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[🇩🇪#88] Über den Tellerrand schauen: Politik, Gastronomie, Journalismus und der Blick auf das Wesentliche mit Friederike Haupt
Episode 8826th April 2026 • berlindetoi • Gabrielle Charpentier
00:00:00 01:39:23

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Shownotes

Ich bin auf Friederike Haupts Arbeit über Instagram gestoßen 👀📸

Durch ihre Beiträge, die Berliner Gastronomieplätze unter einem bestimmten Blickwinkel bündeln. Aber anders als FoodCreator, Restaurantkritiker oder touristisch ausgerichtete Accounts interessiert Friederike sich für das, was jenseits des Tellers liegt: die Atmosphäre eines Ortes, die Menschen, die man dort antrifft, die Details, denen man sonst keine Aufmerksamkeit schenkt 🍽️💬

In dieser reichen und fesselnden Folge teilt die politische Journalistin ihren Ansatz, ihre Interessen, ihre Arbeit. Wir sprechen über Themen, die so unterschiedlich sind wie Gastronomie, Journalismus, Schreiben und Künstliche Intelligenz und über das, was all dem zugrunde liegt: Neugier und der Blick, den wir auf andere richten 🗣️🤲

Viel Freude beim Zuhören!

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Transcripts

Speaker:

Hallo und herzlich willkommen bei dem Podcast Bernard Dutroix. Ich heiße Gabrielle, bin Franzose

Speaker:

und bin 2020 nach Berlin umgezogen. Mit dem Podcast Bernard Dutroix habe ich für Ziel,

Speaker:

ein Netzwerk für und von inspirierten und involvierten Menschen, die in Berlin wohnen,

Speaker:

zu schaffen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und bis gleich.

Speaker:

Bereit? Okay. Friederike Haut, herzlich willkommen. Ich freue mich sehr, dass du da bist und ich freue

Speaker:

mich sehr über die unterschiedlichen Themen, die wir heute anstoßen werden. Sehr unterschiedlich,

Speaker:

die du irgendwie mit sehr viele Klassen verbunden hast und ich denke, das macht

Speaker:

irgendwie auch deine Einzigartigkeit, wenn ich mich das erlauben darf zu sagen. Dankeschön.

Speaker:

Und um anzufangen würde ich dir vorschlagen, dich bitte vorzustellen. Okay, wo fange ich an

Speaker:

und wo höre ich auf? Also ich bin 43 Jahre alt, ich lebe in Berlin mit meinem Mann zusammen und

Speaker:

ich bin von Beruf Journalistin und in meiner Freizeit mache ich viele Dinge gerne, aber zu

Speaker:

den Dingen, die ich am allerliebsten mache, gehört Essen und da gibt es zwei Arten, auf die ich gerne

Speaker:

esse. Erstens zu Hause, mein Mann kocht wahnsinnig gut und ich kann mir alles wünschen und kriege

Speaker:

was ich mir nur vorstellen kann ans Bett oder an den Tisch gebracht und dann gehe ich aber auch

Speaker:

wahnsinnig gerne essen und trinken und mag es nicht nur zu essen und zu trinken, sondern auch

Speaker:

zu gucken, wo ich dann gerade bin und wer da noch so ist. Das ist eine Art Leidenschaft von mir.

Speaker:

Und ich bin tatsächlich auf dein Instagram-Profil erst mal gerutscht und ich habe deine ganz tolle,

Speaker:

es ist wirklich, du gehst in einem Ort und es ist nicht so diese Food-Blogging, wie man das

Speaker:

heutzutage sehr viel hat. Erstmal ist es sehr viel Bilder, sehr viel Texten und du gibst deine

Speaker:

gleichzeitig neutral und dann sehr subjektiv würde ich sagen, an sich auf einem Ort, die Leute,

Speaker:

die du dort triffst und ein bisschen schon über was du isst. Wirst du das auch so genau sehen?

Speaker:

Ja, das stimmt. Also es ist glaube ich anders als das, was viele andere Leute machen,

Speaker:

schon weil ich keine Videos mache. Ich bin halt leidenschaftlicher Schreiberin,

Speaker:

ich liebe Schreiben und ich glaube auch, dass man Schreibend anders erzählen kann als Sprechend. Ich

Speaker:

glaube, dass man mit sehr kleinen und besonderen Formulierungen etwas beschreiben kann, was man

Speaker:

im Gespräch sehr lange suchen müsste und ich glaube auch, dass man, wenn man nicht filmt,

Speaker:

sondern nur ein Foto hat und dann trotzdem versucht zu beschreiben, was ist das für ein Ort,

Speaker:

dass man dann eher beschreibt, was man fühlt an diesem Ort als das, was man nur sieht oder das,

Speaker:

was eine Kamera einfangen könnte. Deswegen glaube ich auch an das Schreiben, auch wenn immer mehr

Speaker:

gesendet und gefilmt wird, weil man etwas Inneres sichtbar machen kann, was ein Kameraauge eben nicht

Speaker:

kann. Und da habe ich auch keine Sorge, dass es zu viel Text ist. Du hast recht, es sind manchmal

Speaker:

sehr lange Texte für Instagram, aber ich glaube, Leute, die meine Sachen mögen, die haben eben

Speaker:

auch die fünf oder zehn Minuten, die es dann dauert, das zu lesen. Und ja, das stimmt. Also

Speaker:

es geht mir nicht in erster Linie ums Essen, sondern um das Erlebnis beim Essen, um das,

Speaker:

was man dort sieht, die Leute, die man trifft. Und du hast eben über deine Arbeit gesagt,

Speaker:

dass du Menschen mögen musst dafür. Und ich glaube, ich mag Menschen auch wirklich sehr gerne

Speaker:

und auch sehr unterschiedliche Menschen und auch Menschen, die mir nicht persönlich

Speaker:

unbedingt sympathisch sind, die mag ich dann trotzdem für etwas, was sie tun oder für eine

Speaker:

Art, wie sie sich unterscheiden von mir. Das macht mir Freude, ganz verschiedene Menschen

Speaker:

immer kennenzulernen. Das fühle ich wirklich. Und deine Posts haben irgendwie sehr viel Interesse

Speaker:

erweckt. Ja, doch, das stimmt. Also für meine Verhältnisse jedenfalls. Also ich habe keinen so

Speaker:

großen, keinen riesen Account, aber seit ich jetzt seit etwa acht Wochen diese Art von Posts

Speaker:

mache, in denen ich immer in einem Post fünf verschiedene Orte und die Milieus, die ich da

Speaker:

treffe, miteinander vergleiche. Also es sind dann fünf Schnitzelorte oder fünf Orte, an denen man

Speaker:

frühstücken kann oder fünf Foodstationen auf dem Bundespresseball, wo ich dann dienstlich war,

Speaker:

habe ich festgestellt, dass das ein Format ist, was, glaube ich, Leuten besser gefällt, als das,

Speaker:

was ich vorher gemacht habe. Was auch in Ordnung ist, aber es ist vielleicht ein bisschen konventioneller,

Speaker:

wenn ein Journalist bei einer großen Zeitung seine Artikel zeigt oder sagt, so hier war ich im Urlaub.

Speaker:

Das ist auch irgendwie nett, aber es ist nicht so, glaube ich, dass man sich, wenn man die Person

Speaker:

nicht kennt und vielleicht auch die Arbeit von der Person nicht kennt, dafür interessieren würde.

Speaker:

Und das ist auch interessant, weil man ist wirklich von Instagram auf diese nur Bilder,

Speaker:

dann Videos und jetzt ist Bilder mit Text. Das ist irgendwie die neue Art, auf Instagram zu

Speaker:

posten. Und ich wollte dir fragen, wie die Leute darauf reagieren. Das heißt, hast du auch viele

Speaker:

Kommentare? Bekommst du Nachrichten? Wie reagieren die Leute darauf?

Speaker:

Ja, das ist eine gute Frage. Also ich würde sagen, weil du eben gesagt hast, es ist ein neues Format,

Speaker:

ich habe plötzlich zu einer Kollegin gesagt, ich würde das vielleicht sowas wie eine Meme-Reportage

Speaker:

nennen. Also es ist im Prinzip ein journalistisches Format, nicht dadurch, dass es lange Texte sind,

Speaker:

sondern dass es sozusagen der Versuch ist, jemanden an einen Ort mitzunehmen, wo der nicht ist. Und es

Speaker:

sind aber gleichzeitig Versuche, etwas Grundsätzlicheres zu sagen über Milieus, über Bubbles,

Speaker:

über Stadtviertel in Berlin und über Menschen an sich. Und ich kriege relativ viele Kommentare

Speaker:

von Leuten, die das mögen und einfach schreiben, dass sie es mögen. Das gefällt mir auch sehr gut,

Speaker:

dass es nicht so viele gemeine oder aggressive Kommentare gibt oder Leute, die so drunter

Speaker:

schreiben, ich finde es dort aber scheiße oder wieso machst du da so lange Texte? Also das gibt

Speaker:

es eigentlich gar nicht. Und was mir auffällt ist, gerade wenn ich über Orte schreibe, die indirekt

Speaker:

mit meiner Arbeit zu tun haben. Also zum Beispiel habe ich einmal gemacht fünf Hotspots, an denen

Speaker:

sich das politische Berlin-Tax übertrifft. Da kriege ich sehr starke Rückmeldungen aus dem

Speaker:

politischen Berlin. Das sind Leute, Bundestagsabgeordnete oder auch Bundesminister oder

Speaker:

Mitarbeiter von Abgeordneten oder Leute, die in Thinktanks arbeiten, die das sehr mögen und

Speaker:

natürlich auch teilweise lustig finden, aber zum Teil auch ein bisschen schadenfroh sind über

Speaker:

Leute, die da drin halt so ein bisschen lustig rüberkommen. Dass man das irgendwie mag als Mensch,

Speaker:

wenn die Welt, in der man selbst unterwegs ist und die vielleicht ziemlich klein ist,

Speaker:

von jemand anderem charakterisiert wird. Also wenn das, was man sonst eigentlich gar nicht

Speaker:

so beachtet im Alltag, wo man sich seinen Kaffee holt als Abgeordneter oder wo man in der Schlange

Speaker:

ansteht, um ein belegtes Brötchen zu haben. Wenn man mal erfährt, wie andere das erleben und was

Speaker:

die denken, was das für ein Ort ist. Also dieses sich mit den Augen von jemand anderem sehen,

Speaker:

das ist glaube ich etwas, was viele Menschen gerne mögen. Das ist ganz interessant. Ich

Speaker:

habe vor kurzem so einen Podcast entdeckt, der heißt The Gstaad. Und Gstaad oder Staat oder wie

Speaker:

man das genau ausspricht, ist diese Stadt in der Schweiz. Und das ist ein Typ, der vor Ort war und

Speaker:

er hat angefangen unterschiedliche Charakter zu machen, die das ein bisschen repräsentieren

Speaker:

müssen. Und er ist dadurch sehr berühmt geworden. Insbesondere von diesem Mini-Milieu von Leuten,

Speaker:

die gesagt haben, endlich mal jemand, die das gut zeigt, sehr lustig macht über uns irgendwie,

Speaker:

aber wir kennen das. Und ich finde, was stark ist, insbesondere bei dir, ist, dass du in sehr

Speaker:

unterschiedlichen Orten und Milieus gehst. Und ich hatte das gesehen, insbesondere, ich denke,

Speaker:

bei diesen fünf Frühstücken. Und du warst auch in diesem Adlon-Hotel, also diesem sehr größeren,

Speaker:

hochwertigen Hotel. Und da habe ich auch gedacht, das ist auch interessant, einen Standpunkt von

Speaker:

einer Journalistin und nicht nur von Foodbloggern über diesen bestimmten Ort zu haben und was

Speaker:

eigentlich Rummi-Rum ist und nicht nur das Essen in sich selbst. Ja, ich würde auch sagen,

Speaker:

also dass es eine Qualität von guten Journalisten ist, einen relativ großen Raum von Milieus sich

Speaker:

zugänglich zu machen. Also das ist ja eigentlich mein Beruf, mich für Leute zu interessieren,

Speaker:

die nicht ich selbst sind und die vielleicht ganz anders sind als ich. Also ich beschäftige

Speaker:

mich mit meiner Arbeit zum Beispiel auch mit der AfD. Also ich bin zuständig für die

Speaker:

Berichterstattung meiner Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über die AfD. Und das sind in

Speaker:

sehr vielen Hinsichten Menschen, die sehr, sehr anders sind als ich, also jedenfalls die allermeisten

Speaker:

in fast allen Hinsichten. Und trotzdem muss es mir ja gelingen im Sinne einer fairen

Speaker:

Berichterstattung und unserer Leser, die vielleicht wissen wollen, wer ist das, dass ich versuche zu

Speaker:

verstehen, wo kommen die her, was wünschen die sich für sich privat, was wünschen die sich politisch.

Speaker:

So kann man das, glaube ich, wenn man ein bisschen Offenheit hat und ein bisschen Interesse und auch

Speaker:

ein bisschen Freude daran, persönliche Vorlieben mal beiseite zu stellen und zu sagen, was ist denn

Speaker:

das hier eigentlich, kann man als Journalist relativ viel Welt entdecken. Und ich glaube,

Speaker:

Foodblogger zum Beispiel sind eben auf Essen fokussiert und ich versuche zu gucken, wer sind

Speaker:

die Menschen? Und das ist, glaube ich, ein etwas grundsätzlicherer Ansatz.

Speaker:

Wie bist du überhaupt auf diesen Format gekommen und warum? Weil du machst das auch unter deiner,

Speaker:

ich würde, also bitte sag mir, wie du das siehst, ich würde sagen persönlicher Name

Speaker:

beziehungsweise Journalisten-Name. Da ist der Unterschied auch mit einer Marke oder Blog oder

Speaker:

Influencer, gehe ich davon aus. Aber du hast dich vorgestellt auf deiner Instagram-Seite und

Speaker:

hat angefangen das zu machen. Warum überhaupt? Wo kam der Lust, warum nicht einen Blog zu machen?

Speaker:

Oder warum so eine ganz besondere Art auch? Ja, also ich mag immer schon soziale Netzwerke und

Speaker:

ich war ganz lange, das war eigentlich das hauptsächliche Netzwerk, auf dem ich gerne meine

Speaker:

Arbeit gezeigt habe, aber auch manchmal ein bisschen was Lustiges oder ein Foto, was mir

Speaker:

gefallen hat, gezeichnet habe, war Twitter. Und das habe ich so seit 2013 gemacht. Und das ist

Speaker:

auch für mich ein besonderer Ort, den ich, also auch wirklich, zum Beispiel habe ich dort meinen

Speaker:

Mann kennengelernt. Also wir haben uns dort durchs Schreiben ausgetauscht und dann wurde

Speaker:

das intensiver. Also es ist ein Ort, an dem ich wirklich gerne Zeit verbracht habe, aber inzwischen

Speaker:

überhaupt nicht mehr gerne Zeit verbringe durch die Veränderungen, wie mit Elon Musk und auch

Speaker:

vorher schon durch die Aufheizung der politischen Debatte so passiert sind. Und dann habe ich

Speaker:

überlegt, wo könnte ich denn weitermachen? Also wo kann ich denn dann neu über meine Arbeit berichten,

Speaker:

ohne dass es so aggressiv und eindimensional wirkt? Und dann habe ich Instagram-Profil angelegt und

Speaker:

hatte das aber oder habe das auch schon einige Jahre. Also das ist nicht neu. Und da habe ich

Speaker:

dann aber so relativ konventionell, wie es sehr viele Journalisten und auch andere Leute machen,

Speaker:

einfach so einen kleinen Mix aus, ein bisschen Arbeit und ein bisschen von meinen privaten

Speaker:

Ferien so gezeichnet. Und immer habe ich dann aber auch schon, oder nicht immer, aber vielleicht so

Speaker:

seit zwei, drei Jahren, habe ich dann, wenn ich in Restaurants war, so eigentlich Leuten gerne

Speaker:

erzählen wollen, was mir daran gut gefallen hat. Und das war aber natürlich, wie eben schon gesagt,

Speaker:

nicht in erster Linie das Essen, sondern so der Ausflug. Und dann habe ich das aber nicht in so

Speaker:

Kacheln oder Karussells gepostet, sondern in den Storys. Einfach so habe ich auch schon ein kleines

Speaker:

Format gemacht, das hieß Berliner Gastronomie im Test. Und das waren immer fünf Fotos in einer

Speaker:

Story. Und da habe ich dann auch immer beschrieben in so kleinen Schriften auf den Fotos, was mir da

Speaker:

gefällt und was ich lustig finde und wer der Wirt ist oder keine Ahnung, wer am Nebentisch sitzt.

