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Bischof Markus Büchel: «Ich war lieber in der Sakristei als im Stall»
Episode 4314th March 2025 • Laut + Leis • kath.ch
00:00:00 00:34:20

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Shownotes

Er bleibt nur noch so lange Bischof des Bistums St. Gallen, bis sein Nachfolger bestimmt ist. Zeit für eine Bilanz seiner 19-jährigen Amtszeit. Markus Büchel erzählt auch, was ihm als Bischof besonders wichtig gewesen ist.

 Themen dieser Folge:

  • Der 75-Jährige hat seinen Rücktritt eingereicht: Weshalb das eine grosse Erleichterung ist.
  • Sein Wahlspruch heisst «In gaudio et spe – in Freude und Hoffnung»: Was ihm der Spruch bis heute bedeutet.
  • Bischof Markus ist liberal und traditionell: Wie das zusammen geht.
  • Das Evangelium hat eine politische Note: Er hat beispielsweise die Konzernverantwortungsinitiative unterstützt.
  • Pilotstudie zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche: Warum er sich öffentlich entschuldigt hat.
  • Assessments sollen helfen, Vertrauen zurückzugewinnen: Weshalb gewisse Bistümer zu wenig geprüft haben.
  • Sein Nachfolger: Wen er für geeignet hält, das Bistum St. Gallen zu führen.
  • Seit dreissig Jahren lebt er mit seiner Schwester Lisbeth Büchel zusammen: Was sie ihm bedeutet.
  • Seine Zukunft: Wie er sie gestalten möchte. 

Transcripts

Bischof Markus Büchel [:

Beim Zölibat wäre ich froh, ich könnte manchen Pastoralassistenten oder Seelsorger, der verheiratet ist, zum Priester weihen, wenn er die Berufung hat oder wenn das möglich ist. Und bei der Frauenweihe, da halte ich mich jetzt an das, was Papst Franziskus sagt. Er sagt nicht, man dürfe nicht darüber reden. Das ist schon ein Schritt, aber er sagt auch, im Moment wäre es nicht reif, wenn es gesamtkirchlich, weltweit entschieden werden muss.

Sandra Leis [:

Das sagt Bischof Markus Büchel. Seit 19 Jahren ist er im Amt. Nun ziehen wir Bilanz im Podcast «Laut + Leis», denn der 75 -Jährige hat beim Papst seinen Rücktritt eingereicht und bleibt nur noch so lange Bischof des Bistums St. Gallen, bis sein Nachfolger bestimmt ist. Ich bin Sandra Leis und besuche Bischof Markus im Bischofssitz in St. Gallen. Schön, nehmen Sie sich Zeit für unser Gespräch, und herzlich willkommen.

Bischof Markus Büchel [:

Danke, dass Sie kommen.

Sandra Leis [:

In Ihrem letzten Bischofsbrief haben Sie geschrieben, ich zitiere: «Für mich persönlich bringt das Jahr 2025 eine grosse Veränderung. Ich darf mein Amt als Bischof von St. Gallen einem Nachfolger weitergeben.» Das klingt nach grosser Erleichterung.

Bischof Markus Büchel [:

Das ist es auch. Es ist eine grosse Erleichterung, denn heute Bischof sein ist ein schönes Amt, aber auch ein herausforderndes Amt, weil wir in einer großen Transformation der Kirche drin sind. Und ich freue mich auch, ich bin dann bald 80, bis es soweit ist. Und mit 80, glaube ich, darf man auch etwas mehr ohne Terminkalender lebt.

Sandra Leis [:

Meinen Sie, das dauert noch fünf Jahre? Das sollte doch in diesem Jahr. . .

Bischof Markus Büchel [:

Es sollte in diesem Jahr sein, aber bis es so weit ist, bin ich 76, und dann kann man bald den 80. Geburtstag vorbereiten.

Sandra Leis [:

Und wenn Sie jetzt ein bisschen in die Zukunft schauen, was denken Sie, wann können Sie den Bischofsstab wirklich übergeben?

Bischof Markus Büchel [:

Ich hoffe, dass es bis zum Sommer soweit ist.

Sandra Leis [:

Also zu Ihrem Geburtstag. Bischof Markus, Sie leiten das Bistum St. Gallen jetzt seit 19 Jahren und gelten als liberal und fortschrittlich. Stimmt das?

