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Eva-Maria Faber und die Theologische Hochschule Chur: «Es wäre schäbig gewesen davonzulaufen»
Episode 514th July 2025 • Laut + Leis • kath.ch
00:00:00 00:30:49

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Shownotes

Sie ist Rektorin der Theologischen Hochschule Chur (TH Chur) und blickt auf eine wechselvolle Geschichte. Eva-Maria Faber spricht über das Verhältnis der Hochschule zum Bistum Chur und sagt, weshalb sie sich mit Herzblut für die Ökumene engagiert.

Weitere Themen dieser Folge:

  • Am 7. Juli 2025 feiert Eva-Maria Faber ein Jubiläum: Weshalb ist sie 25 Jahre an der TH Chur geblieben?
  • Das Bistum Chur und die Hochschule: Wie hat Eva-Maria Faber die Bischöfe Amédée Grab und Vitus Huonder erlebt?
  • Seit vier Jahren ist Joseph Maria Bonnemain Bischof des Bistums Chur: Was macht er anders als seine Vorgänger?
  • Heute studieren fünfzig Menschen Theologie in Chur: Wer sind sie?
  • Fehlende Gleichberechtigung in der römisch-katholischen Kirche: Wie gehen heutige Studierende damit um?
  • Eva-Maria Faber lehrt, forscht und kümmert sich als Rektorin um die administrativen Belange: Was macht sie am liebsten?
  • Sie lebt für die TH Chur: Wie findet sie einen Ausgleich?
  • Die Ökumene tritt oft an Ort: Warum ist Ignatius von Loyola eine Quelle der Inspiration?

Transcripts

Eva-Maria Faber [:

Wenn ich jetzt speziell die Hochschule anschaue, tatsächlich ist das Verhältnis zu Bischof Vitus ein Verhältnis gewesen, das sehr stark von Misstrauen geprägt gewesen ist. Manchmal habe ich gedacht, es wäre ihm lieber gewesen, es gäbe diese Hochschule nicht. Und das ist jetzt mit Bischof Joseph wirklich ganz anders. Er hat Vertrauen zur Hochschule, er hat Vertrauen dazu, dass wir unseren Weg verantwortlich gehen. Er lässt uns dafür auch die Freiräume. Interessant ist auch, dass ich in den frühen Jahren selten einmal erlebt habe, dass die Bischöfe der Hochschule einen Auftrag gegeben hätten, im Sinne von wir hätten gerne einen kompetenten theologischen Beitrag. Bischof Joseph ist mehrfach den Schritt gegangen, dass er gesagt hat, ich würde mich freuen, wenn ihr dort mitarbeiten würdet oder es wäre gut, wenn wir dazu Hilfe von euch bekommen würden. Und allein schon das ist etwas gewesen für mich, was sehr schön ist, dass das auch möglich ist.

Sandra Leis [:

Das sagt Eva-Maria Faber. Sie ist Rektorin der Theologischen Hochschule Chur und feiert im Juli ein Jubiläum. Seit 25 Jahren ist sie Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie. Wir fragen, wer heute katholische Theologie studiert, sprechen über das Verhältnis der Hochschule zum Bistum Chur und über die Gründe, weshalb sich Eva-Maria Faber für die Ökumene engagiert. Ich bin Sandra Leis und besuche sie in Chur, hier in ihrer Wirkungsstätte. Frau Faber, herzlich willkommen zu unserem Gespräch im Podcast «Laut und Leis». Sie sind nun seit 25 Jahren Theologie-Professorin. Was ist Ihre prägendste Erinnerung an Ihre Ernennung vor 25 Jahren?

Eva-Maria Faber [:

Sie hatte eine längere Vorgeschichte, weil damals die Hochschule auch in einer Krise sich befand und es noch gar nicht so sicher war, ob die Hochschule weiter besteht. Das heißt, ich hatte ursprünglich eine Zusage und dann kam ein Signal, dass es vielleicht doch nicht möglich ist. Ich hatte zwischendurch dann schon geschaut, ob ich eine andere zukunftsweisende Perspektive für mich finde und war eigentlich sogar fündig geworden. Und dann kam die Anfrage, ob ich doch noch zur Verfügung stehe, und ich habe mich dann in wenigen Tage entschieden, hier nach Chur zu kommen. Das ist mir stärker in Erinnerung als gerade jetzt die Ernennung. Was ich dazu sagen kann, ich habe es 25 Jahre lang nicht bereut.

Sandra Leis [:

Damals waren Sie knapp 36 Jahre alt, hätten Sie im Jahr 2000 gedacht, dass Sie so lange bleiben?

