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Martin Föhn: «Das grösste Geschenk, das wir Jesuiten der Kirche geben können, sind die Exerzitien»
Episode 5526th September 2025 • Laut + Leis • kath.ch
00:00:00 00:32:08

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Shownotes

Der umtriebige Jesuit hat in Basel fünf Jahre lang den Bereich Spiritualität und Bildung verantwortet. Vor wenigen Tagen hat Martin Föhn Basel verlassen, um in den USA die letzte Ausbildungsstufe der Jesuiten zu absolvieren. Ein Blick zurück und nach vorne.

Die Themen dieser Folge:

  • Nach fünf Jahren in Basel: Worauf ist er besonders stolz?
  • Basel ist urban und weitgehend säkular: Wo ist Martin Föhn an Grenzen gestossen?
  • Vom Bauernsohn zum Priester: Was waren die Beweggründe?
  • Eintritt in den Jesuitenorden: Weshalb hat sich Martin Föhn gerade für diesen Orden entschieden?
  • Für die Jesuiten sind geistliche Exerzitien zentral: Was ist der Kerngedanke?
  • Ein grosses Anliegen ist Martin Föhn das Gebet: Weshalb fällt es heute vielen Menschen schwer, ins Gebet zu finden?
  • Den Podcast «einfach beten!» hat er mitentwickelt: Wie betet er persönlich?
  • Martin Föhn übt auch Kritik an der Kirche: Was wünscht er ihr?
  • Heute leben in der Schweiz noch knapp dreissig Jesuiten: Welche Rolle können sie in der römisch-katholischen Kirche spielen?

Transcripts

Martin Föhn [:

Ich glaube, die Kirche hat ganz viele Antworten oder auch gute Konzepte respektive der Glaube gibt ganz viele Antworten auf viele Sehnsüchte der heutigen Zeit. Aber ich habe manchmal das Gefühl, unsere Worte oder unsere Sprache schrammt wie an den Leuten vorbei. Unsere Bilder kommen wie bei den Leuten nicht an, also sie verstehen sie wie nicht mehr. Und da glaube ich schon, dass wir wie eine neue Sprache auch finden müssen oder wieder auch zuhören zu den Leuten, bevor wir Antwort geben, also zuerst einmal hinhören.

Sandra Leis [:

Das sagt Martin Föhn. Der Jesuit und Priester hat in Basel den Bereich Bildung und Spiritualität verantwortet und war Superior der hiesigen Jesuiten-Kommunität. Ich sage ganz bewusst «war», denn wenn ihr diese Folge von «Laut + Leis» hört, ist Martin Föhn bereits in Portland in den USA. Ich bin Sandra Leis und treffe Martin Föhn kurz vor seiner Abreise in der katholischen Universitätsgemeinde in Basel. Martin Föhn, herzlich willkommen und danke, dass Sie sich vor dem Abflug noch Zeit nehmen für dieses Gespräch.

Martin Föhn [:

Vielen Dank ebenso und sehr gerne.

Sandra Leis [:

Nach fünf Jahren in Basel ziehen Sie weiter in die USA. Sind Ihnen Basel und die Schweiz zu eng geworden?

Martin Föhn [:

Nein, das würde ich nicht so sagen, nein. Nein, es gehört zur Ausbildung als Jesuit, dass wir das sogenannte Terziat machen, dieses dritte Jahr. Es ist wie so ein bisschen der Abschluss der Ausbildung und es gehört zum Jesuiten eben dazu. Es ist noch einmal eine Persönlichkeits- und spirituelle Bildung im Prinzip, und die findet eben bei mir jetzt in Portland statt.

Sandra Leis [:

Genau, es ist die dritte Stufe der Ausbildung, und Sie machen die ausgerechnet in den USA, wo Präsident Donald Trump auch viel Unheil anrichtet. Stört Sie das nicht?

Martin Föhn [:

Na ja, als ich das ausgewählt habe, war es noch nicht ganz so schlimm, es ist schon länger her jetzt, aber ich finde es halt auch spannend, es ist interessant. Und ich freue mich darauf, mit den Menschen dort ins Gespräch zu kommen auch darüber und die Atmosphäre im Land selbst kennenzulernen.

Sandra Leis [:

Hier in Basel waren Sie auch aktiv in der Klimabewegung. Werden Sie sich in den USA auch politisch engagieren, also z.B. in der Klimapolitik oder Migrationspolitik?