Speaker:

Und die Wertung war immer fünf von fünf. Also ich habe jedem Restaurant, in dem ich war, fünf

Speaker:

von fünf Punkten gegeben, um zum Ausdruck zu bringen, dass es mir dort gefällt, weil ich was

Speaker:

erlebt habe und dass jedes Erlebnis eigentlich ein geiles Erlebnis ist, wenn es wirklich intensiv

Speaker:

ist und dass es mir nicht darum geht, ob jetzt das Rührei ein bisschen zu trocken war oder ob

Speaker:

das Brot irgendwie gekrümmelt hat. Und dann habe ich ein bisschen, also daraus hat sich dann meine

Speaker:

Zeitungskolumne entwickelt. Ich habe in der Sonntagszeitung der FAZ eine Kolumne, die heißt

Speaker:

So ist Politik. Da beschreibe ich, wie Politik und Essen zusammenhängen. Und dann habe ich

Speaker:

eines Tages, Anfang dieses Jahres gedacht, es ist eigentlich schade, dass ich schon in so vielen

Speaker:

Restaurants war und eigentlich gar nicht mehr selbst weiß, in welchen allen. Also ich habe den

Speaker:

Überblick verloren und Freunde haben auch immer mal zu mir gesagt, du, wie hieß das nochmal,

Speaker:

wo es dieses tolle halbe Hähnchen gab oder wo es dieses Ex-Benedikt-Frühstück gab, was so gut

Speaker:

aussah. Und die wollten im Prinzip auf mein Archiv zugreifen und ich hatte es nicht da. Also es war

Speaker:

halt auf meinem Handy, aber nicht sichtbar. Und dann habe ich gedacht, ich könnte ja mein Archiv

Speaker:

im Prinzip zusammenfassen, also ausarbeiten und auf meinem Account zeigen für die paar Freunde

Speaker:

und ein paar Follower, da hatte ich vielleicht so 800 oder so, die sich das gerne angucken wollten

Speaker:

und habe eine Umfrage gemacht unter meinen Followern. Wollt ihr vielleicht mal sowas sehen?

Speaker:

Weil ich glaube ich auch so ein bisschen dachte, wenn es jetzt wirklich keinen interessiert,

Speaker:

dann mache ich es auch nicht. Und dann hatten total viele so gesagt, ja bitte, bitte. Und ja,

Speaker:

dann habe ich versucht, keine Ahnung, wie kann man das im Rückblick beschreiben, wie man auf eine

Speaker:

Idee kommt. Es ist so, dass man oder ich dann so denke, was habe ich, eigentlich wie bei einem

Speaker:

journalistischen Text. Was habe ich hier und wie kann ich das erzählen? Also wie kann ich jemandem

Speaker:

150 Restaurants erzählen? Und dann habe ich gedacht, ich muss sie in Kategorien zusammenfassen. Also

Speaker:

ich könnte machen fünf Thai-Restaurants oder so. Sonst, wenn ich bei jedes einzelne einen eigenen

Speaker:

Beitrag gemacht hätte, dann wäre es mir auch zu viel Arbeit gewesen. Dann hätte ich ja immer noch

Speaker:

ausführlicher für mein Gefühl darüber schreiben müssen. Und dann habe ich gedacht,

Speaker:

ich mache Kurzzusammenfassungen von thematisch zueinander passenden Sachen. Und daraus erst hat

Speaker:

sich die Idee ergeben, möglichst unterschiedliche Sachen unter einem Dach. Also fünf sehr

Speaker:

unterschiedliche Thai-Lokale oder fünf sehr unterschiedliche Schnitzel-Lokale. Eins zum

Speaker:

Beispiel mit einem riesigen Schnitzel, also einem Schnitzel, was bestimmt einen halben Meter lang

Speaker:

ist. Und eins, also ein sehr schickes Restaurant, wo es halt so ein japanisches Tonkatsu-Schnitzel

Speaker:

gibt. Und will vergleichen, gar nicht, welches Schnitzel ist besser, sondern wer ist an dem

Speaker:

einen Ort und wer ist an dem anderen Ort. Und das war eigentlich die Idee. Und dann habe ich so zwei,

Speaker:

drei Folgen gemacht, die noch ein bisschen anders waren. Da habe ich noch ein paar andere

Speaker:

Kategorien ausprobiert. Und jetzt hatte ich dann nach sechs Wochen, vor sechs Wochen ungefähr,

Speaker:

die Form gefunden, die ich eigentlich die passendste finde.

Speaker:

Ich feiere das. Ich feiere den ganzen Prozess, die Zeit, die du dabei nimmst. Und also nur,

Speaker:

damit wir einen besseren Hinblick vielleicht bekommen. Wie machst du das? Hast du eine Excel-Tabelle,

Speaker:

wo du das alles eingibst? Hast du so ein Google Maps mit Pins drauf?

Speaker:

Das finde ich süß, dass du das fragst. Das zeigt, dass du auch eine gute Journalistin und eine gute,

Speaker:

eine interessierte, am Prozess interessierte Person bist. Also ich habe einen riesigen Ordner

Speaker:

auf dem Handy, der heißt Berlin Food. Und in den habe ich vor acht Wochen mal alle Fotos

Speaker:

reinsortiert, die aus meiner Sicht da reinpassen. Also Fotos aus Restaurants von Imbissen und so

Speaker:

was. Das ist im Prinzip das Archiv und da kommen aber jetzt immer noch neue Sachen dazu, wenn ich

Speaker:

irgendwo essen gehe. Und dann habe ich tatsächlich ein Word-Dokument auf dem Computer, in dem ich

Speaker:

mal alle Läden reingeschrieben habe, an die ich mich noch erinnere. Ich weiß aber natürlich auch

Speaker:

nicht mehr alle. Also manchmal fällt mir, wenn ich mit dem Zug an irgendwas vorbeifahre, fällt

Speaker:

mir ein, ach, da war ich ja auch schon mal. Dann schreibe ich das auf. Bei manchen Sachen habe ich

Speaker:

die Fotos auch nicht mehr. Irgendwann habe ich mal richtig viele Fotos gelöscht, um Platz zu

Speaker:

schaffen. Die sind halt einfach weg. Und an manchen Orten bin ich aber natürlich oft. Also

Speaker:

wenn ich jetzt vor einem Jahr mal irgendwo war und war vor einer Woche irgendwo, dann habe ich

Speaker:

da eine relativ große Zahl von Fotos von den verschiedenen Malen. Und in dem Dokument gruppiere

Speaker:

ich dann manchmal, wenn ich so ein bisschen Zeit habe, so was könnte eigentlich zusammenpassen. Es

Speaker:

ist ja, wenn du jetzt genauer drüber nachdenkst, gar nicht so einfach. Wie gruppierst du ein

Speaker:

bestimmtes Lokal ein? Also ich kenne zum Beispiel ein Lokal in Berlin-Mitte, das Volk. Ich weiß nicht,

Speaker:

ob du das auch kennst. Das ist eigentlich ein Seafood-Restaurant. Und das kannst du gruppieren

Speaker:

als Seafood-Restaurant. Du kannst es aber auch einsortieren als Austern-Ort. Also ich hatte

Speaker:

neulich zum Beispiel gedacht, es wäre mal geil, fünf verschiedene Orte, an denen man Austern essen

Speaker:

kann. Dann könnte man das Volk nehmen. Man könnte es aber auch nehmen, um zum Beispiel fünf Orte

Speaker:

zu beschreiben, an denen man sehr guten Backfisch essen kann. Und so, dann ist ein bisschen wie so

Speaker:

Tetris spielen. Du musst gucken, wo passt was rein. Aber die allermeisten Sachen habe ich jetzt

Speaker:

natürlich noch überhaupt nicht verwendet. Also ich habe nach acht Wochen jetzt 30 Orte vorgestellt.

Speaker:

Also noch nicht mal ein Fünftel von den Orten, die im Archiv sind. Plus jede Woche kommen vielleicht

Speaker:

zwei, drei Orte dazu. Das heißt, das Archiv wächst immer weiter an. Das wollte ich genau

Speaker:

fragen. Hast du denn einen Rhythmus gebaut? Und wir reden auch hier über Vergangenheit. Und wie

Speaker:

machst du jetzt mit alle laufenden Sachen? Und planst du denn mittlerweile in der Zukunft die

Speaker:

Orte, die du unbedingt besuchen möchtest? Ja, aber ich plane die nicht nach der Frage,

Speaker:

wo fehlt mir noch eins, um dann fünf, keine Ahnung, Frühstuben oder sowas zu machen. Also

Speaker:

was ein Problem ist, oder was ich schade finde, ist, dass manche von den Sachen, die ich da

Speaker:

gesammelt habe, auch schon wieder zu sind. Also eins, was ich wahnsinnig gern mochte, was ich

Speaker:

echt geliebt habe, obwohl ich nur einmal da war, war so ein russischer Grillimbiss. Ich glaube,

Speaker:

Landsberger Allee in der Ecke, den mir mein Mann mal gezeigt hat, der da sehr viel in der Stadt

Speaker:

unterwegs ist und an ganz vielen tollen Orten vorbeikommt, die er mir dann zeigt. Deswegen kenne

Speaker:

ich auch mehr Orte, als ich kennen würde, wenn ich immer nur allein unterwegs wäre. Und dieser

Speaker:

Grillimbiss, der war fantastisch. Also der war wirklich, wie ich mir so einen Stadtrand von

Speaker:

Moskau vorstelle, also Männer mit so riesigen Grillspießen, riesigen Kanistern voller Zwiebelringe,

Speaker:

riesigen Kanistern voller Sauerkraut. Die haben da auf Holzkohle unter freiem Himmel wirklich

Speaker:

fettes Fleisch, richtig knusprig gegrillt. Und das hast du dann mit so Frauen mit Kopftüchern und

Speaker:

so Männern, die da beim russischen Supermarkt eingekauft haben, gegessen. Und das hätte ich

Speaker:

gerne mal vorgestellt in der Rubrik zum Beispiel fünf Grills. Aber das gibt es nicht mehr. Der

Speaker:

Supermarkt ist abgerissen worden und der Grillstand ist weg. Also das ist schade. Und

Speaker:

da gibt es natürlich in Berlin wahnsinnig viele Sachen, die auch nur relativ kurz existieren,

Speaker:

einfach weil es hier so viel Veränderung gibt und manches einfach nicht funktioniert. Also

Speaker:

die streiche ich dann auch immer wieder, wenn ich mitkriege, die sind zu. Und ich habe in der

Speaker:

Tat eine Liste auch, wo ich gerne hingehen möchte, wenn mir Freunde zum Beispiel sagen,

Speaker:

oh, das war toll oder so. Aber was Leute nicht so oft empfehlen und was mich eigentlich am

Speaker:

meisten interessiert, sind so Orte, wo es nicht in erster Linie ums Essen geht, sondern um den

Speaker:

Vibe, würde man vielleicht sagen, oder so einen charakteristischen Ort, der irgendwie was Eigenes

Speaker:

ist. Und in meinem Alter, so mit 20 gab es das noch öfter, dass man halt in irgendwelche

Speaker:

abgeranzten Orte geschleppt worden ist und hat man da was Irres erlebt. Und jetzt sind aber die

Speaker:

meisten Leute, die ich kenne, wenn sie sich fragen, wo möchte ich essen gehen, dann gehen

Speaker:

sie immer danach, wo ist das Essen wirklich gut, wo ist die Pasta super, wo wird das Brot selbst

Speaker:

gemacht, wo ist auch die Musik nicht zu laut oder was liegt gut in meinem Viertel. Also es ist so

Speaker:

ein bisschen saturiert oder gesettelt. Und ich freue mich immer total, wenn, so wie kürzlich mir

Speaker:

jemand, in dem Fall sogar ein berufliches Essen, mir so einen Burgerimbiss in Ostberlin empfiehlt,

Speaker:

der wirklich 23 Stunden am Tag offen hat. Also ein riesiger, stickiger Raucherraum und so. Also

Speaker:

sowas suche ich immer und kriege nicht so oft Hinweise auf das und die schreibe ich mir dann

Speaker:

aber auch in so eine Liste. Liebe, ich finde es so spannend. Okay, das heißt, eigentlich bringst du

Speaker:

die Leute dazu, ein bisschen außer vom Tellerrand, sagt man so oft. Ja, über den Tellerrand hinauszuschauen.

Speaker:

Über den Tellerrand zu gucken und sich ein bisschen über die andere auch zu interessieren. Das heißt,

Speaker:

eigentlich könntest du auch voll eine Serie machen, wo du genau den Gegenteil machst. Wenn du in ein

Speaker:

Restaurant essen willst, wo es nicht zu laut ist, hier sind fünf Vorschläge, also komplett anderes

Speaker:

rum. Ich wollte dir fragen, weil ich bin vor sechs Jahren nach Deutschland umgezogen. Ich bin

Speaker:

Französin, wie man das hören kann. Und wir haben uns sehr viel über Deutschen lustig gemacht und

Speaker:

die deutsche Beziehung mit Essen, insbesondere mit Essen. Und ich finde mittlerweile, dass das

Speaker:

Essen-Szene in Berlin irgendwie komplett geändert hat. Wie spürst du das vielleicht als Journalisten?

Speaker:

Das ist ja super interessant, dass du das sagst. Also vielleicht nur eine kurze Rückfrage, bevor

Speaker:

ich antworte. Wie hast du das denn vor sechs Jahren empfunden? Also was war dein Eindruck von der

Speaker:

Berliner Esskultur? Also ich fand es sehr multikulturell und ich fand sehr viel, dass die

Speaker:

coole, gute Laden waren nicht von Deutschen betreut, würde ich ganz ehrlich sagen. War mein Gefühl. Und

Speaker:

dann so mehr haben wir da ein bisschen geforscht und rausgefunden. Gibt es super spannende Orten. Ich

Speaker:

denke zum Beispiel an Peter und Paul. Ich denke das heißt an Torstraße und das ist deutsche Cuisine.

Speaker:

Und wenn ich mich nicht irre, die Inhaber sind auch Deutschen. Ich denke natürlich an Herrlichteining.

Speaker:

Herrlichteining, ja. Und sie ist auch Deutsche, wenn ich mich nicht irre. Sie haben, sie repräsentiert

Speaker:

für mich diese richtig coole, neue Szene. Und da habe ich mich echt gedacht, so die Kultur und

Speaker:

diese Freiheit, die ich von Berlin sehe und spüre, habe ich jetzt gefunden im Essen. Und vor sechs

Speaker:

Jahren habe ich das irgendwie nicht gesehen. Und entweder bin ich mehr integriert und deswegen

Speaker:

finde ich das, oder es ist ersichtlicher geworden. Ich weiß nicht, wie man das sagt. Oder was richtig ist.

Speaker:

Ja, das ist ein interessanter Punkt, weil er natürlich auch die Frage berührt,

Speaker:

wie du dich darüber informierst, wo es interessantes Essen gibt. Also vielleicht

Speaker:

sind jetzt andere Leute auch auf Instagram oder so aktiv, die da vorher nicht waren oder

Speaker:

haben bessere Auftritte. Ich bin ja auch erst seit fünf Jahren fest in Berlin. Also mein Mann

Speaker:

hat da vorher schon gewohnt, als wir noch eine Fernbeziehung hatten und noch nicht verheiratet

Speaker:

waren. Deswegen war ich auch immer mal zu Gast aus Frankfurt am Main, wo ich damals gewohnt

Speaker:

habe. Und seit fünf Jahren verfolge ich also natürlich jeden Tag das, was du beschreibst.

