32 Jahre lang hat’s gedauert, bis das Klanghaus im Toggenburg kürzlich eröffnet werden konnte. Der Kirchenmusiker und Komponist Peter Roth ist der Initiant und spricht über die Magie von Naturjodel, Schellen und Hackbrett.
Weitere Themen dieser Folge:
Ja klar, die Natur ist ja unsere Lebensgrundlage, ist nicht unsere Umwelt, es ist unsere Mitwelt, die Natur. Und dieses Abgetrenntsein von der Natur, das finde ich eine Katastrophe. Das Abgetrenntsein vom Zyklischen. Und meine Passion war, meine Leidenschaft ist über Musik und Klang wieder Kanäle zur Natur zu öffnen.
Sandra Leis [:Das sagt Peter Roth. Der bekannte Ostschweizer Kirchenmusiker und Komponist ist der Initiant der Toggenburger Klangwelt. Im Mai ist das Herzstück feierlich eröffnet worden, das Klanghaus. Und so kann es hier drin tönen. Wir hören zuerst Peter Roth auf dem Flügel:
Sandra Leis [:Und jetzt singt Peter Roth noch einen Jodel:
Sandra Leis [:Ich bin Sandra Leis und bin für die neue Podcastfolge ins Toggenburg gereist. Peter Roth und ich sitzen im Hotel Alpenrose, sprechen über das benachbarte Klanghaus, fragen, weshalb die Natur eine so zentrale Rolle spielt in seiner Musik, wie Musik den Glauben stärken kann und was er unternimmt, damit er ein zweites Burnout vermeiden kann. Peter Roth, ganz herzlich willkommen zu unserem Gespräch.
Peter Roth [:Danke.
Sandra Leis [:Für all jene, die noch nicht vor Ort gewesen sind, was ist das Außergewöhnliche dieses Klanghauses?
Peter Roth [:Es ist ein Haus speziell für Klang gebaut. Das Wichtigste sind die Wände, die sind hohl, haben drin Klangspiegel, Gongs, und es gibt viele Möglichkeiten, mit diesem Raum zu spielen.
Sandra Leis [:Wie wird dieses Klanghaus jetzt und in Zukunft genutzt?
Peter Roth [:Ja, das sind ganz verschiedene Zielgruppen. Das sind Kurse, die sich einmieten, Chöre, die ein Probenwochenende oder eine Probewoche machen, Orchester. Es können auch Firmen sein. Man kann auch heiraten im Klanghaus. Wichtig ist einfach, es muss immer mit Klang zu tun haben. Also wenn eine Firma kommt, ein Seminar macht, dann ist obligatorisch ein Schnupperkurs in Naturjodel dabei.
Sandra Leis [:Das gehört dann dazu. Der Klang sei weltweit einzigartig, also so konnte man das in den lokalen Medien lesen, vor der Eröffnung im Mai. Doch Hand aufs Herz, es gibt ja auch noch andere Räumlichkeiten mit einer exzellenten Akustik, und das Klanghaus ist ja schon auch ein bisschen abgelegen, also man muss schon hierher reisen. Im Moment ist das ausgebucht, du hast mir im Vorfeld von 400 Buchungen bis Ende des Jahres erzählt, das läuft super. Doch wie kannst du sicher sein, dass in Zukunft auch eine so hohe Auslastung möglich ist?
Peter Roth [:Ich glaube, es ist ein Raum nicht als Konzertraum gebaut, der ist fix, aber es ist ein Haus mit Räumen, mit einer flexiblen Akustik. Je nachdem wie die Gongs mitschwingen oder eben nicht gedämpft sind, gibt es immer wieder ganz neue Möglichkeiten und dann steht das Haus an einem absolut stillen Ort. Man kann auch draußen singen und weil die Wände parabol geformt sind, ist das auch eine Echo-Wand. Es ist auch eine Wand, die Vogelstimmen hört oder die Schelleli und Glöcklein des Viehs rundherum. Also es ist eigentlich ein Erlebnisraum, den man immer wieder neu erleben kann.
Sandra Leis [:Gleichwohl, man muss die Leute hierher bringen. Jetzt am Anfang sind alle neugierig, wollen das ausprobieren, aber wie sieht das in fünf, in zehn Jahren aus?