Eva-Maria Faber [:

Ich habe mir, glaube ich, darüber gar nicht so viele Gedanken gemacht. Ich bin einfach mal auf diese neue Perspektive zugegangen. Ich habe dann nach einer gewissen Zeit angefangen zu rechnen, wie viele Jahre noch zur Einbürgerung fehlen. Und damit war dann so implizit auch der Entscheid gefallen, wirklich auch hier bleiben zu wollen. Also nach zwölf Jahren war das damals möglich, und im 13. Jahr bin ich dann eingebürgert worden.

Sandra Leis [:

Sie haben es vorhin erwähnt, die Hochschule steckte in einer Krise, als sie damals berufen wurden. Vielleicht ein kurzer Rückblick: Also bis 1998 war Wolfgang Haas hier Bischof und wurde dann versetzt nach Lichtenstein, das war vor Ihrer Zeit. Und als Sie dann im Jahr 2000 hierhergekommen sind, war Amédée Grab Bischof, er war ein Vermittler. Und dann, ab 2007, sind Sie selber Rektorin geworden der Hochschule, und im gleichen Jahr ist Vitus Huonder Bischof geworden. Wie haben Sie diese Zeit erlebt mit Vitus Huonder, der eine sehr umstrittene Persönlichkeit gewesen ist?

Eva-Maria Faber [:

Ja, vielleicht erst noch zu Bischof Amédée. Das hat jetzt vielleicht eher mit der Ernennung noch zu tun. Er schrieb mir damals eigenhändig eine Karte und dankte mir, dass ich komme. Und das hat mir damals Eindruck gemacht. Oder ich fand das eine sehr herzliche Geste mir gegenüber. Und es war damals auch ein gutes Verhältnis zu ihm. Mit Bischof Vitus haben wir dann einfach den Weg erst mal begonnen. Ich habe versucht damals, möglichst ohne Vorbehalte, mich darauf einzulassen. Es war sicher keine einfache Zeit. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum ich geblieben bin, weil ich damals, glaube ich, schäbig von mir gefunden hätte, in einer so schwierigen Zeit dann auch zu gehen und die Schwierigkeiten einfach hinter mir zu lassen. Für mich war das eine Herausforderung, einfach trotzdem diese Zeit zu bestehen und zu schauen, wie die Hochschule einen guten Weg in die Zukunft nehmen kann.

Sandra Leis [:

Man muss ja wissen, dass Bistum Chur ist die Trägerin der Hochschule, das heißt, sie hat auch ein Veto-Recht, wenn man Professorinnen und Professoren einstellen will. Sind Sie denn in Ihrer wissenschaftlichen Arbeit, sind Sie wissenschaftlich auch beschnitten worden?

Eva-Maria Faber [:

Es ist im katholischen Bereich so, dass auch an den theologischen Fakultäten der staatlichen Universitäten dieses Vetorecht besteht. Das ist also jetzt kein alleiniges Phänomen an der theologischen Hochschule. Das Gute daran ist, dass in solchen Fällen einfach ein Vetorecht besteht und nicht die Möglichkeit, dass der Bischof direkt in die Hochschule hineinregiert. Das heißt, er kann sagen, ich bin mit dieser Ernennung nicht einverstanden, aber er kann dann nicht der Hochschule vorschreiben, welche Person an der Stelle dann ernannt werden soll. Er kann ablehnen, aber er kann nicht positiv vorgeben, wer dann an der Stelle kommen soll und das heißt, es können Prozesse blockiert werden, aber es ist schon auch beschränkt, wie die Einflussmöglichkeiten sind. Was für uns schwieriger war, ist, dass das ganze Umfeld natürlich entsprechend geprägt gewesen ist. Es ist dann so die Frage, wer möchte in einer solchen Zeit überhaupt in diesem Bistum noch einen kirchlichen Dienst ergreifen? Wer sieht, dass die Hochschule so eigenständig ist, dass sie nicht einfach manipuliert ist von einem Bischof? Also wer studiert da noch? Das waren unsere größeren Sorgen. Inwiefern beeinflusst das Umfeld die Art, wie wir Hochschulen sein können? Insgesamt lief das eigentlich nicht schlecht. Wir haben damals als Lehrkörper sehr gut zusammengehalten.

Sandra Leis [:

Ich habe da im Archiv ein bisschen gegraben und ein Schreiben gefunden von Ihnen, das das ganze Kollegium unterschrieben hat. Es ging damals um zwei ehemalige Priesteramtskandidaten, die sich verliebt haben und dann nicht mehr Priester werden konnten und das auch bewusst so entschieden haben für sich. Aber sie wollten als Laientheologen arbeiten im Bistum, und das hat Vitus Huonder abgelehnt. Da nützt auch Ihr Schreiben dann nichts. Wie sind Sie mit solchen Rückschlägen umgegangen?

