Das Kloster Einsiedeln feiert Bruder Meinrad Eugster, der vor hundert Jahren verstorben ist. Der Seligsprechungsprozess läuft seit 1939. Wer Bruder Meinrad war und was er uns heute zu sagen hat, erzählt Abt Urban.
Weitere Themen dieser Folge:
Bruder Meinrad scheint ja doch ein Mensch gewesen zu sein, der gewachsen ist, also wenn man sein letztes Foto anschaut, hat man das Gefühl, es bricht eine gewisse Zufriedenheit durch, und das kann ich mir nicht vorstellen bei einem Menschen, der verbittert ist, der sich als Opfer sieht von einem anderen Menschen. Da gibt es eine innere Stärke, die er offenbar hatte, die ich aber nicht einfach jetzt jedem Menschen zutrauen kann, wenn Unrecht geschieht. Unrecht muss eigentlich immer bekämpft werden.
Sandra Leis [:Das sagt Abt Urban Federer vom Kloster Einsiedeln. In dieser Podcast-Folge sprechen wir über Bruder Meinrad Eugster. Er lebte im Kloster Einsiedeln und verstarb vor 100 Jahren. Das Kloster feiert ihn das ganze Jahr und hofft auf eine Seligsprechung. Ich bin Sandra Leis und besuche Abt Urban im Kloster Einsiedeln. Herzlich Willkommen zu unserem Gespräch über Bruder Meinrad.
Abt Urban [:Danke vielmals und auch ein herzliches Willkommen an alle, die zuhören.
Sandra Leis [:Wir sind hier gerade neben der Ausstellung zu Bruder Meinrad, also mitten im Geschehen, möglicherweise hören wir auch mal Besucher oder Besucherinnen.
Abt Urban [:Das wäre schön.
Sandra Leis [:Als Abt des Klosters Einsiedeln ist Ihre Agenda eng getaktet. Das merkt man, wenn man einen Termin mit Ihnen sucht. Welche Priorität hat da Bruder Meinrad?
Abt Urban [:Bruder Meinrad ist ein Mensch des Gebets, aber auch ein Mensch der Arbeit und verkörpert für mich deswegen auch die Benediktsregel, die uns sagt, wir sollen beten und arbeiten.
Sandra Leis [:Also von dem her ist er Ihnen immer ein Stück weit gegenwärtig in Ihren Tätigkeiten.
Abt Urban [:Er ist mir eigentlich in einem ganz anderen Punkt ein grosses Vorbild und in dem Sinn auch Inspiration. Für mich ist er ein Mensch der Dankbarkeit. Und Dankbarheit fehlt mir oft in der heutigen Gesellschaft. Ich versuche es selbst immer wieder einzuüben, dankbar zu sein.
Sandra Leis [:Lassen Sie uns kurz schildern, wer dieser Bruder Meinrad gewesen ist. Ich fasse die wichtigsten Punkte zusammen für die Menschen, die ihn noch nicht kennen. Geboren 1848 im St. Galler Rheintal in einer Großfamilie. Er musste früh in die Fabrik und dort arbeiten, um auch das Studium seiner zwei älteren Brüder mitzufinanzieren. Er wäre selber gerne auch Priester geworden, doch dafür reichte das Geld nicht. Er lernte dafür Schneider, also er ist ein gelernter Schneider und trat als solcher dann auch später ins Kloster Einsiedeln ein. Hier lebte er 50 Jahre lang und war verantwortlich für die Klosterschneiderei. Und schließlich, am 14. Juni 1925 vor 100 Jahren, starb er mit 77 Jahren hier im Kloster. Das ist eigentlich ein unspektakuläres Leben. Abt Urban, weshalb ist diese Figur, dieser Mensch, trotzdem für viele andere Menschen ein Vorbild?