Peter Roth [:Ja, ich bin kein Prophet, aber ich glaube, dass das Ohr immer wichtiger wird in unserer Zeit. Wir haben jetzt seit der Reformation 500 Jahre hinter uns, wo das Auge zentral war. Die ganzen Naturwissenschaften. Das Augen trennt in gewisser Weise ab, objektiviert. Wir fokussieren, wenn wir schauen. Das Hören, das ist 360 Grad. Wir haben keine Klappen an den Ohren, die wir schließen können. Und über das Hören sind wir Tag und Nacht mit der Natur, mit unserer Umgebung verbunden. Und ich glaube, zusammen mit dem Klang, der eben nicht nur Sprache ist, sondern wirklich Klang und in allen Kulturen eine große Rolle spielt, diese Ausrichtung mehr aufs Ohr, aufs Zuhören und diese universelle Bedeutung des Klangs in jeder Kultur, speziell in spirituellen Kulturen.
Sandra Leis [:Darauf kommen wir dann noch, genau. Was vielleicht noch wichtig ist für die, die noch nie hier gewesen sind: Das ganze Ensemble heißt Klangwelt Toggenburg, und dieses Klanghaus ist quasi die Krönung. Bekannt ist möglicherweise auch oder für viele beliebt ist der Klangweg mit seinen 27 Stationen und jetzt gibt es neu dieses Klanhaus. Du hast dich viele, viele Jahre dafür engagiert, dass es überhaupt zustande gekommen ist. Was waren die größten Hürden, die du überwinden musstest?
Peter Roth [:Also zuerst mussten wir mal das Naturfreundehaus Seegüetli kaufen können von den Naturfreunden in Winterthur. Und wir sind dorthin gereist in einer Waldhütte im Clubhaus und haben mit Schellen und Hackbrett und Kontrabass und Geige Musik gemacht und gejodelt und erzählt, was Klang ist. Und uns haben sie es dann verkauft, weil das eine weiterführende Idee war. Das nächste war dann ein Besuch bei Peter Zumthor, dem bekannten Architekten in Haldenstein. Der hat dann an der Weltausstellung 2000 und an der Expo 2002 Installationen gemacht mit Holz und Klang. Und über gemeinsame Bekannte hatte ich die Möglichkeit, mit ihm zu sprechen. Und er hatte zwei Fragen: Wie leise ist dieser Platz? Ist er still? Und wie wollen Sie das bezahlen? Ich habe offenbar die richtige Antwort gegeben. Ich habe gesagt, wir haben die stärkste Idee, den stärksten Platz. Jetzt suche ich noch den adäquaten Architekten. Und dann suche ich das Geld. Und dann hat er gesagt, dann suchen Sie das Geld und sagen Sie dort, der Zumthor baut. Das war so der Resonanzboden für die ganze Idee. Die nächsten Hürden waren dann die politischen Hürden. Im Kantonsrat brauchte es zwei Abstimmungen und zwei Volksabstimmungen. Und jedes Mal war die zweite positiv.
Sandra Leis [:Also es braucht einen langen Atem, auch der Architekt hat ja dann gewechselt, es ist ja nicht ein Zumthor-Bau, sondern es war dann ein anderer, der dann noch gestorben ist, also es war schon noch eine ziemlich dramatische Geschichte.
Peter Roth [:Ja, über 32 Jahre.
Sandra Leis [:Vom Kauf bis jetzt, da sieht man, dass du einen wirklich langen Atem hast. Du bist im letzten Jahr 80 geworden und dieses Klanghaus wurde feierlich eingeweiht. Da war auch die Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider da, also die Kulturministerin. Das war eine ganz grosse Sache. Ist dieses Klanghaus quasi die Vollendung deines Lebenswerks?
Peter Roth [:Nein, das geht weiter, weil es gibt noch viele Themen zu bearbeiten. Jetzt bin ich gerade beim Thema Atem gelandet, und ich träume von einem Atemhaus. Weil so wie wir mit Klang verbunden sind mit der Natur, so verbindet uns auch der Atem mit allem. Es gibt nur eine Luft. Wir atmen mit den Bäumen, sie geben uns Sauerstoff, wir schenken ihnen CO2. Und das wäre so das Pendant zum Klanghaus, das Atemhaus.