Speaker:

Und interessanterweise habe ich darüber noch nie nachgedacht. Also die Kategorie,

Speaker:

wird das Restaurant von Deutschen betrieben oder nicht, ist eine, die sich vielleicht stärker

Speaker:

aufträgt, wenn man aus einem anderen Land kommt und wissen will, wer sind die Menschen in Deutschland,

Speaker:

die auch Deutsche sind. Wie essen denn die Originaldeutschen sozusagen. Und für mich ist

Speaker:

Berlin halt, also ich bin sehr, sehr froh über die vielen Leute aus anderen Ländern,

Speaker:

die hier sind und so gutes Essen machen, wie sie es tun. Und würde aber dir trotzdem zustimmen,

Speaker:

dass ich auch den Eindruck habe, also mindestens, dass mir jetzt viel mehr gute deutsche Läden

Speaker:

bekannt sind als früher, dass es vielleicht auch so ein bisschen eine Renaissance gibt. Also zum

Speaker:

Beispiel der Deutschen in Berlin oder vielleicht sogar der Leute aus anderen Ländern in Berlin,

Speaker:

die Interesse haben an deutscher Küche. Also zum Beispiel habe ich, war ich kürzlich in diesem

Speaker:

Restaurant Nobel hart und schmutzig, die ja sozusagen auf eine extrem regionale Küche

Speaker:

spezialisiert sind und ich glaube auch einen Stern dafür haben. Und die haben im Moment so eine Reihe,

Speaker:

die heißt Heimat. Und da machen sie einmal im Monat ein etwas rustikaleres Essen, als sie es

Speaker:

sonst machen. Also ein Hauptgericht im Prinzip, sowas wie zum Beispiel Hühnerfrikassee oder jetzt

Speaker:

hatten sie einen österreichischen Schwerpunkt, aber eigentlich sind es glaube ich deutsche Gerichte,

Speaker:

die sie da anbieten. Und das ist glaube ich Ausdruck einerseits natürlich davon, dass man

Speaker:

sich als Restaurant auch immer was Neues einfallen lassen muss, um Leute anzulocken. Aber andererseits

Speaker:

auch eines Bewusstseins dafür, dass man irgendwie auch als Deutscher neugierig auf deutsche Küche

Speaker:

sein darf, ohne dass man gleich wieder so Sorge haben muss, dass man ja so spießig ist oder so

Speaker:

volkstümlich ist. Also viele Leute in Berlin sind halt froh, dass sie nicht mehr in ganz anderen

Speaker:

Teilen von Deutschland sind, sondern in Berlin und wollen glaube ich vielleicht auch vergessen,

Speaker:

dass sie Deutsche sind. Also ich glaube, es gibt viele hier, die extra herkommen, weil das vielleicht

Speaker:

die am wenigsten typisch deutsche Stadt ist, die man sich vorstellen kann. Und dann wollen sie auch

Speaker:

nicht Kässpätzle oder rheinischen Sauerbraten essen oder Eisbeeren mit Sauerkraut, sondern halt

Speaker:

keine Ahnung, Döner oder tausend tolle Sachen, die es hier gibt. Und ja, also eine Berliner Kneipe,

Speaker:

die ich kürzlich auch mal vorgestellt habe, die ist eben auch im Prinzip spezialisiert auf gutes

Speaker:

deutsches Kneipenessen. Dann kriegst du halt so was, das nennt sich Beamtenstippe, das ist so

Speaker:

eigentlich sogar Berliner Küche, so Hackfleisch oder kleines Eisbeeren oder eine Bulette mit

Speaker:

Kartoffelsalat. Aber auf so einem Niveau, wie man es wirklich, wie ich es eigentlich nicht kenne aus

Speaker:

Kneipen. Es sind auch Köche, die aus einem sehr guten Restaurant kommen. Also es ist vielleicht

Speaker:

nicht das typische Berliner Kneipenessen, aber es wird mehr auf jeden Fall. Und ich glaube auch,

Speaker:

dass ein paar Leute mehr in der Stadt sind als noch vor fünf Jahren, die auch bereit sind für

Speaker:

ein Essen vielleicht fünf bis zehn Euro mehr auszugeben, als andere tun. Also ja, das stimmt,

Speaker:

da verändert sich was. Aber ich glaube auch, dass sich vielleicht so ein Zeitgeist verändert,

Speaker:

dass man jetzt auch so ein bisschen so das Bedürfnis hat, auch weil es politisch so schwierig

Speaker:

ist und wirtschaftlich für viele sehr schwierig ist, so ein bisschen so eine Gemütlichkeit und so

Speaker:

eine Cosiness herauf zu beschwören, die halt für viele, die in Deutschland aufgewachsen sind,

Speaker:

auch mit Essen zu tun hat, das sie seit ihrer Kindheit kennen. Wir kommen gleich zu diesem

Speaker:

Punkt auch. Ich war ja auch, solange ich diese Kultur ein bisschen mehr entdeckt habe, die

Speaker:

deutsche Kultur. Ich habe natürlich Schmettbrötchen probiert und ich habe die ganze Kantineszene auch

Speaker:

entdeckt. Also ich kenne das nur aus Polen, diese Milchbar. Wir haben das in Frankreich existiert

Speaker:

irgendwie nicht oder Bistro wäre das sein. Aber ich finde, da hat man auch ganz spannendes. Ich

Speaker:

denke an Risibier-Kantine, das ist in Potsdamer Platz. Oder hast du auch am Arminius-Markthalle

Speaker:

so eine Kantine. Und ich finde es auch spannend, solche Art vorzustellen und zu entdecken. Weil

Speaker:

wenn ich Freunde zu Besuch habe, die sagen, kannst du mir in ein typischer deutscher Restaurant

Speaker:

mitbringen? Ich hätte auch Lust, dass es gut schmeckt. Und ich finde, das hat sich geändert.

Speaker:

Das stimmt. Diese Ribisel-Kantine ist ja sogar Teil oder gehört zum Bundesumweltministerium. Ich

Speaker:

habe auch schon einige Orte, also auch einige nicht öffentlich zugängliche Orte besucht,

Speaker:

in denen eben Politiker essen. Eine Empfehlung, wenn du mal ein deutsches Essen essen möchtest,

Speaker:

wie es halt so vor 20 Jahren ausgesehen hat, ist die Kantine vom Berliner Abgeordnetenhaus. Also

Speaker:

warst du da schon? Nee, wo ist das? Das ist direkt in Mitte. Also wo halt die Berliner Regierung und

Speaker:

das Berliner Parlament sitzen. Und da ist halt wirklich noch, also ich kenne das auch noch,

Speaker:

das ist jetzt auch nicht typisch Berlinerisches, sondern es ist einfach Deutschland von vor 20

Speaker:

Jahren, wo dir halt einer mit so einer Suppenkelle so eine graue Senfsoße auf den Teller schöpft und

Speaker:

darunter sind so fünf hartgekochte Eier, die in der Mitte so ganz grau und staubig sind. Also da

Speaker:

kann man sich dann vielleicht wieder drüber lustig machen, weil es sozusagen nicht mehr das ist,

Speaker:

was vielleicht so der Durchschnittsdeutsche jetzt mittags in seiner Betriebskantine ist.

Speaker:

Aber ich verstehe das total gut und mir geht es zum Beispiel, wenn ich in Frankreich bin,

Speaker:

auch so, dass ich natürlich dort auch gern so was klassisch französisches,

Speaker:

Coq au vin oder so was essen würde und gar nicht unbedingt was Experimentelles oder so ein Essen,

Speaker:

das ist überall auf der Welt. Also sagen wir mal eine Pizza, das ist auch schön, aber ich,

Speaker:

in Paris würde ich natürlich gern was Französisches essen, weil man den Charakter des

Speaker:

Ortes und der Stadt und der Menschen also verbindet mit einem bestimmten landestypischen Essen.

Speaker:

Ich muss auch sagen, als Franzosen sind wir sehr stolz auf unsere Küchine und auch unserem

Speaker:

Geschmack, aber ich habe durch die Jahre herausgefunden, dass Deutschland auch sein

Speaker:

eigenes Kalender mit Essen hat, was ich nie gedacht hätte. Ja, also du hast die Spargelzeit,

Speaker:

Spargelzeit, ganz genau, Kürbissaison, Apfel, Erdbeere und das erstmal diesen Teil und dann

Speaker:

die alle Sachen, die man wieder macht regelmäßig, diese wiederkehrende Sachen, Keksen backen und ich

Speaker:

fand es so interessant zu sehen, ach doch, könnt ihr doch Geschmack haben. Warum auch immer hat

Speaker:

Deutschland so ein schlechtes Marketing über sein eigenes Essen, finde ich. Ich habe eine kleine

Speaker:

Theorie darüber. Frankreich ist so ein Agrikulturland und Deutschland eher Industrie.

Speaker:

Hat man da eine andere Verbindung, was denkst du? Ja, ich glaube, das hat bestimmt was damit zu tun,

Speaker:

obwohl Deutschland auch sehr lange sehr stark von der Landwirtschaft geprägt war und ich würde auch

Speaker:

interessanterweise nicht sagen, dass in Regionen, die heute sehr stark von der Landwirtschaft geprägt

Speaker:

sind in Deutschland, das Essen deswegen viel besser ist als in anderen, also fast im Gegenteil.

Speaker:

Inzwischen fällt es mir auf, dass wenn ich zum Beispiel über Land fahre auf einer Dienstreise

Speaker:

oder auch meine Eltern besuche, die wohnen beide eher ländlich, also mein Vater ganz weit draußen

Speaker:

in Thüringen und meine Mutter am Niederrhein, so in so einem Vorort, wenn ich da bin und das sind

Speaker:

beides Regionen, am Niederrhein gibt es wahnsinnig viel so Zuckerrüben und sowas und auch Getreide

Speaker:

in Thüringen, da gibt es ja gar keine einzige Großstadt, das ist total ländlich. Das Essen ist

Speaker:

nicht besser als in Berlin. Ich müsste das theoretisch besser wissen, also ich bin da

Speaker:

nicht so firm in der Geschichte der Esskulturen von Frankreich und von Deutschland, aber es ist

Speaker:

vielleicht auch ähnlich wie mit der Mode. Also ich glaube, Frankreich ist in vielen Hinsichten,

Speaker:

würde ich jetzt mal so sagen, kulturell überlegen. Also es gibt eine größere Wertschätzung für

Speaker:

Luxus, auch nicht so, in Deutschland gibt es eine große Ablehnung oder auch ein großes Misstrauen

Speaker:

gegenüber Luxus oder gegenüber sehr hochwertigen Dingen und in Frankreich, glaube ich, ist es in

Speaker:

eurer Kultur stärker etabliert, dass es das auch wert ist. Ich habe eine Geschichte,

Speaker:

sorry, darüber. Ich erzähle es kurz. Eine Freundin von mir, die Französin ist und nach

Speaker:

Deutschland gewandelt und seitdem geheiratet ist und alles, hat mir erzählt, weißt du was,

Speaker:

für Franzosen habe ich festgestellt, wenn Fleisch sehr, sehr günstig ist, ist es für

Speaker:

Deutschen ein gutes Preis, ein gutes Angebot und für Franzosen, da klingt irgendwas nicht.

Speaker:

Da stimmt was nicht, ja, es ist zu billig. Ja, genau. Das ist ein super, super interessantes

Speaker:

Beispiel. Und bei Mode ist es auch so, also ich glaube, viele Französinnen haben eben sehr

Speaker:

hochwertige Sachen, kaufen gar nicht so viel, aber haben eben eine oder fünf tolle Handtaschen,

Speaker:

aber nicht 15 wie halt manche deutschen Frauen. Das will ich jetzt gar nicht so hyper-klischeehaft

Speaker:

sagen, aber zum Beispiel ist mir auch aufgefallen, ich war letztes Jahr in Frankreich in Narbonne

Speaker:

in dem Restaurant Le Grand Buffet und das war so für mich, das ist ja, beansprucht ja gar nicht,

Speaker:

ein Luxusrestaurant zu sein, sondern es beansprucht die klassische französische,

Speaker:

die gehobene Volksküche sozusagen auf einem sehr guten Niveau darzubieten. Und was man da gesehen

Speaker:

hat, auch in der Liebe, wie Torten angerichtet sind, wie auch Meeresfrüchte selbstverständlich

Speaker:

präsentiert werden, hat vielleicht auch was mit der Vielfalt zu tun, die in Frankreich eben an

Speaker:

landwirtschaftlichen Produkten und auch Meeresfrüchten und sowas existiert. Aber ich glaube

Speaker:

schon, also ich bin sicher, dass wir in Deutschland auch eine gute Küche haben. Ich denke, sie ist

Speaker:

besser als ihr Ruf, aber sie ist vielleicht auch an vielen Orten ein bisschen eingeschlafen,

Speaker:

also weil auch die Leute andere Prioritäten setzen, sie priorisieren die Arbeit über den

Speaker:

Feierabend und vielleicht ist das in Frankreich, gibt es eine höhere Disziplin, dem Essen auch

Speaker:

den Raum zu geben, den es eigentlich braucht. Mein erster Clash in Deutschland ging um Brotkultur,

Speaker:

weil ich habe gesagt, ja, wir haben den besten Brot in der Welt natürlich, wir haben diese Skulptur

Speaker:

und alles. Und der Mann, der war Deutscher, hat mir gesagt, nein, wir haben eine ganz vielfältige

Speaker:

Brotkultur. Und ich habe herausgefunden, eigentlich das stimmt, aber der Unterschied ist, ich war

Speaker:

irgendwann in einer Kette und ich habe gefragt, ja, gibt es, ich würde nur sicher sein, dass es

Speaker:

keine von, ich weiß nicht, was das war, für Mehl oder sowas in der Produkte und die Dame war so,

Speaker:

ach, das weiß ich nicht und sie hat so ein Buch rausgeholt und da hast du die ganzen Zutaten.

Speaker:

Und das war der Moment, wo ich festgestellt habe, dass meisten von den Ketten in Deutschland ist

Speaker:

nur gefrorenes Brot, den man aufwärmt. Und ich war so, ja, das ist ganz anders als, du hast dein

Speaker:

eigenes Brot und backt es, aber mittlerweile, und ich denke an Hansels Brot im Wedding, es ist der

Speaker:

typische echte Bäcker für mich, der sein eigenes Brot macht und alles. Also mein Gefühl ist schon,

Speaker:

dass die Leute da zurückkehren oder wieder Interesse dafür haben, was sie essen, wie gesund

Speaker:

das ist und sind vielleicht tatsächlich, wie du sagst, bereit ein bisschen mehr auszugeben für ein

Speaker:

besseres Produkt als früher. Ja, ich glaube schon, dass es da so eine Art Bildungszuwachs gibt. Also

Speaker:

ich glaube zwar auch, dass es immer noch viele Leute gibt, gerade wenn die prekär leben, nicht

Speaker:

viel Geld haben, dass die trotzdem weiter bei Aldi einfach das Toastbrot in der Packung mitnehmen,

Speaker:

aber dass in dem Milieu, in dem ich zum Beispiel oder wir vielleicht leben, es da absolut eine

Speaker:

Entwicklung gibt und Leute sich stärker dafür interessieren. Nicht nur schmeckt es gut, sondern

Speaker:

sind auch die Zutaten gut, ist es bio, ist das und das drin, was ich nicht so gut vertrage. Also zum

Speaker:

Teil auch aus meiner Sicht schon sehr anstrengende Weise sich damit beschäftigen. Also es dann auch

Speaker:

gar nicht mehr so wirklich darum geht, schmeckt es gut, sondern wie hochwertig ist es, wie einzigartig

Speaker:

ist es, ist es ein Brot, was noch nicht so viele Leute kennen, kann ich mich sozusagen abgrenzen

Speaker:

von anderen, indem ich dieses Brot habe und nicht jenes. Also das ist vielleicht wieder so ein

Speaker:

Berliner Auswuchs von Distinktion und Snobismus, genau. Aber in der Tat ist mein Eindruck, zumindest

Speaker:

in den urbanen Milieus, also es sterben ja immer weiter Bäckereien in Deutschland, gerade auf dem

Speaker:

Land, ist ein ganz großes Problem. Also sehe ich da, wo meine Eltern leben, dass da eigentlich auch

Speaker:

sich viele Leute dafür interessieren, wie das Brot schmeckt. Aber es gibt dann eben nur eine

Speaker:

Bäckerei, die hat Fachkräftemangel, die macht deswegen nur von 11 Uhr morgens bis 16 Uhr auf.

