Ein unerfüllter Kinderwunsch kann zu einer existenziellen Krise führen. Ob eine Leihmutterschaft unter strengen Bedingungen eine Lösung sein könnte, darüber debattieren Sophie Zimmermann und Wolfram Kötter. Sie arbeitet als römisch-katholische Theologin im Pastoralraum Stadt Luzern und ist Mitglied im Vorstand des Frauenbund Schweiz. Er ist Kirchenratspräsident der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Schaffhausen.
Die Themen:
Sophie Zimmermann [00:00:01]
Ganz klar ist, dass eine
2
:Schwangerschaft nicht eine Dienstleistung
ist wie jede andere Dienstleistung und
3
:auch nicht eine normale Form oder mit
einer normalen Form von Erwerbstätigkeit
4
:vergleichbar ist. Also da stellt jemand,
eine Frau, ihren Körper zur Verfügung.
5
:Sandra Leis [00:00:21]
Das sagt Sophie Zimmermann.
6
:Die römisch-katholische Theologin arbeitet
im Pastoralraum Stadt Luzern und ist Mitglied
7
:im Vorstand des Frauenbund Schweiz.
Wolfram Kötter ist Kirchenratspräsident
8
:der evangelisch-reformierten Kirche
des Kantons Schaffhausen. Er sagt:
9
:Wolfram Kötter [00:00:39]
Wie verstehen wir Leihmütter? Wie
10
:gehen wir mit Leihmüttern um? Wie gehen Eltern,
die Kinder bekommen haben von einer Leihmutter,
11
:wie verstehen sie diese Leihmutterschaft? Das
ist ein hochsensibles Thema an der Stelle.
12
:Dennoch gilt, glaube ich, auch zu sagen, dieser
Wunsch, ein Kind zu haben, ist verständlich.
13
:Sandra Leis [00:00:59]
Seit der deutsche Politiker Jens Spahn sich mit
14
:seinem Mann dazu bekannt hat, dass sie mithilfe
einer Leihmutter Eltern geworden sind, wird wieder
15
:heftig über Leihmutterschaft debattiert.
Ich bin Sandra Leis und frage im Podcast,
16
:welche Positionen vertreten die zwei grossen
Landeskirchen der Schweiz und wie argumentieren
17
:meine beiden Gäste? Sophie Zimmermann und Wolfram
Kötter, herzlich willkommen zu unserem Gespräch im
18
:Katholischen Medienzentrum in Zürich. Jens Spahn
hat als prominenter CDU-Politiker Leihmutterschaft
19
:in Deutschland konsequent abgelehnt. Als
Privatmann hat er sich dafür entschieden.
20
:Hat diese Nachricht Sie, Sophie Zimmermann,
im Sommer, das war ja das Thema, überrascht?
21
:Sophie Zimmermann [00:01:52]
Ja, also grundsätzlich hätte ich
22
:natürlich so etwas nicht erwartet. Ich fand
es spannend, dass das Thema Leihmutterschaft
23
:jetzt so im Zentrum wieder ist, weil ich finde,
es ist ein Thema, worüber man gesellschaftlich
24
:sprechen soll. Ich glaube, bei Jens Spahn war
es aber mehr die Inkonsistenz zwischen seiner
25
:politischen Linie und dem, was er dann als
Privatmann tatsächlich im Ausland gemacht hat.
26
:Sandra Leis [00:02:18]
Also diese Doppelmoral und
27
:die Glaubwürdigkeit, die dann nicht mehr
stimmte. Im letzten Podcast habe ich mit
28
:Markus Hofer gesprochen. Er ist auch Theologe
und hat sich geäussert zu Franz von Assisi,
29
:hat ein Buch geschrieben. Und immer am Schluss
sage ich, was in der nächsten Folge kommt.
30
:Ich habe Sie beide angekündigt und gesagt, wir
sprechen über Leihmutterschaft. Kaum waren die
31
:Mikrofone ausgeschaltet, hat Markus Hofer gesagt:
«Es gibt kein Recht auf ein Kind. Auch wir sind
32
:ungewollt kinderlos geblieben.» Wolfram Kötter,
fällt es Menschen heute angesichts der vielen
33
:Möglichkeiten in der Reproduktionsmedizin
schwerer, Kinderlosigkeit zu akzeptieren?
34
:Wolfram Kötter [00:03:08]
Also zunächst einmal gilt sicherlich,
35
:dass niemand ein Recht auf ein Kind hat. Und das
streiche ich auch an der Stelle sehr deutlich
36
:hervor. Ob Kinderlosigkeit deswegen schwerer
zu akzeptieren ist, weiß ich nicht. Die
37
:Lebensphilosophie vieler Menschen ist heute anders
als vor 30, 40, 50 Jahren. Das muss man einfach
38
:berücksichtigen. Man kann das Ganze nüchtern
sehen und sagen, Kinder kosten Geld. Ich weiß,
39
:wovon ich spreche. Ich habe vier Kinder. Die haben
alle ihre Ausbildung durchlaufen, das ist schon
40
:ein Batzen Geld, was da durchläuft. Man kann es
emotional sehen und sagen, Kinder sind wirklich
41
:ein Geschenk, eine Gabe, eine große Bereicherung
für das gesamte Leben, und von daher kann ich den
42
:Gedanken von Jens Spahn auch nachvollziehen, dass
er an diesem Lebenspunkt sagt, jawohl, in dieser
43
:Gemeinschaft möchte ich gerne auch ein Kind
haben. Die Akzeptanz von Kinderlosigkeit finde
44
:ich sehr schwierig zu bewerten, zu beurteilen.
Das sind Entscheidungen, die müssen Paare, wie
45
:auch immer sie aufgestellt sind, selber für sich
treffen, und ich würde es ungern werten wollen.
46
:Sandra Leis [00:04:15]
Sie beide sind Pfarrpersonen
47
:und haben vielleicht auch
schon mit Paaren zu tun gehabt,
48
:die sich Kinder wünschen und noch keine
bekommen haben. Was raten Sie solchen Paaren?
