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Josef Hader: «Als Ministrant habe ich die ersten Theatererfahrungen gemacht»
Episode 4031st January 2025 • Laut + Leis • kath.ch
00:00:00 00:29:41

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Shownotes

Josef Hader ist der wohl berühmteste Kabarettist Österreichs und mit seinem Programm «Hader on Ice» auf Tournee. Der Agnostiker spricht über seine katholische Erziehung und sagt, wie diese sein künstlerisches Schaffen beeinflusst.

Themen dieser Folge:

  • FPÖ: Herbert Kickl könnte nächster Bundeskanzler Österreichs werden.
  • Ein Grosseltern-Kind: was eine tiefgläubige Oma bewirkt
  • Ministrant: Erfolgreiche Kabarettisten waren oft Ministranten.
  • Priester werden: der Wunsch nach der Hauptrolle
  • Beichten: schon als Kind eine Zumutung
  • Mit zehn Jahren freiwillig ins Stiftsinternat: die Gründe
  • Chorsänger und Organist: die Bedeutung der Musik
  • Bischöfliches Knabenseminar in Melk: ein Christentum im Aufbruch
  • In der Pubertät den Glauben verloren: Skeptiker waren erwünscht.
  • Unreflektierter Anti-Katholizismus: was Hader daran stört
  • Rosenkranz: weshalb er nie einen wegwerfen kann

Transcripts

Josef Hader [:

Dieses Christentum, das ich kennengelernt habe, war immer der Gesellschaft zugewandt, ist immer aufgetreten gegen Ungleichheit, gegen Ungerechtigkeit. Diese Art von Christentum habe ich kennengelernt, und das hat damit zu tun, wie man auf die Gesellschaft schaut als Kabarettist und auch, wie man letztendlich immer einen Anspruch hat, irgendwas zu machen, worüber die Leute dann nachdenken. Also ein Hauch von Predigt schwingt dann manchmal mit in dem ganzen Vergnügen.

Sandra Leis [:

Das sagt Josef Hader. Er ist der wohl berühmteste Kabarettist Österreichs und mit seinem Programm «Hader on Ice» auf Tournee. Ich bin Sandra Leis und treffe Josef Hader in einem Zürcher Hotel zwischen zwei Auftritten im Kaufleuten. Wir sprechen über seine katholische Sozialisation auf dem Bauernhof und in einem liberalen Stiftsinternat, über seine Hassliebe zum Katholizismus und wie diese sein Schaffen beeinflusst. Josef Hader, herzlich willkommen zu unserem Gespräch.

Josef Hader [:

Hallo!

Sandra Leis [:

Lassen Sie uns zum Einstieg kurz über die österreichische Politik sprechen. Da geht es ja im Moment turbulent zu und her. Herbert Kickl, der Parteichef der rechtsextremen FPÖ, der führt Koalitionsgespräche mit der Österreichischen Volkspartei. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie sich vorstellen, dass Herbert Kickl der nächste Bundeskanzler von Österreich sein könnte?

Josef Hader [:

Ich glaube, das einzige, wohin man sich als Österreicher retten kann, ist, dass Österreich so klein und unbedeutend ist, dass ein bisserl wurscht ist, wer bei uns Bundeskanzler ist. Das ist der einzige Trost, der einem dann noch bleibt.

Sandra Leis [:

In Österreich haben über 30 % der Wählerinnen und Wähler der FPÖ ihre Stimme gegeben. Wie erklären Sie sich diese hohe Zahl? 30, über 30 %.

Josef Hader [:

Der Leute, die gewählt haben. Also es leben in Österreich 9 Millionen Einwohner, davon sind ungefähr 6 Millionen wahlberechtigt, und davon haben 1,5 Millionen Kickl gewählt. Das ist immer noch hoch genug. Aber man soll sich nicht vorstellen, ein Drittel

Sandra Leis [:

Der gesamten. . .

Josef Hader [:

Österreicher oder eine Mehrheit, weil das wäre dann der Schmäh oder die Taktik seiner Partei, die mit einem Stimmenanteil der. Was die Menschen, die in Österreich wirklich leben und da sind, betrifft ja nur ein Bruchteil. Sich trotzdem als Volkskanzler zu stilisieren mit einem Anrecht, so als hätte er eine riesige Mehrheit hinter sich. Das hat er nicht.