Sandra Leis [:Also ein neues Projekt, das dir vorschwebt. Schauen wir zurück auf dein Leben. Du bist 1944 in St. Gallen geboren und dort auch aufgewachsen, hast dann das Lehrerseminar in Rorschach besucht und dann am Konservatorium in Zürich Schulmusik studiert, und seit bald 60 Jahren lebst du im Toggenburg, du bist freischaffender Kirchenmusiker und Komponist. Und hast ganze 39 Jahre lang den Kirchenchor Alt St. Johann geleitet. Warum bist du diesem Kirchenchor so lange treu geblieben?
Peter Roth [:Also, das war gegenseitig. Der Kirchchor ist mir 39 Jahre treu geblieben, und das Geheimnis war, dass ich ihnen Komposition um Kompensation auf den Leib geschrieben habe. Das ist natürlich spannend, mit einem Komponisten zu proben. Dann ist es immer eine Premiere, und vielleicht das Besondere war eben, dass ich diesen Klangkörper sehr gut kannte, es hatte einige wunderbare Jodelstimmen, männliche und weibliche, darunter. Und dann konnte ich wie ein Schneider die Musik massgeschneidert für diesen Chor komponieren. Das war eine Liebesgeschichte.
Sandra Leis [:Und das sind ja alles Laien und Laien.
Peter Roth [:Ja, Montagabend Probe, halb neun bis zehn. Die Begeisterung ist eben wichtig und ich glaube die Verbindung zur eigenen Kultur, also in vielen Lebenszusammenhängen gibt es ja nicht mehr eine Verbindung zu einem kulturellen Hintergrund wie die Alp-Kultur hier, eine uralte Kultur. Genossenschaftlich, halbnomadisch immer mit Schellen unterwegs, auch die Kühe tragen Glockenschellen, also Klang, der Jodel, der Naturjodel, der Betruf, der Alpsegen, das waren alles lebendige Traditionen, die ich aufgreifen konnte.
Sandra Leis [:Also glaube ich, man kann schon sagen, das Toggenburg ist dein Lebensraum.
Peter Roth [:Ja, das kann man gut sagen.
Sandra Leis [:Und was macht denn das Toggenburg für dich so einzigartig?
Peter Roth [:Ich glaube, das hat sich als Kind ereignet. Mein Ur-Großvater war Alphirt der Ortsgemeinde Wattwil. Mein Großvater kam darum in Krinau zur Welt. Er hat mich schon im Kindergarten und in der Schule immer wieder abgeholt. Manchmal hat es nachmittags um 3 Uhr geklopft an die Tür. Dann habe ich gewusst, dass ist mein Großvater. Er hat gesagt: Wir müssen jetzt gehen, der Zug kommt. Damals gab es noch keinen Taktfahrplan. Da war alle anderthalb Stunden mal ein Zug ins Toggenburg. Wir müssen auf den Zug. Dann bin ich mit ihm über diese ganzen Alpen gewandert. Und schon als Kind hatte ich dauernd Hühnerhaut und Tränen, wenn ich Schellen, das Hackbrett, Naturjodel gehört habe.
Sandra Leis [:Und deshalb ist die Natur eben auch so wichtig in deiner Musik.
Peter Roth [:Ja klar, die Natur ist ja unsere Lebensgrundlage, ist nicht unsere Umwelt, das ist unsere Mitwelt, die Natur. Und dieses Abgetrenntsein von der Natur, das finde ich eine Katastrophe. Das Abgetrenntsein vom Zyklischen. Und meine Passion war, meine Leidenschaft ist über Musik und Klang wieder Kanäle zur Natur zu öffnen.
Sandra Leis [:In deiner jüngsten Komposition im «Schöpfungsklang», das hast du ja komponiert zu deinem 80. Geburtstag, da geht es genau auch um das.
Peter Roth [:Ja, es geht immer in jeder Komposition um das, weil Natur und Spiritualität ist nicht zu trennen.
Sandra Leis [:Genau, das gehört zusammen.
Peter Roth [:Das gehört unbedingt zusammen.
