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Leihmutterschaft ist ethisch umstritten – was sagen die beiden grossen Schweizer Landeskirchen dazu?
Episode 77 • 25th September 2026 • Laut + Leis • kath.ch
00:00:00 00:38:09

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Shownotes

Ein unerfüllter Kinderwunsch kann zu einer existenziellen Krise führen. Ob eine Leihmutterschaft unter strengen Bedingungen eine Lösung sein könnte, darüber debattieren Sophie Zimmermann und Wolfram Kötter. Sie arbeitet als römisch-katholische Theologin im Pastoralraum Stadt Luzern und ist Mitglied im Vorstand des Frauenbund Schweiz. Er ist Kirchenratspräsident der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Schaffhausen.

Die Themen:

  • Die Causa Jens Spahn
  • Ein Recht auf ein Kind gibt es nicht. Doch der Wunsch nach einem Kind ist verständlich.
  • Die Lebensphilosophie vieler Menschen ist heute eine andere als vor dreissig Jahren. Heute gibt es in der Schweiz die Ehe für alle.
  • Was sagt die Bibel zur Leihmutterschaft?
  • Die römisch-katholische Kirche sagt klar Nein zur Leihmutterschaft: Was sind die Hauptgründe?
  • Die evangelisch-reformierte Kirche hat sich nicht klar positioniert. Sie betont die Individualethik und hat einen aktuellen Aufsatz publiziert.
  • Frauenbund Schweiz: Ein 35-seitiges Diskussionspapier von 2016 beleuchtet Leihmutterschaft aus verschiedenen Perspektiven.
  • Kommerzielle und altruistische Leihmutterschaft
  • Boomender Markt: Laut Schätzungen wurden im vergangenen Jahr weltweit für Leihmutterschaften rund 8 Milliarden Dollar ausgegeben.
  • In der Schweiz ist Leihmutterschaft verboten. Doch die Kinder sind da: Es braucht einen menschenwürdigen Umgang für alle Beteiligten.

Transcripts

Speaker:

Sophie Zimmermann [00:00:01]

Ganz klar ist, dass eine

2

:

Schwangerschaft nicht eine Dienstleistung 

ist wie jede andere Dienstleistung und

3

:

auch nicht eine normale Form oder mit 

einer normalen Form von Erwerbstätigkeit

4

:

vergleichbar ist. Also da stellt jemand, 

eine Frau, ihren Körper zur Verfügung.

5

:

Sandra Leis [00:00:21]

Das sagt Sophie Zimmermann.

6

:

Die römisch-katholische Theologin arbeitet 

im Pastoralraum Stadt Luzern und ist Mitglied

7

:

im Vorstand des Frauenbund Schweiz. 

Wolfram Kötter ist Kirchenratspräsident

8

:

der evangelisch-reformierten Kirche 

des Kantons Schaffhausen. Er sagt:

9

:

Wolfram Kötter [00:00:39]

Wie verstehen wir Leihmütter? Wie

10

:

gehen wir mit Leihmüttern um? Wie gehen Eltern, 

die Kinder bekommen haben von einer Leihmutter,

11

:

wie verstehen sie diese Leihmutterschaft? Das 

ist ein hochsensibles Thema an der Stelle.

12

:

Dennoch gilt, glaube ich, auch zu sagen, dieser 

Wunsch, ein Kind zu haben, ist verständlich.

13

:

Sandra Leis [00:00:59]

Seit der deutsche Politiker Jens Spahn sich mit

14

:

seinem Mann dazu bekannt hat, dass sie mithilfe 

einer Leihmutter Eltern geworden sind, wird wieder

15

:

heftig über Leihmutterschaft debattiert. 

Ich bin Sandra Leis und frage im Podcast,

16

:

welche Positionen vertreten die zwei grossen 

Landeskirchen der Schweiz und wie argumentieren

17

:

meine beiden Gäste? Sophie Zimmermann und Wolfram 

Kötter, herzlich willkommen zu unserem Gespräch im

18

:

Katholischen Medienzentrum in Zürich. Jens Spahn 

hat als prominenter CDU-Politiker Leihmutterschaft

19

:

in Deutschland konsequent abgelehnt. Als 

Privatmann hat er sich dafür entschieden.

20

:

Hat diese Nachricht Sie, Sophie Zimmermann, 

im Sommer, das war ja das Thema, überrascht?

21

:

Sophie Zimmermann [00:01:52]

Ja, also grundsätzlich hätte ich

22

:

natürlich so etwas nicht erwartet. Ich fand 

es spannend, dass das Thema Leihmutterschaft

23

:

jetzt so im Zentrum wieder ist, weil ich finde, 

es ist ein Thema, worüber man gesellschaftlich

24

:

sprechen soll. Ich glaube, bei Jens Spahn war 

es aber mehr die Inkonsistenz zwischen seiner

25

:

politischen Linie und dem, was er dann als 

Privatmann tatsächlich im Ausland gemacht hat.

26

:

Sandra Leis [00:02:18]

Also diese Doppelmoral und

27

:

die Glaubwürdigkeit, die dann nicht mehr 

stimmte. Im letzten Podcast habe ich mit

28

:

Markus Hofer gesprochen. Er ist auch Theologe 

und hat sich geäussert zu Franz von Assisi,

29

:

hat ein Buch geschrieben. Und immer am Schluss 

sage ich, was in der nächsten Folge kommt.

30

:

Ich habe Sie beide angekündigt und gesagt, wir 

sprechen über Leihmutterschaft. Kaum waren die

31

:

Mikrofone ausgeschaltet, hat Markus Hofer gesagt: 

«Es gibt kein Recht auf ein Kind. Auch wir sind

32

:

ungewollt kinderlos geblieben.» Wolfram Kötter, 

fällt es Menschen heute angesichts der vielen

33

:

Möglichkeiten in der Reproduktionsmedizin 

schwerer, Kinderlosigkeit zu akzeptieren?