Sandra Leis [:

Ich war gestern Abend im ausverkauften Kaufleuten, habe Ihr Programm «Hader on Ice» gesehen und war gespannt, ob Kickl einmal vorkommt. Einmal kommt einmal vor. Ihre Bühnenfigur, die lebt im Weinviertel. Und da sagen Sie, 90 % der Bewohner und Bewohnerinnen dieses Weinviertels, diese Region. Die wählen Kickl, 90 %.

Josef Hader [:

Das ist übertrieben. Es ist ja ein bisschen eine Märchengeschichte. Auch die ist ja ein bisserl phantastische Satire.

Sandra Leis [:

Aber ist es auch Ihre Schreckensvision?

Josef Hader [:

Na ja, es gibt sicher Ortschaften, wo das so ist. Das möchte ich gar nicht in Abrede stellen. Es ist so: Ich mache ja kein politisches Kabarett, wo die Politiker dann vorkommen. Das ist ja nur, um zu illustrieren, so den Intellektuellen, der aufs Land zieht, um sozusagen eine gewisse Ruhe zu haben vor der Stadt und auch vor der Politik und dann dort mit der Politik genauso konfrontiert wird wie in der Stadt. Also es geht da eher um die Unmöglichkeit, sich irgendwohin zu flüchten, wo es besser ist.

Sandra Leis [:

Und vielleicht ist ja noch schlechter als in der Stadt, wer weiß. Ja, Sie sagen es: Tagespolitik ist nicht Ihr künstlerisches Geschäft. Wie würden Sie jemandem, der Sie als Kabarettist jetzt noch nicht kennt, Ihre Art von Kabarett charakterisieren?

Josef Hader [:

Ja, eine Satire, die mit der Gesellschaft sich beschäftigt und nicht mit einzelnen politischen Ereignissen oder mit Akteuren, sondern in der Tradition von Qualtinger, Helmut Qualtinger oder auch vom großen Gerhard Polt. Eine Art von Satire, die das Politische im Privaten sucht.

Sandra Leis [:

Auffallend ist auch, wenn man Ihre anderen Arbeiten anschaut, zum Beispiel den Film «Andrea lässt sich scheiden». Der ist im letzten Jahr ja in den Kinos gelaufen. Ein Thema, das mir immer wieder auffällt, das sind vereinsamte, ältere Männer. Ist das ein Lieblingsthema von Ihnen?

Josef Hader [:

Das hat sich so ergeben. Also zunächst mal bin ich in einem Alter, wo ich vereinsamte, ältere Männer einfach kraft meines Körpers sehr gut darstellen kann. Und das Zweite ist diese Art von Einsamkeit oder von Einzelgängertum. Das ist tatsächlich etwas, was mir sehr liegt, weil ich von Kindheit an ein bissl ein Einzelgänger war.

Sandra Leis [:

Sie geben mir gleich das Stichwort: Ihre Kindheit. Sie sind auf einem Bauernhof aufgewachsen, Ihre Eltern haben den Bauernhof betrieben, und Sie sind wie andere Bauernkinder auch, hauptsächlich von den Großeltern erzogen worden. Was für eine Erziehung haben Sie da genossen oder erlebt?

Josef Hader [:

Das war vom Großvater her eine, der war locker, der hat viele lustige Geschichten erzählt. Der war Jäger, der war eher so a Flotter. Und die Oma war eine tiefgläubige Frau und hat mir sozusagen die anderen Geschichten erzählt, die über Religion und hat auch gebetet mit mir und hat so das Fundament gelegt für so einen Kinderglauben, für einen guten Kinderglauben, der mir dann leider abhandengekommen ist, als ich kein Kind mehr war.

Sandra Leis [:

Was war Ihre Lieblingsgeschichte als kleiner Junge? Biblische Geschichte, meine ich jetzt.

Josef Hader [:

Oh, das ist schwer zu sagen, weil sie konnte das sehr bunt und farbig erzählen. Ich bin dann in die Schule gekommen und habe gemerkt, ich weiß wahnsinnig viel an biblischen Geschichten, die andere nicht wissen, weil ich das Glück hatte, dass sie so farbig erzählen konnte. Ich glaube, ich war schon sehr beeindruckt davon, dass man so schlimme Dinge anstellen konnte wie David und trotzdem dann noch Vergebung findet. Ich glaube, das hat mich sehr berührt, da habe ich mir gedacht: Wie gibt's so was? Ja, das weiß ich noch.

Sandra Leis [:

Sie sind 1962 in Niederösterreich geboren. Also eine Kindheit in den 60er Jahren. Welche Rolle spielte damals der Katholizismus?