Bischof Markus Büchel [:

Ich bin sicher liberal. Liberal interpretiere ich als pastoral denkend. Ich denke nicht so sehr von der hohen Wissenschaft her, die ist mir auch wichtig, Theologie ist sehr wichtig. Aber ich war 20 Jahre lang als Seelsorger in der Pfarrei, das hat mich natürlich geprägt, und in diesen 20 Jahren hatte ich sehr viel Kontakt mit jungen Menschen, 12 Jahre lang, und nachher in der Pfarrei mit allen Altersgruppen, und ich weiß etwa, wie die Menschen heute in ihrer Lebensexistenz da sind und was für Fragen sie haben und was für Nöte sie haben. Und das prägt nachher auch das Bischofsamt.

Sandra Leis [:

Und wo waren Sie als Bischof eher auf der liberalen Seite aus Ihrer Sicht?

Bischof Markus Büchel [:

Ich denke, bei uns im Bistum St. Gallen, weil wir ein kleines Bistum sind, können wir überblicksmäßig besser auf direkte Anfragen von Menschen eingehen. Und das haben meine Vorgänger schon geprägt. Also meine Vorgänger waren auch auf der sogenannten liberal pastoralen Seite. Aber von Typ her und vom Menschen her und vom Glauben her liebe ich meinen traditionellen Glauben. Also ich bin sehr stark verwurzelt in der römisch-katholischen Kirche, und ich freue mich auch vor allem über das, was sie an Riten und Liturgie den Menschen anbieten kann. Ich kenne diesen Wert schon sehr gut.

Sandra Leis [:

Ich habe von Ihnen gelesen, dass Sie nicht geweihte Theologinnen und Theologen, dass Sie denen mehr wichtige Aufgaben gegeben haben. Ist das richtig?

Bischof Markus Büchel [:

Das ist richtig so. Wir haben einen Notstand, einen Weihenotstand. Und Weihenotstand heißt für mich, wir können nur ledige Männer weihen wegen dem Zölibat. Und wir können auch keine Frauen weihen und zu Weihediensten zulassen. Und das nenne ich einen Weihenotstand, weil damit geht auch etwas verloren. Also die Beziehung zu den Sakramenten verdunstet immer mehr, und es ist mir ein Anliegen, dass wir dort, wo wir mit außerordentlichen Beauftragungen vom Bischof her die Möglichkeit haben, Wege aufzutun, dass wir das auch tun.

Sandra Leis [:

Also ist es nicht eine Herzensangelegenheit, sondern eher eine in der Not geborene Tugend?

Bischof Markus Büchel [:

Es ist eine Herzensangelegenheit, den Menschen die Möglichkeit zu feiern, die Sakramente, zu predigen und so weiter zu ermöglichen. Und es ist auch ein Notstand, das ist es natürlich. Wir haben immer weniger Priester dadurch.

Sandra Leis [:

Aufgewachsen sind Sie mit vier Geschwistern auf einem Bauernhof in Rüthi im sanktgallischen Rheintal. Wann haben Sie persönlich gespürt, dass Sie zum Priester berufen sind?

Bischof Markus Büchel [:

Ich weiß es nicht. Und das ist ganz speziell. In der Bauernfamilie, vielleicht war ich lieber in der Sakristei beim Ministrieren als im Stall beim Helfen. Das war so natürlich. Meine beiden Geschwister, zwei Geschwister, sind älter als ich. Ich habe von denen einiges mitbekommen, was ich da nachher in der Schule auch erfahren habe. Und somit war es für mich eigentlich ganz normal, dass ich hineingewachsen bin. Wir sind in einem katholischen Dorf aufgewachsen. Unter Katholiken, in der Schulklasse nur ein Protestant, und das hat geprägt. Das war natürlich, am Sonntag traf man sich in der Kirche, das war selbstverständlich. Und ich hatte dann die Möglichkeit, in ein Gymnasium zu gehen, es gab keine Kantonsschule damals im Rheintal, bei den Steyler Missionaren, und das war eine Aufbruchszeit, die Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils. Da war eine Offenheit da und eine Zukunftsoffenheit und Begegnung mit der ganzen Welt. Also wir haben dort mit Missionaren und Bischöfen konferiert, und die sind vorbeigekommen aus Indien, aus China, aus Afrika und so weiter. Das war wunderbar.

Sandra Leis [:

Und gleichwohl ist das ja ein sehr einschneidender Entscheid, wenn man sich fürs Priesteramt entscheidet.