34

:

Wolfram Kötter [00:03:08]

Also zunächst einmal gilt sicherlich,

35

:

dass niemand ein Recht auf ein Kind hat. Und das 

streiche ich auch an der Stelle sehr deutlich

36

:

hervor. Ob Kinderlosigkeit deswegen schwerer 

zu akzeptieren ist, weiß ich nicht. Die

37

:

Lebensphilosophie vieler Menschen ist heute anders 

als vor 30, 40, 50 Jahren. Das muss man einfach

38

:

berücksichtigen. Man kann das Ganze nüchtern 

sehen und sagen, Kinder kosten Geld. Ich weiß,

39

:

wovon ich spreche. Ich habe vier Kinder. Die haben 

alle ihre Ausbildung durchlaufen, das ist schon

40

:

ein Batzen Geld, was da durchläuft. Man kann es 

emotional sehen und sagen, Kinder sind wirklich

41

:

ein Geschenk, eine Gabe, eine große Bereicherung 

für das gesamte Leben, und von daher kann ich den

42

:

Gedanken von Jens Spahn auch nachvollziehen, dass 

er an diesem Lebenspunkt sagt, jawohl, in dieser

43

:

Gemeinschaft möchte ich gerne auch ein Kind 

haben. Die Akzeptanz von Kinderlosigkeit finde

44

:

ich sehr schwierig zu bewerten, zu beurteilen. 

Das sind Entscheidungen, die müssen Paare, wie

45

:

auch immer sie aufgestellt sind, selber für sich 

treffen, und ich würde es ungern werten wollen.

46

:

Sandra Leis [00:04:15]

Sie beide sind Pfarrpersonen

47

:

und haben vielleicht auch 

schon mit Paaren zu tun gehabt,

48

:

die sich Kinder wünschen und noch keine 

bekommen haben. Was raten Sie solchen Paaren?

49

:

Wolfram Kötter [00:04:29]

Also ich kenne Paare, die lange auf ein Kind

50

:

hingearbeitet haben und alles Mögliche versucht 

haben. Ja, in der Tat alles versucht haben,

51

:

und es hat nicht funktioniert. Weder künstliche 

Befruchtung noch anderes. Die sind nachher nicht

52

:

den Weg der Leihmutterschaft gegangen, sondern 

haben später ein Kind adoptiert. Kurz vor zwölf,

53

:

es waren bekannte Freunde aus Deutschland. Mit 

über 60 oder 64 Jahren gemeinsam zusammenaddiert,

54

:

darf man keine Kinder mehr adoptieren. 

Das war dann sozusagen kurz vor 12,

55

:

dass sie dann noch ein Kind haben bekommen dürfen, 

ein Adoptivkind. Ich kenne auch andere Paare, die

56

:

wie wild versucht haben, ein Kind zu bekommen. 

Es ist nicht gelungen. Sie haben dann gesagt,

57

:

gut, dann ist es eben so und haben darauf 

verzichtet. Die Entscheidung ist immer

58

:

eine schwere Entscheidung. Ich möchte da 

niemandem absprechen, die Glaubwürdigkeit,

59

:

die Ernsthaftigkeit eines solchen Entscheides 

zu treffen. Aber die heutigen technischen,

60

:

medizinischen Möglichkeiten sind einfach da 

und eben auch die Frage der Leihmutterschaft.

61

:

Sophie Zimmermann [00:05:39]

Ein unerfüllter Kinderwunsch ist etwas, was einen

62

:

tief betrifft und was zu einer existenziellen 

Krise werden kann und ist etwas, was man natürlich

63

:

als Paar besprechen muss und dort die Frage, wie 

weit möchten wir als Paar gehen, welche Prozeduren

64

:

lassen wir über uns ergehen, wie weit ist es 

auch noch gut für uns als Paar, dass man dort

65

:

in der Kommunikation bleibt, das ist etwas sehr 

Zentrales im Bereich der reproduktiven Medizin.

66

:

Sandra Leis [00:06:09]

Es sind ja auch schon Beziehungen zerbrochen

67

:

an dieser Frage, wenn man sich da dann eben nicht 

einig ist. Vielleicht noch eine kurze Ergänzung

68

:

zur Adoption: Viele Menschen sagen ja einfach, ja, 

adoptiert doch einfach ein Kind. Und so einfach

69

:

ist das eben gar nicht. Also es gibt da ganz, also 

in der Schweiz ganz klare Regeln. Zum Beispiel ein

70

:

schwules Paar darf gar keine Kinder adoptieren. 

Oder es gibt eben auch mehr Menschen, die ein Kind

71

:

adoptieren möchten, als dass Kinder zur Adoption 

zugelassen sind. Das muss man sich auch noch

72

:

bewusst sein, das ist schon noch ein wichtiger 

Punkt. Sie beide sind Theologen, deshalb natürlich

73

:

auch meine Frage: Was sagt denn überhaupt die 

Bibel zur Leihmutterschaft? Sagt sie etwas?

74

:

Sophie Zimmermann [00:06:52]

Also die Leihmutterschaft, so wie es sie heute

75

:

gibt, gibt es natürlich in der Bibel nicht, weil 

die medizinischen Fähigkeiten gar nicht da sind.

76

:

Die Bibel kennt den unerfüllten Kinderwunsch sehr 

gut. Bei verschiedenen Figuren kommt das immer

77

:

wieder vor. Er wird dort vor allem bei den Frauen 

festgemacht, was natürlich aus heutiger Sicht eine

78

:

Verkürzung ist. Aber prominente Frauenfiguren wie 

Sarah, wie Rahel, wie Lea, aber auch Elisabeth

79

:

im Neuen Testament bleiben zunächst kinderlos.

Und bei Sarah, Rahel und Lea im Alten Testament,

80

:

dort gibt es diese Erzählungen der Ersatzmütter 

in Anführungs- und Schlusszeichen, das sind nicht

81

:

Leihmütter so wie heute, aber es ist die Erzählung 

davon, dass sie keine Kinder bekommen können und

82

:

dann ihrem Mann, die Sarah dem Abraham, die 

Rahel dem Jakob und später auch die Lea dem

83

:

Jakob ihre Sklavin geben, damit sie für sie 

Kinder zeugen kann. Das ist eben, wie gesagt,

84

:

nicht dasselbe. Und gleichzeitig ist dort der 

Mechanismus, dass eine andere Frau ein Kind auf

85

:

die Welt bringt, für die Frau, die das nicht 

vermag, drin. Schwierig dabei ist natürlich

86

:

die Frage nach dem sozialen Status. Das sind die 

Sklavinnen, die dann das machen müssen. Die Bibel

87

:

interessiert sich nicht wirklich dafür, was sie 

gedacht haben oder was sie gewollt haben. Aber

88

:

der Name von allen Sklavinnen ist überliefert, die 

Hagar, die Bilha und die Silpa, was spannend ist.

