jetzt in Zentralamerika.
Sandra Leis [:Also ein grosser Unterschied, sagen sie. Ja und was mich schon noch Wunder nimmt, das ist ja einerseits natürlich ein grosses Abenteuer nach Lateinamerika zu ziehen, dort zu arbeiten und gleichzeitig wir haben gesagt Ja, meine Familie, sie hat noch eine gemeinsame Tochter, da muss man sich ein Stück weit auch finanziell absichern, weil in Lateinamerika haben sie ja meinen lokalen Lohn bekommen, nehme ich jetzt an?
Simone Dollinger [:Ja, genau, mit den beiden Partnerorganisationen, mit denen wir ausgereist sind, zuerst Commundo und dann der Mission 21 hatten wir einen lokalen Lohn. Das bedeutet auch, dass man seinen Lebensstil an die lokalen Verhältnisse auch anpasst. Aber man hat natürlich auch gewisse Sicherheiten. Die Leute vor Ort, so wie wir es hatten, nicht haben mit den Sozialversicherungen, mit einer Krankenkasse. Also es ist Abenteuer oder eine gewisse Einschränkung, gerade auch wenn es um die Altersvorsorge geht.
Sandra Leis [:AHV und Pensionskasse.
Simone Dollinger [:Genau. Aber wir konnten trotzdem gut leben vor Ort. Das finde ich auch noch wichtig zu sagen.
Sandra Leis [:Ihr Auftraggeber war die katholische Bethlehem Mission in See für Bolivien, wo Sie ja zuerst waren. Was war da Ihr konkreter beruflicher Auftrag?
Simone Dollinger [:Mein Auftrag war eben am Anfang noch nicht so klar, weil der Einsatz war besser zugeschnitten für meinen Mann, der als Dozent an einem Institut für theologische Ausbildung arbeitete. Und ich habe mich dann so langsam eingearbeitet bei dieser selben Partnerorganisation und war dann eigentlich eine Unterstützung des Rektorats im Bereich des Projektmanagements. Aber auch dann bei der Umsetzung eines Diplomstudiengang habe ich angepackt, dort, wo es mich einfach gebraucht hat und wo ich mich einbringen konnte.
Sandra Leis [:Also Sie mussten sehr flexibel sein. Heißt das.
Simone Dollinger [:Ja. Am Anfang war hohe Flexibilität gefragt, auch Offenheit zu schauen, wo macht es Sinn, dass ich mich jetzt einbringe?
Sandra Leis [:Und wie war denn Ihr Start als Familie in La Paz? Das ist ja der Regierungssitz von Bolivien. Da haben Sie gelebt, die ersten vier Jahre.
Simone Dollinger [:Der Staat. Das war eine Herausforderung, würde ich sagen. Also wir wussten von Anfang an, dass die Partnerorganisation in einer Krise steckt. Und das hat man dann halt auch gemerkt, wie wir angekommen sind. Es war nicht ganz klar, wo wir jetzt untergebracht werden und wir waren dann in den ersten paar Wochen sehr auf uns alleine gestellt. Um zu schauen Wo wohnen wir jetzt? Wo kann Alma in die Kita gehen? All diese praktischen Fragen auch Wo kauft man ein? Welches Transportmittel benutzt man? Da waren wir ein bisschen orientierungslos.
Sandra Leis [:Gab es denn auch je Momente des Zweifels? Muss sie dachten Haben wir das Richtige gemacht? Hier sind wir richtig. Hier in Bolivien?
Simone Dollinger [:Ja, das gab es schon. Also, vor allem, als wir realisiert haben, dass es das ist, wie zu keiner Beruhigung kommt in dieser Institution. Und darum haben wir dann auch mit Kommando geschaut, ob es nicht sinnvoller ist, in einer anderen Partnerorganisation unseren Einsatz fortzuführen. Weil wir einfach daran gezweifelt haben, dass das nachhaltig ist, was wir da machen. Wenn wir immer so viele Übungen machen, sozusagen, dann, dann ist das zwar auch gut im Moment, aber es ist nicht die grundsätzliche Idee von solchen Einsätzen. Und das haben wir dann gemacht, haben wir die Partnerorganisation gewechselt.