49
:Wolfram Kötter [00:04:29]
Also ich kenne Paare, die lange auf ein Kind
50
:hingearbeitet haben und alles Mögliche versucht
haben. Ja, in der Tat alles versucht haben,
51
:und es hat nicht funktioniert. Weder künstliche
Befruchtung noch anderes. Die sind nachher nicht
52
:den Weg der Leihmutterschaft gegangen, sondern
haben später ein Kind adoptiert. Kurz vor zwölf,
53
:es waren bekannte Freunde aus Deutschland. Mit
über 60 oder 64 Jahren gemeinsam zusammenaddiert,
54
:darf man keine Kinder mehr adoptieren.
Das war dann sozusagen kurz vor 12,
55
:dass sie dann noch ein Kind haben bekommen dürfen,
ein Adoptivkind. Ich kenne auch andere Paare, die
56
:wie wild versucht haben, ein Kind zu bekommen.
Es ist nicht gelungen. Sie haben dann gesagt,
57
:gut, dann ist es eben so und haben darauf
verzichtet. Die Entscheidung ist immer
58
:eine schwere Entscheidung. Ich möchte da
niemandem absprechen, die Glaubwürdigkeit,
59
:die Ernsthaftigkeit eines solchen Entscheides
zu treffen. Aber die heutigen technischen,
60
:medizinischen Möglichkeiten sind einfach da
und eben auch die Frage der Leihmutterschaft.
61
:Sophie Zimmermann [00:05:39]
Ein unerfüllter Kinderwunsch ist etwas, was einen
62
:tief betrifft und was zu einer existenziellen
Krise werden kann und ist etwas, was man natürlich
63
:als Paar besprechen muss und dort die Frage, wie
weit möchten wir als Paar gehen, welche Prozeduren
64
:lassen wir über uns ergehen, wie weit ist es
auch noch gut für uns als Paar, dass man dort
65
:in der Kommunikation bleibt, das ist etwas sehr
Zentrales im Bereich der reproduktiven Medizin.
66
:Sandra Leis [00:06:09]
Es sind ja auch schon Beziehungen zerbrochen
67
:an dieser Frage, wenn man sich da dann eben nicht
einig ist. Vielleicht noch eine kurze Ergänzung
68
:zur Adoption: Viele Menschen sagen ja einfach, ja,
adoptiert doch einfach ein Kind. Und so einfach
69
:ist das eben gar nicht. Also es gibt da ganz, also
in der Schweiz ganz klare Regeln. Zum Beispiel ein
70
:schwules Paar darf gar keine Kinder adoptieren.
Oder es gibt eben auch mehr Menschen, die ein Kind
71
:adoptieren möchten, als dass Kinder zur Adoption
zugelassen sind. Das muss man sich auch noch
72
:bewusst sein, das ist schon noch ein wichtiger
Punkt. Sie beide sind Theologen, deshalb natürlich
73
:auch meine Frage: Was sagt denn überhaupt die
Bibel zur Leihmutterschaft? Sagt sie etwas?
74
:Sophie Zimmermann [00:06:52]
Also die Leihmutterschaft, so wie es sie heute
75
:gibt, gibt es natürlich in der Bibel nicht, weil
die medizinischen Fähigkeiten gar nicht da sind.
76
:Die Bibel kennt den unerfüllten Kinderwunsch sehr
gut. Bei verschiedenen Figuren kommt das immer
77
:wieder vor. Er wird dort vor allem bei den Frauen
festgemacht, was natürlich aus heutiger Sicht eine
78
:Verkürzung ist. Aber prominente Frauenfiguren wie
Sarah, wie Rahel, wie Lea, aber auch Elisabeth
79
:im Neuen Testament bleiben zunächst kinderlos.
Und bei Sarah, Rahel und Lea im Alten Testament,
80
:dort gibt es diese Erzählungen der Ersatzmütter
in Anführungs- und Schlusszeichen, das sind nicht
81
:Leihmütter so wie heute, aber es ist die Erzählung
davon, dass sie keine Kinder bekommen können und
82
:dann ihrem Mann, die Sarah dem Abraham, die
Rahel dem Jakob und später auch die Lea dem
83
:Jakob ihre Sklavin geben, damit sie für sie
Kinder zeugen kann. Das ist eben, wie gesagt,
84
:nicht dasselbe. Und gleichzeitig ist dort der
Mechanismus, dass eine andere Frau ein Kind auf
85
:die Welt bringt, für die Frau, die das nicht
vermag, drin. Schwierig dabei ist natürlich
86
:die Frage nach dem sozialen Status. Das sind die
Sklavinnen, die dann das machen müssen. Die Bibel
87
:interessiert sich nicht wirklich dafür, was sie
gedacht haben oder was sie gewollt haben. Aber
88
:der Name von allen Sklavinnen ist überliefert, die
Hagar, die Bilha und die Silpa, was spannend ist.
89
:Aber es geht nicht um ihre Gefühle und nicht um
die Freiwilligkeit, das unterschlägt die Bibel.
90
:Sandra Leis [00:08:39]
Wie sehen Sie das, Herr Kötter?
91
:Wolfram Kötter [00:08:40]
So viel zur Ergänzung: Das Problem,
92
:was deutlich wird bei Hager, ist natürlich,
die Fragen, die dann sich auftun mit Blick
93
:ihrer gesellschaftlichen Stellung. Die ganze
Neidfunktion, die aufbricht, gegenüber Sarah.
94
:Umgekehrt die Frage des persönlichen Umgangs, der
sich ändert, wenn endlich das Kind ausgetragen
95
:ist, und Abraham mit Stolz, auf das Kind
guckt, was ja auch sehr viel Diskriminierendes
96
:gegenüber Sarah wiederum hat. Also es ist
richtig, die Problematik Leihmutterschaft,
97
:wie wir sie heute kennen, taucht nicht auf,
aber es ist natürlich eine andere Form von
98
:Leihmutterschaft. Also wirklich Menschen wurden
missbraucht, um Kinder in die Welt zu setzen.
