Sie hat als römisch-katholische Theologin die Offene Kirche Elisabethen in Basel geleitet und ist dank Auftritten in der TV-Sendung «Wort zum Sonntag» und ihren Radiopredigten weit über das Bistum Basel hinaus bekannt. Nach ihrer Pensionierung wechselte Monika Hungerbühler zur christkatholischen Kirche.
Die Themen dieser Folge:
Monika Hungerbühler [00:00:02]
Ich habe ein ganzes Berufsleben lang, habe ich mich in der römisch-katholischen Kirche engagiert und überall, wo ich auch wieder neu in eine Gruppe oder Organisation dazukomme, habe ich den Eindruck, ich muss wieder von vorne beginnen. Und in der christkatholischen Kirche ist es nicht ganz so, aber ich habe doch den Eindruck, da müsste mehr möglich sein, was die ganze Liturgie anbelangt und so weiter. Und die ganze Weiterentwicklung der Struktur.
2
:Sandra Leis [00:00:35]
Das sagt Monika Hungerbühler. Sie gehört zu den prominenten Theologinnen der Schweiz, leitete 13 Jahre lang die Offene Kirche Elisabethen in Basel und hat sich ein Leben lang für mehr Gerechtigkeit eingesetzt. Und sie hat sich regelmäßig und öffentlich stark gemacht für Reformen in der römisch-katholischen Kirche. Nach ihrer Pensionierung ist sie zur christkathodischen Kirche konvertiert. Wie es zu diesem Schritt gekommen ist, wie sie auf ihr Berufsleben im Bistum Basel zurückschaut und was sie heute macht, darüber spreche ich jetzt dann gleich mit Monika Hungerbühler. Denn anders als in der letzten Podcast-Folge angekündigt, debattieren wir heute nicht über den Unterschied von kirchlichen und freien Zeremonien, denn einer der beiden Gäste liegt mit Grippe im Bett. Dafür bin ich jetzt bei Monika Hungerbühler und besuche die Theologin in ihrem Zuhause in Basel. Frau Hungerbühler, herzlich Willkommen zu unserem Gespräch und vielen Dank für Ihre Flexibilität.
3
:Monika Hungerbühler [00:01:40]
Auch vielen Dank.
4
:Sandra Leis [00:01:41]
Ein Jahr nach Ihrer Frühpensionierung sind Sie zur christkatholischen Kirche konvertiert. Und das wurde erst kürzlich öffentlich bekannt, warum dieser stille Abgang?
5
:Monika Hungerbühler [00:01:55]
Ich habe meine Entscheidung nicht verborgen, aber ich habe sie auch nicht jetzt politisch groß gemacht. Sondern ich habe aus zwei Gründen diesen Schritt vollzogen. Einerseits weil ich familiär mit der christkatholischen Kirche immer schon verbunden war. Meine Urgroßmutter, Großmutter und Mutter, sie waren Christkatholikinnen. Und dann kam natürlich schon auch eine gewisse Müdigkeit und ein gewisser Frust, vielleicht auch Wut manchmal auf die Unbeweglichkeit der Struktur und der römisch-katholischen Kirche dazu.
6
:Sandra Leis [00:02:39]
Sie haben Ihren Wechsel also nicht an die grosse Glocke gehängt, wollten Sie damit auch jemanden schützen?
7
:Monika Hungerbühler [00:02:46]
Ja, vor allem ich wollte, glaube ich, jetzt dieses Mal vor allem mich selbst schützen. Ich hatte nach der Pensionierung eigentlich einen Übergang in ein ruhigeres Leben, und ein Jahr nach meiner Pensionierung war ich in einem anderen Modus und nicht mehr so, was soll ich sagen, kämpferisch unterwegs. Ich habe für mich entschieden, ich habe viel gemacht, ich habe Gutes gemacht, ich habe meine Position dargelegt. Und jetzt wollte ich diesen Schritt nicht an die große Glocke hängen. Ich habe das dem Bischof und allen meinen Vorgesetzten auch so geschrieben.
8
:Sandra Leis [00:03:31]
Sie waren ja auch weit über Basel bekannt. Sie haben die Sendung «Wort zum Sonntag» mehrfach gestaltet. Sie haben Radiopredigten gehalten. Also Sie waren wirklich bekannt. Schweizweit hätte das auch zu großer Aufruhr geführt. Also wollten sie ein Stück weit vielleicht auch die katholische Kirche, die römisch-katholischen Kirche schützen, weil es ja doch auch Ihre Arbeitgeberin war über 35 Jahre, wenn ich das richtig zusammengezählt habe.
9
:Monika Hungerbühler [00:03:58]
Das kann vielleicht schon mitgespielt haben, dass ich wirklich auf ein erfülltes und gutes Berufsleben zurückschaue. Aber in dem Sinn schützen muss man diese römisch-katholische Kirche nicht. Ich meine, es sind jetzt so viele Jahrzehnte oder auch Jahrhunderte an Schwierigkeiten liegen offen auf dem Tisch, und trotzdem bewegt sich immer noch zu wenig von mir aus.