Sandra Leis [:Nach vier Jahren war ja die vertraglich abgemachte Zeit vorbei. Sie hätten entweder zurück können in die Schweiz, aber offenbar hatten sie trotz dieser Schwierigkeiten, die sie bewältigen mussten, den Wunsch und den Willen, weiter in Lateinamerika bzw dann in Mittelamerika zu bleiben. Sie haben dann gewechselt nach Costa Rica. Warum haben Sie das gemacht?
Simone Dollinger [:Einerseits haben wir gemerkt, wir können wie noch mehr geben. Es war noch zu kurz, auch um diese interkulturelle Erfahrung auch jetzt mit Alma zu teilen. Sie war ja dann erst so sieben und wir haben einfach gedacht, es wäre schön, wenn sie auch noch mehr von dieser lateinamerikanischen Kultur mitbekommt und so richtig zweisprachig aufwächst. Und dann hat sich einfach eine Möglichkeit ergeben. Das haben wir so nicht geplant. Aber es gab diese Möglichkeit, nach Costa Rica zu gehen, wo wir beide biografische, sehr eng verbunden sind, weil wir uns dort kennengelernt haben.
Sandra Leis [:2001, wenn ich das richtig im Kopf habe.
Simone Dollinger [:Ja.
Sandra Leis [:Es ist schon ein Weilchen her.
Simone Dollinger [:Ja, genau. Und ich habe dort ja auch ein Jahr studiert an der Universidad Bíblica Latinoamericana (UBL). Und da haben wir gewusst, Ja, das stimmt, das ist genau das, was, was wir uns gewünscht haben, nochmals dorthin zurückgehen, wo unsere Geschichte auch als Paar angefangen hat.
Sandra Leis [:Mit dem Wechsel nach Costa Rica haben Sie auch die Organisation gewechselt. Neu waren Sie nämlich im Auftrag von Mission 21 unterwegs. Weshalb haben Sie als katholische Theologin sich für die Evangelische Mission 21 entschieden?
Simone Dollinger [:Ja, also ich bin schon sehr lange ökumenisch unterwegs. Schon als ich in Langendorf in der Pfarrei gearbeitet habe, war das in einem sehr ökumenischen Umfeld. Dort steht das erste Ökumenische Kirchen Zentrum der Schweiz und es war eigentlich nicht so wichtig, welche Organisation das jetzt ist für mich persönlich. Es war mehr die Stelle, die mich sehr angesprochen hat. Aber man muss auch dazu sagen Mit Mission 21 verbindet vor allem mein Mann schon eine längere Geschichte, weil er auch ein Stipendium hatte. Von Mission 21 in Costa Rica und in Bolivien haben wir in zwei Partnerorganisationen gearbeitet, die auch Partnerorganisation waren, von Mission 21, da gab es so Verbindungen, die irgendwie dann das ganz stimmig gemacht haben.
Sandra Leis [:Wie hat sich dann dieser Neuanfang in Costa Rica, Wie hat sich der unterschieden vom Staat in Bolivien? War das ähnlich heftig oder war es ganz anders?
Simone Dollinger [:Ja, das war ganz anders. Also das war viel entspannter, weil wir sehr große Unterstützung hatten von der Partnerorganisation.
Sandra Leis [:Von der Uni, von der Universität.
Simone Dollinger [:Ja, also mit der Wohnungssuche. Also weil das ist ja immer so, diese Unsicherheit. Man kommt und weiß eigentlich am Anfang noch nicht, wo wohnen wir dann? Wir waren untergebracht bei einer Dozentin und mussten aber dann schauen, dass wir in nützlicher Frist eine Wohnung finden und auch natürlich die Einrichtung. Und da hatten wir einfach wirklich tolle Unterstützung von der Universität mit diesen praktischen Dingen.