Speaker:

Da sind aber die meisten Leute bei der Arbeit und dann fahren die halt nach der Arbeit mit ihrem

Speaker:

Auto bei so einem Großmarkt, also sagen wir mal so ein Kaufland oder Edeka vorbei und holen sich

Speaker:

dann halt an der Brottheke das Brot, weil eben ihnen der Aufwand, entweder im Homeoffice dann

Speaker:

zum Bäcker zu gehen oder früher von der Arbeit zu fahren, zu groß ist. Und das ist dann nicht das

Speaker:

Problem der Endverbraucher, die so sagen, mir liegt nichts an gutem Brot, sondern das ist ein

Speaker:

strukturelles und auch zum Teil politisches Problem, dass eben die Infrastruktur auf dem

Speaker:

Land nicht gehalten werden kann, obwohl es eigentlich einen Wunsch von Leuten gibt,

Speaker:

die da leben, auf solche Produkte zuzugreifen. Ich wollte genau dazu mit der politischen Ebene,

Speaker:

weil du kennst dich da sehr gut aus, denkst du, dass dieses Interesse für Essen eher als irgendwas

Speaker:

mit schönen Bildern zu tun hat und eher mit, okay, das eigene Kontrolle, die ich auf meinem Leben

Speaker:

haben kann jetzt, ist, was ich esse, weil politische Ebene ist vielleicht zu weit weg,

Speaker:

Krieg ist vielleicht zu weit weg. Wie siehst du das? Ja, total. Es gibt ja grundsätzlich einen

Speaker:

Trend, gerade weil viele Menschen die politische Lage zu Recht auch als sehr komplex und kompliziert

Speaker:

und global vernetzt und so empfinden, dass eigentlich man persönlich schon wenig machen

Speaker:

kann und dann auch die Abgeordneten, die man wählt und die Bundesregierung, die man hat,

Speaker:

viel weniger stark durchgreifen kann, als Menschen sich das wünschen würden,

Speaker:

einfach weil so vieles mit Firmen zusammenhängt und die Dinge dauern. Und ich beobachte es und

Speaker:

vielleicht auch in ganz vielen Bereichen, also nicht nur beim Thema Essen, sondern auch beim

Speaker:

Thema Klimaschutz. Also viele Leute überlegen sich, wie fahre ich in den Urlaub, um mich nicht

Speaker:

schuldig zu machen an der Zerstörung der Umwelt. Also fliege ich noch oder fahre ich Bahn statt

Speaker:

Auto und kaufe ich bei Fast Fashion ein oder lasse ich es lieber. Also versuchen politische

Speaker:

Entscheidungen zu treffen, weil die Politik ihnen die Entscheidung sozusagen offen lässt. Also es

Speaker:

gibt dann eben auch immer den Wunsch eigentlich von der Politik, treff doch die Entscheidung für

Speaker:

mich, lass doch gar keine Eier mehr in den Supermarkt, wo die Tiere gequält worden sind.

Speaker:

Also ich will eigentlich gar nicht mehr am Eierregal überlegen, welches muss ich jetzt

Speaker:

kaufen, um dass die Hühner ein okayes Leben haben, sondern eigentlich wollen die Menschen,

Speaker:

dass da nur noch Eier sind, wo die Hühner in Ordnung gelebt haben. Und dann sind sie aber

Speaker:

natürlich nicht mehr billig, deswegen gibt es weiterhin billige Eier. Aber es ist schon wahr,

Speaker:

dass je weniger mächtig man ist oder sich fühlt im politischen Raum, man im Kleinen versucht,

Speaker:

also einerseits auch zu fliehen, Eskapismus, also sich gar nicht mehr irgendwie mit politischen

Speaker:

Fragen zu beschäftigen und zu sagen, ich mache jetzt hier, dass ich möglichst gut durchkomme,

Speaker:

ich esse, was ich möchte und ich arbeite schwarz, wenn das mehr Geld gibt und so. Also das ist so

Speaker:

eine innere Kündigung im Prinzip ins System. Und die Leute, die noch dabei sind und sagen so,

Speaker:

ich versuche nach bestem Wissen und Gewissen irgendwie mich so korrekt zu verhalten,

Speaker:

die denken glaube ich stärker darüber nach, auch wen unterstütze ich mit meinem Kauf. Also unterstütze

Speaker:

ich das Tierwohl, unterstütze ich meine Gesundheit, meinen Körper. Es geht auch schon wieder ins

Speaker:

Politische. Also sehr oft sind so Debatten, auf dem Dorf zum Beispiel kaufe ich noch bei diesem

Speaker:

Fleischer ein, obwohl ich weiß, dass der AfD wählt. Das ist in Deutschland öfter mal diskutiert,

Speaker:

gerade jetzt in kleinen Runden im Familienkreis oder so. Sehr brisant in Berlin ist die Frage

Speaker:

Palästina und Gaza. Also es gibt Restaurants, die Palestine Coke haben, also ein Getränk,

Speaker:

was sozusagen zum Ausdruck bringt, dass man auf der Seite der Palästinenser im Kampf oder im

Speaker:

Krieg mit Israel steht. Und dann gibt es natürlich Menschen, die sehr stark solidarisch mit den Juden

Speaker:

oder überhaupt den Juden auf der Welt sind, die sagen, da kann ich nicht hingehen. Also das

Speaker:

bedeutet ja, da fließt dann auch irgendwie Geld an Hilfsorganisationen und dann fragen die sich,

Speaker:

kann ich denn dort noch hingehen oder ich möchte dort nicht mehr hingehen und dann ist es auch

Speaker:

schon wieder super politisch. Und wie bildest du denn selbst ein Subjekt darüber, ein bisschen

Speaker:

zurück zu Journalismus zu greifen? Das heißt, du stellst dir diese Fragen und dann präsentiert

Speaker:

es bei der FAZ zum Beispiel als Vorschlag für eine Kolumne? Nee, das ist etwas anders. Also

Speaker:

meine Kolumne ist nicht so theoretisch. Also ich schreibe eigentlich nicht so über die Frage,

Speaker:

darf man die Palestine Coke trinken oder so, oder keine Ahnung, muss ich mich schämen,

Speaker:

wenn ich ein Ei aus der Legebatterie gegessen habe, sondern die ist im Prinzip auch eine

Speaker:

Reportagekolumne. Also du merkst, ich gehe gerne raus, ich bin gerne an einem Ort und berichte

Speaker:

dann anderen darüber, was dort passiert und habe auch selbst das Gefühl, es ist im Journalismus

Speaker:

wahnsinnig viel Meinung immer überall. Jeder und im Internet, in den sozialen Netzwerken erst recht.

Speaker:

Also jeder hat immer irgendwie eine Meinung. Ist das richtig oder falsch? Darf man das oder nicht?

Speaker:

Sollte der für seine Aussage zurücktreten oder nicht? Und mein Wunsch ist eigentlich bei meiner

Speaker:

Arbeit, möglichst viel zu zeigen den Leserinnen und Lesern, sodass die sich selbst überlegen

Speaker:

können, wie finden sie das. Und meine Kolumne ist eigentlich, dass ich jede Woche, ich bin ja

Speaker:

tatsächlich Politikkorrespondentin und eigentlich nur zufällig dann mit Essen in Kontakt auf

Speaker:

politischen Veranstaltungen oder bei politischen Terminen zu sein, wo es dann auch Essen gibt,

Speaker:

zufällig, also nicht für mich oder such dir nicht danach aus, gibt es da Essen, sondern fast immer,

Speaker:

überall in der Politik gibt es Essen. Bei Parteitagen, bei Hintergrundgesprächen mit

Speaker:

Bundesministern, also Hintergrundgespräche, da sind dann 10 oder 15 Journalisten und ein

Speaker:

Bundesminister spricht mit denen über seine Arbeit, aber du schreibst nicht sofort drüber.

Speaker:

Du sammelst ein paar Informationen, die so für deinen Hintergrund sind und da gibt es Essen

Speaker:

und dann gibt es bei den parlamentarischen Frühstücken gibt es Weißwurst bei der CSU

Speaker:

oder Mettbrötchen bei der AfD. Diese Woche war ich bei einem 100. Firmenjubiläum, da kam der

Speaker:

regierende Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner, und da gab es natürlich Essen und Trinken. Und

Speaker:

ich beschreibe eigentlich in der Kolumne jede Woche so einen Termin und was es eigentlich für

Speaker:

eine Rolle spielt, dass da Essen ist und was eigentlich an so einem Ort passiert, der sonst

Speaker:

oft nicht in der Zeitung steht. Also in der Zeitung steht immer nur das, was auf der Bühne

Speaker:

passiert bei einem Parteitag, aber nie das, was am Buffet passiert. Und da passieren Sachen,

Speaker:

die sind für meine Begriffe genauso wichtig eigentlich wie das andere. Da werden Freundschaften

Speaker:

geschlossen, da streiten sich Leute, da schenkt der andere einem Gegner ein Glas Wein ein und

Speaker:

man trinkt das zusammen. Und ich glaube, dass man an diesen kleinen Nebenszenen etwas Großes

Speaker:

beschreiben kann und das versuche ich jede Woche. Und wie bist du auf die Idee von dieser Kolumne

Speaker:

dann gekommen? Das war so, da kommen wir eigentlich wieder zu Instagram zurück,

Speaker:

dass ich in der Zeit, von der wir vorhin gesprochen haben, in der ich in den Stories im Prinzip so

Speaker:

halb unsichtbar, also die liefen halt nach 24 Stunden ab, dann hat die keiner mehr gesehen,

Speaker:

aber jeder, der wollte, konnte draufklicken. Da habe ich dann auch manchmal, wenn ich auf

Speaker:

einem politischen Termin war und sagen wir mal, mir fällt hier zum Beispiel ein so ein Herbstempfang,

Speaker:

glaube ich, im Bundesjustizministerium und dann steht da der Minister, dann steht da so ein

Speaker:

kleines Buffet, dann sind da auch viele Mitarbeiter aus dem Ministerium und auch

Speaker:

viele Journalisten, die eingeladen sind und dann habe ich im Prinzip das, was ich über die

Speaker:

Restaurants erzählt habe, auch über diesen Empfang erzählt. Ich habe natürlich keine Gesichter

Speaker:

fotografiert und auch keine Sachen aufgeschrieben, die jetzt irgendein wichtiger Mensch da verraten

Speaker:

hat. Also natürlich muss es vereinbar sein mit dem professionellen Auftritt, den ich dann in

Speaker:

einem politischen Raum auch habe, aber ich habe versucht auch davon zu erzählen, weil ich glaube,

Speaker:

das ist dasselbe, was mich interessiert, wie bei den Restaurants. Also ich bin an Orten,

Speaker:

wo Menschen sich treffen und essen und trinken und dann passiert etwas, was sonst oft nicht

Speaker:

passieren und dann war es so, dass ich von meiner Zeitung, das mir vorgeschlagen worden ist,

Speaker:

mal einen Social Media Takeover zu machen. Also ich sollte den Account des FAZ Magazins eine Woche

Speaker:

lang mit meinen Sachen bespielen und habe das auch gemacht und dann haben mehrere Kollegen gesagt,

Speaker:

das hat ihnen super gut gefallen und irgendwie wäre es doch schön, wenn ich das in der Zeitung

Speaker:

fortsetzen würde und dann habe ich glaube ich im Gespräch mit meinem Mann, wir haben so drüber

Speaker:

gesprochen, ja was könnte das sein und dann haben wir gedacht, oder ich dachte so, das könnte

Speaker:

eigentlich ja nur dieser politische Teil sein, weil ich verstehe mich auch als politische

Speaker:

Journalistin, ich will jetzt nicht grundsätzlich irgendwie in die Gastro-Kritik wechseln oder

Speaker:

Food-Influencer sein, sondern ich möchte über Politik schreiben, aber nicht so wie viele andere,

Speaker:

sondern mit so einem Zugang, der auch Leuten, wie ich es glaube ich war, bevor ich Politik-Journalistin

Speaker:

wurde, ermöglicht, damit was anzufangen und ich finde, da kann man relaten, wenn man hört,

Speaker:

das Lieblingsrestaurant von dem Bundesjustizminister ist ein Steakhouse, dann interessiere ich mich

Speaker:

irgendwie mehr für den, als wenn ich das nicht gehört hätte, weil ich habe so sehr starke Meinungen

Speaker:

selbst zu Steakhouse, also sowas, wo ich zum Beispiel selbst nie hingehe eigentlich und dann

Speaker:

will ich gerne von denen wissen, warum denn ein Steakhouse und womit verbinden sie das? Dann

Speaker:

sagt er vielleicht, ich habe in Amerika studiert, das war irgendwie die beste Zeit meines Lebens,

Speaker:

da hinzugehen, also das hat er jetzt nicht gesagt, aber könnte eine Antwort sein und so

Speaker:

habe ich dann, also hat mir freundlicherweise der Ressortleiter in der Sonntagszeitung die

Speaker:

Möglichkeit gegeben und jetzt seit zwei Jahren mache ich das und das Witzige, finde ich, ist,

Speaker:

oder was mich auch selbst ein bisschen überrascht, dass es überhaupt nicht aufhört, immer neue Termine

Speaker:

zu bescheren, also jede Woche gibt es irgendwas Neues, also ich mache jetzt nicht mehrfach Parteitage

Speaker:

oder mehrfach das gleiche Frühstück, sondern es sind immer neue Sachen los, wo Essen und Trinken

Speaker:

sind. Um diesen Interview auch vorzubereiten, habe ich zum ersten Mal tatsächlich, seit ich in

Speaker:

Deutschland bin, die Frankfurter Allgemeine Zeitung geöffnet. Sehr gut. Ich habe wirklich gedacht,

Speaker:

also erst mal, ich habe mehrere Fragen, weil in Frankreich haben wir echt eine Krise gerade

Speaker:

über Zeitungen, dass man Zeitungen nicht mehr kauft, dass die, wie nennt man das, nicht Regierung,

Speaker:

sondern Management von Zeitungen, die Redaktion. Ja, die Redaktionschefsredaktion. Genau, auch von

Speaker:

eher Rechtsleuten übernommen werden langsam und da machen sich wirklich sehr viele, also französische

Speaker:

Journalisten eher sehr viel Sorgen. Deutschland ist eher nicht zentralisiert, im Gegenteil von

Speaker:

Frankreich und dadurch kommt diese Mehrheit von sehr vielen großen Zeitungen und diese

Speaker:

Papierzeitung, die täglich rauskommt in Deutschland. Und ich habe gedacht, okay, für ein bisschen

Speaker:

jüngere Leute oder Leute, die nicht so viel sich daran interessiert haben oder ein bisschen erschreckt

Speaker:

sind von dieser Zeitung, wollte ich dir fragen, hättest du vielleicht eine kleine Einleitung oder

Speaker:

was würdest du vorschlagen? Das heißt, zum Beispiel am Wochenende sich die Zeit nehmen, den Kaffee nehmen

Speaker:

an, die diese Zeitung anbietet, die zu nehmen, zu öffnen, einmal durchzugehen oder was? Was ist deine

Speaker:

Meinung dazu? Ist es noch wichtig? Wird das weiterbehalten oder gehen wir sowieso auf Laptop

Speaker:

und Internet? Oder wie ist deine allgemeine Sicht zur deutschen Zeitungen eigentlich? Ja, okay, da

Speaker:

muss ich jetzt aufpassen, dass ich nicht klinge wie so jemand aus der Werbeabteilung, weil ich

Speaker:

wirklich Zeitung richtig, richtig liebe. Also das ist wirklich was, was mir was bedeutet. Ich würde

Speaker:

auch nie beim Radio oder beim Fernsehen arbeiten wollen oder auch nicht in einer Podcast-Redaktion,

Speaker:

sondern ich liebe halt Zeitungen und ich liebe sie auch ganz, ganz besonders auf Papier. Ich

Speaker:

verstehe aber auch, dass das Papier vielleicht auf Dauer nicht mehr jeden Tag in einer hunderttausendfachen

Speaker:

Auflage erscheinen wird, auch einfach, weil viele Leute nicht an dem Ort sind, wo sie früher jeden

Speaker:

Morgen waren. Also die Lebensverhältnisse haben sich verändert. Leute sind oft unterwegs oder

Speaker:

stehen zu einer Zeit auf, wo sie keine Zeit haben, die Zeitung zu lesen. Wenn ich jetzt jemanden

Speaker:

kennenlernen würde wie dich, würde ich eigentlich, glaube ich, erst mal fragen, was dich interessiert

Speaker:

an Dingen, die in der Welt passieren. Also wenn du zum Beispiel sehr gerne reist, würde ich dir