Martin Föhn [:

Das ist im Moment so nicht vorgesehen, weil es wirklich eine Zeit ist für mich nochmal. Also eine Zeit, das ist ein Zurückschauen auf die Zeit, die ich jetzt im Orden bin. Es ist noch einmal die Gründerdokumente lesen, noch einmal ein bisschen Vertiefung wirklich. Und es geht nicht darum, dass ich jetzt dort arbeite, sondern es ist eine Ausbildungszeit.

Sandra Leis [:

Schauen wir zurück auf Ihren Lebensweg. Heute sind Sie 43 Jahre alt. Aufgewachsen sind Sie auf einem Bauernhof im Muotatal im Kanton Schwyz. Gibt es ein Kindheitserlebnis, das Ihren Glauben geprägt hat?

Martin Föhn [:

Eines, ich glaube es waren viele. Also ich bin sehr traditionell katholisch aufgewachsen, der Glaube und das auch in die Kirche gehen gehörten einfach dazu. Meine Großeltern haben jeden Abend Rosenkranz gebetet, und in diesem Milieu bin ich aufgewachsen, und mir hat es auch immer gefallen so. Und vielleicht was mich besonders so geprägt hat, war schon so eine persönliche Gottesbeziehung, würde ich sagen, schon als Kind, dass ich mit Gott wie mit einem Freund gesprochen habe, mit Christus unterwegs war. Im Alltag so. Und da so ein Gespür, dass da etwas ist, was mir auch irgendwie antwortet.

Sandra Leis [:

Nach der Sekundarschule haben Sie eine Ausbildung gemacht als Landwirt, also eine Lehre, und dann später haben Sie in Luzern Religionspädagogik studiert. Weshalb dieser Wechsel?

Martin Föhn [:

Ich hatte schon als Kind oder auch als Jugendlicher die Idee, Theologie zu studieren und vielleicht Priester zu werden, die war irgendwie immer da.

Sandra Leis [:

Ach schon, als Kind.

Martin Föhn [:

Die war schon als Kind da. Die hat mich nie ganz verlassen. Doch in mir war immer schon das Gefühl, dass das Theologiestudium zu komplex ist, zu kompliziert ist. Mein Urgrossvater hat angefangen zu studieren, also Anfang des 20. Jahrhunderts, mit der Idee, Priester zu werden. Er hatte einen Nervenzusammenbruch.

Sandra Leis [:

Schlechtes Beispiel.

Martin Föhn [:

Ja. Zumindest war das für mich so in meinem Kopf. Wenn du Theologie studierst, kommt das vielleicht nicht gut. Und ja, darum habe ich zuerst Landwirt auch gelernt. Aber habe eigentlich immer gemerkt, ja, ich möchte irgendwie noch was anderes machen. Und dann hat mein jüngerer Bruder auch gesagt, er hätte Interesse daran, Landwirt zu machen und den Hof zu übernehmen. Und dann habe ich gesagt, gut, dann kann ich etwas anderes machen!

Sandra Leis [:

Dann sind sie nach Luzern und haben Religionspädagogik studiert.

Martin Föhn [:

Vorher noch, ich habe noch einen kleinen Zwischenschritt gemacht, das sage ich nicht immer, ich war noch in Südamerika, weil ich gedacht habe, es sei so. . .

Sandra Leis [:

In Peru habe ich gelesen.

Martin Föhn [:

Genau, so Missionshilfe oder Entwicklungshilfe, das wäre etwas. Und habe dann gemerkt, nein, das ist mir zu fremd. Und deswegen bin ich zurückgekommen und dann kam wieder die Idee Theologie. Dann habe ich gesagt, nein zuerst etwas Praktischeres und darum Religionspädagogik.

Sandra Leis [:

Und dann haben Sie ein Praktikum gemacht, also anstelle von Peru war es dann Zürich-Schwammendingen. Und da habe ich ein interessantes Statement von ihnen gelesen, das Sie in einem Interview gesagt haben. Sie sagten damals: «Ich wollte den Schwammendinger Jugendlichen das Reich Gottes verkünden, doch sie wollten davon nichts wissen.» Was ist schiefgelaufen?

Martin Föhn [:

Schiefgelaufen, ja. Ich war voller Idealismus und hatte das Gefühl, damals war ich 21 und hatte das Gefühl, ich bin jetzt der Superhero, doch die Jugendlichen haben mich da eines anderen belehrt. Es war schon eine harte Zeit, weil da ganz viele Faktoren zusammenkamen. Also wirklich die Stadt Zürich, dann eben diese Jugendlichen, dann ganz viel Neues.