Abt Urban [:Vielleicht sollte man noch einmal zurückgehen in die Zeit nach seinem Tod. Er stirbt in der Zwischenkriegszeit, und der Ruf, dass er ein Heiliger ist und auch als solcher verehrt werden soll, der kam nicht etwa aus dem Kloster, sondern vom Volk. Die Menschen haben gesagt, den wollen wir. Also nicht etwa den Abt oder so, sondern diesen einfachen Bruder Meinrad. Das Ganze kam eigentlich in Fahrt 1939. Und ich glaube, das sagt ja schon viel über die Zeit. Einzelne Menschen, gerade auch in Europa, tun sich hervor und sagen «Mir nach, das ist die Rettung. Ich bringe euch quasi das Glück.». Falsche Heilsversprecher können wir natürlich im Nachhinein auch sagen. Und dass da so ein Mensch kommt, von dem man eigentlich sagen muss, sein Lebensinhalt oder seine Botschaft ist zuerst einmal nichts, weil er gar nichts Spezielles gemacht hat. Das ist so wie eine Antifolie gegen all das, was während des Zweiten Weltkriegs uns regiert hat. Also vor allem ausserhalb der Schweiz. Und heute frage ich mich, 100 Jahre später: Ist es nicht wieder eine ähnliche Situation? Überall werden Grenzen hochgefahren, alles spricht von «Me first» oder das eigene Land, man kreist um sich selbst und da kommt so ein Bruder oder sein Jubiläum, der sagt, nein «You first». Er war vor allem für andere da, darum haben die Leute ja auch begonnen, ihn zu verehren.
Sandra Leis [:Sie selber haben Brüder gekannt, die mit ihm hier zusammengelebt haben. Was haben diese Brüter über Bruder Meinrad Ihnen erzählt? Was war also das Typische für ihn hier im Klosterleben?
Abt Urban [:Lustigerweise, dass er eben nichts Spezielles war. Ich kann mich an einen Mitbruder erinnern, der ist dann leider mit 99 gestorben. Wir wollten seinen 100. Geburtstag feiern. Und der hat vom Bruder Meinrad erzählt. Und er hat gesagt, als ich ihn gefragt habe, ja, wie war das, mit dem zusammenzuleben? Ja, nichts Spezielles. Der sei einfach immer dankbar gewesen.
Sandra Leis [:Auf der Webseite, es gibt ja eine bestimmte Webseite für Bruder Meinrad, auf dieser Webseite ist zu lesen, ich zitiere kurz: «Bruder Meinrad ist einer jener Menschen, die nichts Außergewöhnliches getan haben, aber das Gewöhnliche mit einer außergewöhnlichen Liebe.» Können Sie dafür ein Beispiel erzählen? Was ist diese außergewöhnliche Liebe?
Abt Urban [:Sie haben bereits gesagt, er ist als Schneider eingetreten, also das heisst, zuerst suchte er eigentlich den Beruf, er hatte aber natürlich auch ein religiöses Verlangen, hatte immer eine grössere Liebe dann zum monastischen Leben, also zum Mönchsleben, trat dann wirklich ein, übernahm diese Schneiderei, und da kam ein Jüngerer, und in seinen Augen war der besser, geschickter. Und ich finde das eigentlich großartig, dass der sich sagte, der soll doch die Leitung der Schneiderei übernehmen. Ich kann ja weiter hier arbeiten. Also er hat immer wieder auf andere hingewiesen und in ihnen das gefördert, was er als fördernswert anschaute und hat sich selbst zurückgenommen, ohne in eine Opferrolle hineinzukommen, ohne zu verbittern im Sinne von, mich sieht ja niemand. Man sieht, dass auch bei anderen Gelegenheiten: Seine Art der Seelsorge war, Briefe zu schreiben. Ich weiss nicht, heute würde er vielleicht mit WhatsApp arbeiten, ich weiss es nicht. Er hat Briefen geschrieben und hat immer wieder Leute ermutigt, das, was in ihnen angelegt ist, ihre Charismen zu entdecken und zu entfalten.
Sandra Leis [:Sie haben vorhin das Jahr 1939 erwähnt, wo dieser Seligsprechungsprozess angelaufen ist. Es ist ja so, wie Sie es gesagt haben, die Menschen sind auf das Kloster zugekommen und haben gesagt, wir möchten, dass das in die Wege geleitet wird. Das bedeutet doch aber auch Umstände fürs Kloster, auch Kosten. Wie war denn das Kloster plötzlich überzeugt, dass sie das machen wollen, bei einem Bruder, der jetzt nicht so außergewöhnlich gewesen ist?