Eva-Maria Faber [:

Ja, es war damals auch noch eine spezielle Situation, weil wir als Lehrkörper uns zu einem Thema geäußert haben, zu dem wir eigentlich nicht direkt die Kompetenz hatten. Weil wir hier im Haus zwei Institutionen haben, das eine ist die Hochschule, die für die akademische Ausbildung zuständig ist, und das heißt, uns interessiert, hat jemand die Voraussetzungen zum Studieren, hat jemand die Prüfungen bestanden und das ist unsere Aufgabe. Die Frage, wer wird zum kirchlichen Dienst zugelassen, ist auf der Seite des Priesterseminars. Und die Frage ist immer, wie kann man miteinander als Institutionen unterwegs sein, ohne sich gegenseitig in die eigenen Kompetenzfelder einzugreifen. Und wir haben damals trotzdem gesagt, nein, wir möchten uns für diese beiden Studierenden einsetzen, weil wir sie als sehr kompetente Personen kennengelernt haben, als geeignet für die Seelsorge. Sodass wir gefunden haben, wir können da nicht einfach unbeteiligt von außen zuschauen. Dass das dann nicht direkt zum Erfolg geführt hat, ja ich weiß gar nicht mehr, hat uns wahrscheinlich dann gar nicht so sehr verwundert, aber wir fühlten uns verpflichtet, doch wenigstens ein Statement abzugeben. Also wir wollten als die verantwortlichen Lehrpersonen, die Studierende auf ihrem Weg durch das Studium begleitet haben, doch auch äußern, dass wir diese Studierenden als wertvolle. Menschen und als fähige Seelsorgepersonen potenziell einschätzen, das wollten wir nicht einfach ungesagt lassen.

Sandra Leis [:

Sie haben wirklich etwa zwölf Jahre lang mit Vitus Huonder kutschieren müssen. Vor vier Jahren wurde dann Joseph Maria Bonnemain Bischof von Chur, und auch da gibt es ein Schreiben von Ihnen. Da sagen Sie, ich zitiere Sie kurz: «Viele Erwartungen sind an die Neubesetzung des Bischofstuhls geknüpft. Es sind Wunden zu heilen, Strukturen der Zusammenarbeit wieder neu zu beleben. Menschen haben sich enttäuscht abgewandt. Wie kann zerbrochenes Vertrauen wieder wachsen?» Das haben Sie selber so geschrieben. Ist dieses Vertrauen jetzt gewachsen mit dem neuen Bischof, mit Joseph Maria Bonnemain?

Eva-Maria Faber [:

Das Schreiben von damals zielte natürlich auf das ganze Bistum. Ich denke, da hat Bischof Joseph sehr viel bewirkt. Er ist wirklich ein Gesicht der Kirche, das freundlich sein möchte. Das ist ihm, glaube ich, wirklich gelungen. Wenn ich jetzt speziell auch noch die Hochschule anschaue, tatsächlich ist das Verhältnis zu Bischoff Vitus ein Verhältnis gewesen, das sehr stark von Misstrauen geprägt war. Er hat uns als Hochschulen nicht hoch angesehen. Manchmal habe ich gedacht, es wäre ihm lieber gewesen, es gäbe diese Hochschule nicht. Und das ist jetzt mit Bischof Joseph wirklich ganz anders. Er hat Vertrauen zur Hochschule, er hat Vertrauen dazu, dass wir unseren Weg verantwortlich gehen. Er lässt uns dafür auch die Freiräume. Interessant ist auch, dass ich in den frühen Jahren selten einmal erlebt habe, dass die Bischöfe der Hochschule einen Auftrag gegeben hätten, so im Sinne von wir hätten gerne einen kompetenten theologischen Beitrag. Bischof Joseph ist mehrfach den Schritt gegangen, dass er gesagt hat, ich würde mich freuen, wenn ihr dort mitarbeiten würdet, oder es wäre gut, wenn wir dazu Hilfe von euch bekommen würden.

Sandra Leis [:

Eine Expertise.

Eva-Maria Faber [:

Ja, er hat die theologische Expertise bei uns abgeholt, und allein schon das ist etwas gewesen für mich, was sehr schön ist, dass das auch möglich ist.

Sandra Leis [:

Interessant finde ich, wenn man Ihr Wirken hier an der Hochschule anschaut, dass Sie schon sehr früh, nämlich von Anfang an, auch administrative Aufgaben übernommen haben. Sie wurden ja schon, also gleich nach Ihrer Ernennung, auch zur Prorektorin, und dann später dann zur Rektorin, also Sie waren von Anfang ab administrativ eingebunden, Sie haben gelehrt, Sie haben geforscht und waren eben noch administrativ sehr aktiv. Wie haben Sie diese drei Elemente alle unter einen Hut gebracht? Das ist ja wirklich sehr anspruchsvoll.