Sandra Leis [:

Vor 15 Jahren dann sind Sie in den Orden der Jesuiten eingetreten. Das war 2010. Was hat diesen Orden ausgezeichnet? Was hat Sie fasziniert, dass Sie genau in den Jesuiten-Orden eingetreten sind?

Martin Föhn [:

Also ich habe die Jesuiten kennengelernt und habe mit ihnen über den Glauben diskutiert. Die Art und Weise, wie sie über den Glaubens diskutiert haben oder wie ich mit ihnen diskutieren konnte, das hat mich fasziniert. Das war eine sehr offene Art, auf den Glauben zu schauen, auf die Welt zu schauen. Es gab irgendwie keine Tabu-Themen, es wurde zugehört, und zwar urteilsfrei. Ich wurde zuerst einfach mal angehört, weil ich hatte zum Teil schon sehr unterschiedliche Ideen. Ich war interessiert an der Esoterik-Szene, und da wurde mir einfach zugehört und gesagt, ja, kann man mal hinschauen und so. Und dann trotzdem diese klare Ausrichtung auf Christus, aufs Gebet, und da wirklich zu merken, da ist mein Fundament, und das will ich weiter ausbauen.

Sandra Leis [:

Dann haben Sie sich entschieden, das Noviziat zu machen. Und wenn man das ja abgeschlossen hat, dann legt ein Jesuit vier Gelübde ab. Nämlich Gehorsam gegenüber dem Orden, Armut, Keuschheit. Und dann gibt es noch dieses vierte Gebot, Gehorsam gegenüber dem Papst. Bleiben wir noch bei der Armut. Was heißt das konkret in Ihrem Alltag? Also ich stelle mir vor, Armut heißt auch, Sie haben kein eigenes Bankkonto. Ist das richtig?

Martin Föhn [:

Ja und nein, also zuerst mal es sind nur drei Gelübde, das vierte kommt erst noch dazu. Das kommt erst bei den letzten Gelübden, eben nach dem Terziat. Ja.

Sandra Leis [:

Zuerst die drei und dann das vierte.

Martin Föhn [:

Armut bedeutet vor allem, wir haben keinen eigenen Besitz, sondern man teilt alles. Wir leben in einer Gütergemeinschaft, das heisst, ich habe kein eigenes Konto, dass ich mein Geld, das ich verdiene, auf ein Konto einzahle und dann nur von diesem Geld profitieren kann, sondern mein Lohn wird auf das allgemeine Konto einbezahlt, und von diesem Konto bedienen wir uns alle. Auch in Rücksprache mit den Mitbrüdern oder wenn wir grössere Dinge anschaffen, dass wir das in Absprache machen mit den Brüdern, ob ich das brauche oder so, aber wir haben schon eine gewisse Freiheit, auch mit Geld umzugehen. Aber es ist alles geteilt und dass ich auch immer wieder lerne loszulassen und Dinge verschenke.

Sandra Leis [:

Eine kleine Zwischenbemerkung. Man hört manchmal ein Pfeifen. Das ist die Baustelle, wo ein Lastwagen wahrscheinlich zurückfährt, und deshalb hören wir das hier. Aber ich denke, wir sind mitten in der Stadt. Wir nehmen dieses Pfeifen, das manchmal kommt, einfach mit, würde ich sagen.

Gehorsam dem Papst gegenüber, eben dieses vierte Gelübde, das dann noch kommt, was heißt das genau?

Martin Föhn [:

Das ist so, dass man eben erst nach 15 Jahren im Orden das letzte Gelübde ablegt. Das wäre eben dann nach dem Terziat. Und das kommt dann erst dort. Und es ist im Prinzip wie noch einmal eine Vergrösserung des Gehorsams. Die Idee von Ignatius war, dass er sagt, der Papst sieht alles. Also er ist an der Spitze, und er sieht, wo die Not am grössten ist auf der Welt. Und deswegen ordnen wir uns dem Papst unter. Und der kann uns senden, wohin er will auf dieser Welt. Also es geht darum, dass man sich noch mal mehr dem unterordnet und damit noch mal in eine grössere Freiheit hineinkommt. Also dass man noch mehr loslassen kann von den Eigeninteressen und dem, was man selbst will, sondern wirklich schaut, was brauchen die Menschen. Das ist die Idee, de facto zum Zuge kommt sie höchst selten.

Sandra Leis [:

Bleiben wir noch kurz beim Papst und schauen zurück auf Franziskus. Sie sind 2010 in den Jesuitenorden eingetreten. Er wurde 2013 Papst, und er war der erste Jesuit überhaupt. Was hat das für Sie bedeutet damals?