89

:

Aber es geht nicht um ihre Gefühle und nicht um 

die Freiwilligkeit, das unterschlägt die Bibel.

90

:

Sandra Leis [00:08:39]

Wie sehen Sie das, Herr Kötter?

91

:

Wolfram Kötter [00:08:40]

So viel zur Ergänzung: Das Problem,

92

:

was deutlich wird bei Hager, ist natürlich, 

die Fragen, die dann sich auftun mit Blick

93

:

ihrer gesellschaftlichen Stellung. Die ganze 

Neidfunktion, die aufbricht, gegenüber Sarah.

94

:

Umgekehrt die Frage des persönlichen Umgangs, der 

sich ändert, wenn endlich das Kind ausgetragen

95

:

ist, und Abraham mit Stolz, auf das Kind 

guckt, was ja auch sehr viel Diskriminierendes

96

:

gegenüber Sarah wiederum hat. Also es ist 

richtig, die Problematik Leihmutterschaft,

97

:

wie wir sie heute kennen, taucht nicht auf, 

aber es ist natürlich eine andere Form von

98

:

Leihmutterschaft. Also wirklich Menschen wurden 

missbraucht, um Kinder in die Welt zu setzen.

99

:

Sandra Leis [00:09:21]

Frauen wurden missbraucht.

100

:

Die römisch-katholische Kirche sagt 

klar Nein zur Leihmutterschaft,

101

:

und sie lehnt auch Samen- und Eizellenspende 

ab. Sophie Zimmermann, was sind die Hauptgründe

102

:

der römischen-katholischen Kirche, 

ich meine jetzt der Institution?

103

:

Sophie Zimmermann [00:09:41]

Ja, also das Lehramt lehnt so

104

:

ziemlich jede Art von reproduktiver Medizin 

ab. Ursprünglich hat das mit dem Eheverständnis

105

:

begonnen. Die Argumentation hat sich aber 

in den letzten Jahren weiterentwickelt.

106

:

Sandra Leis [00:09:54]

Also was heisst das, weiterentwickelt?

107

:

Sophie Zimmermann [00:09:56]

Die erste Argumentierung findet sich in

108

:

«Donum vitae». Das ist ein Dokument aus 1987. Dort 

wird vor allem aus der Ehe heraus argumentiert.

109

:

Die Ehe als der Ort, wo Zeugung eines neuen 

Lebens würdig ist. Dazu muss man auch sehen,

110

:

dass die katholische Kirche bei der Frage, 

wann ist eine befruchtete Eizelle ein Mensch,

111

:

oder ab wann hat die befruchtete Eizelle die 

Würde eines Menschen, da beginnt die katholische

112

:

Kirche am frühst möglichen Zeitpunkt, nämlich bei 

der Verschmelzung. Sie sagt, eine verschmolzene

113

:

Eizelle mit dem Samen ist als Person zu denken 

und sollte den Schutzstatus eines Menschen haben.

114

:

Sandra Leis [00:10:40]

Und andere Religionen

115

:

sprechen nach 40 Tagen von einem 

menschlichen Wesen, meines Wissens.

116

:

Sophie Zimmermann [00:10:45]

Ja, genau. Und bei uns ist es wirklich

117

:

schwierig. Wir können nicht den Anfang des Lebens 

1 zu 1 bestimmen. Und die katholische Kirche sagt,

118

:

es ist bei der Verschmelzung. Und für sie ist 

eben wichtig, dass diese Weitergabe des Lebens

119

:

in dem ehelichen Liebesakt passiert und dass diese 

Aufsplittung von Elternschaft in Anführungs- und

120

:

Schlusszeichen, die bei einer Leihmutterschaft 

oder bei einer Samenspende oder Eizellenspende

121

:

passiert eben nicht geschehen soll. Später kommt 

es eben auch noch zu anderen Argumentationen, zum

122

:

Beispiel, dass ein Kind 

nicht ein Produkt sein soll,

123

:

oder die Kommerzialisierung von Frauenkörpern 

wird angeprangert in «Amoris laetitia»,

124

:

zum Beispiel 2016. Auch die patriarchale 

Gewalt gegenüber Frauen in solchen Systemen

125

:

wird angeprangert. Und in 2024 kam ein 

Dokument heraus, in «Dignitas infinita»,

126

:

und dort wird vor der Objektifizierung des 

Kindes gewarnt. Also es sind mehrere Dimensionen,

127

:

die zu einem Nein führen. Im Ursprung war 

aber vor allem der Gedanke rund um die

128

:

Würde der Weitergabe des Lebens, der Status 

des Embryos im Ehesakrament eigentlich drin.

129

:

Sandra Leis [00:12:09]

Bei der evangelisch-reformierten

130

:

Kirche Schweiz, die hat sich noch nicht ganz 

klar zur Leihmutterschaft geäussert oder auch

131

:

positioniert. Es gibt allerdings einen sehr 

aktuellen Aufsatz von Stephan Jütte vom 20.

132

:

August 2026, in dem er sich wirklich 

differenziert und von verschiedenen

133

:

Seiten mit dem Thema Leihmutterschaft 

auseinandersetzt. Und er schreibt,

134

:

der Kinderwunsch dürfe nicht über dem 

Wohl der Leihmutter stehen. Herr Kötter,

135

:

ist das im Moment die Haltung der EKS oder 

einfach die Haltung von Stephan Jütte?

136

:

Wolfram Kötter [00:12:45]

Im Gegensatz zur römisch-katholischen

137

:

Kirche haben wir keine einheitliche Ethik, 

sondern legen schon Wert auf die Individualethik,

138

:

auch mit Blick auf die verschiedenen Situationen,

139

:

die denkbar sind. Ich gebe Stephan Jütte recht, 

also das Wohl des Kindes steht an der Stelle,

140

:

ähnlich wie in der römischen-katholischen 

Tradition, über allem. Gar keine Frage.

141

:

Sandra Leis [00:13:06]

Aber eben auch das Wohl

142

:

der Leihmutter ist wichtig, schreibt er.