Sandra Leis [:In Ihrem allerersten Newsletter aus Costa Rica schreiben Sie, es sei eben ganz wichtig. Und diese Erfahrung haben Sie auch vorher schon gemacht, als Familie ein eigenes Zuhause zu haben. Und Sie haben das, wenn ich das richtig im Kopf habe, nach zwei Wochen dann gehabt. Warum ist das so essenziell?
Simone Dollinger [:Aus unserer Erfahrung? War es so, dass wir irgendwie so einen Rückzugsort gebraucht haben. Weil alles rundherum ist neu. Man muss sich sehr gut konzentrieren bei allen Informationen, die man bekommt. Zeit das jetzt bei der Arbeitszeit, das bei der Schule oder auch bei den administrativen Belangen wie Migrationsbehörde, Fingerabdrücke, all diese Dinge muss man im Kopf behalten und dann braucht man das. Familie irgendwie wie so ein Rückzugsort, wo man auch den Rhythmus selber bestimmen kann. Also wann essen wir, wann schlafen wir und solche ganz rudimentären Dinge? Das war für uns einfach zentral.
Sandra Leis [:Sie sind echt abenteuerlustig. Also wenn Sie das jedes Mal wieder neu machen, nach vier Jahren sich entscheiden, jetzt eben, wie Sie sagen, mit den Behörden auch da sich durchzukämpfen, das braucht schon auch eine große Willensstärke.
Simone Dollinger [:Es braucht wie. Also gerade wenn man als Familie geht, braucht es wie diese gemeinsame Entscheidung. Das machen wir jetzt und da nehmen wir alle mit. Und auch jetzt bei allem versuchten wir, sie so möglichst aktiv auch in diese Wechsel mit einzubeziehen. Das ist sehr wichtig, weil man weiß, die erste Phase ist sehr anstrengend. Also die ersten Tage, ich sage jetzt mal, die ersten drei Monate sind einfach sehr anstrengend und danach kommt es dann schon gut.
Sandra Leis [:Und wie hat sich denn Ihr beruflicher Alltag in Costa Rica verändert? Das war ja auch noch mal was Neues.
Simone Dollinger [:Ja, genau, das war eigentlich sehr anders, weil ich ja als Koordinatorin gearbeitet habe und nicht in einer Partnerorganisation direkt. Ich hatte zwar mein Büro in der Schule in der Universität, aber ich habe die Projekte begleitet von Mission 21 in Costa Rica, Peru, Bolivien und Chile. Und das war eine ganz andere Arbeit und musste mich da auch in so ganz technische Aspekte der Entwicklungszusammenarbeit einarbeiten, zum Beispiel in der Kommunikation. Also wie baue ich eine gute Kommunikation auf mit den Partnerorganisationen, weil ich ja auch Dinge kontrollieren muss zum Beispiel. Und da habe ich mit der Zeit auch gelernt, wie wie das besser geht, dass wir uns besser in einem virtuellen Treff, als dass wir uns treffen und nicht einfach Emails hin und her schreiben.
Sandra Leis [:Also Videokonferenzen.
Simone Dollinger [:Videokonferenz, dass wir eine Videokonferenz machen. Mit der Pandemie würde das ja dann sowieso selbstverständlich. Aber schon vorher war es ein bisschen Learning by doing, das schon.
Sandra Leis [:Sie haben gerade das Stichwort gebracht Corona Pandemie. Sie haben die in Costa Rica erlebt. Wie war das?
Simone Dollinger [:Ja, das war hart das, weil es war sehr lange und wir waren einfach sehr zurückgezogen mit unseren physischen Kontakten über lange Zeit, viel länger als jetzt in der Schweiz am besten. Vielleicht veranschaulichen mit unserer Tochter, die eigentlich zwei Jahre virtuellen Unterricht hatte. Das kann man sich irgendwie hier in der Schweiz gar nicht vorstellen.