Martin Föhn [:

Also damals, als er gewählt wurde, war das für den Jesuitenorden eher ein Schock. Weil für uns, ich glaube, Ignatius wollte nie, dass jemand von uns Papst wird, auch nicht Bischof, sondern wir sollten immer der Kirche dienen und nicht selbst die Hierarchie stellen. Und damals war es wirklich so, ich meine, ich war da eben noch am Anfang des Jesuitenlebens so, für mich war es interessant zu sehen. Und nachher im Verlauf seines Pontifikat-Amtes oder seiner Regierungszeit hat man schon gesehen, dass der Stil sehr jesuitisch ist, also einfach dieses Unterscheiden, dieses manchmal auch nicht wirklich so schnelle Vorangehen, sondern man weiss nicht so genau, was er jetzt will, so, aber vor allem dieses Öffnen, Raum geben dem Heiligen Geist, dass man gemeinsam in eine Unterscheidung hineinkommt.

Sandra Leis [:

Und das Spontane?

Martin Föhn [:

Das ist vielleicht auch noch mal mehr dem Südamerikanischen geschuldet, würde ich sagen. Genau, dass er noch mal eine andere Kultur auch reingebracht hat.

Sandra Leis [:

Bei den Jesuiten ganz zentral sind ja die geistlichen Exerzitien. Die gehen zurück auf den Gründer, auf Ignatius von Loyola. Sie selber sind ein großer Freund oder hängen ja sehr an diesen Exerzitien. Was ist der Kerngedanke dieser Übungen?

Martin Föhn [:

Dass es eben Übungen sind, und zwar geistliche Übungen. Ignatius selber sagt, es gibt sportliche Übungen für den Körper und eben geistliche Übungen für die Seele. Es geht im Prinzip um ein Training für die eigene Seele, dass sie größer wird, und das bedeutet mehr in Verbundenheit mit sich selbst, mit Gott und letztlich auch mit den Mitmenschen. Es geht darum, in eine größere Verbundenheit hineinzukommen, sich selbst besser kennenzulernen, also zu üben, wirklich sich anzuschauen. Die Wirklichkeit anzuschauen, die Umgebung, das Leben anzuschauen, also es ist viel Reflexion auf das eigene Leben, auf das der Mitmenschen, der Welt und dann eben diese Beziehung mit Gott, dass man da hineinkommt in eine Beziehung, dass die Welt nochmal übersteigt, da ist ja das Grösse, wo wir hineingenommen sind.

Sandra Leis [:

Ich habe gelesen, dass diese Exerzitien normalerweise zwischen sechs und zehn Tagen dauern. Die längste Form dauert offenbar 30 Tage, und das Hauptkriterium ist ja die Stille, dass man sich der Stille auch aussetzt. Was machen Sie selber für Übungen, welche Exerzitien machen Sie?

Martin Föhn [:

Im Noviziat, in den ersten beiden Jahren, wenn man im Orden ist, macht man meistens 10-tägige, mehrere. Das sind die klassischen ignatianischen Exerzitien. Das sind viele Bibelbetrachtungen. Man nimmt eine kleine Perikope, eine Geschichte aus der Bibel und meditiert die 45 Minuten bis zu einer Stunde. Das sind vier Gebetszeiten, also viermal am Tag, dass man so etwas macht. Oder dann die kontemplativen Exerzitien. Das ist wirklich im Prinzip Meditation, wo man nur zum Beispiel den Namen Jesu einatmet und ausatmet, also versucht, auch den Geist und die Gedanken loszulassen und ganz in die Präsenz zu kommen. Ich mache meistens die klassischen Exerzitien, das heisst, wirklich so in die Beziehung mit sich zu kommen, zu schauen, was war, abzulegen, was nicht gut gelaufen ist und dann zu schauen, was auftaucht. Viel Verarbeitung, und dann geht es in die Beziehung mit Christus. Also wirklich, Jesus kennenzulernen, die Beziehung zu ihm vertiefen, ihn wahrzunehmen, wie er unterwegs war und sich dem auch irgendwo angleichen, also das wie das Licht Gottes durch einem hindurch scheint immer mehr.

Sandra Leis [:

Man wird aber auch begleitet bei diesen Exerzitien. Sie machen das ja nicht ganz alleine mit Jesus Christus.

Martin Föhn [:

Genau, also der Grund der Exerzitien ist schon, in Beziehung zu kommen mit Gott, aber es gibt eine Begleitung, die einem dabei hilft, diese Beziehungen zu reflektieren. Man hat dann ein Gespräch pro Tag mit dem geistigen Begleiter, was zwischen zehn Minuten und einer halben Stunde dauern kann.