Josef Hader [:

Eine sehr starke am Land. Und es war tatsächlich so, dass die Pfarrer noch richtig Herrscher waren und teilweise, also zumindest bei unserem Pfarrer auch politischen Einfluss genommen haben. Und wenn der Pfarrer in eine bestimmte Richtung gepredigt hat, dann hat man das in den Wahlergebnissen des Dorfes gespürt.

Sandra Leis [:

Sie haben vorhin gesagt, Sie seien ein bisschen einzelgängerisch gewesen, deshalb vielleicht auch die Einzelgänger auf der Bühne. Waren Sie ein Einzelgänger als Kind auf dem Bauernhof?

Josef Hader [:

Ja, ja, ich war ein Einzelgänger. Und es gab keine Kinder rundherum.

Sandra Leis [:

Sie hatten keine Geschwister?

Josef Hader [:

Ja, aber mein Bruder, ist sechs Jahre jünger. Das heißt sechs Jahre und noch ein paar Jahre hat man eigentlich niemand. Und dann bin ich schon ins Internat gekommen. Also bis zu meinem zehnten Lebensjahr gab es nie so richtig Spielgefährten. Und der Schock in der Grundschule, der Volksschule war einfach einer, der mich eher noch stärker zu einem Einzelgänger gemacht hat, weil ich so unvorbereitet war. Es gab ja keinen Kindergarten. Ich bin so unvorbereitet auf die Gleichaltrigen getroffen und hab sofort ganz schnell lesen gelernt und hab mich in Bücher geflüchtet.

Sandra Leis [:

Auf Ihre Webseite hatten Sie früher mal eine lustige, fast schon lustige Biografie veröffentlicht. Jetzt ist eine konventionelle drauf und aus dieser früheren Biografie möchte ich etwas vorlesen.

Josef Hader [:

Ab 60 werde ich jetzt seriöser.

Sandra Leis [:

Ich möchte ein kurzes Zitat bringen. «1968 Volksschule Nöchling. Wegen wiederholtem Lügen richten die Lehrer mehrere Briefe an seine Eltern. Die Unterschrift lässt Hader von seiner Großmutter fälschen.» Vorhin haben Sie gesagt, Ihre Großmutter sei sehr, sehr gläubig gewesen. Es gibt ja das eine Gebot bei den zehn: Du sollst nicht lügen. Wie sind Sie und Ihre Großmutter mit diesem Gebot umgegangen, wenn sie Unterschriften gefälscht hat?

Josef Hader [:

Das war eine Notlüge, weil wir gewusst haben, dass die Eltern darauf ganz, ganz schlimm und hysterisch reagiert hätten. Und tja, wir haben mit einer Sünde reagiert, wenn man es katholisch sieht. Genau. Also es war nicht so, dass die das gebilligt hat, was ich da gemacht habe. Ich habe halt immer so ein bisschen Halbwahrheiten in der Schule verwendet. Ich hatte einen Lehrer, der hat mir aber auch nie was geglaubt. Zum Beispiel habe ich einen Text in der Schule ganz schnell gelesen, und er hat mir nicht geglaubt, dass ich den so schnell lesen kann und hat dann so ganz zornige Fragen gestellt. Und ich bin ganz schüchtern geworden und habe keine Antwort herausgebracht. Also es hatte auch mit einer gewissen Ungerechtigkeit zu tun. Aber es gibt eine Wahrheit in diesem Lügenkern, nämlich dass ich manchmal ganz gerne ein bisschen schöngefärbt hab, weil ich den Konflikt vermeiden wollte.

Sandra Leis [:

Und die Oma hat es dann unterstützt und unterschrieben. Okay. Mein allererster Gast im Podcast «Laut + Leis», das war die Kabarettistin, die Schweizer Kabarettistin Patti Basler. Sie haben sie mal kennengelernt, da gab es ein Interview in der «NZZ am Sonntag».

Josef Hader [:

Die hat auch eine katholische Vergangenheit, gell.

Sandra Leis [:

Genau. Deshalb war sie auch der erste Gast, das war vor bald zwei Jahren, und sie ist auch auf dem Bauernhof aufgewachsen. Ist das möglicherweise ein guter Boden für das spätere Leben als Kabarettist, Comedian?