Speaker:

empfehlen, mit dem Reiseteil anzufangen und nicht mit dem Politikteil. Man muss ja nicht die Zeitung

Speaker:

vorne anfangen und man muss sich auch, finde ich, nicht zwingen, das zu lesen, wo vielleicht die

Speaker:

Redaktion denkt, das ist das Wichtigste. Also natürlich gibt es auf der Seite eins, bei uns

Speaker:

nennt sich das der Leitartikel, also es ist der wichtigste Kommentar des Tages, aber wenn du sagst,

Speaker:

ich möchte Zeitung eigentlich gar nicht lesen, um noch mehr Meinung von anderen zu bekommen,

Speaker:

sondern eigentlich, um erst mal ganz neutral zu erfahren, wie was ist und du kommst vielleicht aus

Speaker:

Frankreich, dann möchtest du wissen, wie stehen denn die Chancen, dass Le Pen gewählt wird. Kann

Speaker:

man das verhindern oder vielleicht bist du ja ein Fan von Le Pen, würde ich jetzt nicht schätzen,

Speaker:

aber könnte ja sein. Wie stehen die Chancen, dass sie es schafft? Und dann würde ich sagen,

Speaker:

lies doch einfach erst mal nur die Texte über Frankreich. Wir haben eine tolle Korrespondentin

Speaker:

in Paris, die macht den ganzen Tag nichts anderes, als über französische Politik zu

Speaker:

schreiben. Also FAZ ist eine Zeitung in Deutschland, die sehr großen Wert liegt darauf, an Orten zu

Speaker:

sein, wo auch in anderen Ländern, wo nicht so viele Journalisten sind oder wo die Journalisten

Speaker:

schlechtere Arbeitsbedingungen haben als unsere. Und auch in Deutschland erst mal

Speaker:

einfach zu beschreiben, was passiert und zu trennen zwischen Meinung und Beobachtung

Speaker:

oder Beschreibung, Analyse von etwas. Das finde ich sehr gut und trotzdem würde ich auch sagen,

Speaker:

also in ein Café gehen mit einer Papierzeitung ist immer gut. Ich finde auch, man liest anders

Speaker:

auf Papier. Man liest Texte, die man sonst vielleicht nicht gefunden hätte. Man lässt

Speaker:

sich nicht nur von der Überschrift leiten und von dem Aufmacherfoto, sondern man findet auch

Speaker:

oft Dinge, kleine Meldungen, 30 Zeilen ohne Bild, in denen was Irres drinsteht. Oder man

Speaker:

findet wahnsinnig anrührende kleine Anzeigen von Menschen, die jemanden aus ihrer Familie grüßen

Speaker:

oder die einen Menschen verabschieden. Oder man findet zum Beispiel im Teil Natur und Wissenschaft,

Speaker:

den ich sehr gerne mag, kurze Nachrichten aus der Forschung zum Beispiel zu dem Balzverhalten

Speaker:

von Vögeln. Ich würde dir niemals sagen, das interessiert mich wahnsinnig, wie Vögel sich

Speaker:

paaren. Aber wenn du dann liest, dieser und dieser Vogel in den Tropen baut sich ein Nest,

Speaker:

das sieht aus wie ein Haus. Also es hat ein Dach und es hat Fenster. Und da drin liegt nicht nur

Speaker:

so ein bisschen Heu, wo das Ei draufkommt, sondern da liegen Blüten, die den Ort schmücken,

Speaker:

damit das Weibchen reinkommt und sagt, hier sieht es gut genug aus. Es geht nicht zu dem,

Speaker:

wo nur so weiße Blüten liegen, sondern es geht zu dem, wo rote, gelbe und grüne Blüten liegen.

Speaker:

Das finde ich dann schon, da kann ich nicht widerstehen. Das ist super interessant zu finden.

Speaker:

Und ich glaube, das Internet und die Art, wie wir in sozialen Netzwerken oder auch auf Internetseiten

Speaker:

lesen, die führt dazu, dass wir sowas seltener entdecken. Und das ist vielleicht nicht existenziell

Speaker:

im Sinne von, dass du dann eine wichtige Nachricht verpasst. Aber ich glaube, und es gibt auch

Speaker:

Studien dazu, dass unser Gehirn sowas gut gebrauchen kann, wie im Prinzip bei einem Klavier,

Speaker:

was nur weiße Tasten hat. Das kann Musik machen, aber es ist besser, wenn die schwarzen Tasten auch

Speaker:

noch dabei sind. Und so geht es mir mit diesen Dingen, die ich in der Zeitung finde, die ich

Speaker:

online nicht anklicken würde. Und gleichzeitig würde ich auch sagen, ist es so, dass die FAZ

Speaker:

natürlich auch, wie viele andere Zeitungen, fast alle anderen Zeitungen, sich entwickelt. Also wenn

Speaker:

zum Beispiel jemand sagt, es fällt mir schwer, so eine Zeitung zu lesen mit so viel Text und so

Speaker:

vielen Texten über Sachen, von denen ich wenig weiß, könnte man auch mit einem Podcast anfangen.

Speaker:

Wir haben auch Podcasts, in denen die Redakteure, die die Zeitung schreiben, also so Leute wie ich,

Speaker:

über ihre Fachgebiete sprechen. Und zwar auch nicht so lange Stücke wie die Zeitungsartikel,

Speaker:

sondern so Gespräche, wie wir es jetzt führen. Vielleicht sogar noch viel kürzer. Einfach,

Speaker:

was sind die wichtigsten Sachen, die man jetzt zu Iran wissen muss? Oder was sagst du dazu,

Speaker:

dass der Bundeskanzler so schlechte Umfragewerte hat? Und das wird aber von Leuten besprochen,

Speaker:

deren Beruf es ist, sich dazu den ganzen Tag informiert zu halten, die sehr viele Hintergrundgespräche

Speaker:

führen, mit Politikern, auch mit dem Kanzler Kontakt haben, sodass der Austausch, finde ich,

Speaker:

inhaltlich sehr substanziell ist und nicht einfach zwei Leute, die die Nachrichten geguckt haben,

Speaker:

sich wie im Prinzip am Frühstückstisch darüber unterhalten, ist das jetzt schlecht? Wie fühlt

Speaker:

sich das an? Ich finde es scheiße oder so. Sondern es ist sehr, sehr analytisch. Und das,

Speaker:

würde ich sagen, ist wichtig, eigentlich für jeden, der heute noch versuchen will,

Speaker:

zu verstehen, warum Dinge passieren und wie man sich selbst vielleicht auch politisch

Speaker:

entscheiden sollte. Und wie siehst du das mit den jüngeren Generationen? Haben sie immer noch

Speaker:

dieses Verbindung zur Zeitung? Kommt es zurück? Muss man das wieder lernen vielleicht? Also,

Speaker:

ich glaube nicht, dass die Leute, die jetzt 20 sind oder 30, dass ein erheblicher Anteil von

Speaker:

denen eine Verbindung zu der Papierzeitung hätte. Das sehe ich auch bei den jüngeren Kollegen bei

Speaker:

uns im Haus. Ich glaube oder ich höre nicht, dass die jeden Tag die Papierzeitung lesen. Und

Speaker:

ich sage auch selbst von mir, ich lese auch nicht jeden Tag die Papierzeitung. Ich habe die App mit

Speaker:

dem E-Paper auf dem Handy. Und wenn ich morgens eine Stunde mit meinem Mann frühstücke und weiß,

Speaker:

ich habe dann im Büro direkt einen Termin, dann lese ich im Zug die Zeitung, also in der S-Bahn

Speaker:

zur Arbeit, die Zeitung im E-Paper. Das gefällt mir ganz gut, weil das immer noch in der Form der

Speaker:

gedruckten Zeitung ist. Also, ich sehe die Zeitungszeitung, kann dann aussuchen, will ich

Speaker:

diese kleine Meldung unten anklicken. Aber ich glaube, entscheidend ist bei den Menschen,

Speaker:

die jünger sind und die ich auch für total interessiert und klug halte, also ich habe

Speaker:

überhaupt keine Verzweiflung oder so Herablassung gegenüber denen, weil die vielleicht nicht die

Speaker:

Zeitung so lesen wie ich, sondern ich glaube, die sind halt in einer ganz anderen Welt aufgewachsen.

Speaker:

Die hatten viel größere Herausforderungen dabei, ihre Konzentration zu bewahren. Und

Speaker:

die gehen Lesen ganz anders, zum Beispiel im Blick darauf, wie lange sie einem Text Zeit geben,

Speaker:

um sie zu überzeugen, dabei zu bleiben. Also, mein Eindruck ist, dass die sehr schnell wieder

Speaker:

aus Texten aussteigen, die vielleicht umständlich oder anstrengend geschrieben sind. Und das ist

Speaker:

wiederum auch ein Auftrag für uns Journalisten, sich ein bisschen mehr Mühe zu geben beim

Speaker:

Schreiben. Früher konnte man sicher sein, dein Abonnent liest deine Zeitung, vielleicht nicht

Speaker:

jeden Text, aber der findet das wichtig, der liest die Stücke. Und jetzt prasseln so viele Texte auf

Speaker:

die Menschen ein in den sozialen Netzwerken. Das stimmt natürlich. Also ich würde mir wünschen,

Speaker:

dass natürlich manche Leute auch sich ein bisschen mehr Zeit nehmen oder sich stärker

Speaker:

konzentrieren auf Zeitungsartikel, auch online. Aber ich bin auch sehr sicher, dass wir Journalisten

Speaker:

uns mehr anstrengen können und auch noch Spielraum haben nach oben, so zu schreiben,

Speaker:

dass es Menschen wirklich interessiert und nicht, dass es nur uns interessiert, weil wir wahnsinnig

Speaker:

viel wissen. Und wir wissen ja im Zweifelsfall über bestimmte Fachgebiete mehr als die Leser.

Speaker:

Und dann hat man eine hohe Neigung, vielleicht so zu schreiben wie für einen Experten, der so ist

Speaker:

wie man selbst. Aber ich würde sagen, die Kunst ist es dann oft, so zu schreiben, dass es auch

Speaker:

jemanden interessiert. Ich denke dann zum Beispiel oft an meine Mutter oder an Freundinnen,

Speaker:

die gerade ein kleines Kind haben und die vielleicht Künstlerin sind, aber gar nicht

Speaker:

politisch so interessiert. Wie könnte ich es jetzt schaffen, die zu interessieren? Wie würde

Speaker:

ich schreiben müssen, damit meine Mutter mehr als einen Absatz liest oder sie es auch lesen würde,

Speaker:

wenn ich nicht ihre Tochter wäre? Das ist so spannend, weil siehst du, mein Leben zum Beispiel,

Speaker:

dann nehmen wir ein ganz konkretes Beispiel. Ich gehe zur Arbeit, ich arbeite auf Laptop,

Speaker:

Internet in meinen ganz spezifischen Bereich und dann Sport oder Freunde treffen, was auch immer.

Speaker:

Und sehr viel Zeit verbringe ich auf Social Network oder Internet. Und KI kommen wir gleich

Speaker:

dazu. Aber ob das KI ist oder Algorithmus, da befinde ich mich langsam in einer Welt,

Speaker:

der nur drumherum geht, was mich interessiert. Und dann den Unterschied zwischen, was ich davon

Speaker:

sehe und wie ich die Welt dann sehe, bin ich so, der Unterschied ist viel zu krass. Und deswegen

Speaker:

wäre ein bisschen mein Gefühl, man kommt vielleicht irgendwann zurück an Zeitungen,

Speaker:

weil da sind Leute in deren eigenen Bubble, aber sie haben damit auch einen Beruf und ein

Speaker:

besonderes Ziel, die ganz anders ist und gibt mir wieder dieses mehr neutrale Sicht als was anderes.

Speaker:

Ja, das stimmt. Also es gibt ja in verschiedenen, also wir hatten es ja vorhin ein bisschen auch

Speaker:

beim Essen, dass es Menschen wichtiger wird, was esse ich da eigentlich. Und ich glaube auch,

Speaker:

dass es Menschen jetzt auch öfter schon, dass es die beschäftigt, was lese ich da eigentlich.

Speaker:

Und wir kennen es ja auch vielleicht beide, wenn man meine Stunde gescrollt hat auf Instagram oder

Speaker:

auf X oder Reddit oder so, dann fühlt man sich auch so ein bisschen matschig. Also man hat sehr,

Speaker:

sehr viel gesehen, wenig wirklich verstanden oder aufgenommen. Man kriegt halt unglaublich

Speaker:

Bilder auch oft von Sachen, die beneidenswert sind oder die schrecklich sind oder die einem Angst

Speaker:

machen. Und man könnte Zeitung lesen auch ein bisschen oder es geht mir auch so, dass ich es

Speaker:

auch ein bisschen wie so eine Art, also ich will nicht sagen Yoga, weil bei Yoga macht man was

Speaker:

anderes, aber es ist etwas Wohltuendes. Es zwingt das Gehirn im Prinzip, wie man so ein Muskel auch

Speaker:

zwingt, sich zu konzentrieren auf etwas und etwas mal gründlich zu machen und nicht nur so die

Speaker:

ganze Zeit irgendwie rumzuhampeln, also körperlich, sondern sich einfach mal ruhig zu bewegen,

Speaker:

auf was zu schauen, was einen vielleicht ein bisschen Kraft kostet, aber die Kraft ist ja dann

Speaker:

auch etwas, was dich aktiviert. Und also ich wäre skeptisch, ob jetzt so eine Renaissance kommt,

Speaker:

wo Zeitungen wieder in millionenfacher Auflage gedruckt werden. Also ich glaube, da ist einfach

Speaker:

eine zu große Disziplin nötig und viele Menschen sind mit anderen Sachen beschäftigt. Aber ich

Speaker:

glaube schon, dass es Leute gibt, die im Moment keine gedruckte Zeitung haben und die vielleicht,

Speaker:

so wie du erzählt hast, vielleicht sogar anfangen, sich einmal die Woche oder so zu einem bestimmten

Speaker:

Tag, wenn du jetzt zum Beispiel so erzählst, du interessierst dich für Essen und Trinken,

Speaker:

du interessierst dich auch für das Leben in Berlin, du liest nicht so gerne so ganz lange,

Speaker:

sehr strenge, sehr expertenmäßige Texte über deutsche Innenpolitik, dann würde ich sagen,

Speaker:

hol dir einmal am Sonntag die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung oder du musst

Speaker:

sie vielleicht gar nicht kaufen, es gibt ja auch Cafés in Berlin, wo sie liegt und dann liest du,

Speaker:

dann nimmst du dir vor, ich lese drei Artikel, ich blätter sie einmal durch und gucke mir an,

Speaker:

was sind die drei Artikel, die mich eigentlich am meisten interessieren und dann nehme ich mir vor,

Speaker:

lese ich die und so mache ich manchmal, wenn ich auch wenig Lust habe, zum Beispiel am Wochenende

Speaker:

auch noch Zeitungen zu lesen, dann denke ich, ich suche mir jetzt einfach drei Sachen aus und

Speaker:

jedes Mal hinterher denke ich, super gut, dass ich die gelesen habe. Manchmal ist einer so interessant,

Speaker:

dass ich mit einer Freundin den ganzen Abend drüber spreche, die ihn gar nicht gelesen hat,

Speaker:

aber ich erzähle ihr dann, was da drin stand und es sind dann oft Sachen, auch die kennen wir

Speaker:

natürlich nicht oder es ist irgendwas zum Beispiel zum Thema Geldanlage, also ich habe

Speaker:

vor zwei Jahren angefangen, mich für Geldanlage zu interessieren, weil ich, wie viele Frauen,

Speaker:

glaube ich, zu spät überhaupt verstanden habe, dass es wichtig ist und dass man es auch kann,

Speaker:

dass man da nicht so ein Aktienguru werden muss und da habe ich dann so gedacht, ich lese einfach

Speaker:

jeden Tag mal einen Artikel im Finanzteil, auch wenn ich wenig davon verstehe, aber ich will einfach

Speaker:

mal so, wie man eine Sprache lernt, so ein paar Vokabeln kriegen und dann geht es weiter und je

Speaker:

nachdem, was dich interessiert, privat, was du gerade in deinem Leben vorhast, ob du ein kleines

Speaker:

Kind hast oder ob du eine Geldanlage planst oder so, kann man sich sozusagen so ein bisschen das

Speaker:

wie so eine neue Sprache erarbeiten. Das stimmt, weil ich habe auch das Gefühl ein bisschen so,

Speaker:

da wird man, wie du sagst, nicht zurück zu diesen Millionen Ausgaben, aber zum Beispiel in dem

Speaker:

Alltag und wahrscheinlich auch durch KI bekomme ich die Information selbst ziemlich neutral, wäre

Speaker:

schon meine Meinung, weil man von der ganzen Welt irgendwie eine eher neutrale bekommt,

Speaker:

aber irgendwann wirst du auch Meinungen von bestimmten Leuten haben und lesen und dann

Speaker:

vielleicht eher einmal die Woche als jeden Tag, weil jeden Tag bekomme ich die Info, die ich

Speaker:

benötige, aber einmal die Woche kann ich mich darauf fokussieren und denken, okay, wie sieht es

Speaker:

eigentlich aus und wenn ich ein bisschen mehr über dieses Subjekt wissen will.