Sandra Leis [:

Sie selber haben ja auch andere Menschen begleitet, beispielsweise im Lassalle-Haus. Was sind das für Menschen, die sich diesen Exerzitien ein Stück weit auch aussetzen? Was suchen sie?

Martin Föhn [:

Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Leute, die die Gottesbeziehung vertiefen möchten. Dann gibt es Leute, die kommen und sagen, sie möchten gerne ein Thema bearbeiten. Und oft ist es so, wenn Leute kommen und so sagen, ich möchte jetzt meine Beziehung genau anschauen. Und so, dass nach zwei, drei Tagen plötzlich sich das Thema verändert und etwas noch Tiefergreifendes hervorkommt. Leute, die einfach auch eine Auszeit möchten. Die Seele bringt dann selbst das, was sie gerade verarbeiten muss. Die Beziehung mit Gott hilft da, einen guten Weg zu machen.

Sandra Leis [:

Ein anderes grosses Anliegen ist Ihnen das Gebet. Sie haben vor zwei Jahren mit anderen Menschen zusammen einen Podcast gestartet. Jetzt kommt er täglich raus, der heißt «Einfach beten!», und zwar mit Ausrufezeichen. Vielen Menschen fällt es heute aber schwer, ins Gebet zu finden. Woran könnte das liegen?

Martin Föhn [:

Ich vermute oder ich würde sagen, einer der Hauptgründe ist, dass man vielleicht falsche Vorstellungen vom Gebet hat. Also was Gebet ist. Wenn ich jetzt so ganz einfach sage, ja man kommt mit Gott in Beziehung, da hängt ja ein bestimmtes Gottesbild dran, und wenn man das natürlich irgendwie überhöht oder so, oder man muss sich wie zuerst bewusst sein, was ist eigentlich Gott oder wie stelle ich mir Gott eigentlich vor, so. Man hat schon das Gefühl, dass immer noch dieser bärtige Mann im Himmel in sehr vielen Köpfen ist. Und das einfach loszulassen. Gott ist etwas ganz anderes. Für mich ist Gott vor allem Beziehung. Also etwas, was in Beziehungen kommt mit mir, mit der Welt. Und das sehe ich am besten halt an Jesus Christus. Es ist sinnvoll, sich zwischendurch immer wieder mal Gedanken zu machen, was ist denn dieser Gott? Und für mich ist es eben eine Beziehung. Es ist Leben. Gott ist Leben, er schenkt uns den Atem. Da ist etwas, was macht, dass ich atmen kann. Etwas, was macht, das ich lieben kann. Mit dem in Beziehung kommen, dass es da eine Transzendenz gibt, die in Kontakt treten möchte mit mir. Und das ist eigentlich Beten, also versuchen, wie über sich hinauszugehen, indem ich ganz in mich hinein höre. Also ich muss wie ganz tief in mich hineinspüren, so wo ich stehe, und da versuchen, in ein Gespräch zu kommen.

Sandra Leis [:

Pater Martin Föhn, wie machen Sie es ganz persönlich, wie sieht Ihr Tagesablauf aus? Gibt es eine Struktur, was Beten betrifft, meine ich jetzt, oder spüren Sie einfach, jetzt ist der Moment, wo ich ganz zu mir komme, jetzt ist es Zeit?

Martin Föhn [:

Ich habe keine fixe Struktur, aber es ist oft so, dass ich am Morgen um halb acht bis acht eine Meditation mache, eine halbe Stunde, und das ist oft, dass ich das Tagesevangelium nehme, wie wir das auch in «Einfach beten!» nehmen im Podcast. Und dann aber dort oft einfach nachher eine Stille für mich habe, wo ich die Gedanken ziehen lasse oder manchmal kommt dann. . . Das kann auch der Alltag, der dann manchmal auch reinspült, so, dann gebe ich dem ein bisschen Zeit. Also, dass ich das wie vor Gott hinlege, also dass ich das Stück weit übergebe. Oder manchmal, dass ich wirklich an einem Problem dran bin, auch manchmal in der Meditation, das kann es auch geben. Und wo ich um eine Antwort bitte oder um ein Bild bitte oder so, wie ich das lösen kann oder wie ich da weitergehen soll. Eine andere Sache, die ich oft mache, ist einfach da sein, mich entspannen und meinen Körper wahrzunehmen, um in die Präsenz zu kommen. Wirklich versuchen, einen Body-Scan zu machen. Die Beine wahrzunehmen, den Körper wahrzunehmen und meinen Atem wahrzunehmen, um da zu sein. Etwas anderes, was ich oft mache, ist, wenn ich zum Haus rausgehe und ein Vaterunser bete. Wenn ich durch die Strassen laufe. Immer wieder. Ich bete oft ein Vaterunser, oder auch mal ein «Gegrüsset seist du, Maria. Einfach so Momente, in denen ich Gott danke sage im Alltag. Und am Abend gibt es noch so einen Tagesrückblick, wo ich auf den Tag zurückschaue und schaue, wie er so gelaufen ist. Und dann die Eucharistie-Feier im Verlauf des Tages. Auch nicht immer, aber immer wieder.