Josef Hader [:

Es gibt viele, also die meisten kommen nicht vom Bauernhof. Auch die Ausgezeichneten kommen nicht immer vom Bauernhof. Das nicht. Was hingegen viele im katholischen Bereich betrifft, viele Kabarettisten. In dem Fall sind das jetzt Männer meiner Generation, die waren alle Ministranten.

Sandra Leis [:

Sie ja auch!

Josef Hader [:

Ja, ja, das ist die erste Theatererfahrung, vielleicht auch die erste Erfahrung von Komödie, weil ja oft was schiefgeht. Und wenn was besonders feierlich ist und schiefgeht, ist das immer der Boden für die Komödie.

Sandra Leis [:

Ist viel danebengegangen bei Ihnen als Ministrant?

Josef Hader [:

Ja, ja, ich. Dieser Pfarrer war relativ ungeduldig. Und wenn man irgendwas falsch gemacht hat, hat man sofort einen Rempler bekommen während des Gottesdienstes. Und ich hab immer vermieden zum Ministrieren, wenn so ganz komplizierte Hochämter waren. Ich hatte Angst davor. Ich habe auch manchmal am Ortsende gewartet, bis die Glocken geläutet haben, die das Viertel vor dem Gottesdienst verkündet haben, weil ich gewusst habe, da werden die Ministranten bestimmt, und bin dann erst danach in die Kirche gegangen. Also bei so Festgottesdiensten hatte ich immer Angst, etwas falsch zu machen und einen Rempler zu kassieren. Es gibt eine traumatische Hochzeit, an der ich als Ministrant teilgenommen habe, wo ich mit den Ringen um mit. Ich war so durcheinander, dass ich dann Wasser und Wein verwechselt habe. Habe ihm ganz viel Wasser reingeschüttet und habe dann ein bissl Wein auf die Hände. Also es war schon auch mit Angst erfüllt. Diese Kirchenerfahrung jetzt in dem Dorf, das war nicht das, was mir meine Oma erzählt hat. Das war so ein richtiger, wirklicher, dickköpfiger Bauernschädel, der kein Gespür für Kinder hatte. Der Pfarrer.

Sandra Leis [:

Ja. Also wollten Sie es wieder abgeben, dieses Amt, am liebsten?

Josef Hader [:

Nein, nein, das einfache Ministrieren war ganz gut, aber ich habe die schweren Geschütze habe ich früher nicht gemacht. Am Schluss war ich ganz begeistert, weil ich habe die ganze Osterwoche durchministriert, weil ich alles noch mal, alle Kostümwechsel mitmachen wollte in meinem letzten Jahr.

Sandra Leis [:

Und da glauben Sie, dass das vielleicht ein Sprungbrett sein kann, wenn man ministriert?

Josef Hader [:

Ja, das ist natürlich die erste Erfahrung, mit anderen Leuten etwas tun. Ich war ein sehr beliebter Ministrant, weil ich ein eher dickes Kind war, unsportlich und dadurch alles mit der gebotenen Langsamkeit gemacht hab, wo man sonst ermahnt werden musste, das jetzt langsamer zu machen. Das war bei mir nicht notwendig.

Sandra Leis [:

Stichwort Beichten. Das war ja auch etwas sehr Wichtiges in den 1960er Jahren. Da habe ich gelesen von Ihnen, dass Sie schon als Kind gesagt hätten, das sei eine Zumutung gewesen. Warum?

Josef Hader [:

Weil. Also wenn man bei unserem Pfarrer gebeichtet hat, das war ja kein freundlicher Herr, der da irgendwie einem das Gefühl gegeben hätte, man wäre mit seinen echten Sünden da wirklich gut aufgehoben. Also hat man nur erfundene gebeichtet. Na, das haben eh fast alle gemacht. Also da war ich von Anfang an vollkommen überzeugt, dass das nicht im Sinne des Glaubens sein kann, ohne dass ich wen gefragt hätte, ohne dass ich gewusst hätte, dass das irgendwer außer mir kritisch gesehen hätte. Ich war von Anfang an eher jemand, der sehr undogmatisch war und sich bei bestimmten Dingen gedacht hat: Das kann nicht so gemeint sein, das mache ich nicht. Ich habe sofort, als es möglich war, habe ich sofort aufgehört zu beichten. Und das war so mit zehn Jahren. Da war ich dann im Internat, und da habe ich im Internat dann gesagt, ich beichte zu Hause in der Pfarre, und in der Pfarre habe ich gesagt, ich hätte im Internat gebeichtet. Wieder gelogen.