Abt Urban [:Es ist natürlich nicht so, dass er in Kloster drin nicht bekannt gewesen wäre, als ein liebenswerter Mitbruder, als ein Mitbruder, den man gerne hatte. Das sieht man übrigens auch in dieser Ausstellung. Es gibt so Fotos, wo man das Gefühl hat, gerade die Jüngeren hatten den so richtig gerne. Das war so ein väterlicher Mensch, und man hat das dann mitgemacht, weil man schon wusste, dass hier ein spezieller Mensch gestorben ist. Aber auf der anderen Seite sagen wir uns im Kloster auch immer wieder, man kennt sich schon sehr gut, wenn man so als Gemeinschaft zusammenlebt. Im Kloster wäre man wahrscheinlich nicht auf die Idee gekommen, denn man lebt eben zusammen und kennt auch die Ecken und Kanten jedes Mitbruders. Und wenn dann die Leute von aussen kommen, ist das so wie ein bisschen ein Spiegel, der uns sagt, okay, vielleicht haben wir das gar nicht so in dieser Tiefe gesehen. Dass der so wirkt und so wahrgenommen wird von den Menschen.
Sandra Leis [:Dieser Seligsprechungsprozess wurde also in die Wege geleitet. Und 1960, da hat Papst Johannes XXIII. ihm den Titel «Ehrwürdiger Diener Gottes» verliehen. Das ist wie eine Auszeichnung. Seither ist eigentlich nicht mehr viel passiert oder es stagniert oder der Prozess, der schläft, denn es braucht noch ein Wunder. Ein Wunder, das man medizinisch nicht erklären kann, das muss man vielleicht noch präzisieren. Aber Abt Urban, wie soll denn heute noch ein Wunder geschehen, jetzt wo er seit 100 Jahren tot ist? Ist das nicht auch ein Stück weit Aberglaube?
Abt Urban [:Ich finde die Frage gut, ich finde sie sogar sehr gut, wenn es um Bruder Meinrad geht. Ich bin mir nicht sicher, wie groß seine Freude wäre, wenn wir jetzt erwarten, dass auf seine Fürbitte ein Wunder passiert. Er war eben einer, der immer auf andere verwiesen hat. Ihm war es eher ein bisschen peinlich, ihn in den Mittelpunkt zu stellen. Man kennt eigentlich Bruder Meinrad nur aus Fotos von Gruppen. Bis auf ein letztes Portrait, das berühmteste, das auch in unserer Klosterkirche über seinem Grab hängt, und man musste ihn fast ein bisschen zwingen vor die Kamera, weil er das nicht gerne hatte. Also, das Wunder, ich kann diesem Wunder insofern etwas abgewinnen, als dass es dafür steht für Gott, der der Eigentliche ist, der das Wunder des Lebens hervorbringt. Ein Wunder hat seit jeher eigentlich ein bisschen das Ziel gehabt, einen Heiligen, eine heiligmäßige Person, nicht nur als Vorbild hinzustellen, sondern ihm zu sagen, aber der letzte Schritt oder das letzte Wort liegt bei Gott, dem eigentlich Heiligen. Und von dem her hat man darauf gewartet, gibt es etwas, was Gott wie durch ein Zeichen zeigt, doch, dieser Mensch war gut. Aber klar, nur weil er bei Gott ist, es ist so ein Wunsch, ein Glaube, dass ein Mensch bei Gott ist und weil wir füreinander beten können, dass er dann auch Fürbitte für uns einlegt. Aber wie gesagt, ich weiss gar nicht, ob es nicht vielleicht so lange gedauert hat, weil Bruder Meinrad das nicht als sein erstes Ziel anschaut, wenn ich das so menschlich sagen darf. Warum aber heute? Ich denke, das hat einfach auch mit dem Vertrauen der Leute zu tun. Das ist nie abgebrochen. Wir haben auch viele Rückmeldungen aus den USA, weil Einsiedeln in den USA einige Töchter- und Enkelklöster hat, wie wir dem sagen, und er dort einen gewissen Bekanntheitsgrad hat. Es gibt immer wieder Menschen, die kommen ein erstes Mal nach Einsiedeln und finden dann erst den Weg zu ihm. Es könnte ja heute noch passieren, dass jemand das Gefühl hat, der hat mir jetzt echt geholfen.
Sandra Leis [:Genau, auch das Kloster Einsiedeln forciert das auch. Also wenn man die Webseite liest, da gibt es klare Aufforderungen. Man soll sich melden, wenn man eine Gebetserhöhung hat. Also man hat schon den Eindruck, dass das Kloster sehr, sehr interessiert ist, dass Bruder Meinrad jetzt selig gesprochen werden könnte.