Sandra Leis [:Berühmt geworden bist du mit deinen Kompositionen für Kirchenmusik, zum Beispiel die «Toggenburger Passion» oder die «Missa Gaia», also eine Messe für Mutter Natur, das sind zwei ganz berühmte Werke von dir. Und in einem Interview hast du einmal gesagt: Es hat wohl kaum je ein reformierter Kirchenmusiker so viele Messen geschrieben wie ich.» Peter Roth, wie ist es dazu gekommen?
Peter Roth [:Ja, das begann schon als Bub. Ich war mit fünf Buben in der Schule. Das waren Innerrhoder, die am Stadtrand von St. Gallen gesiedelt haben. Die waren alle katholisch. Am Samstag ging ich mit denen in die Beichte, hab ihnen auch mal eine Idee zugesteckt, was sie zum dritten oder fünften Gebot sagen könnten. Und das war ein heiliger Raum für mich. Damals war das noch Weihrauch, und damals waren die Priestergewänder farbig und die Musik. Und bei uns im reformierten Gottesdienst war es eher wie in der Schule eine Unterweisung. Aber das Sinnliche, das habe ich als Bub schon in der katholischen Kirche erlebt. Ich möchte das keineswegs jetzt überhöhen. Ich stehe dem Katholizismus sehr kritisch gegenüber. Zum Beispiel, dass Frauen nicht Priesterinnen werden können und so weiter. Aber dieses Sinnliche, das hat mich immer angezogen. Und bei der Messe ist es das Ritual. Eine Messe ist ein dramaturgischer Bogen: vom Kyrie bis zum Agnus Dei und am Schluss das Dona Nobis Pacem. Ein reformierter Gottesdienst ist, muss jedesmal neu erfunden werden, und für meine Kompositionen war das einfach wunderbar, immer wieder die Messe, diesen dramaturgischen Bogen von Kyrie bis zum Agnus Dei in verschiedenen Klängen auszudrücken. Dazu kommt die lateinische Sprache, die ist natürlich fantastisch mit diesen vielen Vokalen.
Sandra Leis [:Kann man sagen, dass in der katholischen Kirche die Musik wirklich eine primäre Bedeutung hat, im Unterschied vielleicht zu den Reformierten, wo sie eher schmückendes Beiwerk ist?
Peter Roth [:Also seit Bach kann man das nicht mehr sagen. Ich glaube, es gibt viele reformierte Komponisten, die haben für den praktischen Gebrauch, auch Bach hat seine Kantaten für den Gottesdienst geschrieben. Aber wenn wir in der Geschichte zurückschauen, in die vorreformatorische Zeit, in die Zeit der Gregorianik, dann war natürlich die Verkündigung eng verbunden mit dem Singen der Messe. Was die Priester gesagt haben, hat man sowieso nicht verstanden.
Sandra Leis [:Weil es lateinisch war.
Peter Roth [:Weil es lateinisch war. Aber die Gesänge, die waren das Eigentliche. Darum sind die Kirchen als Klangräume gebaut.
Sandra Leis [:Du hast vorhin gesagt, Klang selber erkennt eigentlich keine Konfession, auch keine Religion. Gleichwohl ist der Klang ein spirituelles Phänomen. Der berühmte Klarinettist Giora Feidman, der war kürzlich in Zürich und hat gesagt: «Musik ist eine göttliche Sprache. Ob ich in Japan bin, in Rio oder in der Schweiz, das ist egal. Ich spiele überall dieselbe Musik. Denn sie braucht keinen Übersetzer.» Ist Musik wirklich eine göttliche Sprache? Würdest du das auch sagen?
Peter Roth [:Ja, das würde ich genauso sagen, und ich glaube, Musik verbindet eben. Wir kommen in Resonanz mit dieser Klarinette, wir kommen in Resonanz mit dem Raum, wir kommen in Resonanz mit den anderen Zuhörerinnen, und ich schwinge immer mit, das ist immer verbindend und Sprache trennt. Darum ist das eine orale Kultur hier in der Alp-Kultur, da wird nichts aufgeschrieben. Es gibt auch keinen Text im Naturjodel und das ist verbindend. Das erzeugt Resonanz. Sprache trennt sehr schnell. Im Grunde genommen denke ich manchmal, diese Diskussionen zwischen Religionen und Konfessionen, das ist eigentlich ein Sprachphänomen. Das Heilige zu benennen ist unmöglich, also behilft man sich mit Wörtern. Aber dann streitet man am Schluss über die Wörter. Aber die Musik, der Klang, die verbinden uns mit dem Heiligen. Ohne es zu benennen.