Sandra Leis [:

Gleichwohl wollten Sie mal Priester werden? Ungefähr mit zehn.

Josef Hader [:

Ja, so mit acht, neun Jahren, das war wahrscheinlich meine Oma, sie hat dazu beigetragen. Einerseits war es die Oma, andererseits vielleicht das Bedürfnis, da jetzt die größere Rolle zu bekommen. So ganz normaler Theaterinstinkt.

Sandra Leis [:

Also die Hauptrolle.

Josef Hader [:

Und die Hauptrolle spielen.

Sandra Leis [:

Ja. Sie haben das Internat jetzt schon zwei, drei Mal erwähnt. Mit zehn Jahren sind Sie ins bischöfliche Knabenseminar in Melk eingetreten. Das ist ein Stiftsgymnasium, das Sie ja dann besucht haben. Sind Sie da freiwillig hin mit zehn Jahren? Oder was war der Antrieb, da hinzugehen?

Josef Hader [:

Ja, irgendwie habe ich mir gedacht, ich möchte dorthin. Und zwar deswegen, weil die haben so einen Werbesonntag gemacht in der Pfarre. Und da stand plötzlich ein Schlagzeug in der Kirche, und die haben eine sogenannte rhythmische Messe gespielt. Dann war am Nachmittag ein bunter Abend, da hat eine Band gespielt. Der Chor hat gesungen, Instrumente wurden gespielt und kleine Theater, Sketche. Und da habe ich mir gedacht, da möchte ich hin. Also sie haben mich über die Kultur eingekauft.

Sandra Leis [:

Hatten Sie nie Heimweh?

Josef Hader [:

Ja, ganz stark natürlich. Aber irgendwie auch, weil meine Oma ziemlich dafür war. Wir waren das, so die Gruppe in die Familie, die das unbedingt wollte. Die Eltern waren sehr skeptisch. Aber irgendwie habe ich es dann gemacht und habe natürlich gelitten. Zwei Jahre unter Heimweh, aber auch unter Versagensangst. Also es wäre mir furchtbar vorgekommen, wenn ich das jetzt nicht schaffe und muss wieder zurück. Und alle von meinen Eltern abwärts hätten gesagt: Siehst du, wir haben gleich gesagt, das ist nichts. Das wollte ich unter keinen Umständen.

Sandra Leis [:

Wieso zwei Jahre? Waren Sie nicht von 10 bis 18 dort?

Josef Hader [:

Doch, aber die ersten zwei Jahre war’s schlimm.

Sandra Leis [:

Ah, war’s schlimm.

Josef Hader [:

Und dann habe ich mich gut integrieren können. Ja, eigentlich dort, wo die. Wo die Pubertät anfängt. Da ist es mir besser gegangen. Ja.

Sandra Leis [:

In diesem Kloster. Internat. Da waren Sie tätig als Chorsänger und sogar Organist.

Josef Hader [:

Ja, schlechter Organist war ich. Ich war so ein Hilfs-Organist, und es hat sich dann niemand gefunden. Und dann habe ich das drei Jahre lang gemacht und hatte immer totalen Stress mit Kirchentonarten. Die habe ich dann immer so irgendwie hingefegt mit irgendwelchen Quarten und Quinten, dass das zirka so geklungen hat. Und sonst die normalen Dur- und Moll-Sachen, die, die konnte ich. Aber es war natürlich niedrigste Qualität.

Sandra Leis [:

Was bedeutet Ihnen Musik? Bis heute?

Josef Hader [:

Sehr viel. Ja, ja. Musik ist schon eine große Zuflucht. Die ist nicht was, was mir durchs Leben hilft, sondern auch, was mir Euphorie gibt.

Sandra Leis [:

Und welche Art von Musik heute?

Josef Hader [:

Eigentlich, obwohl ich immer so ein bisschen mitgemacht habe mit den populären Richtungen. Aber es war immer eine gewisse Reserviertheit aus dieser Zeit, wo ich und die Gleichaltrigen so Probleme hatten miteinander. Deshalb fand ich immer diese Musik so ein bisschen, ja, das hören halt die anderen und die andern, die mögen mich ja nicht. Also habe ich mich auf die Klassik geschmissen von der ersten Haydn-Symphonie, die ich gehört habe mit zehn Jahren auf einer wirklich tollen Tonanlage im Musikzimmer der Schule war ich dann so immer vollkommen angefixt von Klassik, und das ist bis heute so geblieben.