Abt Urban [:Man hatte irgendwie jetzt das Gefühl, bei diesem 100. Geburtstag, die letzten Jahrzehnte, wurde es eher still um diese Frage, nicht um Bruder Meinrad, weil man hat immer Leute an seinem Grab gesehen, und das ist ja das Wichtigste, dass die Leute Vertrauen finden, dass sie zu sich selbst finden, aber man hatte jetzt das Gefühl, ja also, wenn wir schon so lange dran sind, könnten wir jetzt das Ganze ein bisschen vorwärts bringen, aber auch da: Es hängt von den Leuten ab, es hängt nicht von uns ab.
Sandra Leis [:Ob sie sich melden und sie sollen es auch weitersagen und so weiter. Aber Sie persönlich, glauben Sie, dass das möglich ist durch eine Fürbitte an Bruder Meinrad, dass dann noch ein Wunder geschehen kann?
Abt Urban [:Bei Gott ist alles möglich, das glaube ich, ja. Was ich manchmal ein bisschen schade finde, aber das ist halt medizinisch schwierig, gerade er, der so vielen Menschen geholfen hat, psychisch gesund zu sein oder gesund zu werden, wäre es ja mal interessant, ein medizinisches Wunder nicht auf den Körper zu beschränken, sondern ja, so etwas ähnliches wie die Aussage eines Menschen dann hineinzunehmen, ich bin frei geworden, ich kann wieder atmen und so weiter, aber das ist so schwer nachzuweisen, dass das eigentlich nach meinem Wissen, aber ich bin jetzt hier nicht Spezialist, keine grosse Rolle spielt.
Sandra Leis [:Das sind eigentlich schon medizinische und nicht psychische Wunder, auf die man hofft. Also die Selig- und dann später noch die Heiligsprechung von Menschen ist ja in der Geschichte des Christentums auch heftig kritisiert worden. An erster Stelle natürlich vom Reformator Martin Luther. Er hat gesagt, die Funktion der Heiligen als Mittler zwischen Gott und den Menschen, die müsse man ablehnen. Wie stehen Sie zu dieser Kritik?
Abt Urban [:Ja, von der Bibel her ist es eigentlich klar: Es gibt nur einen Mittler, das ist Jesus Christus. Und alles andere ist in diesem Mittler drin. Ich sehe uns als eine grosse Familie, wo ich auch jeden Tag übrigens für Menschen, die zu mir kommen und ihre Sorgen erzählen, dann bete ich für sie. Damit habe ich aber nicht den Anspruch, dass ich der Mittler bin, nur weil ich jetzt im Abt von Einsiedeln bin. So, und ich bete einfach, weil die Leute fragen, ob ich für sie beten kann. Und das tue ich gerne. Was damit geschieht, das überlasse ich diesem einen Mittler, Jesus Christus. Und so sehe ich auch die Heiligen. Ich denke mir tatsächlich, bei Gott kommt alles zusammen. Wenn wir sagen, Vater unser oder unser Vater im Himmel. Der Himmel ist dort, wo Gott ist. Ich glaube, dass ein Bruder Meinrad im Himmel, also dort, wo Gott ist, da kann er weiterhin Fürbitte leisten, wenn ich das mal so sagen darf. Aber nicht im Sinne, dass er an Stelle von Jesus Christus tritt. Das ist Gott überlassen, was er als heilig anschaut und was nicht.
Sandra Leis [:Für das Kloster Einsiedeln ist Bruder Meinrad auch ohne Seligsprechung wichtig. Das merkt man, wenn man hierherkommt, sich die Ausstellung anschaut. Das ist das eine, was es gibt in diesem Jahr, auch mit Objekten. Es gibt eine hübsche Nähmaschine, es gibt eine Zelle, die man sich anschauen kann, wie er wahrscheinlich gelebt hat damals. Es gibt einen Film, den man auch hier sehen kann, aber auch auf der Webseite. Und was ich schön finde, es gibt jeden Monat immer am 14., weil der 14. Juni ja dann sein 100. Todestag ist, also jeden Monat am 14. gibt es Impulse von den Mönchen, die hier leben, zum Beispiel «Demut und Dankbarkeit» oder «Weihe und Heiligkeit», das sind immer solche Themen. Mich würde ja noch wunder nehmen, wie groß ist da der Publikumsandrang, weil Sie geben sich ja da richtig Mühe, was zu machen.