Sandra Leis [:

Und auch den Tag wieder ein bisschen ablegen können, nehme ich an, am Schluss. Nachdem Sie dem Jesuitenorden beigetreten sind, haben Sie ein zweijähriges Noviziat gemacht in Nürnberg, dann Philosophie studiert in München, Theologie in Paris und 2020, also vor fünf Jahren, sind Sie dann zum Priester geweiht worden. Die letzten fünf Jahre haben Sie hier in Basel verbracht. Vor allem im Bereich Spiritualität und Bildung waren Sie da zuständig. Und da habe ich im «Pfarrblatt Nordwestschweiz» zu Ihrem Abschied gelesen. Sie haben diesen Bereich «mit Inhalt und Leben» gefüllt. Worauf sind Sie besonders stolz?

Martin Föhn [:

Was mir schon am meisten Freude gemacht hat und was schön war, war die Begleitung von erwachsenen Leuten hin zur Taufe oder zur Firmung und da einfach im Austausch zu sein mit Leuten, die sich für den Glauben interessieren und ihnen da etwas mitgeben zu können auf ihrem Weg. Ich hatte Erwachsene zwischen 18 und 65; 65 war glaube ich die älteste Person. Und ich habe jedes Jahr so einen Kurs gemacht und die vorbereitet dann eben auch. Taufe oder Firmung. Die einen haben auch die Firmungen nicht gemacht, die irgendwie verpasst, und andere, die konvertiert sind oder aus dem Nichts herausgekommen sind und einfach zum Glauben gefunden haben.

Sandra Leis [:

Und wie viele Leute waren das?

Martin Föhn [:

Das waren Gruppen zwischen vier und neun Personen pro Jahr.

Sandra Leis [:

Basel ist ja sehr urban und weitgehend säkular. Sind Sie irgendwo auch an Grenzen gestoßen, die Sie gerne überwunden hätten?

Martin Föhn [:

Ja, aber ich hatte das Gefühl, die grössten Grenzen waren eher fast so innerhalb der Kirche als jetzt im urbanen Milieu, sondern die Vielfalt innerhalb der katholischen Kirche war fast schwieriger als mit Leuten aus dem urbanen Milieu oder mit Leuten, die wenig mit Glauben zu tun hatten, ins Gespräch zu kommen.

Sandra Leis [:

Können Sie ein Beispiel machen, wo Sie an Grenzen gestoßen sind innerhalb der katholischen Kirche?

Martin Föhn [:

Also wir haben ein neues Projekt aufgesetzt. Es gab die Fronleichnamsprozession, eine urkatholische Tradition, und die gab es 80 Jahre nicht mehr in Basel, und die haben wir ein bisschen neu aufgesetzt. Und innerhalb vom Leitungsteam waren wir nicht alle einverstanden. Also es gab solche, die das überhaupt nicht wollten, und andere waren super Fan davon. Endlich gehen wir auf die Strasse, und andere haben gesagt, nein, das geht gar nicht, das ist viel zu konservativ. Da stellt die Kirche in ein falsches Licht, also die Spannung war riesig so. Und da das zusammenzuhalten und auszuhalten und doch dann irgendwie gemeinsam weiterzugehen, das war spannungsreich.

Sandra Leis [:

Im «Pfarrblatt Nordwestschweiz» haben Sie die katholische Kirche beziehungsweise die Entwicklung der Kirche auch ein Stück weit kritisiert. Sie haben zum Beispiel gesagt, Sie seien unsicher, ob die Kirche «antwortfähig» sei für die Fragen der Menschen. Was meinen Sie genau mit «antwortfähig»?