99
:Sandra Leis [00:09:21]
Frauen wurden missbraucht.
100
:Die römisch-katholische Kirche sagt
klar Nein zur Leihmutterschaft,
101
:und sie lehnt auch Samen- und Eizellenspende
ab. Sophie Zimmermann, was sind die Hauptgründe
102
:der römischen-katholischen Kirche,
ich meine jetzt der Institution?
103
:Sophie Zimmermann [00:09:41]
Ja, also das Lehramt lehnt so
104
:ziemlich jede Art von reproduktiver Medizin
ab. Ursprünglich hat das mit dem Eheverständnis
105
:begonnen. Die Argumentation hat sich aber
in den letzten Jahren weiterentwickelt.
106
:Sandra Leis [00:09:54]
Also was heisst das, weiterentwickelt?
107
:Sophie Zimmermann [00:09:56]
Die erste Argumentierung findet sich in
108
:«Donum vitae». Das ist ein Dokument aus 1987. Dort
wird vor allem aus der Ehe heraus argumentiert.
109
:Die Ehe als der Ort, wo Zeugung eines neuen
Lebens würdig ist. Dazu muss man auch sehen,
110
:dass die katholische Kirche bei der Frage,
wann ist eine befruchtete Eizelle ein Mensch,
111
:oder ab wann hat die befruchtete Eizelle die
Würde eines Menschen, da beginnt die katholische
112
:Kirche am frühst möglichen Zeitpunkt, nämlich bei
der Verschmelzung. Sie sagt, eine verschmolzene
113
:Eizelle mit dem Samen ist als Person zu denken
und sollte den Schutzstatus eines Menschen haben.
114
:Sandra Leis [00:10:40]
Und andere Religionen
115
:sprechen nach 40 Tagen von einem
menschlichen Wesen, meines Wissens.
116
:Sophie Zimmermann [00:10:45]
Ja, genau. Und bei uns ist es wirklich
117
:schwierig. Wir können nicht den Anfang des Lebens
1 zu 1 bestimmen. Und die katholische Kirche sagt,
118
:es ist bei der Verschmelzung. Und für sie ist
eben wichtig, dass diese Weitergabe des Lebens
119
:in dem ehelichen Liebesakt passiert und dass diese
Aufsplittung von Elternschaft in Anführungs- und
120
:Schlusszeichen, die bei einer Leihmutterschaft
oder bei einer Samenspende oder Eizellenspende
121
:passiert eben nicht geschehen soll. Später kommt
es eben auch noch zu anderen Argumentationen, zum
122
:Beispiel, dass ein Kind
nicht ein Produkt sein soll,
123
:oder die Kommerzialisierung von Frauenkörpern
wird angeprangert in «Amoris laetitia»,
124
:zum Beispiel 2016. Auch die patriarchale
Gewalt gegenüber Frauen in solchen Systemen
125
:wird angeprangert. Und in 2024 kam ein
Dokument heraus, in «Dignitas infinita»,
126
:und dort wird vor der Objektifizierung des
Kindes gewarnt. Also es sind mehrere Dimensionen,
127
:die zu einem Nein führen. Im Ursprung war
aber vor allem der Gedanke rund um die
128
:Würde der Weitergabe des Lebens, der Status
des Embryos im Ehesakrament eigentlich drin.
129
:Sandra Leis [00:12:09]
Bei der evangelisch-reformierten
130
:Kirche Schweiz, die hat sich noch nicht ganz
klar zur Leihmutterschaft geäussert oder auch
131
:positioniert. Es gibt allerdings einen sehr
aktuellen Aufsatz von Stephan Jütte vom 20.
132
:August 2026, in dem er sich wirklich
differenziert und von verschiedenen
133
:Seiten mit dem Thema Leihmutterschaft
auseinandersetzt. Und er schreibt,
134
:der Kinderwunsch dürfe nicht über dem
Wohl der Leihmutter stehen. Herr Kötter,
135
:ist das im Moment die Haltung der EKS oder
einfach die Haltung von Stephan Jütte?
136
:Wolfram Kötter [00:12:45]
Im Gegensatz zur römisch-katholischen
137
:Kirche haben wir keine einheitliche Ethik,
sondern legen schon Wert auf die Individualethik,
138
:auch mit Blick auf die verschiedenen Situationen,
139
:die denkbar sind. Ich gebe Stephan Jütte recht,
also das Wohl des Kindes steht an der Stelle,
140
:ähnlich wie in der römischen-katholischen
Tradition, über allem. Gar keine Frage.
141
:Sandra Leis [00:13:06]
Aber eben auch das Wohl
142
:der Leihmutter ist wichtig, schreibt er.
143
:Wolfram Kötter [00:13:10]
Genau, das ist genauso wichtig an der Stelle. Auch
144
:da denke ich, ich bin völlig einer Meinung, die
Frage ist auch, wie verstehen wir Leihmütter, wie
145
:gehen wir mit Leihmüttern um, wie gehen Eltern,
die Kinder bekommen haben von einer Leihmutter,
146
:wie verstehen sie diese Leihmutterschaft? Das
ist ein hochsensibles Thema an der Stelle.
147
:Dennoch gilt, glaube ich, auch zu sagen, dieser
Wunsch, ein Kind zu haben, ist verständlich.
148
:Und ich glaube, wenn wir heute von der
evangelischen Position her denken, dann
149
:müssen wir einfach fairerweise sagen, wir sagen,
es gibt eben nicht mehr nur Heterogesellschaften,
150
:sondern wir haben gleichgeschlechtliche
Beziehungen, wir lassen queere Beziehungen zu,
151
:wir segnen diese Beziehungen in Gottesdiensten.