Eva-Maria Faber [:

Ich glaube, es haben mir alle Bereiche Freude bereitet, und das macht für mich immer schon sehr viel aus. Es gibt Belastungsphasen, die einfach mit viel Arbeit zu tun haben, vor denen fürchte ich mich weniger. Es gibt auch Belastungsphasen, die mit Spannungen zu tun haben, und das finde ich dann schwieriger. Das ist etwas, was dann mehr Kräfte und Energie einfordert. Aber jetzt die Arbeit in verschiedenen Bereichen war für mich insofern eigentlich weniger ein Problem, weil ich keinen dieser Bereiche nur widerwillig auf mich genommen hätte, sondern das eine ist, dass ich halt als Wissenschaftlerin und Forscherin auch gekommen bin, sodass das organisch war, in diese Richtung auch etwas weiterzumachen. Das ist im Laufe der Jahre dann wahrscheinlich wirklich ein bisschen weniger geworden, weil dafür dann der zeitliche Freiraum wirklich auch etwas fehlte. Das sind dann eher kleinere Projekte gewesen, in denen ich trotzdem noch engagiert war. Die Lehre habe ich sehr gern gemacht. Ich hätte als Rektorin auch das Recht gehabt, das Lehrpensum zu reduzieren. Das habe ich nie gemacht, weil mir da etwas gefehlt hätte, ohne den Kontakt zu den Studierenden, ohne diese Herausforderung, auch Inhalte so darzustellen, dass die Studierenden damit etwas anfangen können. Und der administrative Bereich ist natürlich manchmal dann weniger faszinierend. Und trotzdem habe ich gemerkt, dass daran sehr viel hängt. Also je nachdem wie eine Hochschule administrativ geführt ist, fühlen Menschen sich dort aufgehoben, haben Kollegen und Kolleginnen auch den Rücken frei für ihre eigenen Projekte, und das ist mir sehr wichtig gewesen, und es war auch schön zu sehen, wie die Hochschule sich entwickelt, wie es verschiedene Projekte in dieser Zeit gab, verschiedene Phasen gab. In dem Sinne ist das immer auch eine spannende Angelegenheit gewesen.

Sandra Leis [:

Unter dem Strich kann man eigentlich schon sagen, Sie haben Ihr Leben der Hochschule gewidmet. Ich vermute jetzt, Privatleben ist etwas kurz gekommen. Von Ihnen habe ich etwas gelesen, nämlich, dass Sie eine begeisterte Ornithologin seien. Ist das Ihr Hobby, wenn man das so sagen darf?

Eva-Maria Faber [:

Das ist sicher so eine Art Hobby, etwas, wo ich auch den Mut, oder ich muss es so sagen, es ist eine Weise Zeit zu verbringen, bei der ich den Mut habe, diese Zeit mir auch wirklich zu nehmen, selbst wenn ich weiß, der Schreibtisch liegt noch voll mit anderen Dingen. Aber da merke ich dann, nein, das möchte ich jetzt wirklich gerne machen. Das Frühjahr ist so eine Zeit, das ist die Zeit, wo die Vögel singen. Das heißt, ich weiß dann, wenn ich mir nicht jetzt die Freiräume nehme, auch mal ein Wochenende im Wallis zu verbringen oder so, dann ist es zu spät, weil die Nachtigall nur dann singt und nicht erst im August oder Oktober oder so.

Sandra Leis [:

Dann kommen Sie mal weg von Chur und von der Hochschule. Das ist doch schön, wenn es auch diese zeitlichen Rhythmen gibt. Gut, kommen wir zu den Studierenden. Wie haben die sich in diesen 25 Jahren verändert? Was ist Ihre Hauptbeobachtung?

Eva-Maria Faber [:

Vor einigen Jahren hätte ich wahrscheinlich noch gesagt, die Studierenden werden im Schnitt älter, wenn sie sich fürs Theologiestudium entscheiden. Interessanterweise haben wir seit zwei, drei Jahren aber auch wieder jüngere Studierende, die wirklich direkt nach der Maturität kommen. In dem Sinne ist es keine eindeutige Tendenz. Es ist auch keine eindeutige Tendenz, ob das jetzt Personen sind, die katholisch sozialisiert sind oder Menschen sind, die irgendwann zum Glauben zurückgefunden haben. Es gibt da keine eindeutigen Entwicklungen.

Sandra Leis [:

Gibt es allenfalls eine Entwicklung in der Lehre, also in der Theologie, bei der Sie sagen, da haben wir uns wirklich verändert in diesen 25 Jahren oder andere Akzente gesetzt?