Sandra Leis [:In Italien war es ähnlich lange, aber für die Schweiz unvorstellbar.
Simone Dollinger [:Genau. Ja, man muss denken, wir waren zwei Jahre in Costa Rica und dann hat das angefangen und so nach zwei Jahren haben wir. Es ist auch nicht so einfach, in Costa Rica so Freundschaften zu knüpfen, jetzt außerhalb von der Universität. Und es hat gerade so ein bisschen angefangen mit gewissen Familien, dass wir uns getroffen haben. Und dann war das irgendwie plötzlich vorbei. Das hat man schon gemerkt. Das kommt mir nachher nicht wieder so einfach aufholen, diese zwei Jahre.
Sandra Leis [:Was war schwierig in Costa Rica, um Bekanntschaften zu machen? Sie sagten vorhin, es sei gar nicht so einfach.
Simone Dollinger [:Vielleicht nicht so, wie wir uns das so vorstellen, dass man zum Beispiel andere Familien zu sich nach Hause einlädt oder umgekehrt. Das ist zum Beispiel in Costa Rica eher unüblich. Man trifft sich nicht im privaten Raum, sondern wenn, dann vielleicht an einem Geburtstagsfest. Aber das ist dann nicht zu Hause, sondern irgendwo an einem bestimmten Ort. Und klar, während der Pandemie haben die Leute dann schon wieder angefangen sich zu zu treffen. Aber eben in den in den Familien. Da haben wir immer ein bisschen neidisch da links und rechts bei unseren Nachbarn geschaut, wo die haben jetzt besuchen, Wir haben keinen Besuch. Aber das war natürlich hat die Großeltern zum Beispiel. Und ja, das haben wir sehr vermisst.
Sandra Leis [:Und schließlich war ja dann auch die ihre Zeit in Costa Rica zu Ende. Eine Verlängerung war nicht mehr möglich. Sie haben schon ein bisschen verlängert, aber mehr Waren war nicht mehr möglich. Haben Sie sich da auch mal überlegt, noch in ein anderes Land zu ziehen und dort tätig zu sein? Oder war für Sie und Ihre Familie klar, dass Sie jetzt, nach diesen neun Jahren in die Schweiz zurückkehren wollen?
Simone Dollinger [:Es war dann klar für uns, dass wir zurückkehren. Also vor allem auch, weil wegen meiner Familie hier in der Schweiz. Wir wollten wieder näher bei meinen Eltern sein und dann auch wegen Alma. Mit der Schule haben wir dann doch gefunden. Das jetzt ist noch ein guter Zeitpunkt, wo sie zurück ins Schweizer Schulsystem kann. Ja, und dann gibt es auch noch finanzielle Aspekte, die man bedenken muss, so mit der Pensionskasse und auch auf Das wäre dann auch eher kritisch geworden, wenn wir noch länger geblieben wären.
Sandra Leis [:Das heißt, Sie sind wieder vor einem Abschied gestanden und in Ihrem letzten Newsletter aus Costa Rica haben Sie geschrieben, dass Ihnen eine Freundin geraten hat, nochmals einen Lieblingsort in Costa Rica aufzusuchen. Und dann sind Sie so beschreiben Sie ist mit Ihrer Familie an die Karibik gereist. Weshalb war das wichtig für Sie?
Simone Dollinger [:Es war im April 2000 und 23 und das war, bevor der ganze Stress angefangen hat. Wir haben einfach gewusst, wir müssen nochmals dorthin, das noch mal so geniessen, wie wir das in den Jahren, wo es möglich war, auch gemacht haben. Wir sind nicht so viel herumgereist eigentlich in in Costa Rica, auch wegen der Pandemie natürlich. Aber wir sind immer wieder an diesen Ort gereist, nach der Karibik und konnten uns dort einfach sehr gut erholen.