Speaker:

Das ist ja, mir fällt gerade ein, dass es vielleicht so ein bisschen ist wie mit so

Speaker:

Restaurants, wo so ganz, ganz lange Speisekarten sind. Das kennst du ja auch, wo so einfach,

Speaker:

also manchmal sind es auch sehr schlechte Restaurants, wo dann so indisch, thailändisch,

Speaker:

italienische Pizza und Schnitzel und so hat er auch noch, aber es gibt auch ganz gute Restaurants,

Speaker:

die trotzdem sehr, sehr lange Speisekarten haben und das finde ich anstrengend und ich bin gerne

Speaker:

an Orten, wo kurze Speisekarten sind, nicht zu kurz, aber so, dass ich halt vielleicht nur

Speaker:

zwischen 20 Gerichten das auswählen kann oder 10 sind auch manchmal schon genug und so ein bisschen

Speaker:

ist die Zeitung, also die nimmt dir was weg, also nämlich die riesige Auswahl an Sachen. Du hast

Speaker:

nicht mehr alles draufstehen, aber sie sucht was für dich aus, wo Leute, die sich relativ gut

Speaker:

auskennen, sagen, das sind die besten oder die wichtigsten Sachen und vielleicht sogar noch,

Speaker:

die Küche empfiehlt jetzt, also das wäre der Kommentar, was man dann wirklich auch als Meinung

Speaker:

mitnimmt und wenn man grundsätzlich vertraut in die Kompetenz dieser Redaktion, Sachen gut

Speaker:

auszuwählen, manchmal macht man auch Fehler als Journalist, also nicht jede Redaktion wählt

Speaker:

jeden Tag alles perfekt aus, aber ich glaube schon, dass es eine wichtige Dienstleistung ist,

Speaker:

auszuwählen und diese unendliche Flut, von der du gesprochen hast, die wahnsinnig vielen Meinungen

Speaker:

und die stehen ja auch alle gleichberechtigt nebeneinander, wie auf so einer Karte, also es

Speaker:

steht ja nicht dabei, so dieses Essen wurde nur von 10 Prozent der Leute gut gefunden und dieses

Speaker:

aber von 90, sondern alles steht so nebeneinander und du weißt überhaupt nicht, worauf sollst du

Speaker:

jetzt eigentlich deine Entscheidung gründen. Das ist eine wichtige Aufgabe, die die Zeitung

Speaker:

übernimmt und die man glaube ich als Leserin oder als Leser, so wie du sagst, auch gerne abgenommen

Speaker:

bekommt, dass man nicht so viel sieht und sich nicht orientieren kann, was davon ist wichtig und

Speaker:

was nicht. In Frankreich gerade sind die Leute sehr erschrocken von künstlicher Intelligenz,

Speaker:

insbesondere Journalisten. Wie siehst du das oder wie ist der Stand hier in Deutschland? Ich habe

Speaker:

das Gefühl, es ist eher beruhigend. Kann das sein? Was erschreckt die französischen Journalisten

Speaker:

daran? Ein Teil hat mit Intellectual Property zu tun, das heißt, dass die Info einfach rausgenommen

Speaker:

werden. Und dann hast du eine ökonomische Probleme dahinter, das heißt, die Leute kaufen

Speaker:

dann gar nicht mehr die Zeitung mehr, weil sie bekommen die Info irgendwo anders und ich denke,

Speaker:

das ist eine Sache und dann die zweite Sache ist, dass die den Ruf von Journalismus davon

Speaker:

verhindert ist oder nicht so bewertet wird und man sieht nicht, was die Mehrwert dazu ist. Das

Speaker:

ist ein ganz persönliches Gefühl. Ich weiß nicht, ob es so ist, aber wie siehst du das? Ich war

Speaker:

sehr beeindruckt von der Anzahl von Zeitungen in Deutschland und Journalismus und wie man gerne

Speaker:

darüber redet. Das ist eine schöne Kultur in Deutschland, eine ganz gute Medienkultur. Ich

Speaker:

glaube, das eine ist in der Tat die wirtschaftliche, von der du jetzt auch gesprochen hast. Was bedeutet

Speaker:

das ökonomisch für Redaktionen? Gerade für Redaktionen wie unsere, die sozusagen ein eigenständiges,

Speaker:

freies Unternehmen sind. Wir sind ja nicht öffentlich-rechtlich subventioniert sozusagen

Speaker:

durch Gebühren der Kunden, die sie auch zahlen müssen, sondern unsere Leser entscheiden sich

Speaker:

bewusst dafür, für uns Geld auszugeben oder auf unsere Seite zu klicken und die andere ist,

Speaker:

wie verändert das meine Arbeit? Das hängt nicht unbedingt zusammen. Die erste Dimension gibt es

Speaker:

in Deutschland auch. Also es ist ein Problem, dass jetzt zum Beispiel bei Google, wenn du eingibst,

Speaker:

welches ist die modische Frisur 2026, dann wird die ja so zusammengefasst oben, ich weiß nicht,

Speaker:

das ist glaube ich ChatGBT, aus verschiedenen Seiten im Internet, natürlich auch oft Artikeln

Speaker:

aus der FAZ oder aus anderen Zeitungen und dann klicken die Leute natürlich nicht mehr drauf,

Speaker:

da entgeht viel Traffic und damit auch Geld. Also das ist wahr und ich glaube, da wird im

Speaker:

Moment sehr intensiv in Deutschland auch dran gearbeitet, wie kann man mit Google kooperieren

Speaker:

oder wie kann man aber auch seine eigenen Rechte gegenüber Google behaupten, um das zu verhindern.

Speaker:

Und das betrifft auch noch viele andere Bereiche, in denen künstliche Intelligenz sozusagen

Speaker:

Informationen, Daten aus den Internetauftritten von Medien absaugt. Was jetzt die Arbeit betrifft,

Speaker:

hat es auch wieder zwei Dimensionen. Die eine ist, wie es meine Arbeit erschwert und auf der

Speaker:

anderen Seite, wie es meine Arbeit erleichtert. Und das Erschwerende ist eben auch etwas Politisches

Speaker:

wieder, weil es eben zum Beispiel inzwischen künstliche Intelligenz gibt, die sehr, sehr

Speaker:

gute Fotos macht, die natürlich nicht existieren, aber wenn du promptest, Donald Trump am Strand,

Speaker:

so dann kannst du ein relativ gutes Bild kriegen und dann, wenn du als Journalist zum Beispiel in

Speaker:

soziale Netzwerke schaust und jemand behauptet, er hätte Donald Trump am Strand von, sagen wir mal,

Speaker:

Juist gesehen, einer deutschen Insel, ist relativ klar, das ist abwegig, der hat sich das ausgedacht.

Speaker:

Aber wenn da steht, Donald Trump ist gerade am Strand von Palm Beach, aber eigentlich sollte

Speaker:

er doch im Weißen Haus sein und arbeiten. Das ist auch ein absurdes Beispiel, weil natürlich

Speaker:

würde der Präsident nicht nur von einer Person gesehen, aber du kannst es auf dem Bild nicht mehr

Speaker:

entnehmen. Noch vor einem Jahr ungefähr hatten auf KI-Bildern die Menschen oft so sechs Finger

Speaker:

oder so ein komisches Gesicht, was so fast wie so ein Comic-Filter war. Und inzwischen sind die Bilder

Speaker:

richtig, richtig gut und ich glaube auch, dass in ein bis zwei Jahren Videos so gut sein werden,

Speaker:

dass du nicht mehr erkennen kannst mit bloßem Auge, ist es KI oder nicht. Und man guckt schon

Speaker:

sehr genau hin, auch in Bildredaktionen. Das heißt also, wir müssen als Journalisten sehr

Speaker:

viel kritischer sein, wenn wir Bildmaterial, ob Foto oder Video sehen, ob das aus Kriegsgebieten

Speaker:

ist oder aus Wahlkämpfen oder auch ganz normale Alltagsszenen. Irgendjemand behauptet, ein Syrer

Speaker:

hätte in seiner Bäckerei irgendwie eine Scheibe eingeschlagen und zeigt dazu ein Bild, wo ein Mann,

Speaker:

der aussieht wie ein Syrer, eine Scheibe einschlägt. Das kann, abgesehen davon, dass es natürlich auch

Speaker:

ein Deutscher sein kann oder ein Afghane, kann es natürlich auch sein, dass es diese Szene nie

Speaker:

gegeben hat. Und angesichts der Tatsache, dass wir immer schneller arbeiten und wenn so ein Bild

Speaker:

existiert, immer schneller entscheiden müssen, berichten wir jetzt darüber oder berichten wir

Speaker:

nicht. Man hat ja nicht mehr diese fast 24 Stunden, die man früher hatte, bis zum nächsten

Speaker:

Druck der Zeitung. Da ist natürlich ein höherer Druck drauf, richtig zu entscheiden. Und im

Speaker:

Zweifelsfall würde ich immer sagen, lieber länger prüfen, als einmal ungerechtfertigt ein KI-Bild

Speaker:

als ein echtes Bild berichtet zu haben. Auf der anderen Seite ist KI oder kann KI auch ein

Speaker:

wahnsinnig nützlicher Assistent sein in der journalistischen Arbeit? Fast vielleicht ein

Speaker:

bisschen wie so ein Thermomix in der Sterneküche. Das ist ja auch eine Maschine. Das ist kein Mensch,

Speaker:

aber viele Spitzenköche benutzen den halt, um Soßen zu rühren oder irgendwas, was sie gleich

Speaker:

brauchen, warm zu halten oder etwas sehr, sehr lange zu kneten. Und so ungefähr kann man sich

Speaker:

auch KI im Redaktionsalltag vorstellen. Also die schreibt nicht die Artikel, so wie auch der

Speaker:

Thermomix nicht das Sterneessen kocht. Aber die kann zum Beispiel sehr, sehr große Datenmengen,

Speaker:

so wie bei den Apps jedenfalls, durchforsten nach bestimmten Begriffen. Und dann kann man als

Speaker:

Journalist sozusagen draufschauen, stimmt das, was KI gefunden hat? Sind das wirklich die Namen,

Speaker:

die da drin vorkommen? Man kann sich Sachen zusammenfassen lassen, Bücher und sich zum

Speaker:

Beispiel den Eindruck machen, lohnt sich das, dieses Buch zu lesen? Brauche ich das für meine

Speaker:

Arbeit? Und das ist schon auch gut. Also da, finde ich, muss man immer offen sein, sich anzuschauen,

Speaker:

was es nützt und natürlich auch sich zu schützen, wo es schadet.

Speaker:

Was ist dein Gefühl mit dieser Vertrauenskrise, die vielleicht durch KI irgendwann kommen wird?

Speaker:

Wird die Welt vielleicht dann kleiner? Das heißt, auf der Ebene von den Sachen,

Speaker:

die du prüfen kannst, in einem direkten Gebiet?

Speaker:

Das ist eine gute Frage. Also ich glaube, wir sind ja schon mittendrin in der Vertrauenskrise. Also

Speaker:

viele Menschen vertrauen den Medien oder den Zeitungen und den Fernsehsendern nicht mehr.

Speaker:

Sie führen dann oft an, hier ist doch mal ein Fehler passiert. Hier sieht man doch,

Speaker:

dass dieser Sender ein KI-Video für ein echtes Video gehalten hat oder dass diese Zeitung ein

Speaker:

Bild nicht gedruckt hat, obwohl es echt war. Und das ist wahr. Also es passiert ein Fehler. Und es

Speaker:

ist trotzdem aus meiner Sicht ein sehr, sehr großes, zu großes Misstrauen entstanden,

Speaker:

weil viele Menschen eben das, was sie in irgendeinem WhatsApp-Kanal erfahren,

Speaker:

für genauso wahrhalten wie das, was irgendein Korrespondent nach drei Tagen Arbeit an einem

Speaker:

Ort herausgefunden hat. Also sehr intensive Recherchen stehen scheinbar gleichberechtigt

Speaker:

neben absolut absurden Meinungen oder Dingen, die sich jemand ausgedacht hat oder die er vielleicht

Speaker:

aus dem ersten Eindruck abgeleitet hat. Ich glaube, was man als Journalist tun kann,

Speaker:

um Vertrauen zu gewinnen oder auch zurückzugewinnen, ist Transparenz. Also klarzumachen,

Speaker:

wenn man einen Fehler gemacht hat, auch in direktem Austausch mit Menschen darüber zu sprechen,

Speaker:

wie man arbeitet. Also so wie wir jetzt sprechen, aber auch zum Beispiel beim Tag der offenen Tür

Speaker:

kommen Leser zu uns. Sind natürlich dann schon Leser, die grundsätzlich daran glauben,

Speaker:

dass wir fair arbeiten. Aber ich glaube schon, dass man das auch noch mehr machen kann. Dass

Speaker:

man das übrigens auch in den sozialen Netzwerken machen kann. Also ich versuche eigentlich auch

Speaker:

ein bisschen durch das, was ich mache auf Instagram, jenseits von dem Essen, mache ich

Speaker:

ja auch noch ein bisschen über meine Arbeit sonst. Also wenn ich in meinem Büro sitze,

Speaker:

was so Leser auf meinem Schreibtisch oder wenn ich mal auf einer Dienstreise bin,

Speaker:

wie das Hotelzimmer aussieht, wo ich übernachte oder wie so eine Parteitagshalle aussieht. Da

Speaker:

ist meine Hoffnung, jetzt nicht so missionarisch, dass da alle Leute dann so denken, so ist es also,

Speaker:

aber dass ich doch vielleicht bei den paar Leuten, die sich das gerne angucken, so einen Eindruck

Speaker:

davon vermitteln kann, wie so ein Journalist eigentlich arbeitet. Also natürlich jetzt nicht

Speaker:

in jedem Detail, aber dass man so ein bisschen so ein dreidimensionaleres Bild kriegt, dass wir

Speaker:

zum Beispiel, also ich, wenn ich auf einen Parteitag fahre, dann wohne ich nicht in so

Speaker:

einem Luxushotel, wie vielleicht manche Parteivorsitzenden, sondern ich wohne in

Speaker:

so einem 80-Euro-Schrotthotel, wo ich so den Nachbarn durch die Wand schnarchen höre und

Speaker:

so ein Haar liegt auf dem Kopfkissen oder so. Das ist so Normalität bei mir und ich bin schon bei

Speaker:

einer Superzeit und das Zimmer könnte wahrscheinlich auch noch 20 Euro teurer sein oder 50. Aber ich

Speaker:

mache das oft gerne in so einfachen Orten, weil die zum Beispiel gut gelegen sind und ich dann

Speaker:

zu Fuß zur Parteitagshalle laufen kann, dann treffe ich halt ein paar Leute, die auch da hinlaufen. Und

Speaker:

das alles, glaube ich, kann helfen, dass Menschen den Eindruck haben, hier versucht jemand sein

Speaker:

Bestes. Er macht nicht immer alles richtig oder sie und das wäre mein Wunsch, vielleicht ist es

Speaker:

auch meine Hoffnung, dass wenn viele Journalisten das machen und auch Professioneller noch als ich,

Speaker:

also vielleicht auch Social-Media-Teams von Redaktionen, das machen viele Zeitungen schon

Speaker:

ziemlich gut, auch zeigen, wie sie arbeiten, mal in das Büro von einem Kollegen reinschauen,

Speaker:

dass man dann natürlich nicht als unfehlbar gesehen wird, aber dass Menschen verstehen,

Speaker:

unter welchen Bedingungen Entscheidungen getroffen werden, wie was kommentiert wird,

Speaker:

welcher Text in der Zeitung drin steht und welcher nicht. Und ich glaube, wenn ich von mir

Speaker:

selbst ausgehe, denn nur so kann man ja eigentlich seine Flüsse ziehen, auch über andere Menschen,

Speaker:

zusätzlich zu den Gesprächen, die man vielleicht mit ihnen führt. Aber wenn ich von mir selbst

Speaker:

ausgehe, so ist das, wie ich Vertrauen gewinne. Also Zeit, je mehr Zeit man mit etwas verbringt,

Speaker:

was einen nicht wirklich enttäuscht, desto mehr Vertrauen gewinnt man. Aber eben auch verstehen,

Speaker:

warum jemand so handelt, wie er handelt oder warum eine Redaktion so handelt, wie sie handelt.