Und spätestens dann ändert sich das
152
:Gesellschaftsbild auch für uns. Und da
muss man sich fragen, was ist denn dann,
153
:wenn ich ein solches Ehepaar auch segne,
kirchlich segne und sie dann sozusagen
154
:den Wunsch nach einem Kind haben, darf ich
diesem Wunsche dann eben auch als Kirche,
155
:als evangelisch-reformierte Kirche, darf ich
dem Stand geben. Und von daher ist einfach
156
:evangelische Ethik oder auch reformierte Ethik
immer eine situationsbezogene Ethik und nie eine
157
:Ethik, die von der Tradition ein Stück weit
her geprägt ist und von der Tradition lebt.
158
:Sandra Leis [00:14:34]
Sie sind ja, Sophie Zimmermann,
159
:seit Mai Mitglied im Vorstand des Frauenbund
Schweiz. Und wenn man da auf die Website geht,
160
:findet man ein ausführliches Dokument,
35 Seiten, zur Leihmutterschaft,
161
:wo drei Autorinnen schreiben. Und das ist
aus dem Jahr:
162
:Jahre alt. Das heißt, der Frauenbund hat sich
schon länger auch mit dem Thema beschäftigt.
163
:Gleichzeitig schreibt er aber auch, er nehme
keine Stellung, das sei ein Positionspapier.
164
:Und ja, da könne man sich dann
eine eigene Meinung bilden. Klar,
165
:es heißt ja nicht mehr der Katholische Frauenbund,
aber sie sind trotzdem katholisch, logischerweise.
166
:Sophie Zimmermann [00:15:13]
Ja, natürlich.
167
:Sandra Leis [00:15:14]
Anders katholisch,
168
:wie es heißt. Und heißt das denn, dass der
Frauenbund sich jetzt dann noch durchringt
169
:zu einer Position, oder bleibt es bei dem, dass
er sehr differenziert, also dann ähnlich wie die
170
:evangelisch-reformierte Kirche eine Position
oder mögliche Argumente bringt, dass man sich
171
:selber eine Meinung machen kann. Ist das auch die
Idee vom Frauenbund letztlich? Ist das die Idee?
172
:Sophie Zimmermann [00:15:35]
Ja, genau. Das Diskussionspapier
173
:wird gerade überarbeitet, damit es wieder auf
den neuesten Stand kommt. Gerade das Thema Ehe
174
:für alle war 2016 ja noch nicht drin, und jetzt
ist das eine neue Dimension, die reinkommt. Aber
175
:der Frauenbund möchte nicht eine Stellung
beziehen und somit zur Akteurin werden,
176
:die meinungsgebend ist, sie möchte meinungsbildend
sein und möchte die Leute dazu ermächtigen,
177
:dass sie über das Thema Leihmutterschaften
in einen Diskurs gehen, dass sie sich die
178
:verschiedenen Argumente anhören und auch die
verschiedenen Grauschattierungen anschauen
179
:können und wahrnehmen können. Und das wird
auch dabei bleiben beim Neuen. Es werden
180
:wahrscheinlich Forderungen auch für die
Politik formuliert werden, aber dass der
181
:Frauenbund jetzt hier eine eindeutige Meinung
äussert, dass wird wahrscheinlich nicht kommen.
182
:Sandra Leis [00:16:32]
Lassen Sie uns noch gemeinsam
183
:aufzeigen, warum Leihmutterschaft eigentlich
ethisch so umstritten ist. Zunächst einmal,
184
:wer ist alles involviert, wenn man sich das mal
überlegt. Also zum einen natürlich das Paar,
185
:das den dringenden Kinderwunsch hat. Das
heisst dann in der Literatur Wunscheltern
186
:oder Auftragseltern. Dann gibt es aber
noch häufig den Samenspender und oder
187
:eine Eizellenspenderin. Die Leihmutter, die das
Kind austrägt. Und das Kind selbst. Fokussieren
188
:wir mal auf die Leihmutter und dann auch auf
das Kind. Wer wird überhaupt Leihmutter, Sophie
189
:Zimmermann? Wer macht sowas? Welche Frauen oder
was für Frauentypen? Es gibt ja nicht nur einen.
190
:Sophie Zimmermann [00:17:17]
Das ist genau die Frage. Es gibt wenig bis
191
:gar keine Studien zum Thema, wer eine Leihmutter
wird. Es gibt gar keine Langzeitstudien. Und die
192
:Frage ist dort die Frage nach der Freiwilligkeit.
Welche Frau stellt ihren Körper zur Verfügung
193
:über neun Monate? Nur die Austragungszeit der
neun Monate. Dann gibt es die medizinischen
194
:Prozeduren vorher. Also die Hormone, die genommen
werden müssen, dann die Einsetzung der Eizelle,
195
:dann das Monitoring, und danach ist ein Körper
nicht mehr derselbe Körper wie vorher. Da hat
196
:ein Veränderungsprozess stattgefunden. Also welche
Frau nimmt so etwas auf sich? Ganz klar ist, dass
197
:eine Schwangerschaft nicht eine Dienstleistung
ist wie jede andere Dienstleistung und auch nicht
198
:eine normale Form oder mit einer normalen Form von
Erwerbstätigkeit vergleichbar ist. Also da stellt
199
:jemand, eine Frau, ihren Körper zur Verfügung.
Oft wird unterschieden zwischen kommerzieller
200
:und altruistischer Leihmutterschaft, also die
Frage, bekommt sie Geld dafür, dass sie einen
201
:Lohn hat und leben kann, sprich kommerziell,
oder möchte sie aus Hilfsbereitschaft für
202
:kinderlose Paare diese Dienstleistung erbringen?
Und bekommt vielleicht nur eine kleine Abfindung,
203
:das würde man dann als altruistisch bezeichnen.
Das Problem ist, dass die beiden nicht wirklich
204
:eins zu eins auseinandergehalten werden können.
Was für eine Person vielleicht nur ein kleiner
205
:Batzen ist, ist für eine andere Person dringend
notwendig. Also das ist nicht wirklich abgrenzbar.