Eva-Maria Faber [:

In allen Fächern gibt es Schübe, was jetzt gerade in der Forschung aktuell ist. Das kann ich, wenn überhaupt, nur für mein eigenes Fach betrachten. Ich würde sagen, es hat insgesamt in der Theologie eine Veränderung gegeben. Ich meine, dass in den letzten Jahren die Theologie stärker konkret an Themen arbeitet, die auch mit kirchlichen Reformen zu tun hat. Man hat der Theologie manchmal vorgeworfen, dass sie so in einem Elfenbeinturm sich bewegt. Ich würde sagen, das hat in den letzten zehn Jahren ziemlich abgenommen, weil doch viele Kollegen und Kolleginnen sich in diesem Bereich engagieren, weil wir, glaube ich, auch gemeinsam daran leiden, dass wir als Theologen und Theologinnen Wissenschaft betreiben und dass die Kirchenleitungen sich eher wenig dafür interessieren. Und wenn man so etwas wahrnimmt, muss man sich natürlich fragen, woran könnte das liegen. Und vielleicht haben wir zum Teil parallel die Beobachtung gemacht, dass es vielleicht auch an uns selbst liegt, aber es ist in den letzten Jahren wirklich sehr viel publiziert worden, was eigentlich sehr konkret hinarbeitet darauf, wie könnte kirchliches Leben anders gestaltet sein. Ehrlich gesagt, ohne dass es sehr viel bringt, aber mindestens von unserer Seite haben wir, glaube ich, dort auch unseren Auftrag erfüllt.

Sandra Leis [:

Wenn man die Zahlen der Studierenden anschaut, dann sind es heute hier rund 50. Das ist eigentlich sehr wenig. Ich frage gerade heraus, was denken Sie, wie lange kann die Theologische Hochschule Chur weiter existieren mit 50 Studierenden?

Eva-Maria Faber [:

Ich glaube, dass wir weiterhin erfinderisch sein müssen, wie wir auf das Theologiestudium aufmerksam machen. Da ist sicher auch eine besondere Bringschuld gegenüber eben den älteren Personen, die sich aber eigentlich noch interessieren würden, sie zu ermutigen, dass es nicht zu spät ist, wenn man ein bestimmtes Alter überschritten hat oder wenn man eben schon eine andere Ausbildung gemacht hat. Es braucht vielleicht auch neue Formen, wie CAS-Studiengänge zum Beispiel entwickelt werden.

Sandra Leis [:

Die gibt es hier aber noch nicht, oder?

Eva-Maria Faber [:

Wir haben eine Kooperation für CAS-Studiengänge, die auf die Spezialseelsorge vorbereiten, das ist mit der Universität Bern, das heißt auch ökumenisch übergreifend. Es gibt einen CAS- Studiengang, den wir zusammen mit der Uni Zürich haben. Im Moment ist gerade ein CAS-Studiengang in Entwicklung, der rein bei uns etabliert wäre. Also in dem Sinne ja, es gibt Entwicklungen und wir haben da auch einiges laufen.

Sandra Leis [:

Das heißt, Sie müssen schon auch schauen, dass Gelder reinkommen. Es gibt ja eine Stiftung, es gibt den Kanton, das müssen wir jetzt nicht alles aufzählen, wer da alles Geld reinbringt, aber Sie müssen ja schon dranbleiben. Irgendwo habe ich gehört, dass auch die Professorinnen und Professoren Drittmittel beschaffen müssen.

Eva-Maria Faber [:

Ja, das ist an jeder Universität so, dass von den Professorinnen und Professoren erwartet wird, dass sie Drittmittel einwerben. Und das ist auch etwas, das bei uns dann erfragt wird, wenn wir Akkreditierungsverfahren machen, weil das wie ein Gütesiegel einer universitären Institution ist, ob man Drittmittel einwerben kann oder nicht. Das ist bei uns in dem Sinne eigentlich mehr eine Prestigeangelegenheit, als dass es unbedingt finanziell notwendig wäre. Weil das eben für universitäre Institutionen eigentlich etwas ist, was sein muss.

Sandra Leis [:

Wie gehen denn heutige Studierende damit um, dass in der römisch-katholischen Kirche Gleichberechtigung immer noch nicht existiert?

Eva-Maria Faber [:

Wie Sie damit umgehen, kann ich. . .

Sandra Leis [:

Ist das Thema zum Beispiel, wenn man sich trifft, sich austauscht?