Sandra Leis [:Also war das ein guter Rat dieser Freundin?
Simone Dollinger [:Ja, ich finde schon, weil nachher. Also die letzte Phase ist so hektisch, dass man irgendwie gar nicht mehr so Zeit hat zum Abschiednehmen. Also der Abschied hat beim Auto, vor allem auch bei mir, hat der früher begonnen, also mit der Entscheidung, dann zurückzukommen und wirklich noch diese Dinge zu geniessen, die wir so geschätzt haben. Auch in Costa Rica. Ja, und nachher gab es keine Zeit mehr. Ja, man muss denken, man muss einen Haushalt auflösen und man muss alles Mögliche auflösen. Man muss das Bankkonto auflösen, alle Haushaltsgegenstände verschenken oder verkaufen. Und das braucht einfach wahnsinnig viel Energie und Zeit.
Sandra Leis [:Abschied und Neuanfang darin sind Sie Simone Dollinger, mittlerweile Expertin. Worauf sollte man bei solchen Übergängen im Leben ganz besonders achten?
Simone Dollinger [:Ich denke, es ist wichtig, gerade wenn man diese Übergänge mit anderen zusammen macht, viel darüber zu reden, also auch gerade mit Kindern und Jugendlichen, dass sie da wie Teil davon sind und auch etwas mitbestimmen können, wie ein Abschied aussehen soll. Also jetzt Unsere Tochter wollte unbedingt noch mit ihren Freundinnen an einen bestimmten, an einen bestimmten Ort gehen und das sind einfach so Momente, wo das Abschiednehmen nachher nicht mehr so schwerfällt, weil es den Raum dafür gab. Ja das und vielleicht etwas Plattes. Aber für mich war es wichtig, auch administrativ das einfach gut abzuschließen, dass man nicht noch so Altlasten mitnimmt. Jetzt für uns in die Schweiz, weil wir ja wussten, hier beginnt es ja gerade wieder. Wir müssen ja dann wieder schauen und auch anmelden und Wohnung und alles. Also dass man das Abschließen auch gut, gut macht auf einer administrativen Ebene.
Sandra Leis [:Und wie haben Sie das als Paar gelöst? Sie haben vorhin gesagt, die Kinder gut einbeziehen, dass in Ihrem Fall jetzt die Tochter. Sie ist ja mittlerweile 13, also auch ein Teenager, der auch mitreden will, das ist klar. Aber ich könnte mir vorstellen, dass man auch als Paar das nicht auf die genau gleiche Weise macht. Ein Abschied und Neubeginn. Oder sind Sie da immer sehr synchron unterwegs, Sie und Ihr Mann?
Simone Dollinger [:Nein, nein. Wir waren da ziemlich anders unterwegs. Also, ich habe mir viel mehr Sorgen gemacht, ob wir das dann alles schaffen bis am Schluss. Und habe mir Pläne gemacht und geschaut, Warum müssen wir damit was beginnen? Und mein Mann hat erst die Heirat, das kommt dann schon gut. Und dann die Sachen, die kommen dann schon weg. Und ich glaube, es war wie die Kombination von beidem, die dann dazu geführt hat, dass wir gut Abschiednehmen konnten. Ja, ja.
Sandra Leis [:Haben Sie einen Tipp für Menschen, die Schwierigkeiten haben mit Neuanfängen? Wie kann man die Angst vor Neuem überwinden?
Simone Dollinger [:Ja, das ist eine gute Frage. Ich denke, es braucht einerseits einfach ein bisschen Vertrauen, dass es schon gut kommt und dass man ja nicht alleine ist in diesen neuen Neuanfängen. Es gibt immer auch andere Menschen, die da sind, die man fragen kann. Also ich habe wahnsinnig viel auch gefragt am Anfang, weil man halt einfach nicht weiß, wie es funktioniert. Ich glaube, das ist, das ist wichtig. Diese Offenheit auch zu haben, dass mal was schieflaufen kann oder auch, dass es vielleicht einfach zwei oder drei Anläufe braucht, bis es so ist, wie man es sich wünscht.