206
:Ich glaube, wenn wir noch vergessen haben, bei
den Akteurinnen und Akteuren sind die Agenturen.
207
:Sandra Leis [00:19:07]
Genau, da sind wir dann
208
:beim Thema Geld. Das kommt dann auch noch.
209
:Sophie Zimmermann [00:19:10]
Die Agentur, aber auch die
210
:Reproduktionsmedizinerinnen, die
dort am Werk sind. Das sind schon
211
:noch Akteurinnen, die eine grosse Rolle spielen.
212
:Sandra Leis [00:19:22]
Häufig wird ja eine finanzielle
213
:Notsituation ausgenutzt, also das ist sicherlich
eine Möglichkeit, die eindeutig besteht und vor
214
:der warnen ja auch viele christliche Menschen,
jetzt egal, welcher Konfession. Es gibt aber
215
:eben auch die selbstbestimmte Frau, die sagt,
ich mach das jetzt, um meine Studiengebühren
216
:finanzieren zu können, auch das gibt es. Und
dann eben die altruistische. Beispielsweise
217
:eine Schwester, die sagte, ich mache das für
meine Schwester. Oder sehr religiöse Frauen,
218
:für die die Familie quasi das Höchste ist
und die sagen, das ist ein solches Leid,
219
:wenn man keine Kinder bekommen kann, deshalb
mache ich es jetzt. Von Ihnen habe ich gelesen,
220
:Wolfram Kötter, in den «Schaffhauser Nachrichten»,
dass Sie unter gewissen Umständen sich vorstellen
221
:könnten, eine altruistische, also eine selbstlose
Leihmutterschaft gutzuheissen. Aber wie kann man
222
:denn kontrollieren, ob jetzt das wirklich
selbstlos ist? Es könnte ja auch sein,
223
:dass es innerhalb einer Familie leise Zwänge gibt,
dass man das halt dann machen muss oder so. Wie
224
:kann man das unterscheiden, diese kommerzielle
von der altruistischen Leihmutterschaft?
225
:Wolfram Kötter [00:20:34]
Also die Frage ist ja, wie werte ich
226
:die freiwillige Leihmutterschaft? Also jegliche
Form von Kommerz in dieser Fragestellung ist,
227
:glaube ich, abzulehnen. Also ich finde es sehr
schwierig, weil wir können natürlich keine
228
:Kontrollmechanismen einbauen. Die gibt es an der
Stelle nicht. Ich kann nicht nur darauf vertrauen,
229
:dass die Frauen, die es dann wirklich auch
mit Blick auf auf ein anderes Paar tun,
230
:dass die Frau sehr deutlich weiß, was tut sie da.
Es geht ja vor allem an der Stelle auch um das,
231
:was eine Frau, so wie vorhin beschrieben, auch
emotional erlebt. Also sie spürt ja über die
232
:Monate ein Kind in sich wachsen, und sie baut eine
Beziehung auf zu diesem Kind. Und ich habe vier
233
:Schwangerschaften beobachten dürfen bei meiner
Frau und kann nur sagen, Frauen haben da einen
234
:Vorsprung von neun Monaten dem Mann gegenüber.
Aber das sind so Punkte, wo ich auch als Mann
235
:sagen muss: Da bin ich Mann und nicht Frau
und kann nur sagen, was da sowohl hormonell
236
:im Körper einer Frau passiert als auch, was
emotional aufgebaut wird, kann ich nur vermuten,
237
:aber nicht mehr. Und wenn Frauen aus sich selbst
heraus sagen – es mögen religiöse Gründe sein,
238
:familiäre Gründe –, ich trage für meine Schwester
das Kind aus, die eben selber kein Kind haben
239
:kann. Und es wirklich auf dieser freiwilligen
Basis geschieht und allen Beteiligten deutlich
240
:ist, es geht wirklich um das Wohl der Frau
einerseits, es geht andererseits natürlich
241
:auch vor allem um das Wohl des Kindes, dann mag
eine solche Leihmutterschaft deutlich werden.
242
:Sandra Leis [00:22:16]
Darf ich noch kurz zum Kindeswohl was
243
:fragen? Denn was bedeutet das eigentlich für ein
Kind, wenn es in einem Bauch einer Leihmutter zur
244
:Welt kommt? Also zuerst heranwächst, dann zur Welt
kommt und dann übergeben wird, der Auftragsmutter
245
:oder der Wunschmutter, wie sie heißt, man spricht
ja auch von einem Trennungstrauma. Ich habe auch
246
:Studien gelesen, die sagen, nein, das gibt es
nicht. Wie Sie es vorhin geschildert haben,
247
:Sie sind Vater von vier Kindern und haben
das auch beobachten können, diese Beziehung,
248
:die da in neun Monaten entsteht, zwischen der
Frau, die dieses Kind austrägt, und dem Kind,
249
:da ist ja nicht einfach nichts da, und
natürlich kann man sagen, man weiß ja,
250
:dass man das Kind wieder abgibt, aber jetzt aus
Sicht des Kindes, das weiß ja das nicht, dass
251
:es abgegeben wird, und es sucht natürlich einen
Kontakt. Und was haben Sie da für eine Position?
252
:Sophie Zimmermann [00:23:11]
Gerade hier fehlen wieder die Studien in Bezug
253
:auf Leimutterschaft, inwiefern das Langzeitfolgen
hat auf das Wohl des Kindes. Ich glaube, aus. . .
254
:Sandra Leis [00:23:19]
Anika König, die auch bei Ihnen
255
:geschrieben hat, die sagt, das gibt es nicht,
aber ich frage mich einfach, wie kann man sich
256
:als erwachsener Mensch beispielsweise erinnern,
wie das war damals, als ich zwei Monate alt war.