Abt Urban [:Wie viele Leute kommen, das ist sehr unterschiedlich. Am Anfang des Jahres in Einsiedeln, wenn es kalt ist, kommen nicht so viele Leute. Jetzt kommen natürlich schon mehr, und ich denke mir, dass am 14. Juni, dem eigentlichen Todestag, dann schon sehr viele Leute kommen. Wir können natürlich durch diese Ausstellung auch nicht mit Hunderten von Leuten gehen. Also wir sind dankbar, wenn so 50 oder so dabei sind. Es geht ja nicht darum, dass wir viele Leute quasi durchschleusen, sondern dass einige, die sich die Zeit nehmen können, etwas von dieser Botschaft mitbekommen. Und die Botschaft ist das Wichtige und nicht Bruder Meinrad. Ebenso Fragen, die ich mir ja selber stelle. Was heisst Dankbarkeit heute? Und nicht, wie hat sie Bruder Meinrad gelebt? Er kann mich inspirieren, aber ich möchte sie gerne heute leben.
Sandra Leis [:Wenn Sie das zusammenfassen müssen und auf den Punkt bringen müssten, neben der Dankbarkeit, was ist das Wichtigste, was ihn auszeichnet, was uns heute ein Vorbild sein kann?
Abt Urban [:Wir haben sein Leben, wir haben den Film über sein Leben unter den Titel gesetzt «Ein Leben für die Ewigkeit». Das hat für mich etwas unglaublich Entlastendes. Wir sind ja heute immer so im Stress drin. Es kommt alles auf mich drauf an. Ich bin am Organisieren, und Sie haben mich auf meine Agenda angesprochen. Es ist alles durchgetaktet, und wenn ich nicht noch das und jenes wahrnehme, dann bricht quasi die Welt zusammen.
Sandra Leis [:Alles muss optimiert sein.
Abt Urban [:Ja, und alles muss optimal und optimiert sein. Und Bruder Meinrad, der das ja nicht konnte, weil er nicht so öffentlich wirksam war, hat mehr im Augenblick gelebt. Und wenn wir von Ewigkeit sprechen, denken wir nicht an eine Zeit nach dem biologischen Tod, als würde dann die Uhr einfach weiterlaufen. Ewigkeit ist dort, wo Gott ist. Das habe ich vorher vom Himmel schon gesagt, weil Er, der Ewige, ist Gott. Und das gibt für mich so eine Entlastung. Die Ewigkeit ist die Grundlage, auf der ich stehe und wo ich weiß, es kommt auf mich drauf an, weil Christentum immer konkret durch Menschen gelebt wird, aber es hängt nicht alles von mir.
Sandra Leis [:Ich habe den Film auch gesehen, und eine Szene ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben. Bruder Meinrad war eben einerseits Schneider, aber er hat auch im Speisesaal mitgearbeitet, hat da geholfen, und da hatte er einen Vorgesetzten, der ihn wirklich, also heute würde man sagen, gemobbt hat. Also er hat ihn da öffentlich zurechtgewiesen, massiv zurechtgewiesen, und dann heißt es im Film, auch diese Beschimpfungen habe er mit Demut und Dankbarkeit getragen. Was heißt das für Sie? Also heißt denn das, dass diese Leidensmystik, die da fast ein bisschen anklingt, muss man für das noch dankbar sein? Also wenn man so, ja, gepiesackt, gemobbt wird. Ist das nicht ein bisschen übertrieben?