Speaker:

Perfekt. Habe ich nichts dazu zu sagen? Nichts zu kommentieren, ganz spannend. Und ich finde es

Speaker:

auch mit Vertrauen, dieses hinter die Wände zu zeigen, wie das läuft, finde ich natürlich spannend.

Speaker:

Leute, also ich denke schon, dass Menschen brauchen auch zu verstehen. Und ich hasse diese

Speaker:

Dings von vergiss nicht, dass die Leute dumm sind, aber nimm sie nicht für dumm. Was ist das für

Speaker:

eine Aussage? Also ich bin schon dafür, dass die Leute dürfen deren eigene Meinung bilden. Und

Speaker:

wenn man dazu die Sachen eingeben kann, finde ich schon ganz spannend und verantwortlich.

Speaker:

Du bist ja von Beruf keine Journalistin, obwohl du sehr professionelle Interviews führst. Wie

Speaker:

ist denn dein Blick auf Journalisten, eigentlich jetzt auch egal, ob in Frankreich oder in

Speaker:

Deutschland? Also wenn du auch vielleicht keine gedruckte Zeitung liest, magst du das gerne,

Speaker:

journalistische Sachen für dich irgendwie zu nutzen? Also auf jeden Fall. Und so mehr die

Speaker:

Zeit vergeht, so mehr merke ich, okay, ich bin in meinem Alltag sehr beschäftigt mit

Speaker:

anderen, mit unterschiedlichen Sachen. Und für mich sind Journalisten Leute, die die Zeit haben

Speaker:

und die Zeit nehmen. Und das ist so wichtig, weil bei mir zum Beispiel, ich habe irgendwelche

Speaker:

Entscheidungen getroffen, wo ich weniger Zeit habe oder ich entscheide mich, ich will was

Speaker:

anderes machen. Und mit solchen Leuten, die sich für besondere Sachen interessieren, ganz intensiv

Speaker:

sich damit beschäftigen, eine Meinung bilden, finde ich das sehr, sehr hochwertig. Aber wie

Speaker:

gesagt, es hat mir irgendwie Zeit gebracht, das zu verstehen. Ja, ich glaube auch mit 20 oder so

Speaker:

oder 25 hat man oft auch noch andere Sachen. Da habe ich zwar auch sehr gern Zeitung gelesen,

Speaker:

aber eher zur Unterhaltung und auch natürlich, weil es irgendwie mein Beruf werden sollte,

Speaker:

aber ich habe nicht die Tagespolitik verfolgt und die Details. Und ich glaube, das ist ja schon

Speaker:

total toll, wenn du merkst, wenn du sozusagen fühlst, dass dir was fehlt und dass du dich besser

Speaker:

fühlst, wenn du sozusagen ein bisschen Ordnung reinbringen lässt von jemand anderem und dich

Speaker:

nicht selbst umkümmern musst. Ganz genau. Und ich finde, das hat auch mit dieser Kultur zu tun.

Speaker:

Das heißt, in meiner Familie zum Beispiel, also Zeitungen wurde immer L gelesen von meiner

Speaker:

Großmutter und meine Eltern waren irgendwie nicht zu Hause mit Zeitungen. Also vielleicht

Speaker:

auf die Arbeit schon, aber wir sind nicht groß mit Zeitungen zu Hause gewachsen, mit Bücher sehr viel.

Speaker:

Das heißt, ich lese noch sehr viele Bücher. Ich kämpfe auch dafür, genau, ich kämpfe wirklich

Speaker:

dafür, dass Leute Bücher liest. Und ich habe festgestellt, irgendwann, okay, Zeitungen sind

Speaker:

kleinere Versionen irgendwie von Büchern, die auch regelmäßiger rauskommen. Aber deswegen war mir

Speaker:

das wichtig, dieses Gespräch zu haben, weil ich war so, ich bin wahrscheinlich nicht die einzige

Speaker:

Person, die Zeitungen nicht liest. Nein, die meisten Menschen lesen keine Zeitungen. Also damit

Speaker:

nicht verstehen, neben was du verpasst eigentlich. Es ist was total Schönes. Also man kann sagen,

Speaker:

es ist eben ein auch irgendwie ein Luxus heutzutage. Also Leute fragen sich natürlich auch, warum soll

Speaker:

ich dafür Geld ausgeben? Ich finde doch auf tagesschau.de oder in meinen sozialen Netzwerken

Speaker:

alles. Folgen auch dem FAZ-Account. Also kürzlich habe ich mal eine Umfrage unter meinen Followern

Speaker:

gemacht, weil es mich interessiert hat, wer ist eigentlich Leser dieser Zeitung, der FAZ? Und da

Speaker:

kam raus, also ich hatte vier Antwortmöglichkeiten und ein kleiner Teil waren Abonnenten der FAZ,

Speaker:

also zahlen regelmäßig Geld dafür, dass sie die lesen. Ein anderer Teil sagte, er kauft manchmal,

Speaker:

das wäre so ein bisschen wie du, einmal die Zeitung gekauft, würde ich sagen, ist schon

Speaker:

mal so gelegentlich mal die Zeitung kaufen. Und viele, also etwa ein Drittel sagte dann,

Speaker:

wir klicken manchmal auf die FAZ-Seite, aber nicht regelmäßig und vor allem nicht gegen Geld. Also

Speaker:

ich einfach kostenlos mal so drauflesen. Und der größte Teil hat gesagt, ich lese das nicht. Und

Speaker:

das finde ich total fair so. Also ganz in Ordnung. Natürlich gibt es sehr viele Menschen,

Speaker:

auch die vielleicht das, was ich über Essen mache, mögen, aber das, was die Zeitung macht,

Speaker:

nicht so gerne mögen oder auch die Zeitung als Produkt gar nicht lesen wollen. Und ja,

Speaker:

das ist heutzutage normal. Und natürlich gibt es auch viele Arten, jenseits von Zeitung, sich klug

Speaker:

zu informieren. Also wenn man jetzt jeden Tag den Deutschlandfunk hört und noch eine Doku auf

Speaker:

Arte schaut und sich auf tagesschau.de durchliest, was es für Meldungen gibt, das kann auch

Speaker:

funktionieren. Es muss ja auch nicht jeder ein Experte jetzt im politischen Wissen sein. Aber

Speaker:

ich glaube, wenn man so wie du auch ein Interesse daran hat, was tiefer zu ergründen. Und zum

Speaker:

Beispiel, es erscheint ein Buch, was dich interessiert und du würdest gerne wissen,

Speaker:

wie findet das denn jemand, der sich professionell mit Bücherlesen beschäftigt? Und vielleicht findet

Speaker:

er es ganz anders, als du es findest, aber er kann seine Argumente darstellen und du kannst

Speaker:

dich im Kopf im Prinzip mit dem unterhalten und sagen, das ist überhaupt nicht das, was ich über

Speaker:

das Buch denke. Und ärgerst dich oder manchmal ist es ja auch ganz gut, sich zu ärgern beim

Speaker:

Zeitunglesen. Also ich treffe auch oft Leute, die sagen, deine Zeitung gefällt mir nicht,

Speaker:

die ist konservativ. Ja, das ist sie auch. Also bürgerlich konservativ, nicht rechts. Und ich

Speaker:

bin aber links, deswegen möchte ich die nicht lesen und kann ich auch akzeptieren. Also wie gesagt,

Speaker:

ich bin ja kein Marketing Mensch, aber ich lese auch gerne Artikel in der Zeitung,

Speaker:

über die ich mich ärgere. Ich liebe das. Also vor allem Kommentare. Ich ärgere mich selten über

Speaker:

Berichte, denn die Berichte sind sehr sachlich und nicht tendenziös. Aber ich ärgere mich auch gerne

Speaker:

über Kommentare, weil ich das Gefühl habe, ich streite mich im Kopf beim Lesen mit dem Autor.

Speaker:

Ich antworte dem im Prinzip, ohne das auszuformulieren, auf seine Argumente. Und das ist

Speaker:

doch super. Das ist doch wie so ein kleiner Wettstreit. Und man gewinnt natürlich am Ende

Speaker:

immer, weil fast nie überzeugt einen der Kommentar von jemandem, der das ganz anders sieht als man

Speaker:

selbst. Manchmal gelingt das. Das ist wirklich, dann finde ich, die goldene Kunst des Kommentars,

Speaker:

wenn du einen liest und da steht da eigentlich eine Meinung drin, die du nicht teilst. Und

Speaker:

hinterher denkst du so, okay, eigentlich hat der doch recht. Oder eigentlich hat der zumindest

Speaker:

einen Punkt, über den ich bisher noch nicht nachgedacht habe. Das hat man auch manchmal.

Speaker:

Das ist doch super. Das liebe ich an Zeitungen und auch an den Autorinnen und Autoren, die die

Speaker:

Dinge anders sehen als ich. Und ich glaube, das ist auch etwas, was durch die Algorithmen in den

Speaker:

sozialen Netzwerken abgestellt wird. Also du kriegst das in deinen Feed gespült, was du schon

Speaker:

gestern gerne angeklickt hast. Und du kriegst eher nicht was, worüber du dich ärgerst, weil die

Speaker:

Gefahr besteht, dass du es dann abschaltest und das Netzwerk will, dass du dranbleibst.

Speaker:

Aber weißt du, ich habe immer diese Teil gesehen und gehört und verstanden. Du bekommst immer die

Speaker:

gleiche, was ich nicht gesehen hatte. Irgendwann ist es nicht mehr hochwertig. Und das meine ich

Speaker:

für mich diese Gegenteil und diese Neuerfindung von Zeitungen, wo ich bin so, das sind super

Speaker:

kluge Menschen. Ich fühle mich schon ganz doof, so etwas zu sagen. Aber ich meine, wenn du die

Speaker:

Kultur nicht hast und dann hast du den Alltag, den voll mit anderen Sachen sind und dann kommst

Speaker:

du nicht drauf. Und dann fängst du ein bisschen an zu lesen und du findest das kompliziert. Und

Speaker:

dann nimmst du die Zeit nicht mehr. Irgendwann kommst du in eine Reihe, wo du bist so, ich muss

Speaker:

irgendwas für mein Gehirn machen, weil nur diese dummen Videos die ganze Zeit zu gucken. Und dann

Speaker:

habe ich ein ganz bestimmtes Bild von der Welt, wo du auch, weißt du diese Frage mit, warum bekommen

Speaker:

Leute auch wenige Kinder? Ich denke, das hat auch irgendwie ein bisschen damit zu tun, wenn du mit

Speaker:

dem Welt keine Verbindung mehr hast und dann hast du nur diese dummen Videos. Irgendwann sitzt du da

Speaker:

und was mache ich hier und soll wirklich jemand andere das auch erleben? Ja, und die Journalisten

Speaker:

sind, also ich bin ja nicht klüger als du, weil ich habe einfach nur mehr Zeit. Ich werde dafür

Speaker:

bezahlt, mich zu informieren. Dadurch kann ich mehr Wissen zu bestimmten Gebieten. Aber du weißt ja

Speaker:

zum Beispiel in deinem Beruf auch viel mehr als ich. Deswegen kommen auch Leute wie ich und machen

Speaker:

Interviews mit dir zum Beispiel über deinen Beruf. Also es ist nicht, dass die Journalisten so

Speaker:

allwissend sind, sondern sie haben halt die Zeit und auch das Werkzeug, das ist ja auch ein Beruf,

Speaker:

den man lernen kann, sozusagen Dinge in Erfahrung zu bringen und manchmal auch richtig rauszufinden.

Speaker:

Aber natürlich ist auch unter Journalisten das Problem, was du beschreibst, existent. Also auch

Speaker:

Journalisten versinken und versumpfen manchmal in so Videos und sie klicken sich durch irgendwelche

Speaker:

Seiten, wo sie sich hinterher schlecht fühlen. Also das ist auch ein Problem, was Journalisten

Speaker:

kennen, aber sie haben glaube ich größere Möglichkeiten und erst recht, wenn man das

Speaker:

so von zu Hause schon kennt mit dem Zeitungslesen, das ist natürlich ein großes Privileg, wenn man

Speaker:

das von Kind an schon gelernt hat, dass man dann weiß, okay, das ist so wie Zähneputzen. Manchmal

Speaker:

hat man keine Lust, aber man macht es und es ist gut für einen. Und dann, anders als beim

Speaker:

Zähneputzen, macht es dann oft eben auch noch Spaß. Aber man muss sich eben einmal kurz aufraffen und

Speaker:

es machen. Ich glaube, wenn man das schon lange nicht mehr gemacht hat, dann ist es einfach mühsamer.

Speaker:

Aber gerade jemand wie du, die eh gerne Bücher liest, könnte da leicht wieder reinkommen. Und

Speaker:

ich glaube auch viele Menschen, die vielleicht auch nicht mehr so viele Bücher schaffen,

Speaker:

denn da muss man ja auch erstmal die Zeit finden, die kann man mit interessanten Artikeln schon

Speaker:

immer wieder gewinnen. Vielleicht geht es nicht, dass sie jeden Tag eine halbe Stunde darin lesen,

Speaker:

aber es reicht ja vielleicht auch, wenn sie einmal die Woche eine halbe Stunde darin lesen. Das ist

Speaker:

ja auch schon besser, als wenn sie gar nichts lesen. Nee, deswegen, und das ist wirklich diese Sache

Speaker:

von Zeitungen sind kuratiert und deswegen ist es einen bestimmten Ausweich, ich meinte mit kluger,

Speaker:

eher in Richtung von ausgewählt. Ja, okay. Das meinte ich. Aber ich finde das ganz spannend. Ich

Speaker:

hatte nur eine Frage tatsächlich und das geht über Schreiben und in Schrift und was ist deine

Speaker:

Meinung dazu? Das heißt zum Beispiel, ich habe Deutsch gelernt. Ich finde schon, dass deutsche

Speaker:

Begriffe, die deutsche Sprache ganz bestimmt ist. Und wie ist es in deinem Alltag, in deinem Beruf,

Speaker:

so viele Wörter zu nutzen und nicht nur durch Bilder oder irgendwas automatisiert durchzugehen?

Speaker:

Hat das einen Effekt auf dich selbst als Person, was es dir bringt?

Speaker:

Ja, das ist so. Also ich bin vielleicht mehr als viele andere Journalisten auch,

Speaker:

also Journalistin geworden, weil mir sehr viel an Sprache liegt. Also mein Wunsch war nicht in

Speaker:

erster Linie, ich möchte was herausfinden über Politik oder ich möchte, dass mein Name in der

Speaker:

Zeitung steht oder ich möchte über Bücher sagen, ob ich die gut oder schlecht finde, sondern mein

Speaker:

Wunsch war, ich möchte schreiben. Und deswegen bin ich Journalistin geworden und ich finde auch,

Speaker:

all die Sachen, die ich jetzt davor gesagt habe, sind gut und ich finde es auch wirklich toll,

Speaker:

wir haben ja schon darüber gesprochen, Menschen kennenzulernen und zu erfahren, wer die sind und

Speaker:

warum die an bestimmten Orten sind und was die antreibt. Aber mit das Allermeiste, was ich an dem

Speaker:

Beruf liebe, ist das Schreiben und ich glaube, dass jemand wie ich, vielleicht nicht jeder,

Speaker:

aber schon viele Menschen auch, sich über das Schreiben konstituieren, also sich im Prinzip

Speaker:

definieren als der, der sie sind. Und wenn sie einen großen Wortschatz auch in ihre Texte bringen,

Speaker:

ist das auch eine große Möglichkeit, deine vielleicht von dir selbst oder von jedem

Speaker:

Menschen selbst als vielfältige Art zu fühlen und zu denken, zu transportieren. Und ich finde,

Speaker:

es ist ein großes, also erstens eine große Bewunderung für dich, wie gut du Deutsch sprichst.