Eva-Maria Faber [:

Also eben wie sie damit umgehen, kann ich wahrscheinlich im Letzten nicht sagen, weil ich auch nicht befugt bin, da im Einzelnen nachzufragen. Mein Eindruck ist, dass es einen nüchtern pragmatischen Umgang damit gibt, dass die Studierenden einerseits sehen, dass in der Kirche nicht alles so zu und her geht, wie man sich das wünscht, auch in diesem Bereich der Gleichstellung, und dass die Studierenden andererseits trotzdem für sich – zum großen Teil jedenfalls – entschieden haben, dass sie den Weg in einen kirchlichen Dienst hineingehen möchten, dass sie also versuchen, damit zu leben, ihren eigenen Anteil dann daran zu übernehmen, wie sich die Kirche auch weiterentwickelt. Also nicht die Augen verschließen, dass es Probleme gibt, dass es Reformanliegen gibt und andererseits sich nicht so darauf zu fixieren, dass am Schluss dann nur noch eine Verbitterung dastehen würde, sondern einfach zu schauen, wie man selbst da einen Weg findet. Es hat eine Studentin gegeben, die vor einigen Jahren ihre Masterarbeit zum Thema Frauenordination bei mir geschrieben hat. Sie hat die Argumentationen durchleuchtet und hat gefunden, dass die offiziellen Argumentationen für sie nicht stimmig sind, und ist trotzdem ihren Weg dann auch weitergegangen. Sie ist engagierte Seelsorgerin inzwischen. Also es gibt wie beides: die kritische Sichtweise, ohne dann nur noch aus Distanz in diesen Bereich von Kirche hineinzuschauen.

Sandra Leis [:

Und das gilt auch für Sie persönlich?

Eva-Maria Faber [:

Das gilt auch persönlich für mich. Ich habe auch wechselnde Phasen in diesem Bereich, wie wichtig mir das ist oder wie nah es mir geht. Oder dass es mir dann nicht so nah geht, auch existenziell. Es gibt auch unterschiedliche Phasen. Ich habe immer gemerkt, wenn ich eine Zeit hatte, wo ich mich auch wissenschaftlich mehr mit diesem Thema befasst habe, dass ich danach wieder Abstand brauchte. Weil es wirklich auch erschütternd ist, was in den Traditionen drinsteckt an Frauenverachtung. Ich habe mal etwas gemacht zum Thema Gottebenbildlichkeit von Frauen, die dann eben angeblich nur eingeschränkt sei. Ich habe immer gemerkt, dass ich danach Abstand brauche, damit mich das nicht vergiftet von innen her.

Sandra Leis [:

Ein ganz anderes Thema, das Ihnen wirklich ein Herzensanliegen ist, das ist die Ökumene. Sie haben ja über Johannes Calvin habilitiert, und das Thema beschäftigt Sie wirklich bis heute. Warum?

Eva-Maria Faber [:

Das ist auch erst im Laufe der Zeit gekommen. Es war dann erst mehr eine theologiegeschichtliche Angelegenheit, so im Blick auf die Reformationszeit. Aber das begann natürlich damals dann auch, dass ich mit den realen Reformierten von heute dann auch Kontakte hatte, mit den Menschen, die heute leben. Und das war für mich dann schon auch prägend, ebenso wahrzunehmen, dass es schön ist, wenn man da konfessionsübergreifend unterwegs sein kann und einander auch respektiert und merkt, dass es sehr viel Gemeinsames gibt und so weiter. Es war dann so, dass ich für mich selbst eher überraschend ernannt worden bin als Konsultorin für den damaligen päpstlichen Rat für die Förderung der Einheit der Christen. Heute ist das das Dikasterium: Das ist in Rom die Behörde, die dafür zuständig ist. Das war schon auch etwas seltsam, es kam auf einmal ein Ernennungsschreiben, man bekommt da nicht vorher eine Anfrage, ob man sich da interessiert oder bereit wäre. Für mich war das dann aber wirklich auch sehr reizvoll, mich darauf einzulassen. Und das hat mich natürlich noch viel mehr dann in solche Zusammenhänge hineingeführt. Mit Kenntnis der entsprechenden Fragestellungen, es ist dann halt auch die Wahrnehmung, dass weltkirchlich sich die Dinge wirklich dann nochmal anders darstellen als vor Ort bei uns in den Ländern der Reformation, wo das ganz anders dann auch existenziell eine Rolle spielt. Das war dann schon auch sehr spannend.

Sandra Leis [:

Können Sie sagen, wie diese Behörde arbeitet?