Abt Urban [:Ich habe Ihnen vorher gesagt, im Kloster sei es ein bisschen schwieriger, jemanden so quasi als Heiligen anzuerkennen, weil man ja zusammen lebt und damit auch die Kanten voneinander kennenlernt. Das war jetzt so eine Kante, wo sogar in der damaligen Zeit, das ist ja doch schon vor mehr als 100 Jahren, Leute gesagt haben, ja also steh mal auf und wehre dich und danke nicht für alles. Also das konnte ja auch nerven, sagen wir es mal so. Ich glaube, es hat auch Mitbrüder gegeben, die haben das nicht verstanden, und ich würde das ja auch nie als Rezept rausgeben. Ich bin selber Lehrer: Ich würde meinen Schülerinnen und Schülern nie sagen, dankt für Leute, die euch plagen. Es kann nur einzeln angeschaut werden. Also Bruder Meinrad konnte offenbar mit dem leben. Er wollte das so, und es hat seine Früchte tatsächlich gezeigt. Als dieser Bruder dann auf dem Sterbebett lag, liess er eigentlich niemanden mehr an sich heran, mit Ausnahme dieses Bruders, den er ja eigentlich sehr lange gequält hat, sagen wir es mal so. Diesen Bruder Meinrad, der war plötzlich dann seine Vertrauensperson. Bruder Meinrad hat ihn gewonnen, durch sein ganz natürliches Sein, durch seine Dankbarkeit. Aber da würde ich sagen, kann ich ihn nicht einfach als Vorbild hinstellen, denn man darf sich auch wehren.
Sandra Leis [:Also das ist durchaus Ihre Meinung.
Abt Urban [:Das ist nicht nur meine Meinung, ich denke, das ist biblisch. Also wenn man Jesus anschaut, das war ja kein Softie. Der konnte auch einmal in einen Tempel rein, alles kurz und klein schlagen und sagen, so nicht. Auf der anderen Seite tatsächlich auch diese Seite von ihm, wir hätten uns vielleicht gewehrt. Er hätte ja am Palmsonntag aufstehen können im Sinne von, es sind genügend Leute in der Stadt, die sich jetzt für mich wehren. Lasst uns losschlagen gegen die Römer, das wollte dann Jesus aber auch nicht. Er wollte seine Botschaft der Liebe nicht verraten. Das ist eine Gratwanderung. Ich wäre wahrscheinlich von meinem Charakter her eher auf der Seite der Tempelreinigung, wie man diese Szene nennt. Bruder Meinrad war jetzt eher auf Seite des «Ich will diese Botschaft nicht verraten». Jeder Mensch muss hier selber seinen, ihren Weg suchen. Aber sicher ist, es braucht Stärke. Das ist nicht Schwäche, das ist Stärke, wenn man hinstehen kann, um es biblisch zu sagen, mal auch auf die andere Wange eine zu kriegen. Aber nicht weil man überall einfach nur einsteckt, sondern weil man stark sein kann.
Sandra Leis [:Vielleicht auch etwas aushalten kann.
Abt Urban [:Weil man etwas aushalten kann, ja das ist gut. Es gäbe auch die krankhafte Art des Aushaltens. Und das hätte man aber gemerkt. Bruder Meinrad scheint ja doch ein Mensch gewesen zu sein, der gewachsen ist. Also wenn man sein letztes Foto anschaut, hat man das Gefühl, hier bricht irgendwo durch die ganze Zurückhaltung, er wollte hier nicht auf diesem Foto sein, aber es bricht eine gewisse Zufriedenheit durch. Und das kann ich mir nicht vorstellen bei einem Menschen, der verbittert ist, der sich als Opfer sieht von einem anderen Menschen. Da gibt es eine innere Stärke, die er offenbar hatte. Die ich aber nicht einfach jetzt jedem Menschen zutrauen kann, wenn Unrecht geschieht. Unrecht muss eigentlich immer bekämpft werden.
Sandra Leis [:Vorhin haben wir es schon erwähnt, die Briefe, die sind überliefert, und die meisten hat er unterzeichnet mit «Ihr stets dankbarer Bruder Meinrad».
Abt Urban [:Das ist nicht eine aufgesetzte Dankbarkeit. Er kann das auch schreiben, wenn er vorher jemandem geschrieben hat, ich verstehe deine Situation. Es gibt einen Briefwechsel mit einem Mann, der war eine Zeit lang im Kloster und ist dann ausgetreten und hat offenbar seinen Weg so nicht mehr einfach gefunden. Und Bruder Meinrad kannte ihn, hatte in einer Zeit, wo Scheidungen und Austritt und so weiter, das waren alles Tabuthemen, da hat man nicht darüber gesprochen. Bruder Meinrad hatte den Mut, dem zu schreiben und ihm auch zu sagen, ich sage es jetzt mit meinen Worten, ich kenne dich doch, du hast diese und diese Eigenschaften, darauf müsstest du bauen, da kommst du weiter und konnte so eigentlich einem über den Brief-Weg Mut machen, seinen eigenen Weg weiterzugehen.