Bischof Markus Büchel [:

Jawohl. Ich bin dann hineingewachsen. Zuerst habe ich mir überlegt, ob ich bei der Missionsgesellschaft beitreten will. Da hat vom Himmel her etwas anscheinend gefunkt, dass ich mal in der Schweiz Theologie studiere und mich dann noch orientiere, wo ich als Priester in den Einsatz möchte. Und effektiv für den Priester-Beruf, für die Weihe, habe ich mich erst mit 26 entschieden. Das ist ein langer Prozess.

Sandra Leis [:

Haben Sie auch mal an diesem Weg gezweifelt?

Bischof Markus Büchel [:

Zweifel gehören immer dazu. Ich habe natürlich Kontakt gehabt mit studierenden Kolleginnen und Kollegen aus allen Fakultäten. In Fribourg ist das möglich, und wir haben ein sehr offenes Studentenhaus und Leben geführt. Wir waren nicht so eng in einem Seminar eingeschlossen, und das hat mich eigentlich dann immer mehr bestärkt, dass Theologie doch mein Weg ist.

Sandra Leis [:

Das hat aber auch geheissen, Verzicht auf eine Familie beispielsweise.

Bischof Markus Büchel [:

Das hat es geheißen. Und das war der schwierigste Entscheid wahrscheinlich. Aber bis 26 habe ich auch gespürt, dass ich mich nie so persönlich verliebt habe in eine Frau, dass ich gesagt habe, das ist die Frau meines Lebens. Sondern ich habe sehr viele Freundschaften gepflegt, und das ist auch als Zölibatärer wichtig. Und ich meine, der Schritt ins zölibatäre Leben heisst noch nicht, dass es gelingt. Und diese Offenheit, die muss man haben, wenn man diesen Weg geht.

Sandra Leis [:

Sie leben zusammen mit Ihrer Schwester, mit Lisbeth Büchel, ist sie Ihre engste Vertraute?

Bischof Markus Büchel [:

Im Moment ganz sicher. Die ersten Jahre war sie noch nicht bei mir. Sie ist erst 30 Jahre bei mir, und ich bin 50 Jahre jetzt Priester. Als ich Pfarrer wurde, kam sie zu mir. Sie war auch ledig und hatte damals einen Berufswechsel, und ich brauchte jemanden, und sie ist zu mir gekommen und ist geblieben, und das ist ein wunderbares Geschenk für auch als Bischof persönlich. Dort, wo man ist und lebt und so weiter, noch ein Stück Familie zu haben.

Sandra Leis [:

Sie haben es vorhin erwähnt, das Zweite Vatikanische Konzil, es hat Sie geprägt während dem Gymnasium, während des Studiums, diese Aufbruchsstimmung, von der Sie erzählt haben. Vieles ist heute noch nicht umgesetzt wie beispielsweise die Gleichstellung von Mann und Frau in der römisch-katholischen Kirche. Frustriert Sie das ein bisschen?

Bischof Markus Büchel [:

Es hat eine große Verzögerung gegeben. Ich bin froh, dass es keine Trennung gegeben hat wegen diesem Thema, wenn es vielleicht zu schnell gegangen wäre.

Sandra Leis [:

Also eine Spaltung.

Bischof Markus Büchel [:

Eine Spaltung gegeben hätte. Aber ich bin auch überzeugt, dass dieses Thema weiterhin immer mehr Thema wird und auch in der gesamten Kirche als Thema wichtig ist und jetzt ja immer wieder mehr auch an die Oberfläche kommt, gerade auch durch die Synodalität und den synodalen Weg, auf dem wir sind.

Sandra Leis [:

Und der stimmt Sie hoffnungsvoll ein Stück weit.

Bischof Markus Büchel [:

Das stimmt mich wieder hoffnungsvoll. Es gab wirklich eine Phase, vor allem auch im langen Pontifikat von Johannes Paul II., als natürlich auch die ganze Führung der Kirche wieder viel zentralistischer wurde, als sie eigentlich nach dem Aufbruch im Zweiten Vatikanischen Konzil erhofft wurde. Das gab eine Retardierung, kann man sagen, von diesen Prozessen, aber ich hoffe, es sei auch ein Reifungsprozess.

Sandra Leis [:

Sie sind ein geduldiger Mensch, kann man sagen.

Bischof Markus Büchel [:

Ja, ich habe das vielleicht gelernt. Oder ein Mensch, der nicht so schnell aufgibt und der mit Zuversicht auch immer wieder weiter geht.