143

:

Wolfram Kötter [00:13:10]

Genau, das ist genauso wichtig an der Stelle. Auch

144

:

da denke ich, ich bin völlig einer Meinung, die 

Frage ist auch, wie verstehen wir Leihmütter, wie

145

:

gehen wir mit Leihmüttern um, wie gehen Eltern, 

die Kinder bekommen haben von einer Leihmutter,

146

:

wie verstehen sie diese Leihmutterschaft? Das 

ist ein hochsensibles Thema an der Stelle.

147

:

Dennoch gilt, glaube ich, auch zu sagen, dieser 

Wunsch, ein Kind zu haben, ist verständlich.

148

:

Und ich glaube, wenn wir heute von der 

evangelischen Position her denken, dann

149

:

müssen wir einfach fairerweise sagen, wir sagen, 

es gibt eben nicht mehr nur Heterogesellschaften,

150

:

sondern wir haben gleichgeschlechtliche 

Beziehungen, wir lassen queere Beziehungen zu,

151

:

wir segnen diese Beziehungen in Gottesdiensten.

Und spätestens dann ändert sich das

152

:

Gesellschaftsbild auch für uns. Und da 

muss man sich fragen, was ist denn dann,

153

:

wenn ich ein solches Ehepaar auch segne, 

kirchlich segne und sie dann sozusagen

154

:

den Wunsch nach einem Kind haben, darf ich 

diesem Wunsche dann eben auch als Kirche,

155

:

als evangelisch-reformierte Kirche, darf ich 

dem Stand geben. Und von daher ist einfach

156

:

evangelische Ethik oder auch reformierte Ethik 

immer eine situationsbezogene Ethik und nie eine

157

:

Ethik, die von der Tradition ein Stück weit 

her geprägt ist und von der Tradition lebt.

158

:

Sandra Leis [00:14:34]

Sie sind ja, Sophie Zimmermann,

159

:

seit Mai Mitglied im Vorstand des Frauenbund 

Schweiz. Und wenn man da auf die Website geht,

160

:

findet man ein ausführliches Dokument, 

35 Seiten, zur Leihmutterschaft,

161

:

wo drei Autorinnen schreiben. Und das ist 

aus dem Jahr:

162

:

Jahre alt. Das heißt, der Frauenbund hat sich 

schon länger auch mit dem Thema beschäftigt.

163

:

Gleichzeitig schreibt er aber auch, er nehme 

keine Stellung, das sei ein Positionspapier.

164

:

Und ja, da könne man sich dann 

eine eigene Meinung bilden. Klar,

165

:

es heißt ja nicht mehr der Katholische Frauenbund, 

aber sie sind trotzdem katholisch, logischerweise.

166

:

Sophie Zimmermann [00:15:13]

Ja, natürlich.

167

:

Sandra Leis [00:15:14]

Anders katholisch,

168

:

wie es heißt. Und heißt das denn, dass der 

Frauenbund sich jetzt dann noch durchringt

169

:

zu einer Position, oder bleibt es bei dem, dass 

er sehr differenziert, also dann ähnlich wie die

170

:

evangelisch-reformierte Kirche eine Position 

oder mögliche Argumente bringt, dass man sich

171

:

selber eine Meinung machen kann. Ist das auch die 

Idee vom Frauenbund letztlich? Ist das die Idee?

172

:

Sophie Zimmermann [00:15:35]

Ja, genau. Das Diskussionspapier

173

:

wird gerade überarbeitet, damit es wieder auf 

den neuesten Stand kommt. Gerade das Thema Ehe

174

:

für alle war 2016 ja noch nicht drin, und jetzt 

ist das eine neue Dimension, die reinkommt. Aber

175

:

der Frauenbund möchte nicht eine Stellung 

beziehen und somit zur Akteurin werden,

176

:

die meinungsgebend ist, sie möchte meinungsbildend 

sein und möchte die Leute dazu ermächtigen,

177

:

dass sie über das Thema Leihmutterschaften 

in einen Diskurs gehen, dass sie sich die

178

:

verschiedenen Argumente anhören und auch die 

verschiedenen Grauschattierungen anschauen

179

:

können und wahrnehmen können. Und das wird 

auch dabei bleiben beim Neuen. Es werden

180

:

wahrscheinlich Forderungen auch für die 

Politik formuliert werden, aber dass der

181

:

Frauenbund jetzt hier eine eindeutige Meinung 

äussert, dass wird wahrscheinlich nicht kommen.

182

:

Sandra Leis [00:16:32]

Lassen Sie uns noch gemeinsam

183

:

aufzeigen, warum Leihmutterschaft eigentlich 

ethisch so umstritten ist. Zunächst einmal,

184

:

wer ist alles involviert, wenn man sich das mal 

überlegt. Also zum einen natürlich das Paar,

185

:

das den dringenden Kinderwunsch hat. Das 

heisst dann in der Literatur Wunscheltern

186

:

oder Auftragseltern. Dann gibt es aber 

noch häufig den Samenspender und oder

187

:

eine Eizellenspenderin. Die Leihmutter, die das 

Kind austrägt. Und das Kind selbst. Fokussieren

188

:

wir mal auf die Leihmutter und dann auch auf 

das Kind. Wer wird überhaupt Leihmutter, Sophie

189

:

Zimmermann? Wer macht sowas? Welche Frauen oder 

was für Frauentypen? Es gibt ja nicht nur einen.

190

:

Sophie Zimmermann [00:17:17]

Das ist genau die Frage. Es gibt wenig bis

191

:

gar keine Studien zum Thema, wer eine Leihmutter 

wird. Es gibt gar keine Langzeitstudien. Und die

192

:

Frage ist dort die Frage nach der Freiwilligkeit. 

Welche Frau stellt ihren Körper zur Verfügung

193

:

über neun Monate? Nur die Austragungszeit der 

neun Monate. Dann gibt es die medizinischen

194

:

Prozeduren vorher. Also die Hormone, die genommen 

werden müssen, dann die Einsetzung der Eizelle,

195

:

dann das Monitoring, und danach ist ein Körper 

nicht mehr derselbe Körper wie vorher. Da hat

196

:

ein Veränderungsprozess stattgefunden. Also welche 

Frau nimmt so etwas auf sich? Ganz klar ist, dass

197

:

eine Schwangerschaft nicht eine Dienstleistung 

ist wie jede andere Dienstleistung und auch nicht

198

:

eine normale Form oder mit einer normalen Form von 

Erwerbstätigkeit vergleichbar ist. Also da stellt

199

:

jemand, eine Frau, ihren Körper zur Verfügung.