Sandra Leis [:Das heißt, es braucht noch ein bisschen Geduld.
Simone Dollinger [: Sandra Leis [:Jetzt sind Sie wieder in der Schweiz und leben hier im Kanton Basel Landschaft. Fühlen Sie sich schon heimisch oder eher noch ein bisschen fremd?
Simone Dollinger [:Ich fühle mich eigentlich schon recht heimisch hier. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich hier aufgewachsen bin und anknüpfen kann an einer Geschichte hier und auch an Beziehungen. Das ist sehr schön. Natürlich, die Familie, die erweiterte Familie leben viele hier in der Region, aber auch Freundinnen aus der Zeit des Gymnasiums, die hier geblieben sind oder vielleicht auch gegangen sind und wieder zurückgekommen sind. Das hilft extrem, um hier wieder anzukommen. Und ich komme sehr gerne nach Basel, in die Stadt. Das ist so etwas ganz Vertrautes, eigentlich schon von früher her.
Sandra Leis [:Und wie ist es denn für Ihren Mann und Ihre Tochter? Für die ist es ja schon was Neues, jetzt hier zu leben. Im Kanton Baselland.
Simone Dollinger [: Sandra Leis [:Und Sie beide haben jetzt ja auch wieder Arbeit hier. Das ist ja auch immer noch ein wichtiger Punkt, dass man auch beruflich wieder Fuß fassen kann.
Simone Dollinger [:Das war natürlich eigentlich sehr hilfreich für diesen Übergang, das muss man schon sagen, gerade bei mir. Ich arbeite ja weiterhin bei Mission 21 und dann ist mir der Abschied von den Partnerorganisationen eigentlich nicht so schwergefallen, weil ich ja weiterhin mit ihnen in Kontakt bin und die Begleitung weiterführe. Ich denke, es ist schon noch mal anders. Wenn man wirklich ein Schnitt macht und eine ganz andere Arbeit dann aufnimmt.
Sandra Leis [:Und zum Schluss noch eine persönliche Frage Bei all diesen Wechsel und Neuanfängen, die Sie erlebt haben wo und wie finden Sie Ihre spirituelle Heimat?
Simone Dollinger [:Was für mich immer wichtig gewesen sind, sind die Rituale während der Adventszeit zum Beispiel oder Weihnachten. Die habe ich sowohl in Bolivien als auch in Costa Rica als auch jetzt hier wieder. Im Baskenland habe ich die einfach für mich gemacht. Und auch das Singen von Liedern, die mir wichtig sind, und die, die mich durch diese Wechsel getragen haben.
Sandra Leis [:Vielen Dank, Simone Dollinger, für dieses Gespräch, für diese Einblicke in Ihr abwechslungsreiches Leben und Ihre Arbeit.
Simone Dollinger [:Vielen Dank!
Sandra Leis [:Abschied und Neuanfang darüber haben wir in der 16. Folge des Podcasts «Laut + Leis» gesprochen. Zu Gast war die katholische Theologin Simone Dollinger. Sie arbeitet bei Mission 21 und hat zusammen mit ihrer Familie neun Jahre in Bolivien und Costa Rica gelebt. Wenn Ihr, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, uns Feedback geben wollt, bitte per Mail an [email protected] oder per WhatsApp auf die Nummer 0782516783. Und damit ihr immer auf dem Laufenden seid, abonniert gerne den Podcast In der nächsten Folge von «Laut + Leis» spreche ich mit Jörg Berger über sein neues Buch mit dem Titel «Die Anti-Erschöpfungsstrategie». Meine Kernfrage lautet: Warum sind insbesondere auch Christinnen und Christen gefährdet, in eine Erschöpfung zu fallen? Und welche Strategien helfen wieder raus? Bis in zwei Wochen. Und bleibt laut und manchmal auch leise.