Speaker:

Also mir fällt es sehr schwer, Fremdsprachen zu lernen. Deswegen bin ich so glücklich,

Speaker:

dass ich in Deutsch so ein sicheres Gefühl habe. Also ich empfinde das als sehr beängstigend,

Speaker:

in einer Sprache zu sprechen, in der ich nicht sehr sicher bin oder auch nicht so sicher wie

Speaker:

im Deutschen. Also ich fühle das irgendwie, dass ich das brauche, mich maximal gut ausdrücken zu

Speaker:

können, vor allem in der Schrift. Also ich kann auch, glaube ich, viel besser schreiben als sprechen.

Speaker:

Deswegen schreibe ich auch so gerne, weil ich mich da wirklich ziemlich exakt so ausdrücken kann,

Speaker:

wie ich das möchte und wirklich bis ins letzte Detail genau das mitteilen kann, was ich mitteilen

Speaker:

möchte. Und das finde ich ein wahnsinnig beglückendes Gefühl, weil man oder weil ich

Speaker:

den Eindruck habe, ich bin dann im Einklang mit der Welt. Also mein Inneres und das Äußere sind

Speaker:

verbunden, weil ich das, was ich über das Äußere denke und über mich in dem Äußeren oder über die

Speaker:

Menschen, mit denen ich zu tun habe, wenn ich, das klingt jetzt so pathetisch, als würde ich so

Speaker:

über das Bücherschreiben sprechen, aber wenn ich einen Politiker kennenlerne und ich soll ihn

Speaker:

porträtieren, ich soll schreiben, was ist das für ein Parteivorsitzender, dann bedeutet mir das viel,

Speaker:

wenn ich das auf eine Weise machen kann, wo ich das Gefühl habe, ich werde ihm gerecht. Ich werde

Speaker:

ihn nie sehr, sehr, sehr, sehr gut kennenlernen, wie so einen guten Freund, aber ich habe jetzt,

Speaker:

keine Ahnung, 20 Stunden mit ihm verbracht und er hat mir sehr viele Sachen gesagt und ich

Speaker:

kann es genau so dir erzählen in einem Text, wie ich dir das gerne erzählen möchte, dass du ein

Speaker:

möglichst gutes und interessantes und faires Bild von dieser Person bekommst. Und weil es für mich

Speaker:

im Schreiben besser geht als in jeder anderen Form, ich kann auch nicht so gut fotografieren,

Speaker:

wie ich schreiben kann und nicht so gut malen, wie ich schreiben kann, nicht so gut singen und

Speaker:

tanzen und reden, ist es einfach die tollste Art und Weise, eine Verbindung herzustellen zwischen

Speaker:

sich und allem anderen, was so da ist. Ganz lieben Dank für die Leute, die uns hören,

Speaker:

die noch nie so viel schreiben oder lesen. Hättest du einen Anfang oder einen Vorschlag,

Speaker:

wo sie damit oder warum sie das machen könnten oder müssten? Versuchen zumindest?

Speaker:

Also, ich glaube, dass das Leben schöner ist, wenn man schreibt und auch nicht nur aus den

Speaker:

Gründen, die ich jetzt gesagt habe, sondern auch, weil es interessanter ist, wenn man etwas so

Speaker:

beschreibt, dass man jemand anderen dafür interessiert. Also mein Beispiel ist eigentlich

Speaker:

immer SMS. Also viele Leute schreiben sehr schlechte SMS, die zerstückeln so, also was ich

Speaker:

zum Beispiel hasse oder WhatsApps, wenn Leute so jede Zeile in eine eigene Nachricht schreiben.

Speaker:

Hallo, abschicken. Wegen morgen abschicken. Ich habe nochmal nachgedacht über, wo wir hingehen,

Speaker:

abschicken. Das zeigt, jemand hat es eilig, ist nicht so aufgeräumt, will halt schnell irgendwie

Speaker:

was sprechen. Das ist auch in Ordnung. Aber was mir total Freude macht, ist auch manchmal mit

Speaker:

meinem Mann oder mit sehr engen Freunden Nachrichten zu schreiben, die uns Spaß machen,

Speaker:

die nicht nur dafür da sind, eine Info hin und her zu schicken, sondern die, wo ein kleiner Witz

Speaker:

drin ist oder wo ein kleines Kompliment drin ist, was man anders ausdrückt als nur, ich liebe

Speaker:

dich oder so. Also es ist doch schön, auch wenn man ein kleines Foto macht, dann muss es ja auch

Speaker:

nicht immer nur sein, was gerade auf dem Tisch steht, sondern das könnte ja auch mal eine

Speaker:

Nahaufnahme von einer Blume sein oder mal ein Lichtreflex an der Wand. Und so kann man auch

Speaker:

Details schreiben, die nicht nur die Abbildung des Offensichtlichen sind. Und das macht Freude.

Speaker:

Also ich glaube auch, Menschen, die nicht professionell schreiben, könnte es Freude

Speaker:

machen. Und ob du eine SMS schreibst oder einen Zeitungsartikel oder ein Buch, am Ende, glaube ich,

Speaker:

ist ganz, ganz grundsätzlich immer die Haltung dahinter, möchte ich so gut machen, wie ich es

Speaker:

kann oder möchte ich es einfach nur irgendwie machen. Und ich finde, im Alltag, wenn man Dinge

Speaker:

so gut macht, wie man sie kann, egal was, fühlt man sich immer viel besser, als wenn man sie nur

Speaker:

irgendwie gemacht hat. Das stimmt. Und sich die Zeit dafür nimmt. Und manchmal dauert es auch

Speaker:

nicht lange. Also weißt du, manchmal sind es vielleicht nur drei, vier Sekunden mehr,

Speaker:

die du dich konzentrieren musst oder die du überlegst, fange ich damit an oder fange ich

Speaker:

damit an. Und das fühlt sich anders an für mich und vielleicht auch für andere.

Speaker:

Ganz lieben Dank. Also wir haben aus meiner Seite, wir hätten noch stundenlang wahrscheinlich

Speaker:

reden können. Vielen lieben Dank. Gibt es einen besonderen Punkt oder eine Frage,

Speaker:

die ich nicht gestellt habe oder irgendwas, die wichtig für dich ist, die du jetzt einfreschen

Speaker:

willst? Also ich würde mich natürlich für dich noch total interessieren. Also ich hätte auch

Speaker:

sehr viele Fragen an dich. Da kommt jetzt die Journalistin durch. Ich finde total toll,

Speaker:

wie du dich interessierst für etwas, was in deinem Leben vielleicht gar nicht so eine große Rolle

Speaker:

spielt. Und mich würde zum Beispiel interessieren, wenn du sagst, du liest viele Bücher, was dir das

Speaker:

bedeutet, Bücher zu lesen? Ich glaube, wenn wir über sowas sprechen, ist es gar nicht so viel

Speaker:

anders, als wenn wir über das sprechen, was wir bisher hatten. Also was magst du an Büchern? Also

Speaker:

liest du Literatur, liest du Sachbücher und warum liest du das, was du liest?

Speaker:

Das ist eine mega spannende Frage. Da freue ich mich richtig drauf. Also ich habe damit

Speaker:

eigentlich wirklich wieder angefangen vor drei Jahren, wo ich einfach Zusammenfassungen von

Speaker:

Büchern gemacht habe. Das heißt, früher habe ich einfach gelesen und dann vergessen und dann weißt

Speaker:

du nicht mehr, was du liest und so. Und das hat mein, also mein Leben okay, aber ich meine,

Speaker:

meine Art zu lesen komplett verändert, weil irgendwann habe ich ein bisschen so die bemerkt,

Speaker:

was lese ich, wie hat es mir gefallen und dann habe ich dann ein bisschen den Weil angefangen

Speaker:

zu haben, zu sagen, okay, ich habe sehr viele Romanen gelesen, ich will ein bisschen Sachbücher

Speaker:

lesen. Und dann habe ich angefangen zu forschen. Das hatte ich nie gemacht vorher. Das heißt,

Speaker:

ich habe immer nur gelesen, was ich gefunden habe. Und ich habe spannende Bücher über Schlafen

Speaker:

gelesen. Krassen Buch, der heißt auf Französisch, Warum schlafen wir? Und dieses Buch eigentlich ist,

Speaker:

man hat für längere Zeit immer gefragt, warum schlafen wir? Weil man so, man kann angegriffen

Speaker:

werden, man versteht man nicht, warum man schläft und so. Und dieser Typ hat gesagt,

Speaker:

ich habe so ein Thesis gemacht, ich weiß leider nicht mehr seinen Namen, so ein Amerikaner. Und

Speaker:

er dachte, ich mache zwei Jahren drauf und gut ist. Und dann schreibt er, ich bin jetzt 20 Jahre

Speaker:

durch und ich bin noch nicht fertig mit all meinen Fragen für Schlafen. Und er ist so

Speaker:

geworden. Und er hat gesagt, eigentlich, wenn man alle Vorteile guckt von Schlafen, die Frage ist

Speaker:

nicht, warum schlafen wir, sondern warum sind wir überhaupt aufgewacht? Und diese acht Bücher zu

Speaker:

schreiben, ich bin so, das ist, also das war eine erste Entdeckung mit Büchern. Das heißt, du hast

Speaker:

Leute, die professionell sind in was sie machen und dann haben dieses Talent extrem gut zu erzählen.

Speaker:

Ich bin so, wie glücklich und dankbar bin ich, wenn jemand sich 20 Jahre mit Schlafen beschäftigt

Speaker:

hat und noch dazu schafft, ein super spannendes Buch zu schreiben. Das ist ein Teil. Und ein

Speaker:

zweiter ist eher diese nicht sachliche Bücher, Romane. Und wir haben in Frankreich, warum auch

Speaker:

immer, eine sehr spannende Frauenszene. Insbesondere, denke ich jetzt an Julia Carnino. Kennst du die?

Speaker:

Kann ich nur empfehlen. Und sie schreibt sehr viel so diese komplett freien Frauen, die durch

Speaker:

die Welt gehen und machen deren Leben ohne diese Sozialkonstrukten. Also ich weiß nicht, wie ich

Speaker:

das erzählen kann, aber sie gibt einen Standpunkt irgendwie von einem Mann durch eine Frau, würde

Speaker:

ich sagen. Das heißt, ohne diese Selbstkontrolle und sowas. Und ich finde, diese Art von Büchern

Speaker:

erweitern komplett ein anderes Teil als Sachbuch. Und es geht eher darum, wie man sich in der Welt

Speaker:

bewegt und sieht und spürt. Und dadurch, also das plus, also ich habe ein Kinder gekauft, muss ich

Speaker:

ehrlich sagen. Aber das heißt, den Buch immer mit mir zu haben unterwegs, hat meinen Konsum von

Speaker:

Büchern komplett geändert. Und die Bücher, die ich lese, haben dann mein Leben wirklich sehr groß

Speaker:

geändert. Und liest du auf Deutsch Bücher oder auf Französisch? Ne, deswegen freue ich mich, dass wir darüber reden, über Zeitungen und alles. Weil ich habe

Speaker:

mich noch nicht getraut, auf Deutsch zu lesen. Das habe ich ein bisschen Angst, muss ich sagen. Mir

Speaker:

würden empfohlen, dieses Am Rand der Welt zu lesen. Ah, Kaffee am Rand der Welt. Genau. Sollte so ein großes, großes

Speaker:

bekanntes Buch in Deutschland sein auf Deutsch. Aber habe ich mich nicht getraut. Wirst du mir

Speaker:

eine empfehlen? Also siehst du, Julia Anders, sie hat Organe jetzt geschrieben. Früher war das

Speaker:

Damen mit Scham. Hatte ich damals auf Französisch gelesen. Ja, okay. Ja, das sind, also das ist

Speaker:

natürlich schwer, was zu empfehlen, weil ich jetzt noch nicht so genau weiß, was du gerne liest. Also

Speaker:

welche Art von Romanen oder welche Autoren. Aber wenn du zum Beispiel, also was ich zum Beispiel

Speaker:

sehr gerne lese, sind auch auf Deutsch natürlich die Bücher von Annie Arnault. Und wenn du die noch nicht alle kennst.

Speaker:

Ich hatte noch nie einer Französisch gelesen. Siehst du? Du hast aber dann auch noch keins auf Deutsch gelesen.

Speaker:

Nee. Achso. Sollte ich auf Deutsch dann lesen? Ja, ich glaube denn, das könnte, also es ist, finde ich, eine sehr gute und beeindruckende Literatur.

Speaker:

Und es ist auch nicht sehr schwer zu lesen. Also ich finde, es ist auf Deutsch, obwohl es ja interessant

Speaker:

und anregend ist, also es ist nicht trivial, es ist in einer Sprache verfasst, die ich als leicht zu erfassen

Speaker:

verstehe. Und das ist eine hohe Kunst, natürlich so zu schreiben. Also das könnte ich mir vorstellen.

Speaker:

Und dann könntest du es ja sogar auch noch auf Französisch lesen und gucken, wie es sich für dich

Speaker:

anfühlt. Also ich verstehe auch andererseits, dass zum Beispiel das Lesen von Literatur ein Genuss ist,

Speaker:

den man sich, und auch ein Geschenk ist, das man sich macht. Und dass das nicht immer auch noch

Speaker:

Arbeit sein soll. Und wenn man in einer fremden Sprache liest, obwohl du wirklich sehr gut sprichst,

Speaker:

ist es natürlich anstrengender, als wenn du es auf Französisch liest. Und ich finde, es muss

Speaker:

auch so etwas, oder für mich jedenfalls, gibt es sowas wie so Zonen der Welt, in denen ich einfach

Speaker:

mit einem Text allein sein will und mich auf den Text konzentrieren will und dabei nicht noch so

Speaker:

eine Arbeit machen will, wie so ein Wort nicht verstehen und das nachgucken. Also wenn du auch

Speaker:

so radikal sozusagen bist, dann ist es vielleicht auch gar nicht nötig, dass du Literatur auf Deutsch

Speaker:

liest. Aber wenn du magst, dann würde ich sagen, könnte das ein ganz guter Anfang sein.

Speaker:

Perfekt, dann nehme ich das mit. Vielen Dank.

Speaker:

Danke dir auch für das schöne Gespräch. Es hat mir sehr große Freude gemacht.

Speaker:

Das freut mich. Ganz lieben Dank. Und für die Leute, die uns zuhören, was denkst du,

Speaker:

was sollen wir denen anbieten? Dass sie uns schreiben, dir besondere Orte anbieten oder

Speaker:

Trends, diese fünf?

Speaker:

Kann ich mir ganz was wünschen von den Zuhörern?

Speaker:

Warum nicht?

Speaker:

Okay, also erstmal natürlich auf Instagram meine Sachen anschauen und drunter schreiben,

Speaker:

also müssen nicht folgen, aber können drunter schreiben, ob sie es mögen oder nicht. Und wenn

Speaker:

sie es nicht mögen, warum nicht, dann kann ich vielleicht noch ein bisschen was mehr verstehen

Speaker:

von Leuten, die das noch nicht so mögen wie du. Und dann, keine Ahnung, also wenn unter den

Speaker:

Zuhörerinnen und Zuhörern jemand ist, der die FAZ oder die Sonntagszeitung der FAZ schon mal

Speaker:

gelesen hat, würde ich mich natürlich auch wahnsinnig freuen, wenn die Person sagt, ob sie

Speaker:

es mag oder wenn nicht, was sie daran nicht mag oder was sie gestört hat. Aber ansonsten freue

Speaker:

ich mich einfach total über die Zeit, die die Leute zugehört haben und bedanke mich schon auch

Speaker:

dafür total herzlich. Das ist ja auch wirklich gar nicht selbstverständlich.

Speaker:

Ja, ganz lieben Dank.

Speaker:

Sehr gerne.

Speaker:

Herzlichen Glückwunsch, ihr habt die ganze Folge bis zum Ende gehört. Ich hoffe, dass ihr unserem

Speaker:

Gespräch genossen habt. Mehr Info findet ihr über das Website www.bernaldetroit.com und die

Speaker:

Instagram-Seite at Bernadetois. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag und bis nächstes Mal. Tschüss!

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