Sandra Leis [:

Dieses Stiftsinternat, das hat Sie ja sehr geprägt. Es waren wirklich wichtige Jahre, die Sie dort verbracht haben. In mehreren Interviews haben Sie gesagt, das sei eine sehr liberale Schule gewesen.

Josef Hader [:

Ja, liberal trifft es gar nicht so sehr, sondern auch sozial. Also der Abt war so ein richtig überzeugter Anhänger des Zweiten Vatikanums, der halt in diesen Jahren jung war. Der war Teil einer Aufbruchsbewegung. Und dasselbe war aber auch der Leiter des Internats, weil das Stift hat immer so eine liberale Tradition gehabt in Melk. Das hängt nicht vom Orden ab. Sie sind Benediktiner, aber es gibt auch daneben ein Kloster, wo alle konservativ sind. Das ist so eine Sache. Melk ist immer ein bisschen liberaler gewesen und auch sehr aufklärerisch, als Aufklärung war. Es gibt tatsächlich, nur so als Beispiel, es gibt in Stift Melk Aufzeichnungen, dass, als der Kaiser Joseph II. damals überall die Orden, die für nichts nutz waren, sozusagen aufgelöst hat, Melk war nie gefährdet. Die hatten immer Landwirtschaft und eine Schule und alles Mögliche. Da haben die diskutiert, ob sie das Chorgebet streichen, damit die Stimme für die Volkspredigt sozusagen immer nur eingesetzt wird und ihre Kraft behält. Also damals war man nicht der Ansicht, dass man durch viel Reden die Stimme besser macht, sondern schlechter.

Sandra Leis [:

Man soll sie schonen ein bisschen.

Josef Hader [:

Was sollen sie schonen, das Chorgebet ist eh für nichts gut sozusagen. Also so waren die Melker drauf damals. Und diese Tradition gibt es. Und dann gab es eben diesen ganz speziellen Abt, der das auch mit einer sozialen Dimension, mit einer spirituellen Dimension erfüllt hat, die beeindruckend war, obwohl ich nicht mehr gläubig war. Ich, also ich habe den Kinderglauben verloren und dann habe ich ihn durch nichts mehr ersetzen können. Aber ich, ich war überwältigt von der sozialen Dimension, die da war, von der ganzen gesellschaftlichen Dimension, die uns da vermittelt wurde.

Sandra Leis [:

Sie haben gesagt, Sie haben den Kinderglauben verloren in der Pubertät. Wenn Sie sich zurückerinnern, wissen Sie noch, was den Ausschlag gegeben hat oder war das fliessend?

Josef Hader [:

Die Überlegung, dass Gott so hilfreich ist für dieses seltsame Leben, dass die Vermutung, dass er erfunden wurde, sehr naheliegt, also dass er als Erklärung halt erfunden wurde, weil wir in diese Existenz so reingeschmissen sind, dass wir so was halt brauchen. Das war, glaube ich, der Gedanke in der Pubertät. Die Skeptiker waren ja hochwillkommen. Also wenn ich gesagt habe, ich kann nicht glauben, haben sie gesagt: Überhaupt kein Problem, Skeptiker, die sind ganz wichtig.

Sandra Leis [:

Das haben auch die Lehrpersonen gesagt.

Josef Hader [:

Ja, ja, ja. Und wir haben eben Camus gelesen und alles Mögliche. Und ich war dadurch auch Teil im System. Ich wurde da nicht ausgespuckt deswegen davon. Ich war vielleicht sogar der Interessantere als die Gläubigen. Aber es war grundsätzlich überhaupt nicht dogmatisch. Es wurde, Katholizismus wurde nie ausgesprochen. Wir waren Christen, und das Christentum selber wurde als einer von möglichen Wegen beschrieben, wie man zu Gott kommen kann. Und woanders haben sie andere Wege. In anderen Erdteilen haben sie eine andere Kultur. Also das war eine Freiheit, die man einfach vergessen hat, die da in den Ende der 60er bis Mitte der 70er ausgebrochen war in der katholischen Kirche. Das ist völlig verschüttet, das gibt es nicht mehr. Da war dann der polnische Papst gekommen, der hat das dann ein bisschen abgedreht.

Sandra Leis [:

Und heute? Josef Hader. An was glauben Sie heute?