257
:Sophie Zimmermann [00:23:31]
Das kann man nicht. Das ist eine Blackbox,
258
:die nimmt man in Kauf, wenn man Leihmutterschaft
in Kauf nimmt. Ich glaube aber, das was Anika
259
:König auch schreibt, dass die soziale Sicherheit
bei den Eltern, also bei den Wunscheltern dann,
260
:dass diese sicheren Bindungen, die dort sind,
dass das wohl das Zentrale ist für das Kinderwohl.
261
:Und natürlich das Recht auf ein Wissen um die
Herkunft und dass die Kinder sorgsam da eingeführt
262
:werden. Sich selbst als geliebten Menschen
sehen und nicht als Produkt. Das ist unglaublich
263
:zentral. Das ist ein grosser Auftrag an die
Wunscheltern, das sorgsam und aufrichtig zu tun.
264
:Und das gehört für mich eigentlich zu,
wenn man sich dafür entscheidet als Eltern
265
:zu einer der wichtigsten Aufgaben danach
in Bezug auf den Umgang mit den Kindern.
266
:Ich wollte noch etwas zu dem sagen, was Sie gesagt
haben, Herr Kötter. Ich kann verstehen, was sie
267
:meinen mit der altruistischen Leihmutterschaft.
Ich finde es schwierig, wenn Frauen und Altruismus
268
:in einem Argument zusammen genannt werden,
weil ich glaube, wir müssen hier aufpassen,
269
:dass wir nicht eine Schubladisierung machen von
der hingebungsvollen Frau, die das ja möchte.
270
:Da finde ich, läuten bei mir ein bisschen die
Alarmglocken, wenn wir so anfangen zu reden.
271
:Auch mit dem Thema, wenn eine Frau das ja
will, dann dürfen wir da nichts dagegen sagen.
272
:Sandra Leis [00:25:06]
Selbstbestimmung.
273
:Sophie Zimmermann [00:25:07]
Selbstbestimmung, genau. Und ich finde ja,
274
:wir dürfen die Frauen nicht paternalisieren,
und ich glaube, eine Frau kann gleichzeitig
275
:in einer finanziellen Notsituation selbstbestimmt
sagen, ich gehe den Weg in die Leihmutterschaft.
276
:Das müssen wir akzeptieren, dass Not und
freie Entscheidung gleichzeitig stehen kann.
277
:Aber ich finde, der Staat in diesem Fall hat auch
eine Schutzfunktion der Menschen vor sich selbst.
278
:In anderen Situationen nimmt er diese wahr. Zum
Beispiel kann niemand aus einer Notsituation
279
:in der Schweiz eine Niere verkaufen.
Verbietet der Staat. Dort ist die Frage,
280
:ob der Staat diese Schutzfunktion auch bei
Frauen hat, die ihren Körper in der Form von
281
:Leihmutterschaft so zu einer Einnahmequelle
machen möchten. Und da ist der. . .
282
:Sandra Leis [00:26:03]
Was ist Ihre Antwort
283
:auf diese Frage? Das ist sehr wichtig.
284
:Sophie Zimmermann [00:26:07]
Puh! Meine Antwort ist,
285
:dass der Staat sich überlegen muss, wo er mit
dem Schutz beginnt und wo er die Selbstbestimmung
286
:der Menschen dann auch gelten lässt. Und dort
braucht es eine konsistente Antwort in Bezug
287
:auf die verschiedenen Dimensionen vom Menschsein.
All diese Rechte, die gehen ja miteinander immer
288
:wieder in Konkurrenz, und immer wieder muss
abgewogen werden, wo zieht man jetzt die Linie.
289
:Sandra Leis [00:26:36]
Wolfram Kötter, Sie möchten schon lange was sagen.
290
:Wolfram Kötter [00:26:40]
Ich würde noch gerne zwei Ergänzungen tun zu dem,
291
:was erleben möglicherweise Kinder im Mutterleib.
Also ich weiß aus eigener Erfahrung, dass wir bei
292
:der vierten, letzten Schwangerschaft war es eine
angelegte Zwilling-Schwangerschaft. Und der eine
293
:Zwilling hat eben nicht überlebt, was zu einer
sehr anstrengenden Schwangerschaft für meine Frau
294
:geführt hat, weil sie de facto ein Vierteljahr im
Krankenbett gelegen hat. Er ist nicht abgegangen,
295
:und die Gefahr der Vergiftung war sehr groß, dass
auch der zweite Zwilling das Leben verliert. Es
296
:ist schon spannend zu sehen, dass unser Jüngster
manchmal das Gefühl hat, er ist nicht allein.
297
:Sandra Leis [00:27:26]
Interessant.
298
:Wolfram Kötter [00:27:28]
Dieser Zwilling, der mal da war, hat ihn
299
:lange Zeit beschäftigt, nachdem er erfahren hat,
dass war eine Zwilling-Schwangerschaft angelegt.
300
:Also von daher, wir wissen nicht,
also ich finde es sehr schwierig,
301
:spannend, aber auch sehr schwierig zu sagen,
was passiert da in der Psyche eines Kindes
302
:vorgeburtlich. Von daher, die andere Erfahrung
sagt mir, also, ich bin aus Deutschland, und wir
303
:hatten die Deutsche Demokratische Republik, wo
es selbstverständlich war, dass ab der vierten,
304
:fünften Woche die Kinder in die Krippe kamen. Und
man hat gesagt, die tragen doch Schäden davon,
305
:weiß ich nicht. Aber es war selbstverständlich,
dass damals in der Deutschen Demokratischen
306
:Republik die Kinder in die Krippe kamen,
damit die Frauen weiter schaffen konnten
307
:und durften. Also es ist sehr, sehr ambivalent
alles und sehr, sehr schwierig da zu sagen,
308
:was ist richtig, was ist falsch. Wir werden
auch mit Blick auf gesetzliche Rahmenbedingungen
309
:nie alles hundertprozentig erfüllen können,
sondern man kann immer nur situativ regeln,
310
:was möchte ich auch als Staat erlauben.