Sandra Leis [:

Für Ihren Bischofsdienst haben Sie sich einen Spruch ausgewählt, der heißt «in gaudio et spe – in Freude und Hoffnung». Wenn ich Ihnen zuhöre, habe ich den Eindruck, dieser Spruch trägt Sie bis heute.

Bischof Markus Büchel [:

Der Spruch ist für mich sehr wichtig. Und ich muss auch sagen, er ist mir eigentlich zugefallen. Meine Kommunikationsverantwortliche damals, als ich Bischof wurde, das war ja gar nicht geplant. Es war vorgesehen, dass ich auf der Liste bin, das wusste ich. Aber ich glaube kaum, dass jemand sagt, so und jetzt bin ich es dann. Und was sage ich dann? Und so weiter. Ich war überrascht, dass ich Bischof wurde, und zwei Tage später war die große Pressekonferenz. Und meine Kommunikationsbeauftragte hat gesagt, das Beste bei der Konferenz, die fragen dich die verrücktesten Sachen. Und das Beste ist, wenn du zum Vornherein ein Statement hast und deinen Wahlspruch vorgibst. Und was ist mein Wahlspruch, den habe ich mir überhaupt nicht überlegt. Und eigentlich so im Halbschlaf in der Nacht ist mir eingefallen, «in gaudio et spe», das ist doch das Konzilsdokument, das ich die letzten Jahre am meisten gelebt habe und aus dem ich auch meine Pastoral gestaltet habe. In gaudio et spe, das wäre ein wunderschöner Wahlspruch, und der hat mich getragen, heißt aber, ich habe dann gesagt, es ist nicht ein Gaudi, Bischof zu werden, sondern die Hoffnung ist etwas, was uns Christen zutiefst trägt. Und zwar die Hoffnung über den Tod hinaus sogar. Wir dürfen Menschen eine frohe Botschaft verkünden, die trägt ins Leben hinein. Und was mir auch wichtig ist, der Satz geht ja dann weiter. Hoffnung und Freude, Trauer und Angst, der Menschen von heute sind Freude und Hoffnung, Trauer und Angst. Der Dienerinnen und Diener Christi, also der Getauften. Und das heißt, der Menschen von heute, nicht nur der Katholiken, nicht nur der Christen, sondern die Offenheit für alle Menschen, das ist mir ein ganz wichtiges Anliegen aus unserer christlichen Botschaft herauf.

Sandra Leis [:

Die Pressekonferenz, das war eine grosse Sache, im Juli 2006, und da habe ich ein Zitat gefunden vom Kirchenjournalisten Michael Meier, der hat damals im Tages-Anzeiger geschrieben, ich zitiere ihn: «Die Bischofskonferenz ist heute so konservativ und angepasst wie noch nie seit dem reformfreudigen Zweiten Vatikanischen Konzil. Da Büchel kein theologisches Schwergewicht ist, muss er auf der Hut sein, sich nicht gleichschalten zu lassen.» Sie haben sich nicht gleichschalten lassen. Wie ist Ihnen das gelungen?

Bischof Markus Büchel [:

Vielleicht denke ich mehr vom Herzen her als von allen möglichen geistigen Höhenflügen, die auch da sind. Aber das hat mich eigentlich auch gut hindurchgetragen. Es gibt eine schöne Episode. Ich wurde damals in dieser Konferenz auch gefragt von einem Journalisten, wie halten Sie es mit der Frauenweihe? Und da habe ich gesagt, ja, es ist eine Frage, die da ist und auf Fragen, die da sind, muss man, die muss man diskutieren dürfen. und ich könnte mir das in der Zukunft vorstellen. Das hat natürlich in Rom dann sofort Aufhebens gemacht, und ich durfte auch zu einer persönlichen Begegnung mit Papst Benedikt. Und er hat mich darauf angesprochen, und ich habe ihm dann gesagt, dass diese Frage kommt, musste ja klar sein. Zwei Wochen vorher wurden Frauen geweiht auf dem Bodensee auf einem Schiff. Und das war natürlich eine Sensation, und dass die Frage kommt, damit musste man rechnen. Und eigentlich war damit das Gespräch mit Papst Benedikt über diese Frage auch entschieden.

Sandra Leis [:

Im gleichen Jahr 2006 haben Sie der Neuen Zürcher Zeitung gesagt: «Ich will aktiv meine Stimme erheben zu Fragen des christlichen Menschenbilds oder der Ethik.» Wo haben Sie sich politisch exponiert in Ihren Jahren als Bischof von St. Gallen?