Josef Hader [:

Ich habe mich nicht sehr weiterentwickelt in meinem Glauben. Ich bin nach wie vor ein, wie soll man sagen, halt dann ein Agnostiker geblieben, der sich sagt: Ich habe die Werkzeuge nicht bekommen, das zu erkennen. Folglich lasse ich mich überraschen, was passiert, später mal.

Sandra Leis [:

Gleichwohl sind Sie immer noch Mitglied der Römisch-katholischen Kirche.

Josef Hader [:

Ja, das ist so, das ist so, wie soll ich sagen: Es gibt ja so diesen unreflektierten Antikatholizismus, wo es einfach zum guten Ton gehört, dass man austritt und gleichzeitig aber die Widersprüche woanders stören Sie einen nicht. Ja.

Sandra Leis [:

Also woran denken Sie jetzt?

Josef Hader [:

Wenn Leute dann halt austreten, aber dann zum Beispiel in politischen Parteien, seien es die Grünen, sei es eine linke Gruppierung, dann genauso Widersprüche vorfinden und sagen: Das gehört halt dazu. Da denke ich mir dann, das ist irgendwie gemein, dass man das nur sozusagen der unmodischeren Bewegung umhängt. Und die anderen sind so verschont trotz Widersprüchen. Andererseits muss man natürlich auch sagen, so was wie die katholische Kirche liefert im Hinblick auf Frauenrechte, das ist schon, steht sehr einzigartig da. Und diese Überlegung des Austritts ist eine sehr reale, bei mir immer da. Es hat mit einer frühkindlichen Emotionalität zu tun, die ich kann. Zum Beispiel: Es hat nichts mit Aberglauben zu tun, aber es hat überhaupt nichts mit irgendeiner vernünftigen Sache zu tun. Es ist kindisch: Ja, ich kann zum Beispiel. Man kriegt ja jetzt von allen möglichen Dingen, von irgendwelchen Organisationen, die Spenden einsammeln, kriegt man unglaublich unnütze Dinge. Plastikstifte, bunte Karten, die man nie im Leben verwenden will, aber vor allem ganz viel Plastik. Und da gibt es welche, die senden so kleine Rosenkränze aus, aus ganz billigem Holz oder aus nicht so billigem Holz, je nachdem. Ich schaff's nicht, die wegzuschmeißen, weil ich mir denke, was würde meine Oma dazu sagen? Es ist lächerlich.

Sandra Leis [:

Könnte man sagen, Sie haben eine gewisse Hassliebe. Also doch auch viel Liebe zum Katholizismus.

Josef Hader [:

Das wär zuviel. Hassliebe ist vielleicht ein bisserl zu viel. Eine Wehmut nach einer Welt, wo alles noch geordnet war. Es ist hat mit Kindheit zu tun und ein bisschen mit, ich mach nicht jede Mode mit.

Sandra Leis [:

Sie sagen, es hat mit der Kindheit zu tun. Sie sind ein Stück weit auch so geprägt. Also man kann ja schon sagen, Sie sind bis in der Pubertät in einem sehr katholischen Milieu aufgewachsen, auch wenn es ein liberales dann im Internat gewesen ist.

Josef Hader [:

Es hat vielleicht mit etwas zu tun, warum Leute manchmal bewusst so irrational werden, wenn sie Fußballanhänger sind. Ich bin immer noch so ein Fußballanhänger der modernen, aufgeklärten Strömung und freue mich dann, wenn ein Papst kommt, der plötzlich hinausgeht und sagt: Guten Abend. Da fange ich fast zu weinen an, weil ich mir denke, das ist ja wie bei Johannes XXIII. Kommt da Franziskus raus und sagt ganz bescheiden: Guten Abend.

Sandra Leis [:

Bei seinem allerersten Auftritt. Das ist ja legendär.

Josef Hader [:

Und in der Tat, da werde ich so emotional. Das hat so was Irrationales wie wie wenn man Anhänger einer Fußballmannschaft ist. Und so bin ich dann Anhänger davon, dass von der Caritas an, weil derzeit bleibt ja fast nur mehr die Caritas übrig, aber dass es so viele wertvolle Dinge gibt in dieser Bewegung, die gefördert werden könnten und die ein wichtiger Bestandteil auch unserer Gesellschaft sind. Da werde ich dann zu einem Fußballanhänger auf der einen Seite und hasse die andere Seite natürlich, also die Dogmatiker, die Konservativen, die, die eine starke Strömung sind, weil man muss natürlich sagen, viele Jahre ist niemand vernünftiger mehr Priester geworden, der bei Trost ist. Das ist das Schlimme, das seit dem Jahr ca. Man kann das mit Anfang der 80er Jahre so, also als man merkte, aha, da wird plötzlich ein anderer Wind. Viele, viele meiner gleichaltrigen Freunde, mit denen ich da in die Schule gegangen bin, viele nicht. Ein paar, die hatten den Gedanken, dass sie vielleicht Pastoralassistenten werden wollen. Die haben sofort die Sozialakademie gemacht, als sie merkten, welcher Wind weht. Also alle, die um und wenn, wer überhaupt Priester geworden ist bei mir, dann waren das eher die, die sind sofort ins Stift eingetreten, weil sie gewusst haben, im Stift sind sie geschützt. Da ist ein anderer Wind, da kann der Bischof nichts machen, da kann nicht mal der Papst was machen. Im Kloster zählt, wie ist das Kloster selber drauf. Und welche Leute werden da gewählt. Irgendwie ist da zu viel verloren gegangen an Menschen, die gerne mitgemacht hätten und die richtig vertrieben wurden. Und dementsprechend ist jetzt der Zustand der Kirche.

Sandra Leis [:

Und zum Schluss: Ihre Art von Katholizismus, die ja doch da ist. Man spürt es, wenn Sie drüber reden.

Josef Hader [:

Aber wie gesagt, das ist Christentum.

Sandra Leis [:

Sagen wir Christentum. Welchen Einfluss hat dieses Christentum auf Ihre Arbeit als Künstler?

Josef Hader [:

Wahrscheinlich den Einfluss. Also dieses Christentum, das ich kennengelernt habe, war immer der Gesellschaft zugewandt, ist immer aufgetreten gegen Ungleichheit, gegen Ungerechtigkeit. Diese Art von Christentum habe ich kennengelernt, und das hat damit zu tun, wie man auf die Gesellschaft schaut als Kabarettist und auch, wie man letztendlich immer einen Anspruch hat, irgendwas zu machen, worüber die Leute dann nachdenken. Also manchmal ein Hauch von Predigt schwingt dann manchmal mit im ganzen Vergnügen.

Sandra Leis [:

Aber nur ein ganz kleiner, würde ich mal sagen. Weil Sie sind nicht der Prediger, oder Sie geißeln niemanden.

Josef Hader [:

Nein, überhaupt nicht. Das wäre natürlich furchtbar. Nein, ich meine nicht diese Art von Predigt, die spürbar ist, die als Predigt daherkommt. Aber ich meine, dass man sozusagen die Leute auf eine Reise schickt. Ich versuche immer, die Leute im Programm auf eine Reise zu schicken, wo sie eher verunsichert werden, wo sie bestimmte Überzeugungen plötzlich anzuzweifeln beginnen. Eigene oder vielleicht denken sich manche ja auch, das sind die Überzeugungen der anderen. Aber mir ist immer wichtig, dass die Leute ein bisschen unsicherer rausgehen und nicht sicherer. Und das ist wichtig, weil Kabarett ist oft so eine Selbstversicherungsanstalt, wo alle drinnen sitzen und versichern sich gegenseitig selber, wie toll sie sind.

Sandra Leis [:

Und man lacht über die, die draußen sind. Und das ist bei Ihnen ja genau nicht der Fall, sondern man muss über das eigene Verhalten reflektieren.

Josef Hader [:

Das meine ich. Das ist dieser homöopathische Anteil von Predigt.

Sandra Leis [:

Josef Hader, vielen Dank für dieses angeregte Gespräch und viel Power für Ihre weiteren Arbeiten im Kabarett und auch im Film.

Josef Hader [:

Danke schön.

Sandra Leis [:

Das war die 40. Folge des Podcasts «Laut + Leis». Zu Gast war der österreichische Kabarettist, Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur Josef Hader. Zurzeit ist er auf Tournee mit seinem Bühnenprogramm «Hader on Ice». Über Feedback freuen wir uns, schreibt gerne per Mail an [email protected] oder per WhatsApp auf die Nummer 078/2516783, und abonniert den Podcast und bewertet ihn positiv, wenn er euch gefällt. In der nächsten Folge von «Laut + Leis» ist Pater Peter von Suri zu Gast. Vor einigen Tagen hat er sein Amt als Abt des Klosters Mariastein altershalber abgegeben. Im Gespräch schauen wir zurück auf seine 17-jährige Amtszeit und fragen, welche Perspektiven Klöster in Zukunft haben werden.

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