Oft wird unterschieden zwischen kommerzieller

200

:

und altruistischer Leihmutterschaft, also die 

Frage, bekommt sie Geld dafür, dass sie einen

201

:

Lohn hat und leben kann, sprich kommerziell, 

oder möchte sie aus Hilfsbereitschaft für

202

:

kinderlose Paare diese Dienstleistung erbringen? 

Und bekommt vielleicht nur eine kleine Abfindung,

203

:

das würde man dann als altruistisch bezeichnen. 

Das Problem ist, dass die beiden nicht wirklich

204

:

eins zu eins auseinandergehalten werden können. 

Was für eine Person vielleicht nur ein kleiner

205

:

Batzen ist, ist für eine andere Person dringend 

notwendig. Also das ist nicht wirklich abgrenzbar.

206

:

Ich glaube, wenn wir noch vergessen haben, bei 

den Akteurinnen und Akteuren sind die Agenturen.

207

:

Sandra Leis [00:19:07]

Genau, da sind wir dann

208

:

beim Thema Geld. Das kommt dann auch noch.

209

:

Sophie Zimmermann [00:19:10]

Die Agentur, aber auch die

210

:

Reproduktionsmedizinerinnen, die 

dort am Werk sind. Das sind schon

211

:

noch Akteurinnen, die eine grosse Rolle spielen.

212

:

Sandra Leis [00:19:22]

Häufig wird ja eine finanzielle

213

:

Notsituation ausgenutzt, also das ist sicherlich 

eine Möglichkeit, die eindeutig besteht und vor

214

:

der warnen ja auch viele christliche Menschen, 

jetzt egal, welcher Konfession. Es gibt aber

215

:

eben auch die selbstbestimmte Frau, die sagt, 

ich mach das jetzt, um meine Studiengebühren

216

:

finanzieren zu können, auch das gibt es. Und 

dann eben die altruistische. Beispielsweise

217

:

eine Schwester, die sagte, ich mache das für 

meine Schwester. Oder sehr religiöse Frauen,

218

:

für die die Familie quasi das Höchste ist 

und die sagen, das ist ein solches Leid,

219

:

wenn man keine Kinder bekommen kann, deshalb 

mache ich es jetzt. Von Ihnen habe ich gelesen,

220

:

Wolfram Kötter, in den «Schaffhauser Nachrichten», 

dass Sie unter gewissen Umständen sich vorstellen

221

:

könnten, eine altruistische, also eine selbstlose 

Leihmutterschaft gutzuheissen. Aber wie kann man

222

:

denn kontrollieren, ob jetzt das wirklich 

selbstlos ist? Es könnte ja auch sein,

223

:

dass es innerhalb einer Familie leise Zwänge gibt, 

dass man das halt dann machen muss oder so. Wie

224

:

kann man das unterscheiden, diese kommerzielle 

von der altruistischen Leihmutterschaft?

225

:

Wolfram Kötter [00:20:34]

Also die Frage ist ja, wie werte ich

226

:

die freiwillige Leihmutterschaft? Also jegliche 

Form von Kommerz in dieser Fragestellung ist,

227

:

glaube ich, abzulehnen. Also ich finde es sehr 

schwierig, weil wir können natürlich keine

228

:

Kontrollmechanismen einbauen. Die gibt es an der 

Stelle nicht. Ich kann nicht nur darauf vertrauen,

229

:

dass die Frauen, die es dann wirklich auch 

mit Blick auf auf ein anderes Paar tun,

230

:

dass die Frau sehr deutlich weiß, was tut sie da. 

Es geht ja vor allem an der Stelle auch um das,

231

:

was eine Frau, so wie vorhin beschrieben, auch 

emotional erlebt. Also sie spürt ja über die

232

:

Monate ein Kind in sich wachsen, und sie baut eine 

Beziehung auf zu diesem Kind. Und ich habe vier

233

:

Schwangerschaften beobachten dürfen bei meiner 

Frau und kann nur sagen, Frauen haben da einen

234

:

Vorsprung von neun Monaten dem Mann gegenüber.

Aber das sind so Punkte, wo ich auch als Mann

235

:

sagen muss: Da bin ich Mann und nicht Frau 

und kann nur sagen, was da sowohl hormonell

236

:

im Körper einer Frau passiert als auch, was 

emotional aufgebaut wird, kann ich nur vermuten,

237

:

aber nicht mehr. Und wenn Frauen aus sich selbst 

heraus sagen – es mögen religiöse Gründe sein,

238

:

familiäre Gründe –, ich trage für meine Schwester 

das Kind aus, die eben selber kein Kind haben

239

:

kann. Und es wirklich auf dieser freiwilligen 

Basis geschieht und allen Beteiligten deutlich

240

:

ist, es geht wirklich um das Wohl der Frau 

einerseits, es geht andererseits natürlich

241

:

auch vor allem um das Wohl des Kindes, dann mag 

eine solche Leihmutterschaft deutlich werden.

242

:

Sandra Leis [00:22:16]

Darf ich noch kurz zum Kindeswohl was

243

:

fragen? Denn was bedeutet das eigentlich für ein 

Kind, wenn es in einem Bauch einer Leihmutter zur

244

:

Welt kommt? Also zuerst heranwächst, dann zur Welt 

kommt und dann übergeben wird, der Auftragsmutter

245

:

oder der Wunschmutter, wie sie heißt, man spricht 

ja auch von einem Trennungstrauma. Ich habe auch

246

:

Studien gelesen, die sagen, nein, das gibt es 

nicht. Wie Sie es vorhin geschildert haben,

247

:

Sie sind Vater von vier Kindern und haben 

das auch beobachten können, diese Beziehung,

248

:

die da in neun Monaten entsteht, zwischen der 

Frau, die dieses Kind austrägt, und dem Kind,

249

:

da ist ja nicht einfach nichts da, und 

natürlich kann man sagen, man weiß ja,

250

:

dass man das Kind wieder abgibt, aber jetzt aus 

Sicht des Kindes, das weiß ja das nicht, dass

251

:

es abgegeben wird, und es sucht natürlich einen 

Kontakt. Und was haben Sie da für eine Position?

252

:

Sophie Zimmermann [00:23:11]

Gerade hier fehlen wieder die Studien in Bezug

253

:

auf Leimutterschaft, inwiefern das Langzeitfolgen 

hat auf das Wohl des Kindes. Ich glaube, aus. . .