Sandra Leis [:Für Giora Feidman ist Musik auch ein spiritueller Protest, so sagte er es. Inwiefern trifft das auch für deine Musik zu?
Peter Roth [:Ja, ich bin ein 68er und habe immer aus diesem Lebensgefühl des Protests heraus komponiert. Ich glaube, das ist wirklich so, dass wir in einer Zeit leben, wo es zu protestieren gilt, dass wir uns von der Natur, vom Heiligen, vom Transzendenten immer mehr abtrennen und dafür KI und alle diese Foren nutzen und uns in Parallelwelten aufhalten. Und das ist eine Katastrophe, das endet in einer absoluten Katastrophe. Da bin ich mir ganz sicher.
Sandra Leis [:Wichtige Anliegen sind dir die Bewahrung der Schöpfung, die Völkerverständigung und Gerechtigkeit. Also mal kurz zusammengefasst. Aber wie bringst du diese Anliegen in deine Musik?
Peter Roth [:Also das war ja ein Slogan in den 80er-Jahren, als die katholische und reformierte Kirche zusammen für Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung einstanden. Und ich finde es so schade, dass das keine gemeinsame Grundlage mehr ist und keinen Ausdruck mehr findet. Und ich habe immer in diesem Bewusstsein komponiert. Natürlich kommt dann der Text dazu, in der «Missa Gaia», die erzählt von der Mutter Erde und dass wir Organe sind im Organismus Mutter Erde, also die Sprache ist dann sehr wichtig. Ich habe ein Hackbrettkonzert geschrieben, das war eine Auftragskomposition für das Toggenburger Orchester, aber sonst kleiden sich die Texte in Musik, so wie ich die Musik empfange. Und diese Texte beschäftigen sich, da kannst du durch mein ganzes Werk schauen, immer wieder mit Gerechtigkeit, Frieden und der Schöpfung.
Sandra Leis [:Du hast es auch sehr gut auf deiner Webseite aufgelistet, also man findet da all deine Kompositionen. Aber wenn ich dir jetzt zuhöre, dann merke ich schon, also das Wort hat dann doch eine grosse Bedeutung.
Peter Roth [:Ja, das Wort hat eine grosse Bedeutung, aber keinen Wahrheitsanspruch. Das ist eben der Unterschied zum Dogma.
Sandra Leis [:Und muss man eigentlich ein gläubiger Mensch sein, um eine Messe komponieren zu können?
Peter Roth [:Ein katholischer Theologie-Professor hat einmal gesagt, der Mensch ist unheilbar religiös. Und das glaube ich auch. Und das hat mit dieser Sehnsucht zu tun, die werden wir nicht los. Dorthin kehren wir wieder zurück, dort wo wir herkommen.
Sandra Leis [:Aber es gibt ja auch Menschen, die klar von sich sagen, ich will nichts mit Religion, welche auch immer, oder mit Konfession zu tun haben. Ein solcher Mensch könnte wahrscheinlich keine Messe komponieren, wenn er gar keinen Bezug hat oder den von sich abtrennt, sagen wir es so.
Peter Roth [:Ja, das kann man, rein intellektuell kann man sich abtrennen, existenziell kann man sich nicht abtrennen. Das ist ein Zyklus. Geburt, Tod, Geburt, Tod. Das kann man bei jedem Baum, bei jedem Vogel sehen, und der Mensch ist genauso eingebunden in dieses zyklische Geschehen.
Sandra Leis [:Und welche Rolle spielt denn in deinem eigenen Leben der Glaube, wenn du nicht komponierst?
Peter Roth [:Ich kann das eigentlich nicht trennen. Ich bin eigentlich immer in dieser Grundstimmung. Wichtig ist, dass ich Stille zulassen kann, das Hören zulassen, das In-mich-Gehen. Man kann dem Meditation sagen, aber ich glaube. Auch wie ich mich ernähre, ich bin immer in einem Bewusstsein von Dankbarkeit, würde ich mal sagen. Und dieses Grundbewusstsein der Dankbarkeit für Nahrung, für Kompositionen, für Mitmenschen und alles ist Geschenk. Und dieses Grundgefühl von Dankbarkeit ist Spiritualität.