Eva-Maria Faber [:

Das war für mich am Anfang schon auch gar nicht so einfach, als damals noch jüngere Frau dort dabei zu sein. Die meisten Mitglieder sind Kardinäle und Bischöfe. Es gibt dann auch noch ein paar Priester, die dort mitarbeiten oder dann beratende Personen sind, ganz wenige, die nicht ordiniert sind und davon noch weniger Frauen. Und das war am Anfang dann schon etwas, was einen auch etwas beklommen dann da sitzen ließ. Es braucht dann erstens etwas Eingewöhnung und dann auch etwas Mut, sich trotzdem dann mal zu Wort zu melden und zu sagen, ich würde gerne noch dies oder jenes einbringen oder auch mal einen in Einwand zu bringen. Im Laufe der Jahre habe ich mich etwas mehr daran gewöhnt, dann eben dort vor Ort auch meine Rolle zu spielen. Es ist für mich nicht immer so einfach wahrzunehmen, dass diese Prozesse sehr langsam gehen, dass man auch nicht immer sieht, dass da wirklich die eine Vollversammlung auf der anderen aufbaut. Das sind meistens unterschiedliche Themen gewesen. Und man kann nicht immer gut mitverfolgen, was vom einen Mal zum anderen dann wirklich weitergegangen ist. Was man eben dort wahrnimmt, ist tatsächlich, wie schwierig es ist, zwischen verschiedenen Ortskirchen diesen Prozess zu gestalten. Wenn wir einerseits die Länder haben, wo die Reformation ihren Ausgang genommen hat. Wenn wir andererseits Länder haben, wo die Orthodoxie die größte Kirche ist, die das Gegenüber ist oder die Schwesterkirche und dass es dann auch Länder gibt, die eigentlich fast gar nicht mit Ökumene in Berührung kommen, weil sie immer noch relativ isoliert sind.

Sandra Leis [:

Das sind ganz unterschiedliche Voraussetzungen. Jetzt leitet ja schon ein paar Jahre Kardinal Kurt Koch diesen päpstlichen Rat. Wie eng arbeiten Sie mit ihm zusammen? Sind Sie in einem direkten Kontakt mit Kardinal Koch?

Eva-Maria Faber [:

Ja, direkter Kontakt wäre zu viel gesagt. Es kommt hinzu, dass es in den letzten Jahren etwas Veränderungen gegeben hat. Das kam erst mal die Corona-Zeit, wo dann diese Treffen auch ausgefallen sind. Dann gab es auch mal ein Jahr, da war bei uns gerade die Akkreditierung. Das heißt, ich konnte dann in der Zeit nicht teilnehmen. Es ist jetzt eher so, dass das größere Abstände geworden sind. In einem Jahr war dann gerade der synodale Prozess und man hat die Plenarien dann online durchgeführt, weil das in Rom nicht machbar gewesen wäre. Das heißt, im Moment ist das, was ich wahrnehme, etwas auf Sparflamme. Das heißt nicht, dass sie nicht in der römischen Behörde arbeiten, aber dass jetzt diese Vollversammlungen nicht mehr so regelmäßig stattgefunden haben oder ich nicht ganz regelmäßig teilgenommen habe. Es hat schon mal Situationen gegeben, jetzt nicht speziell zwischen Kurt Koch und mir, sondern dass gerade die Berater und Beraterinnen auch zu Gutachten angefragt worden sind. Das habe ich dann auch gemacht, wenn ich darum gefragt worden bin. Aber man kann jetzt nicht sagen, dass da so eine spezielle Zusammenarbeit wäre.

Sandra Leis [:

Sie haben ja selber ein Buch geschrieben vor zwei Jahren. Der Titel heißt «Entschlossen vorangehen». Da geht es um die Ökumene, und es ist wirklich ein Plädoyer, jetzt ins Handeln zu kommen. Aber die Realität, die sieht ja immer noch so aus, dass noch keine konkreten Schritte eigentlich gemacht werden. Aus Ihrer Sicht, die sich jetzt so lange mit dieser Ökumene beschäftigt hat, was ist das Erste und Nächste, was die Kirchen anpacken müssen, wenn Ökumene wirklich Fortschritte machen soll, also ins Handeln kommen. Wie stellen Sie sich das vor?

Eva-Maria Faber [:

Ja, ich habe im Laufe meiner ökumenischen Forschung und Reflexion eigentlich zwei Dinge vor allen Dingen wahrgenommen und dann auch versucht, stark zu machen. Das Erste war, dass mir sehr zu denken gegeben hat, dass wir immer noch schnell dabei sind, zu sagen, was die anderen verändern müssen, und weniger fragen, was wir selbst verändern müssten. Das hat mich verärgert und gestört. Deswegen war ich auch in Vorträgen sehr viel unterwegs mit dem Thema Selbstreflexion, Umkehr, was in den offiziellen Texten eigentlich drinsteckt, wo ich dann gefunden habe, ja, dann müssen wir aber wirklich auch bei uns selbst anfangen. Und das zweite war dann, dass ich das noch mal weiter reflektiert habe und das hat sich für mich so ergeben, dass sich parallel dazu auch etwas in der Spiritualität von Ignatius von Loyola unterwegs gewesen bin. In seiner Spiritualität ist er so ein neuzeitlicher Mensch schon gewesen, zu fragen, wie kann man denn effektiv Prozesse auch führen? Wie müssen wir vorangehen, damit wir auch unser Ziel erreichen? Und das hat mich nachdenklich werden lassen, ob das nicht gerade das ist, was in der Ökumene fehlt, nämlich wirklich diese Entschlossenheit zu haben. Nicht einfach nur zu sagen, wir möchten gerne und es wäre schön und wir müssen wieder auf die Einheit zustreben, sondern was müssen wir tun? Um diese Einheit auch wirklich zu erreichen, sich ins Ziel hineinstellen und dann zu überlegen, welche Schritte führen jetzt zu diesem Ziel. Und bei Ignatius spielt auch eine Rolle, dass wir die Mittel nicht mit dem Ziel verwechseln sollen. Ich habe in der Ökumene oft den Eindruck, dass die Mittel, nämlich die Art und Weise, wie wir konkret katholische Traditionen haben, verwechselt werden mit dem Ziel. Dass einmal das Ziel das Reich Gottes wäre, das Ziel, wie man als gute Christen, Christinnen leben kann, aber eben auch das Ziel der Einheit. Und wenn wir die Mittel mit dem Ziel verwechseln, dann verabsolutieren wir unsere Traditionen statt auch zu sagen, wir müssen sie ja nicht aufhören, aber wir müssen nicht erreichen, dass alle anderen dieselben Traditionen pflegen. Wir müssen nach Wegen suchen, wie wir offen werden, auch das, was die anderen als wichtig erkannt haben, anzuerkennen. Und diese Pluralität auch zu akzeptieren.

Sandra Leis [:

Zum Schluss, Eva-Maria Faber, Sie haben eine exzellente Karriere als Wissenschaftlerin hingelegt. Sie sind eine hochgeschätzte Professorin und Rektorin hier an der Theologischen Hochschule Chur. Und Sie sitzen in verschiedenen Gremien, Sie engagieren sich insbesondere für die Ökumene. Wenn Sie einen Wunsch frei hätten für die römisch-katholische Kirche, was wäre das?

Eva-Maria Faber [:

Jetzt muss ich gut auswählen, oder?

Sandra Leis [:

Ja. Was steht für Sie ganz oben?

Eva-Maria Faber [:

Ja, es ist jetzt ja die Zeit, wo wir uns fragen, wie das mit der Synodalität weitergeht, gerade unter dem neuen Papst. Und ich weiß selbst nicht so genau, in welche Richtung es weitergehen könnte, wie die Chancen sind, dass die katholische Kirche auch lernt, sich zu verändern. Ich glaube, das Größte wäre, dass wir es schaffen, tatsächlich diese Dezentralisierung, von der man manchmal spricht, weiterzuführen. Das heißt, wir werden wahrscheinlich einsehen müssen, dass wir nicht in allen Teilen der Kirche immer dieselben Anliegen haben, weil die Lebenssituationen auch sehr verschieden sind. Und wenn wir dann aber immer alle aufeinander schauen müssen, was ist jetzt denn gerade für die verschiedenen Seiten der dringende Wunsch? Und man schafft das dann nie, dass die ganze Kirche gemeinsam denselben dringenden Wunsch hat. Dann wird es schwierig, und in dem Sinne ist es, glaube ich, unausweichlich, dass wir lernen, in Pluralität weiterzugehen, und da hoffe ich und da würde ich mir wünschen, dass wir es schaffen, einerseits der Pluralität einen größeren Stellenwert zu geben, den Ortskirchen mehr Freiräume zu geben und andererseits tatsächlich die Verbundenheit, die uns als römisch-katholische Kirche auszeichnet, darüber nicht zu verlieren, weil die auch wirklich ein hoher Wert ist.

Sandra Leis [:

Eva-Maria Faber, vielen herzlichen Dank für dieses aufschlussreiche Gespräch und alles Gute für Ihre Zukunft hier und auch vielleicht bei den Vögeln.

Eva-Maria Faber [:

Dankeschön, vielen Dank.

Sandra Leis [:

Das war die 51. Folge des Podcasts «Laut + Leis». Zu Gast war Eva-Maria Faber. Sie ist Rektorin der Katholischen Hochschule Chur. Ihr jüngstes Buch trägt den Titel «Entschlossen vorangehen. Ignatianianische Spiritualtiät als Stachel für die ökumenische Praxis». Herausgekommen ist es im Verlag Aschendorff.

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In der nächsten Folge von «Laut + Leis» sprechen wir übers Streiten und mögliche Strategien zur Konfliktlösung. Mein Gast ist Thierry Moosbrugger: Er ist katholischer Theologe, Mediator und seit sieben Jahren Ombudsmann des Kantons Basel-Stadt. Sein aktuelles Buch heisst «50x besser streiten».

Bis in zwei Wochen – und bleibt laut und manchmal auch leise.

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