Bischof Markus Büchel [:

Ich habe mich immer für die Menschenwürde eingesetzt, die Würde jedes Menschen. Schon in meinem Wahlspruch heißt es, wir sind für alle Menschen da, nicht nur für die, die uns gerade passen oder die uns etwas nützen, wir sind für alle Menschen da. Ich habe mich vor allem sicher dafür eingesetzt, als ich auch in der Fastenaktion Stiftungsratspräsident war, und in jene Zeit hat mich auch geprägt. Nachher vor allem auch bei der Konzernverantwortungsinitiative. Aus der Betroffenheit auch von den südlichen Ländern her, wie die zum Teil auch unter den Mechanismen unserer Wirtschaft leiden, von denen wir ja auch leben.

Sandra Leis [:

Das ist so.

Bischof Markus Büchel [:

Sie leiden auch darunter, und darum war es mir ein Anliegen, mich dort auch zu profilieren.

Sandra Leis [:

Darf man sagen, Sie sind ein politischer Kopf?

Bischof Markus Büchel [:

Für mich ist einfach, gesellschaftliches Leben ist immer politisch. Und Leben aus dem Evangelium hat eine politische Note. Wir denken nicht nur an den Himmel, sondern das Reich Gottes ist angebrochen. Und wir haben eine Aufgabe, Spuren des Reiches Gottes mindestens auch in dieser Welt schon zu verwirklichen und zu leben.

Sandra Leis [:

Das Bistum St. Gallen gilt als fortschrittlich. Es hat beispielsweise als erstes in der Schweiz ein Fachgremium gegen sexuelle Übergriffe eingeführt. Das war noch unter Ihrem Vorgänger, unter Ivo Fürer im Jahr 2002. Da gab es also schon dieses Fachgremium. Und dann kam 2023 die Pilotstudie heraus zu den sexuellen Übergriffen in der katholischen Kirche. Und da liest man dann von einem Priester aus dem Bistum St. Gallen, der sich über Jahrzehnte an Kindern vergriffen hat und noch bis im Januar 2023 Eucharistie gefeiert hat. Und in dieser Pilotstudie steht Folgendes: «In diesem Fall wiegt besonders schwer, dass trotz mehrfachen Insistierens sowohl des diözesanen als auch des nationalen Fachgremiums über Jahre hinweg keinerlei Massnahmen ergriffen wurden, selbst als die Anschuldigungen wiederholt, konkreter und überprüfbarer wurden. Bischof Markus, warum haben Sie Ihrem eigenen Fachgremium kein Gehör geschenkt?

Bischof Markus Büchel [:

Das ist ein sehr schwieriges Thema, das Sie jetzt anschneiden. Ich war ja damals schon dabei, 2002, als wir den ersten Fall hatten, als ein Pfarrer verhaftet wurde. Ich war damals Bischofsvikar. Und mein Vorgänger, Bischof Ivo, hat sofort reagiert und hat ein unabhängiges Gremium geschaffen. Und er wollte das eigentlich unabhängig halten, dass es die Leute, die sich melden, begleiten und ihm auch Ratschläge geben, wie er darauf reagieren soll, was er tun solle. Er hat es aber so interpretiert, es ist nachher in der Verantwortung des Bischofs, was er damit tut. Das war damals auch die Situation. 20 Jahre später, von Rom aus, hat es eine Entwicklung, eine lange Entwicklung auch gegeben, hätte er anders gehandelt. Ich habe dann diesen Fall übernommen, als von ihm abgeschlossener Fall. Es konnte nichts bewiesen werden. Es gab keine Anzeige. Jetzt habe ich ihn angezeigt, im Nachhinein noch. Aber die staatlichen Behörden kommen auch nicht weiter in dem Sinn. Es gibt in der Regel eben sehr wenig zu beweisen. Es gibt Menschen, die darunter leiden, was dort geschehen ist, die das so empfunden haben. Aber wenn keine Kooperation da ist und wenn keine Beweise da sind, dann ist man eigentlich so wie in der Luft. Jetzt warten wir, was aus dieser Situation wird. Ich hoffe, dass es uns gelingt, sicher die betroffenen Personen gut zu begleiten. Und was dann geschieht nachher, das ist für mich auch eine andere Frage.

Sandra Leis [:

Sie haben dann eine eigene Pressekonferenz gemacht hier in Ihrem Bischofssitz und haben vor eineinhalb Jahren öffentlich gesagt, das sei ein großer Fehler gewesen und Sie würden es bereuen. Sehen Sie das heute nicht mehr so?