Wo beginnt Schutz, auch staatlicherseits,
311
:die Frage ist zutiefst berechtigt, was lässt
Staat zu und was nicht. Und die Gesetzgebung in
312
:der Schweiz ist ja eigentlich an der Stelle sehr
konsequent, indem diese ganz klar sagt, also diese
313
:Art von Fortpflanzungsmedizin ist in der Schweiz
nicht erlaubt. Sondern wir gucken eigentlich nur,
314
:was passiert, wenn denn ein Kind in die Schweiz
kommt aufgrund einer Leihmutterschaft und wird
315
:dann eben auch als Kind, als Schweizer Kind
anerkannt. Aber ich fand es immer spannend,
316
:die Frage, was passiert psychisch mit so einem
Kind? Also die Frage, warum bricht bei meinem
317
:Patenkind mit 14 Jahren die Frage auf, wer ist
meine Mutter? Also das ist dieses adoptierte Kind,
318
:von dem ich vorhin gesprochen habe. Wieso taucht
das mit einmal auf? Wer bin ich eigentlich?
319
:Sandra Leis [00:29:22]
Das ist auch eine klassische
320
:Frage in der Pubertät, dass man wissen möchte,
wer ist meine genetische Mutter? Oder der Vater.
321
:Wolfram Kötter [00:29:27]
Natürlich. Auch festzustellen,
322
:dass du möglicherweise ganz anders tickst, als
deine eben nicht leibliche Mutter. Sondern zu
323
:horchen und zu sehen, bin ich meiner leiblichen
Mutter möglicherweise viel näher als eben der
324
:Adoptivmutter. Also da sind ganz viele Fragen
aufgebrochen, die wir natürlich immer wieder in
325
:anderer Form als Menschen haben. Die Frage, wer
bin ich, wo komme ich her, und wo gehst du hin.
326
:Das sind einfach die klassischen, menschlichen
Fragen, vor denen wir immer wieder neu stehen.
327
:Und ich glaube einfach, bei den Kindern in
der Leihmutterschaft ist es dann auch so.
328
:Sandra Leis [00:30:01]
Ich möchte nochmal das Thema Geld aufgreifen,
329
:das Sie, Sophie Zimmermann, vorhin angesprochen
haben. Weil das ist ein Riesenmarkt. Man sagt,
330
:das ist eine Schätzung, aber man sagt,
im Jahr:
331
:also nur in diesem einen Jahr, für das ganze
Thema Leihmutterschaft ausgegeben worden.
332
:Und es ist völlig richtig, wie Sie beide
gesagt haben, da sind Agenturen da drin,
333
:da sind Mediziner, alle verdienen da dran. Und die
Preise sind offenbar auch sehr unterschiedlich,
334
:also man kann in ärmeren Ländern für einige
tausend Franken eine Leihmutterschaft buchen
335
:quasi, bis zu 150’000, 180’000 Franken
in einigen Bundesstaaten in den USA,
336
:wo viel mehr dann geregelt ist. Das heißt aber
auch, Leihmutterschaft kann sich eigentlich nur
337
:leisten, wer das nötige Geld hat, und die anderen
haben diese Möglichkeit nicht, ist das gerecht?
338
:Sophie Zimmermann [00:30:56]
339
:Nein. Ich glaube, das Thema Ungerechtigkeit
zieht sich durch das ganze Thema hindurch.
340
:Sandra Leis [00:31:02]
Das kommt ja noch dazu, oder?
341
:Sophie Zimmermann [00:31:04]
Einerseits sind es ja dann eher reiche
342
:Wunscheltern, die bei einer eher ärmeren Frau
in einem eher ärmeren Land eine Leihmutterschaft
343
:sozusagen in Auftrag geben. Das ist schon mal
das soziale Gefälle zwischen der Leihmutter und
344
:den Wunscheltern, was sehr unterschiedlich ist.
Und man nimmt das ja auch mit Unbehagen wahr,
345
:wie es zum Beispiel In Ländern wie Indien auch in
Bezug auf Leihmutterschaften passiert. Spannend
346
:ist, bei dem Thema Wunscheltern wird oftmals davon
ausgegangen, dass Eltern, die nicht auf natürliche
347
:Weise in Anführungs- und Schlusszeichen Eltern
werden kann, dass die das gleiche Recht haben
348
:wie Eltern, die das können, dass dort die
Ungleichbehandlung aufgehoben werden soll,
349
:weil es eine Ungleichbehandlung ist zum
Beispiel von einem schwulen Paar gegenüber
350
:einem Hetero-Paar, dass die keine Kinder
haben können und dass so mit der reproduktiven
351
:Selbstbestimmung das doch ermöglicht werden soll.
Ich finde, wir müssen aufpassen, weil sich die
352
:Ungleichheit einfach in andere Sphären verwandelt
und nämlich hier in Bezug auf Reichtum und
353
:finanzielle Möglichkeiten. Also, man muss ziemlich
viel Geld haben, um eine Leimutterschaft umsetzen
354
:zu können als Wunscheltern, und man muss sehr
viel Geld haben, um das mit einigermassen
355
:höheren Ansprüchen, zum Beispiel in den USA, tun
zu können. Also das ist das gängige Narrativ, dass
356
:dort die rechtlichen Bestimmungen einfacher sind
und besser. Und dass die Frauen besser geschützt
357
:werden als bei einer günstigen Leihmutterschaft
zum Beispiel in Kolumbien oder der Ukraine.
358
:Ist ja auch dann 100'000 Fragezeichen, die da
aufploppen: Inwiefern ist das wirklich so? Wie
359
:sind diese Verträge, ist da die Selbstbestimmung
der Frauen wirklich besser geschützt? Welche
360
:Verträge unterzeichnen die Frauen, was dürfen die
Wunscheltern alles über die Leihmütter bestimmen?
361
:Sandra Leis [00:33:08]
Von ihnen verlangen, oder.