Sandra Leis [:Bruder Meinrad soll ja eben auch bekannt gewesen sein für seine Empathie, wie Sie es jetzt gerade geschildert haben. Das soll ein weiterer Charakterzug von ihm gewesen sein.
Abt Urban [:Ich glaube, das ist auch der Grund, warum dann die Leute schlussendlich gesagt haben, das ist ein Heiliger. Die kannten ihn schon auch, weil zum Beispiel, bevor er eingetreten ist, kam er ja als Schneider hierher und ist dann in den Gesellenverein eingetreten. Da kannte man ihn eigentlich als leutseligen Menschen, der gerne mit Menschen unterwegs war und das Empathische, das hat offenbar sein Leben durchgetragen und kam bei den Leuten immer auch so an. Auch, indem er Trost spenden und Rat spenden konnte, eigentlich wie sein Namenspatron, der Heilige Meinrad, der im neunten Jahrhundert hier in Einsiedeln gelebt hat und als solches bekannt wurde.
Sandra Leis [:Und das Kloster eigentlich begründet hat, oder?
Abt Urban [:Er wollte nicht ein Kloster gründen, aber an seinem Ort, wo er gelebt hatte, da ist die heutige Gnadenkapelle, die Kapelle der Schwarzen Madonna, da ist dann nachher das Kloster entstanden. Es gibt also den Heiligen Meinrad, der am Ursprung von Winsiedeln liegt. Der ist schon heilig. Damals brauchte es noch nicht einmal ein Wunder. Und heute Bruder Meinrad, der vor 100 Jahren gestorben ist.
Sandra Leis [:Sie haben einen Mitbruder, nämlich Alexander Schlachter. Er kümmert sich sehr intensiv um Bruder Meinrad. Und ich habe gelesen, dass er 36’000 Gebetserhörungen gesammelt hat. Haben Sie die auch gesehen?
Abt Urban [:Nein, so kann ich das nicht sagen. Ich kenne natürlich die Ordner, er hat mir die alle gezeigt.
Sandra Leis [:Das muss ja ganz viel sein.
Abt Urban [:Genau, das sind ganz viele. Man sieht sie übrigens zum Teil auch in diesem Film. Und das, was ich eigentlich spiegeln kann, ist mehr, was er erzählt. Also Bruder Alexander kennt natürlich die Inhalte dieser Botschaften, was die Leute uns weitergeben. Und er sieht das Vertrauen. Und ich glaube, das ist mir das Wichtigste. Das Vertrauen, das die Leute haben. Natürlich kann man sagen, Vertrauen hat man in erster Linie in Gott, Vertrauen hat man in erster Linie in Jesus Christus. Das ist manchmal für Menschen aber ein bisschen abstrakt, und wenn man einen anderen Menschen hat, von dem man das Gefühl hat, der oder die, die strahlt etwas von diesem Gott schon aus, es ist wie ein Fenster auf diesen Gott, dann kann das Vertrauen noch stärker werden. Das kommt aus diesen Rückmeldungen, die wir bekommen sehr stark heraus: das Vertrauen, das Menschen haben, wenn sie mit Bruder Meinrad in Kontakt sind oder waren, in Gott.
Sandra Leis [:Ja, das ist schön gesagt, weil ich muss Ihnen sagen, meine Oma war sehr, sehr katholisch und hat dann für verschiedene Anliegen verschiedene Heilige gehabt, die sie dann angerufen hat. Also wenn irgendwas war, dachte sie, genau, da muss der her oder der, und das ist ja bei Bruder Meinrad, es ist noch kein Heiliger, aber das ist bei ihm ja nicht so, also er steht ja nicht für Verluste oder irgendwas, sondern vielleicht für Dankbarkeit, für die Ewigkeit, seine Botschaft ist eine übergeordnete.
Abt Urban [:Was ich übrigens noch betonen möchte, ich finde das nämlich spannend. Sie haben vorher von der reformatorischen Kritik am Heiligenkult gesprochen. Der Film, den man ja auch auf YouTube anschauen kann, der wurde von Reformierten gemacht, nicht von katholischen Leuten. Und ich finde das insofern spannend, dass ich sie am Anfang gefragt habe, ja wollt ihr das wirklich, ist das eure Welt? Und sie haben sich herangetastet. Darum hat dieser Film vielleicht auch den Vorteil, dass Menschen, die sich zuerst fragen mussten, ja, was heisst das denn eigentlich, ein Heiliger, eine Heilige zu sein oder wenn Leute wollen, dass jemand heilig oder selig gesprochen wird, die haben sich da richtig herangetastet, und das finde ich eigentlich extrem spannend für die heutige Zeit, dass Reformierte einen Film über einen Bruder machen, von dem die Leute sagen, der ist heiligmäßig.