Bischof Markus Büchel [:

Doch ich bereue das heute noch, dass ich es nicht gemacht habe, weil ich jetzt mehr weiß und weil jetzt die Vorgaben von Rom auch anders sind. Heute müsste ich nicht mehr entscheiden, soll ich ihn jetzt verurteilen oder nicht verurteilen, sondern ich könnte ihn nach Rom weitergeben, und Rom würde entscheiden. Und das ist eine grosse Entlastung für den einzelnen Bischof.

Sandra Leis [:

Aber Sie hätten ihn aus dem seelsorgerlichen Dienst weisen können.

Bischof Markus Büchel [:

Nachdem mein Vorgänger nach fünf, sechs, sieben Jahren oder noch länger mit ihm nicht auf einen Punkt gekommen ist, auch mit der Person nicht, mit den damals Anzeigenden nicht, war es für mich als neuen Bischof sehr schwierig zu sagen, und jetzt soll er aus dem Betrieb genommen werden. Oder in ein Kloster versetzt.

Sandra Leis [:

Oder in ein Kloster versetzt werden oder sowas. Und gleichwohl ist es ja meines Wissens schon so. . .

Bischof Markus Büchel [:

Es wurde mir ja dann gesagt, ich hätte ihn ja einfach doch in ein Kloster abgeschoben, für das, dort hätte er noch zelebrieren können und so weiter. Das stimmt auch nicht. Da weiß ich, dass das nicht stimmt. Er war gesundheitlich angeschlagen, ist in Pension gegangen, und er hat vorher schon Klöster betreut und ist dann halt für Gottesdienste in diesen Klöstern zur Verfügung gestanden. Aber es war nicht eine Versetzung jetzt in ein Kloster, dass er hier nicht mehr in der Öffentlichkeit arbeiten würde.

Sandra Leis [:

Sie haben ihn dann angezeigt bei der Polizei. Es läuft jetzt die Untersuchung gegen E.M. Sie haben vorhin gesagt, man komme da auch nicht weiter. Also heißt das ganz konkret, Sie vermuten, es wird auch kein Urteil geben?

Bischof Markus Büchel [:

Es wird sicher verjährt sein, aber das kann ich nicht von mir aus sagen, das kann die Enttäuschung dann werden und was noch weiterläuft natürlich ist dann die kanonische Voruntersuchung über die dann Rom entscheidet.

Sandra Leis [:

Also das kirchliche Urteil. Das verjährt ja nicht.

Bischof Markus Büchel [:

Das verjährt nicht.

Sandra Leis [:

Die Missbrauchsstudie hat tiefe Spuren hinterlassen, auch bei den eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sie haben dann eine Initiative lanciert mit dem Titel «Reformen jetzt». Das waren konkrete Forderungen aus dem Jahr 2023 nach der Veröffentlichung der Studie. Und ich greife da jetzt nur ein Beispiel heraus. Darin heißt es, man solle die sexuelle Identität der Seelsorgenden respektieren. Diese Identität dürfe keine Rolle spielen bei der Anstellung von Personen und darf auch kein Grund sein für eine Kündigung. Ist diese Forderung jetzt im Bistum St. Gallen durchgekommen?

Bischof Markus Büchel [:

Das war eine Forderung, von der diejenigen, die sie aufgestellt hatten, genau wussten, dass wir so schon lange handeln im Bistum St. Gallen. Das hat mich enttäuscht.

Sandra Leis [:

Dass das dringestanden ist, hat Sie enttäuscht.

Bischof Markus Büchel [:

Ja, dass das dringestanden ist, als ob das jetzt eine neue Forderung wäre bei uns. Wir haben immer sehr persönlich mit jeder Person geschaut, im kirchlichen Dienst, auch dann, wenn jemand homosexuell war und so weiter, dass es einen guten Weg gibt mit der Person. Und das war nie ein Grund, dass jemand eine Mission nicht bekommen hat.

Sandra Leis [:

Gab es eine andere Forderung, bei der Sie gedacht haben, ja, das stimmt, das versuche ich jetzt umzusetzen.

Bischof Markus Büchel [:

Wir mussten nichts umsetzen, was dort gefordert wurde, was nicht schon hier Brauch war. Also die Mitsprache bei der Bischofswahl und so weiter, die war bei meiner Wahl vor 20 Jahren schon da, die Konsultation bei den Menschen, bei den Leuten. Wir haben ja ein besonderes Wahlrecht, dass wir eine eigene Liste machen können und da waren wir schon bei der vorigen Wahl, wie bei dieser auch wieder, im Gespräch mit den Pfarreien, mit den Leuten. Und eine weitere Forderung war ja, dass die Trau-Assistenz durch Laien jetzt kommt. Da war das Dokument von uns schon vorbereitet und da war noch nicht ganz umgesetzt, aber das war bereit und wir haben darüber in den Räten schon gesprochen, das war also auch nicht neu.