254

:

Sandra Leis [00:23:19]

Anika König, die auch bei Ihnen

255

:

geschrieben hat, die sagt, das gibt es nicht, 

aber ich frage mich einfach, wie kann man sich

256

:

als erwachsener Mensch beispielsweise erinnern, 

wie das war damals, als ich zwei Monate alt war.

257

:

Sophie Zimmermann [00:23:31]

Das kann man nicht. Das ist eine Blackbox,

258

:

die nimmt man in Kauf, wenn man Leihmutterschaft 

in Kauf nimmt. Ich glaube aber, das was Anika

259

:

König auch schreibt, dass die soziale Sicherheit 

bei den Eltern, also bei den Wunscheltern dann,

260

:

dass diese sicheren Bindungen, die dort sind, 

dass das wohl das Zentrale ist für das Kinderwohl.

261

:

Und natürlich das Recht auf ein Wissen um die 

Herkunft und dass die Kinder sorgsam da eingeführt

262

:

werden. Sich selbst als geliebten Menschen 

sehen und nicht als Produkt. Das ist unglaublich

263

:

zentral. Das ist ein grosser Auftrag an die 

Wunscheltern, das sorgsam und aufrichtig zu tun.

264

:

Und das gehört für mich eigentlich zu, 

wenn man sich dafür entscheidet als Eltern

265

:

zu einer der wichtigsten Aufgaben danach 

in Bezug auf den Umgang mit den Kindern.

266

:

Ich wollte noch etwas zu dem sagen, was Sie gesagt 

haben, Herr Kötter. Ich kann verstehen, was sie

267

:

meinen mit der altruistischen Leihmutterschaft. 

Ich finde es schwierig, wenn Frauen und Altruismus

268

:

in einem Argument zusammen genannt werden, 

weil ich glaube, wir müssen hier aufpassen,

269

:

dass wir nicht eine Schubladisierung machen von 

der hingebungsvollen Frau, die das ja möchte.

270

:

Da finde ich, läuten bei mir ein bisschen die 

Alarmglocken, wenn wir so anfangen zu reden.

271

:

Auch mit dem Thema, wenn eine Frau das ja 

will, dann dürfen wir da nichts dagegen sagen.

272

:

Sandra Leis [00:25:06]

Selbstbestimmung.

273

:

Sophie Zimmermann [00:25:07]

Selbstbestimmung, genau. Und ich finde ja,

274

:

wir dürfen die Frauen nicht paternalisieren, 

und ich glaube, eine Frau kann gleichzeitig

275

:

in einer finanziellen Notsituation selbstbestimmt 

sagen, ich gehe den Weg in die Leihmutterschaft.

276

:

Das müssen wir akzeptieren, dass Not und 

freie Entscheidung gleichzeitig stehen kann.

277

:

Aber ich finde, der Staat in diesem Fall hat auch 

eine Schutzfunktion der Menschen vor sich selbst.

278

:

In anderen Situationen nimmt er diese wahr. Zum 

Beispiel kann niemand aus einer Notsituation

279

:

in der Schweiz eine Niere verkaufen. 

Verbietet der Staat. Dort ist die Frage,

280

:

ob der Staat diese Schutzfunktion auch bei 

Frauen hat, die ihren Körper in der Form von

281

:

Leihmutterschaft so zu einer Einnahmequelle 

machen möchten. Und da ist der. . .

282

:

Sandra Leis [00:26:03]

Was ist Ihre Antwort

283

:

auf diese Frage? Das ist sehr wichtig.

284

:

Sophie Zimmermann [00:26:07]

Puh! Meine Antwort ist,

285

:

dass der Staat sich überlegen muss, wo er mit 

dem Schutz beginnt und wo er die Selbstbestimmung

286

:

der Menschen dann auch gelten lässt. Und dort 

braucht es eine konsistente Antwort in Bezug

287

:

auf die verschiedenen Dimensionen vom Menschsein. 

All diese Rechte, die gehen ja miteinander immer

288

:

wieder in Konkurrenz, und immer wieder muss 

abgewogen werden, wo zieht man jetzt die Linie.

289

:

Sandra Leis [00:26:36]

Wolfram Kötter, Sie möchten schon lange was sagen.

290

:

Wolfram Kötter [00:26:40]

Ich würde noch gerne zwei Ergänzungen tun zu dem,

291

:

was erleben möglicherweise Kinder im Mutterleib. 

Also ich weiß aus eigener Erfahrung, dass wir bei

292

:

der vierten, letzten Schwangerschaft war es eine 

angelegte Zwilling-Schwangerschaft. Und der eine

293

:

Zwilling hat eben nicht überlebt, was zu einer 

sehr anstrengenden Schwangerschaft für meine Frau

294

:

geführt hat, weil sie de facto ein Vierteljahr im 

Krankenbett gelegen hat. Er ist nicht abgegangen,

295

:

und die Gefahr der Vergiftung war sehr groß, dass 

auch der zweite Zwilling das Leben verliert. Es

296

:

ist schon spannend zu sehen, dass unser Jüngster 

manchmal das Gefühl hat, er ist nicht allein.

297

:

Sandra Leis [00:27:26]

Interessant.

298

:

Wolfram Kötter [00:27:28]

Dieser Zwilling, der mal da war, hat ihn

299

:

lange Zeit beschäftigt, nachdem er erfahren hat, 

dass war eine Zwilling-Schwangerschaft angelegt.

300

:

Also von daher, wir wissen nicht, 

also ich finde es sehr schwierig,

301

:

spannend, aber auch sehr schwierig zu sagen, 

was passiert da in der Psyche eines Kindes

302

:

vorgeburtlich. Von daher, die andere Erfahrung 

sagt mir, also, ich bin aus Deutschland, und wir

303

:

hatten die Deutsche Demokratische Republik, wo 

es selbstverständlich war, dass ab der vierten,

304

:

fünften Woche die Kinder in die Krippe kamen. Und 

man hat gesagt, die tragen doch Schäden davon,

305

:

weiß ich nicht. Aber es war selbstverständlich, 

dass damals in der Deutschen Demokratischen

306

:

Republik die Kinder in die Krippe kamen, 

damit die Frauen weiter schaffen konnten

307

:

und durften. Also es ist sehr, sehr ambivalent 

alles und sehr, sehr schwierig da zu sagen,

308

:

was ist richtig, was ist falsch. Wir werden 

auch mit Blick auf gesetzliche Rahmenbedingungen

309

:

nie alles hundertprozentig erfüllen können, 

sondern man kann immer nur situativ regeln,

310

:

was möchte ich auch als Staat erlauben.