Martin Föhn [:

Ich glaube, die Kirche hat ganz viele Antworten oder auch gute Konzepte respektive der Glaube gibt ganz viele Antworten auf viele Sehnsüchte der heutigen Zeit. Aber ich habe manchmal das Gefühl, so unsere Worte oder unsere Sprache schrammt wie an den Leuten vorbei. Unsere Bilder, die wir in der Kirche tragen, kommen manchmal wie bei den Leuten nicht an oder sie verstehen sie nicht mehr. Und da glaube ich eben, dass wir wie eine neue Sprache auch finden müssen oder wieder auch zuhören zu den Leuten, bevor wir Antwort geben, also zuerst einmal hinhören. Und das ist gar nicht so einfach, weil halt auch das Image der Kirche im Moment einfach nicht gut ist. Und ja, ich glaube, dass das. Für mich ist die Kirche immer noch wie so ein Phönix auch, der halt manchmal verbrennt und dann wieder aufersteht. Und im Moment habe ich das Gefühl, dass wir so kurz vor dem Verbrennen sind und dass das aber, dass es wieder kommt, vielleicht in einer neuen Gestalt auch, dass man da auch offen sein muss, wie und was da genau Neues kommt. Gleichzeitig gilt es, die Tradition zu bewahren. Dass man wirklich katholisch sein auf der ganzen Welt erfahren kann. Das Alte und das Neue, dass man das irgendwie zusammenhält. Letztlich geht es um eine Gottessuche. Dass man diese Sehnsucht nach diesem Höheren, das auch in uns ist, dass wir diesen Raum wachhalten.

Sandra Leis [:

Sie haben auch gesagt in diesem Gespräch, die Kirche geht zu wenig an den Grund dessen, was die Botschaft Jesu Christi ist. Aus Ihrer Sicht, was ist die Kernbotschaft?

Martin Föhn [:

Die Kernbotschaft Jesu ist, dass es Gott gibt und dass Gott den Menschen liebt und dass er möchte, dass der Mensch in Fülle lebt. Und zwar nicht in einer materiellen Fülle, das ist nur ein kleiner Teil, sondern in einer Fülle, welche die Seele erfüllt, dass die Menschen in Freude, aber eben auch in Gerechtigkeit und in Frieden leben.

Sandra Leis [:

Also Jesus hat ja auch, hat sich Gesetzen widersetzt, die keinen Sinn mehr machen oder gemacht haben zu seiner Zeit. Sehen Sie auch Gesetze jetzt, heute in der römisch-katholischen Kirche, bei denen Sie denken, die müssen wir überwinden?

Martin Föhn [:

Ja, durchaus.

Sandra Leis [:

Was ist das Wichtigste, was man ändern müsste, um antwortfähig zu bleiben oder wieder zu werden?

Martin Föhn [:

Ich glaube, das Wichtigste wäre zuzuhören, wirklich auf die Leute einzugehen zuerst. Und nicht zu meinen, ich muss irgendein Gesetz oder überhaupt irgendein Ritual oder irgend etwas rüberbringen. Sondern es geht darum, Raum zu öffnen, und ich muss eben überhaupt nicht Gesetze oder Rituale oder irgend etwas den Menschen rüber bringen. Gesetze haben wir genug in der Welt.

Sandra Leis [:

Aber am System römisch-katholische Kirche, sagen wir am hierarchischen System, da würden Sie nichts ändern?

Martin Föhn [:

Ich wäre durchaus für Änderungen, also ich finde zum Beispiel, dass der Zölibat für die Priester, die in den Diözesen arbeiten, dass man den auch abschaffen könnte. Der Zölibat gehört in die Orden hinein, wo wir drin sind, wir leben in Gemeinschaften und so. Und ich finde auch, dass wir das Frauenpriestertum durchaus nicht nur diskutieren, sondern dass man da auch weitere Schritte machen könnte. Aber ich bin gleichzeitig auch überzeugt, dass das nicht alles ändern würde. Das sind zwar äussere Formen, die man, finde ich, ändern könnte, aber wenn man nur das ändert, dann hilft das noch nichts. Es geht darum, eine andere Haltung zu kriegen.

Sandra Leis [:

Wenn Sie weg sind hier von Basel, dann leben noch zwei Jesuiten vor Ort. Das heißt, die Kommunität, die wird aufgelöst, das haben Sie mir im Vorgespräch gesagt, wusste ich vorher noch nicht, und die beiden Jesuiten, die kommen dann zur Kommunität Zürich. Schmerzt Sie das?

Martin Föhn [:

Schmerzen würde ich jetzt nicht sagen. Es ist in dem Sinn einfach schade, dass wir halt immer weniger werden. Aber von der Struktur her ist es einfach sinnvoll, dass es nicht hier auch nochmal einen Superior ist. Ja, es schmerzt schon in dem Sinne, dass man merkt, okay, wir werden immer weniger. Die Gruppe wird immer kleiner, und die Arbeit wird nicht weniger. Also die Sehnsucht der Leute, habe ich das Gefühl, wächst eher.