Sandra Leis [:

Das Gremium für Reformen jetzt, das hat sich ja wieder aufgelöst im letzten November, und in ihrem Abschlussschreiben sagen sie, es gäbe einfach noch zwei Forderungen, aber die gelten natürlich für die ganze römisch-katholische Kirche, nämlich dass man Frauen zu Priesterinnen weihen können soll und der Zölibat, dass der freiwillig sein soll.

Bischof Markus Büchel [:

Da kann ich nur entscheiden, wie die Gesamtkirche entscheidet, und sage, beim Zölibat wäre ich froh, ich könnte manchen Pastoralassistenten oder Seelsorger, der verheiratet ist, zum Priester weihen, wenn er die Berufung hat oder wenn das möglich ist. Und bei der Frauenweihe, da halte ich mich jetzt an das, was der Papst Franziskus sagt. Er sagt nicht, man darf nicht darüber reden. Das ist schon ein Schritt, aber er sagt auch, im Moment wäre es nicht reif, wenn es gesamtkirchlich weltweit entschieden werden muss. Vielleicht muss da ein anderer Schritt zuerst kommen, dass gewisse Fragen, die kulturell und gesellschaftlich in einem Gebiet möglich sind, auch ohne die Einheit zu gefährden in dem Gebiet durchgeführt werden können.

Sandra Leis [:

Genau, also dass die Ortskirchen und die Regionen mehr selber entscheiden können. Auch die Gläubigen waren sehr verblüfft und traurig natürlich über diese Missbrauchsstudie. Das hat konkrete Folgen. Im letzten Jahr sind im Bistum St. Gallen 7500 Menschen ausgetreten. Das sind doppelt so viele wie im Vorjahr.

Bischof Markus Büchel [:

Das schmerzt uns sehr. Es zeigt aber doch auch, wie sensibel es ist, als Kirche in der heutigen Gesellschaft zu sein, weil die Bindung von vielen nicht mehr so in die Glaubenstiefe geht, die eigentlich dann tragen müsste in solchen Situationen, in solchen gesellschaftlichen Erschütterungen, die da sind. Ich will dadurch aber nicht das Versagen, wirklich das Versagen der Kleriker und der Menschen in der Kirche kleinreden. Aber wir leben natürlich in einer sehr offenen Gesellschaft, wo in unserem System mit dem Kirchensteuersystem usw. im dualen System man Kirchensteuer zahlt auch dann, wenn man vielleicht nicht mehr so intensiv jetzt mit den Inhalten der Kirche verbunden ist. Mit den Lehren der Kirche sage ich. Mit dem Glauben, darüber will ich nicht urteilen. Es kann jemand, der mit den Dogmen nicht so tief verbunden ist, kann ein sehr gottesgläubiger Mensch sein.

Sandra Leis [:

Der Imageschaden, der ist gross, was versucht jetzt auch beispielsweise die Schweizer Bischofskonferenz, da sind Sie ja Mitglied, dagegen zu machen.

Bischof Markus Büchel [:

Wir haben ja klare Massnahmen, also wir diskutieren fast jeden Tag jetzt darüber. Die Frage von der Meldestelle, dass die jetzt über die Opferhilfestellen geht. Das läuft jetzt ja. Das läuft schon, wir sind daran, das zu zentralisieren auch und gesamtschweizerisch eine Einheit zu machen, dass nicht jedes Bistum ihren eigenen Weg geht und so weiter, da sind wir dran. Und da haben wir auch Großes geleistet, das muss ich sagen, in den letzten Monaten sogar. Da staune ich also, wie weit und mit welcher Ernsthaftigkeit wir da drin sind. Das zeigt doch, dass wir die Situation sehr ernst nehmen als Bischöfe. Es ist auch die Prüfung der Kandidaten für Assessments, die wir jetzt sehr ernsthaft durchführen wollen. Wir haben natürlich vorher schon geprüft und werden auch weiterhin die Berufungen prüfen und so weiter, aber es ist gut, dass man das jetzt so macht. Und im Hintergrund ist der Vorwurf, der ist auch nicht ganz unberechtigt, dass in gewissen Bistümern natürlich vielleicht zu wenig geprüft wurde. Und dass es auch Bischöfe gab, die gesagt haben, wenn einer Priester werden will, dann ist das Berufung von Gott, dann haben wir da nicht mehr viel dazu zu prüfen. Und das ist zum Glück in der gesamten Kirche jetzt eine Forderung, dass jeder, der in den Dienst und auch jede, die in den Dienst der Kirche in einem Amt tritt, auch geprüft wird.