Sandra Leis [:Du hast letztes Jahr einen Zusammenbruch erlitten, also ein Burnout, was hat dazu geführt?
Peter Roth [:Also ich war 32 Jahre damit beschäftigt, mit dem Klanghaus, mit der ganzen Klanggeschichte und habe meistens in der Nacht komponiert, habe immer allein gelebt. Ich hatte Partnerinnen, die auch allein leben wollten. Ich hatte einen total unstrukturierten Lebensrhythmus: zur falschen Zeit gegessen, zu wenig geschlafen. Und als ich in Gais in der Klinik ankam, hat der Chefarzt gesagt: «Sie haben exakt das Blutbild eines Marathonläufers, der im Ziel zusammenbricht.»
Sandra Leis [:Aber das passt ja haargenau.
Peter Roth [:Das passt haargenau. Im Moment war das eine Katastrophe. Rückblickend würde ich sagen, das war wunderbar, dass das geschehen ist. Ich bin dankbar. Ich bin mitten in der Nacht aufgewacht. Ich wusste nicht mehr, wer ich bin und wo ich bin. In der eigenen Wohnung konnte mich nicht mehr orientieren. Das war so eine Art Identitätsverlust. Aber es war auch die Chance jetzt in diesem Jahr, zuerst in der Klinik von Gais und dann im Sunnehus hier in Wildhaus, die arbeiten mit Atemtherapie, so etwas wie eine neue Identität zu finden. Ich habe mit der Klangwelt mitgeholfen zu schaffen, inspiriert. Irgendwann war das Instrument gebaut, und dann gibt der Instrumentenbauer dieses Instrument aus den Händen einer Musikerin, einem Musiker und dann wird er zum Zuhörer. Und dieser Übergang, den habe ich in diesem Jahr gemacht.
Sandra Leis [:Und gleichwohl kann ich mir dich so im Ruhestand nicht ganz vorstellen. Du hast ja am Anfang von unserem Gespräch gesagt, du hättest schon ein neues Projekt, nämlich ein Atemhaus. Was machst du, dass du nicht wieder in ein Burnout kommst?
Peter Roth [:Ja, wenn ich meinen Kalender jetzt vergleiche, ich habe die Kalender der letzten 10, 15 Jahre behalten. Und da kann man sehen, das hat sich immer mehr gefühlt, immer mehr. Und jetzt mache ich ein oder zwei Sachen pro Tag. Und ich gönne mir auch unter Tag immer wieder Stille und Pausen. Auch bevor ich dich am Postauto abgeholt habe, bin ich eine halbe Stunde, war ich liegend im Atem.
Sandra Leis [:Das ist ein sehr schöner und zuversichtlicher Schluss von unserem Gespräch, dass es auch mit 80 wirklich noch möglich ist, sich neu zu orientieren.
Peter Roth [:Ja, das ist möglich, aber es ist ein Geschenk.
Sandra Leis [:Peter Roth, vielen herzlichen Dank für dieses intensive Gespräch und herzlich alles Gute für deine Zukunft.
Peter Roth [:Danke dir, Sandra.
Sandra Leis [:Das war die 53. Folge des Podcasts «Laut + Leis». Zu Gast war Peter Roth. Der Kirchenmusiker hat wesentlich dazu beigetragen, dass das Toggenburg mit dem Klanghaus eine akustische Neuheit hat. Über Feedback freuen wir uns: Schreibt gerne per Mail an [email protected] oder per WhatsApp auf die Nummer 078 251 67 83. Und: Abonniert den Podcast und bewertet ihn positiv, wenn er euch gefällt.
Vor zwei Jahren hat die Universität Zürich die Pilotstudie zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche in der CH veröffentlicht. Das Entsetzen war gross, verschiedene Massnahmen wurden angekündigt und in der Zwischenzeit auch umgesetzt. Wo steht die Kirche heute? Das diskutiere ich in der nächsten Folge von «Laut + Leis» mit Urs Brosi. Er ist Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz, dem Dachverband der kantonalkirchlichen Organisationen. Bis in zwei Wochen – und bleibt laut und manchmal auch leise.