Wo beginnt Schutz, auch staatlicherseits,

311

:

die Frage ist zutiefst berechtigt, was lässt 

Staat zu und was nicht. Und die Gesetzgebung in

312

:

der Schweiz ist ja eigentlich an der Stelle sehr 

konsequent, indem diese ganz klar sagt, also diese

313

:

Art von Fortpflanzungsmedizin ist in der Schweiz 

nicht erlaubt. Sondern wir gucken eigentlich nur,

314

:

was passiert, wenn denn ein Kind in die Schweiz 

kommt aufgrund einer Leihmutterschaft und wird

315

:

dann eben auch als Kind, als Schweizer Kind 

anerkannt. Aber ich fand es immer spannend,

316

:

die Frage, was passiert psychisch mit so einem 

Kind? Also die Frage, warum bricht bei meinem

317

:

Patenkind mit 14 Jahren die Frage auf, wer ist 

meine Mutter? Also das ist dieses adoptierte Kind,

318

:

von dem ich vorhin gesprochen habe. Wieso taucht 

das mit einmal auf? Wer bin ich eigentlich?

319

:

Sandra Leis [00:29:22]

Das ist auch eine klassische

320

:

Frage in der Pubertät, dass man wissen möchte, 

wer ist meine genetische Mutter? Oder der Vater.

321

:

Wolfram Kötter [00:29:27]

Natürlich. Auch festzustellen,

322

:

dass du möglicherweise ganz anders tickst, als 

deine eben nicht leibliche Mutter. Sondern zu

323

:

horchen und zu sehen, bin ich meiner leiblichen 

Mutter möglicherweise viel näher als eben der

324

:

Adoptivmutter. Also da sind ganz viele Fragen 

aufgebrochen, die wir natürlich immer wieder in

325

:

anderer Form als Menschen haben. Die Frage, wer 

bin ich, wo komme ich her, und wo gehst du hin.

326

:

Das sind einfach die klassischen, menschlichen 

Fragen, vor denen wir immer wieder neu stehen.

327

:

Und ich glaube einfach, bei den Kindern in 

der Leihmutterschaft ist es dann auch so.

328

:

Sandra Leis [00:30:01]

Ich möchte nochmal das Thema Geld aufgreifen,

329

:

das Sie, Sophie Zimmermann, vorhin angesprochen 

haben. Weil das ist ein Riesenmarkt. Man sagt,

330

:

das ist eine Schätzung, aber man sagt, 

im Jahr:

331

:

also nur in diesem einen Jahr, für das ganze 

Thema Leihmutterschaft ausgegeben worden.

332

:

Und es ist völlig richtig, wie Sie beide 

gesagt haben, da sind Agenturen da drin,

333

:

da sind Mediziner, alle verdienen da dran. Und die 

Preise sind offenbar auch sehr unterschiedlich,

334

:

also man kann in ärmeren Ländern für einige 

tausend Franken eine Leihmutterschaft buchen

335

:

quasi, bis zu 150’000, 180’000 Franken 

in einigen Bundesstaaten in den USA,

336

:

wo viel mehr dann geregelt ist. Das heißt aber 

auch, Leihmutterschaft kann sich eigentlich nur

337

:

leisten, wer das nötige Geld hat, und die anderen 

haben diese Möglichkeit nicht, ist das gerecht?

338

:

Sophie Zimmermann [00:30:56]

339

:

Nein. Ich glaube, das Thema Ungerechtigkeit 

zieht sich durch das ganze Thema hindurch.

340

:

Sandra Leis [00:31:02]

Das kommt ja noch dazu, oder?

341

:

Sophie Zimmermann [00:31:04]

Einerseits sind es ja dann eher reiche

342

:

Wunscheltern, die bei einer eher ärmeren Frau 

in einem eher ärmeren Land eine Leihmutterschaft

343

:

sozusagen in Auftrag geben. Das ist schon mal 

das soziale Gefälle zwischen der Leihmutter und

344

:

den Wunscheltern, was sehr unterschiedlich ist. 

Und man nimmt das ja auch mit Unbehagen wahr,

345

:

wie es zum Beispiel In Ländern wie Indien auch in 

Bezug auf Leihmutterschaften passiert. Spannend

346

:

ist, bei dem Thema Wunscheltern wird oftmals davon 

ausgegangen, dass Eltern, die nicht auf natürliche

347

:

Weise in Anführungs- und Schlusszeichen Eltern 

werden kann, dass die das gleiche Recht haben

348

:

wie Eltern, die das können, dass dort die 

Ungleichbehandlung aufgehoben werden soll,

349

:

weil es eine Ungleichbehandlung ist zum 

Beispiel von einem schwulen Paar gegenüber

350

:

einem Hetero-Paar, dass die keine Kinder 

haben können und dass so mit der reproduktiven

351

:

Selbstbestimmung das doch ermöglicht werden soll.

Ich finde, wir müssen aufpassen, weil sich die

352

:

Ungleichheit einfach in andere Sphären verwandelt 

und nämlich hier in Bezug auf Reichtum und

353

:

finanzielle Möglichkeiten. Also, man muss ziemlich 

viel Geld haben, um eine Leimutterschaft umsetzen

354

:

zu können als Wunscheltern, und man muss sehr 

viel Geld haben, um das mit einigermassen

355

:

höheren Ansprüchen, zum Beispiel in den USA, tun 

zu können. Also das ist das gängige Narrativ, dass

356

:

dort die rechtlichen Bestimmungen einfacher sind 

und besser. Und dass die Frauen besser geschützt

357

:

werden als bei einer günstigen Leihmutterschaft 

zum Beispiel in Kolumbien oder der Ukraine.

358

:

Ist ja auch dann 100'000 Fragezeichen, die da 

aufploppen: Inwiefern ist das wirklich so? Wie

359

:

sind diese Verträge, ist da die Selbstbestimmung 

der Frauen wirklich besser geschützt? Welche

360

:

Verträge unterzeichnen die Frauen, was dürfen die 

Wunscheltern alles über die Leihmütter bestimmen?