Sandra Leis [:Zum Schluss unseres Gesprächs: Jemanden selig sprechen kann ja nur der Papst. Glauben Sie, dass Papst Leo XIV., also unser neuer Papst, dass er Bruder Meinrad eines Tages selig spricht?
Abt Urban [:Gott sei Dank sagen Sie eines Tages, denn ich denke, Papst Leo hat im Moment andere Probleme. Der muss sich jetzt, glaube ich, in seiner neuen Aufgabe zuerst finden. Mir ist in erster Linie wichtig, dass Menschen Orte und Zeiten haben, wo sie zu sich kommen können, wo sie die Heiligkeit Gottes spüren. Wo sie merken, dass sie selber eine Berufung haben, dass sie selber Charismen haben, die sie entfalten können. Und ich bin überzeugt, dass Einsiedeln ein solcher Ort ist. Von dem her, Einsiedeln ist schon solch ein Ort, wo ganz viele Menschen herkommen. Während des Jahres kommen 800’000 bis eine Million Menschen in diese Klosterkirche rein. Ich möchte daran arbeiten, dass Einsiedeln das bleibt. Bruder Meinrad ist für mich ein weiteres Element, das vielen Menschen helfen kann. Zu diesem christlichen Leben selbst heilig zu werden, weil Heiligkeit ist eigentlich die Taufgnade, das ist das Geschenk Gottes an jede Person, die diesen Weg gehen möchte. Dieser Meinrad kann helfen, dass das Menschen spüren und entdecken. Ich bin überzeugt, wenn das noch bekannter wird, dass dann auch Rom und schlussendlich der Papst sagen: Okay, das ist ein guter Mensch, der dieses Anliegen unterstreichen kann. Aber nicht Bruder Meinrad steht für mich dafür im Mittelpunkt, sondern die Menschen, die hierherkommen.
Sandra Leis [:Das heisst, Sie gehen jetzt nicht nach Rom und versuchen, Leo XIV. dazu zu bewegen. Also ihr Vorgänger, der ehemalige Abt Martin Werlen, der war mal in Rom, weil er gedacht hat oder überzeugt war – das war 1998 –, er hätte jetzt ein solches Wunder, aber irgendwie hat es dann doch nicht geklappt.
Abt Urban [:Ja, also wenn man natürlich etwas Konkretes hat, dann würde ich natürlich dann auch gehen. Das ist klar. Aber nicht, dass ich dem jetzigen Papst als erstes aufgebe, was er in Einsiedeln und für Einsiedeln zu tun hat. Der soll jetzt für die Weltkirche schauen, den Petrusdienst wahrnehmen, nämlich Stärke deiner Schwestern und Brüder.
Sandra Leis [:Abt Urban, vielen herzlichen Dank für Ihre Gedanken und Einschätzungen zu Bruder Meinrad.
Abt Urban [:Ich danke für Ihr Interesse. Danke.
Sandra Leis [:Das war die 49. Folge des Podcasts «Laut + Leis». Zu Gast war Abt Urban Federer vom Kloster Einsiedeln. Wir haben über Bruder Meinrad gesprochen. der Laienbruder ist vor hundert Jahren verstorben und wird eines Tages vielleicht selig gesprochen. Über Feedback freuen wir uns, schreibt gerne per Mail an [email protected] oder per WhatsApp auf die Nummer 078 251 67 83. Und abonniert den Podcast und bewertet ihn positiv, wenn er euch gefällt. In der nächsten Folge geht es gleich nochmals in ein Benediktinerkloster. Ich besuche Pater Anselm Grün in der Nähe von Würzburg. Mitte Januar konnte der Bestsellerautor seinen 80. Geburtstag feiern. Wir werden über seinen Lebensweg sprechen, über das Alter, über Erfolg und Spiritualität und über das, was letztlich zählt im Leben. Bis in zwei Wochen und bleibt laut und manchmal auch leise.