362
:Sophie Zimmermann [00:33:09]
Von ihnen verlangen. Eine
363
:gewisse Essensdiät, gewisse Schlafenszeiten,
gewisse Musik, die sie hören. Keine Ahnung,
364
:da gibt es wohl alles. Und natürlich auch
die hunderttausend rechtlichen Fragen:
365
:Was passiert, wenn Kinder eine Behinderung haben?
Wer entscheidet, ob das Kind abgetrieben wird oder
366
:nicht? Wer entscheidet, ob eine Schwangerschaft
weitergeführt wird, wenn eine Gefahr besteht?
367
:Sandra Leis [00:33:34]
Auch für die Leihmutter beispielsweise.
368
:Sophie Zimmermann [00:33:36]
Auch für Leihmutter, genau.
369
:Wer hat am Schluss das letzte Wort?
Und das wird ja vertraglich geregelt,
370
:und dort muss man aufpassen, dass die Leihmütter
nicht ihrer Selbstbestimmung beraubt werden,
371
:auch wenn sie selbstbestimmt ihre
Unterschrift unter diesen Vertrag setzen.
372
:Sandra Leis [00:33:54]
Ich komme nochmals kurz auf
373
:die «Schaffhauser Nachrichten», Herr Kötter, weil
da haben Sie gesagt, unter strengen Bedingungen
374
:können Sie sich eine Leihmutterschaft
vorstellen. Was sind diese Bedingungen,
375
:wenn Sie jetzt diese Bedenken hören, die
Frau Zimmermann ins Feld geführt haben?
376
:Wolfram Kötter [00:34:11]
Also das kann ich voll unterstreichen,
377
:was jetzt gerade gesagt worden
ist. Also das sind Punkte, die,
378
:sobald es um finanzielle Interessen geht, um
andere Interessen, ist das auszuschließen. Es
379
:geht wirklich um eine Freiwilligkeit, aus
welcher Motivation heraus auch immer es
380
:geschieht. Also ich denke auch schon alleine eine
Leihmutterschaft, um ein Studium zu finanzieren,
381
:ist für mich ein kommerzielles Geschehen. Also
auch schon das ist ein Ding der eigentlichen
382
:Unmöglichkeit. Von daher, das sind diese
strengen Bedingungen, dass ich sage,
383
:es muss ganz klar sein, Elternschaft bedeutet eben
auch Verantwortung, ganz wichtig. Und ich denke,
384
:für reformierte Ethik ist das der entscheidende
Punkt, dass die Eltern, auch die Wunscheltern
385
:sich dessen bewusst sind, was sie haben. Das ist
der Blick. Bedingungen, es geht nur freiwillig.
386
:Sobald irgendein Zwang hineinkommt oder sobald
gefragt wird, also nein, es geht nicht. Punkt.
387
:Sandra Leis [00:35:18]
In der Schweiz ist die
388
:Leihmutterschaft verboten, das wissen wir. Soll
das so bleiben auch in Zukunft? Ja oder nein?
389
:Wolfram Kötter [00:35:33]
Es ist die Frage der Rahmenbedingungen, sage
390
:ich an der Stelle. Wenn diese Rahmenbedingungen
so klar definiert sind, dass es möglich ist,
391
:warum nicht? Wir haben eine Gesellschaft, die
sich ändert, die sich grundsätzlich verändert,
392
:indem wir vieles zulassen, und dann ergeben
sich solche Fragen wie eine Leihmutterschaft.
393
:Sandra Leis [00:35:51]
Sophie Zimmermann?
394
:Sophie Zimmermann [00:35:52]
Ich glaube, die Schweiz braucht vor
395
:allem eine konsistente Lösung. Momentan lagert
sie das Thema einfach auf andere Staaten ab und
396
:schaut dann, wenn die Kinder über die Grenze
kommen, wie sie damit verfährt. Ich finde das
397
:eine inkonsistente Lösung. Ich glaube aber, je
länger ich über so eine Inlandlösung nachdenke,
398
:desto mehr kommt mir das als eine Utopie vor.
Ich glaube, in der Schweiz werden wir nicht
399
:genügend Leihmütter finden, um die Nachfrage der
Schweizerinnen und Schweizer zu befriedigen. Und
400
:ich glaube, die Freiheit und Rechte aller müssen
berücksichtigt werden, auch vom Schweizer Staat.
401
:Sandra Leis [00:36:31]
Sophie Zimmermann,
402
:Wolfram Kötter, vielen herzlichen
Dank für diese engagierte Diskussion.
403
:Wolfram Kötter [00:36:38]
Gerne.
404
:Sophie Zimmermann [00:36:39]
Sehr gerne, vielen Dank.
405
:Sandra Leis [00:36:42]
Das ist die 77. Folge
406
:des Podcasts «Laut und Leis». Zu Gast waren die
römisch-katholische Theologin Sophie Zimmermann.
407
:Sie arbeitet im Pastoralraum Stadt Luzern und
ist Mitglied im Vorstand des Frauenbund Schweiz.
408
:Und Wolfram Kötter, er ist Kirchenratspräsident
der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons
409
:Schaffhausen. Über Feedback freuen wir uns.
Schreibt gerne per Mail an [email protected] oder
410
:per WhatsApp auf die Nummer 078 251 67 83. Und
abonniert den Podcast und bewertet ihn positiv,
411
:wenn er euch gefällt. In der nächsten Folge
von «Laut + Leis» spreche ich mit Jan Loffeld.
412
:Er ist Priester und Professor für praktische
Theologie in Utrecht und hat ein vielbeachtetes
413
:Buch geschrieben mit dem Titel «Wenn nichts
fehlt, wo Gott fehlt». In Luzern hat er soeben
414
:die diesjährige Otto-Karrer-Vorlesung
gehalten und aufgezeigt, wie sich die
415
:einstigen Volkskirchen zu Minderheitenkirchen
entwickeln. Zukunftschancen sieht Loffeld in
416
:der Ökumene. Der Podcast erscheint am 16. Oktober.
Bis dahin und bleibt laut und manchmal auch leise.