Sandra Leis [:

Bald wird ein neuer Bischof gewählt für das Bistum St. Gallen. Was wünschen Sie dem Bistum St. Gallen für einen Bischof? Wie müsste der sein, dass es hier in St. Gallen passt?

Bischof Markus Büchel [:

Er müsste besser sein als ich natürlich. Ich wünsche ihm viel Erfolg, und ich bin überzeugt, Bistum St. Gallen wird einen guten Bischof bekommen. Denn ich kenne ja eigentlich alle, die auf der Liste sein können, weil ich alle Priester im Bistum St. Gallen kenne, und auf der Liste können nur Priester sein, die jetzt im Bistum St. Gallen wirken. Und somit, ich könnte mir bei keinem vorstellen, dass er nicht auch ein guter Bischof wäre. Und Bischof wird man auch im Amt. Man muss Erfahrungen machen. Also meine Erfahrungen, die waren auch da, weil ich schon zwölf Jahre Bischofsvikar von Bischof Ivo war. Er hat mich geprägt, ich weiß, wie er das gemacht hat, und wenn er es so gemacht hat, wie ich es gut fand, dann macht man das so in diesem Stil weiter. Dann wird man geprägt von der Bischofskonferenz, von den Erfahrungen, die man auch machen darf, zum Beispiel bei einer Synode in Rom, wo man Weltkirche erfährt und einen neuen Blick eigentlich bekommt, dass halt in Indien oder weit weg in Asien, Südamerika und so weiter gewisse Fragen anders angesehen werden. Und das ist gut, auch gut, diesen Austausch zu erleben und dann auch das immer wieder als Horizont zu haben, ohne sich gefangen nehmen zu lassen, dass keine Veränderung am Ort stattfinden kann, weil eigentlich von der ganzen Weltkirche alles blockiert ist.

Sandra Leis [:

Und wie sieht Ihre ganz persönliche Zukunft aus? Welche Pläne schmieden Sie?

Bischof Markus Büchel [:

Ich habe noch wenig Pläne, aber die Zukunft ist für mich vorgegeben dadurch, dass meine Schwester mich nicht verlässt, und sie wird auch pensionieren.

Sandra Leis [:

Sie ist ja zehn Jahre jünger als Sie, oder?

Bischof Markus Büchel [:

Sie ist zehn Jahre jünger, das ist super. Sie bekommt dann auch die AHV und die Pension, und dann können wir unser Leben im Rheintal, wo wir geboren sind, weiterleben. Wir haben dort das Elternhaus für uns eingerichtet, und ich kann von dort aus noch, wo ich gebraucht werde, auch etwas als Priester helfen, aber ein Amt werde ich nicht mehr annehmen. Ich bin überzeugt, dass ich nicht untätig werde. Und etwas mehr in die Natur, etwas mehr Bewegung, glaube ich, tut mir gut.

Sandra Leis [:

Bischof Markus Büchel, vielen Dank für dieses Gespräch und alles Gute für das, was kommt.

Bischof Markus Büchel [:

Gern, ganz herzlichen Dank Ihnen.

Sandra Leis [:

Das war die 43. Folge des Podcasts «Laut + Leis». Zu Gast war Bischof Markus Büchel. Er leitet das Bistum St. Gallen seit 19 Jahren und bleibt noch so lange im Amt, bis sein Nachfolger vom Domkapitel gewählt ist. Über Feedback freuen wir uns: Schreibt gerne per Mail an [email protected] oder per WhatsApp auf die Nummer 078 251 67 83. Und: Abonniert den Podcast und bewertet ihn positiv, wenn er euch gefällt. Für die nächste Folge von «Laut + Leis» reise ich nochmals nach St. Gallen und besuche Matthias Wenk. Er arbeitet City-Seelsorger für die katholische Kirche. Doch nicht mehr lange: Ab April macht er zwar noch dasselbe, wechselt aber zur evangelisch-reformierten Kirche. Bis in zwei Wochen – und bleibt laut und manchmal auch leise.

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