361

:

Sandra Leis [00:33:08]

Von ihnen verlangen, oder.

362

:

Sophie Zimmermann [00:33:09]

Von ihnen verlangen. Eine

363

:

gewisse Essensdiät, gewisse Schlafenszeiten, 

gewisse Musik, die sie hören. Keine Ahnung,

364

:

da gibt es wohl alles. Und natürlich auch 

die hunderttausend rechtlichen Fragen:

365

:

Was passiert, wenn Kinder eine Behinderung haben? 

Wer entscheidet, ob das Kind abgetrieben wird oder

366

:

nicht? Wer entscheidet, ob eine Schwangerschaft 

weitergeführt wird, wenn eine Gefahr besteht?

367

:

Sandra Leis [00:33:34]

Auch für die Leihmutter beispielsweise.

368

:

Sophie Zimmermann [00:33:36]

Auch für Leihmutter, genau.

369

:

Wer hat am Schluss das letzte Wort? 

Und das wird ja vertraglich geregelt,

370

:

und dort muss man aufpassen, dass die Leihmütter 

nicht ihrer Selbstbestimmung beraubt werden,

371

:

auch wenn sie selbstbestimmt ihre 

Unterschrift unter diesen Vertrag setzen.

372

:

Sandra Leis [00:33:54]

Ich komme nochmals kurz auf

373

:

die «Schaffhauser Nachrichten», Herr Kötter, weil 

da haben Sie gesagt, unter strengen Bedingungen

374

:

können Sie sich eine Leihmutterschaft 

vorstellen. Was sind diese Bedingungen,

375

:

wenn Sie jetzt diese Bedenken hören, die 

Frau Zimmermann ins Feld geführt haben?

376

:

Wolfram Kötter [00:34:11]

Also das kann ich voll unterstreichen,

377

:

was jetzt gerade gesagt worden 

ist. Also das sind Punkte, die,

378

:

sobald es um finanzielle Interessen geht, um 

andere Interessen, ist das auszuschließen. Es

379

:

geht wirklich um eine Freiwilligkeit, aus 

welcher Motivation heraus auch immer es

380

:

geschieht. Also ich denke auch schon alleine eine 

Leihmutterschaft, um ein Studium zu finanzieren,

381

:

ist für mich ein kommerzielles Geschehen. Also 

auch schon das ist ein Ding der eigentlichen

382

:

Unmöglichkeit. Von daher, das sind diese 

strengen Bedingungen, dass ich sage,

383

:

es muss ganz klar sein, Elternschaft bedeutet eben 

auch Verantwortung, ganz wichtig. Und ich denke,

384

:

für reformierte Ethik ist das der entscheidende 

Punkt, dass die Eltern, auch die Wunscheltern

385

:

sich dessen bewusst sind, was sie haben. Das ist 

der Blick. Bedingungen, es geht nur freiwillig.

386

:

Sobald irgendein Zwang hineinkommt oder sobald 

gefragt wird, also nein, es geht nicht. Punkt.

387

:

Sandra Leis [00:35:18]

In der Schweiz ist die

388

:

Leihmutterschaft verboten, das wissen wir. Soll 

das so bleiben auch in Zukunft? Ja oder nein?

389

:

Wolfram Kötter [00:35:33]

Es ist die Frage der Rahmenbedingungen, sage

390

:

ich an der Stelle. Wenn diese Rahmenbedingungen 

so klar definiert sind, dass es möglich ist,

391

:

warum nicht? Wir haben eine Gesellschaft, die 

sich ändert, die sich grundsätzlich verändert,

392

:

indem wir vieles zulassen, und dann ergeben 

sich solche Fragen wie eine Leihmutterschaft.

393

:

Sandra Leis [00:35:51]

Sophie Zimmermann?

394

:

Sophie Zimmermann [00:35:52]

Ich glaube, die Schweiz braucht vor

395

:

allem eine konsistente Lösung. Momentan lagert 

sie das Thema einfach auf andere Staaten ab und

396

:

schaut dann, wenn die Kinder über die Grenze 

kommen, wie sie damit verfährt. Ich finde das

397

:

eine inkonsistente Lösung. Ich glaube aber, je 

länger ich über so eine Inlandlösung nachdenke,

398

:

desto mehr kommt mir das als eine Utopie vor. 

Ich glaube, in der Schweiz werden wir nicht

399

:

genügend Leihmütter finden, um die Nachfrage der 

Schweizerinnen und Schweizer zu befriedigen. Und

400

:

ich glaube, die Freiheit und Rechte aller müssen 

berücksichtigt werden, auch vom Schweizer Staat.

401

:

Sandra Leis [00:36:31]

Sophie Zimmermann,

402

:

Wolfram Kötter, vielen herzlichen 

Dank für diese engagierte Diskussion.

403

:

Wolfram Kötter [00:36:38]

Gerne.

404

:

Sophie Zimmermann [00:36:39]

Sehr gerne, vielen Dank.

405

:

Sandra Leis [00:36:42]

Das ist die 77. Folge

406

:

des Podcasts «Laut und Leis». Zu Gast waren die 

römisch-katholische Theologin Sophie Zimmermann.

407

:

Sie arbeitet im Pastoralraum Stadt Luzern und 

ist Mitglied im Vorstand des Frauenbund Schweiz.

408

:

Und Wolfram Kötter, er ist Kirchenratspräsident 

der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons

409

:

Schaffhausen. Über Feedback freuen wir uns. 

Schreibt gerne per Mail an [email protected] oder

410

:

per WhatsApp auf die Nummer 078 251 67 83. Und 

abonniert den Podcast und bewertet ihn positiv,

411

:

wenn er euch gefällt. In der nächsten Folge 

von «Laut + Leis» spreche ich mit Jan Loffeld.

412

:

Er ist Priester und Professor für praktische 

Theologie in Utrecht und hat ein vielbeachtetes

413

:

Buch geschrieben mit dem Titel «Wenn nichts 

fehlt, wo Gott fehlt». In Luzern hat er soeben

414

:

die diesjährige Otto-Karrer-Vorlesung 

gehalten und aufgezeigt, wie sich die

415

:

einstigen Volkskirchen zu Minderheitenkirchen 

entwickeln. Zukunftschancen sieht Loffeld in

416

:

der Ökumene. Der Podcast erscheint am 16. Oktober. 

Bis dahin und bleibt laut und manchmal auch leise.

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