Sandra Leis [:

Ist es richtig, dass heute noch knapp 30 Jesuiten in der ganzen Schweiz tätig sind? Wie sehen Sie denn die Rolle der Jesuiten innerhalb der katholischen Kirche in der Schweiz? Können sie überhaupt etwas ausrichten, wenn sie so klein sind mittlerweile?

Martin Föhn [:

Ja, ich glaube schon, dass wir, also ich glaube, schon das grösste Geschenk, was wir als Jesuiten in der Kirche geben können, ist nach wie vor diese Exerzitien. Also Exerzitien-Arbeit und geistliche Begleitung, weil da wir doch relativ viel Erfahrung haben, es gibt mittlerweile aber auch ganz viele andere gute geistige Begleiter und Leute, die Exerzitien geben können. Das sind also nicht nur Jesuiten, aber dass wir das, dieses Erbe wirklich gut weitertragen. So. Und dann schon eben überhaupt das geistliche und das spirituelle Unterwegssein. Also Ignatius, der Ordensgründer, hat uns da einen riesengrossen Schatz hinterlassen, den man gut tradieren muss.

Sandra Leis [:

Und was macht der Orden, dass das auch geschehen kann? Also diese knapp 30 und 15 sind unter 70, die haben ja eine Riesenaufgabe.

Martin Föhn [:

Genau, wir können das nicht mehr alleine bewältigen so, sondern wir versuchen da eben auch Leute auszubilden, gerade in der geistlichen Begleitung, dass sie Exerzitien anbieten können, dass wir da das aufrechterhalten, diese verschiedenen Ausbildungen, dass es ja einen Lehrgang im Lasalle-Haus gab, der wird dann auch weitergeführt.

Sandra Leis [:

Aber anderswo.

Martin Föhn [:

Anderswo. Genau. Und auch das Exerzitien-Forum, dass wir Räume schaffen, wo Leute, also eben es wird eine Internetplattform auch geben, wo wir versuchen, die Angebote zu sammeln, dass man wieder einen Ort hat, wo man hinschauen kann. Der ist dann mehr digital als real physisch. Ja, wir versuchen das zu tun, was wir können.

Sandra Leis [:

Zum Schluss, Pater Martin Föhn, Ihre Ausbildung in den USA dauert rund neun Monate. Haben Sie schon Pläne, was Sie danach machen? Wo zieht es Sie nachher hin?

Martin Föhn [:

Also ich vermute sehr, dass ich wieder zurück in die Schweiz komme, aber es ist noch nicht fix. Also ich weiss jetzt noch nicht, wo es mich dann da hinsieht, und ich versuche mich da auch frei zu halten. Es geht nicht darum, dass jetzt ich da entscheide, ich will dorthin. Ich kann mir Verschiedenes vorstellen. Das kann Österreich sein. In Innsbruck gibt es eine Zukunftswerkstatt. Das ist eine Möglichkeit, aber eben dann gibt es hier in der Schweiz den Standort Zürich oder eben den Standort hier in Basel. Es kann sein, dass ich an einen von diesen beiden Orten hinkomme. Oder vielleicht, wer weiß, ganz an einem anderen Ort. Also ich weiss es noch nicht.

Sandra Leis [:

Martin Föhn, vielen herzlichen Dank für dieses Gespräch und alles Gute für Ihre Zukunft.

Martin Föhn [:

Vielen Dank ebenso, sehr gerne.

Sandra Leis [:

Das ist die 55. Folge des Podcasts «Laut und leis». Zu Gast war Martin Föhn. Der Jesuit hat die letzten fünf Jahre in Basel gewirkt. Jetzt zieht er weiter nach Portland in die USA, um die letzte Stufe der jesuitischen Ausbildung zu absolvieren. Über Feedback freuen wir uns. Schreibt gerne per Mail an [email protected] oder per WhatsApp auf die Nummer 078 251 67 83 und abonniert den Podcast und bewertet ihn positiv, wenn er euch gefällt. In der nächsten Folge von «Laut + Leis» besuche ich Bischof Beat Grögli in St. Gallen. Wir schauen zurück auf seine ersten hundert Tage im neuen Amt und sprechen darüber, was die Gläubigen von ihm erwarten dürfen. Der nächste Podcast erscheint am 17. Oktober. Bis dahin. Und bleibt laut und manchmal auch leise.

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