10
:Sandra Leis [00:04:27]
den wir kurz zurück ins Jahr:
11
:Monika Hungerbühler [00:05:08]
Nein, ich bin im Gegensatz zum Beispiel zu Doris Strahm ja Angestellte gewesen, immer in der römisch-katholischen Kirche. Mich hat es aber gedünkt, es geht nicht, dass wir Kolleginnen und Kollegen von Doris Stramm und auch Regula Strobel einfach dazu schweigen. Es hat mich wieder einmal sehr, sehr tief geschmerzt. Ich musste auch diesen Schmerz oder diese Wut auch immer ein bisschen unterdrücken. Ich habe mich auch immer in einem ununterbrochenen Dilemma gefühlt. Ich habe gesehen, ja, Doris Strahm war viele Jahrzehnte solidarisch mit uns kämpfenden Frauen und Männern in der römisch-katholischen Kirche, die sich für Reformen eingesetzt haben. Aber bei diesem Punkt, da war das Fass am Überlaufen, und ich konnte sehr gut nachvollziehen, wieso diese sechs Frauen diesen Schritt vollzogen haben. Aber es war nicht mein Schritt, weil ich war damals angestellt in der Offenen Kirche Elisabethen und konnte dort eine gute Arbeit tun und war froh und auch stolz, Angestellte der römisch-katholischen Kirche zu sein. Das hat schon an mir gerissen.
12
:Sandra Leis [00:06:28]
Sie haben aber auch reagiert. Sie haben zusammen mit Jacqueline Keune, einer Luzerner Theologin, 20 Forderungen auch schriftlich festgehalten und ein Gespräch verlangt bei Bischof Felix Gmür. Er hat Sie eingeladen. Was ist rausgekommen dabei?
13
:Monika Hungerbühler [00:06:46]
Das war ein langer Prozess. Ich habe eben eine solidarische Frau gesucht und in Jacqueline Keune gefunden. Das Gespräch hat dann doch viel später stattgefunden. Die Teilnehmenden an diesem Gespräch waren nicht zufrieden am Schluss. Immerhin hat das Gespräch stattgefunden. Wir haben miteinander gesprochen, doch die Gesprächsatmosphäre hätte besser und anders sein dürfen.
14
:Sandra Leis [00:07:15]
Aber konkrete Resultate gab es nicht?
15
:Monika Hungerbühler [00:07:18]
Doch, es gab konkrete Resultate. Man hat Maßnahmen in die Wege geleitet, eine Gruppe gegründet, wie das eben so oft stattfindet, und ich habe mich da nicht mehr aktiv daran beteiligt.
16
:Sandra Leis [00:07:35]
Konkret umgesetzt. Oder ein Resultat hat es in dem Sinne aber neben der Gruppe, soviel ich weiß, nicht gegeben.
17
:Monika Hungerbühler [00:07:40]
Nein, von mir aus gesehen hat es kein Resultat gegeben.
18
:Sandra Leis [00:07:42]
Kann man zugespitzt sagen, Sie haben letztlich auch kapituliert vor den Strukturen der römisch-katholischen Kirche?
19
:Monika Hungerbühler [00:07:52]
Ja, das kann man so sagen.
20
:Sandra Leis [00:07:56]
Wie erleben Sie denn die christkatholische Kirche, wo Sie jetzt sind und aktiv sind? Was ist der Reiz an ihr?
21
:Monika Hungerbühler [00:08:04]
Sie ist durch meine weibliche Verwandtschaftslinie ein Stück Heimat gewesen. Ich war ja immer wieder dort mit meiner Großmutter, mit meiner Mutter, die sich auch sehr stark engagiert hat. Ich kenne diese Kirche jetzt einfach von der anderen Struktur her und jetzt auch persönlich, weil ich doch in einer gewissen Regelmäßigkeit auch hingehe und auch ein kleines Engagement habe dort. Die Struktur ist natürlich. . . Die Struktur ist so, wie ich sie für sinnvoll erachte, mit dieser Synodalität. Viele sprechen mit, natürlich ist es auch hierarchisch: Es gibt einen Bischof, es gibt Priester und Priesterinnen. Da könnte ich mir auch noch weiteres vorstellen. Aber ich erlebe in der christkatholischen Kirche auch einen gewissen theologischen Rückstand. Da war ich in der römisch-katholischen Kirche in x Arbeitsgruppen über Gottesbilder, liturgische Sprache und so weiter, das habe ich jetzt in der christkatholischen Kirche noch nicht so erlebt und bin auch, ja, da mich ein bisschen am Aufreiben. Ja, ich bin noch nicht ganz sicher, wie stark ich mich da engagieren möchte. Ich habe ein ganzes Berufsleben lang, habe ich mich in der römisch-katholischen Kirche engagiert und überall, wo ich auch wieder neu in eine Gruppe oder Organisation dazukomme, habe ich den Eindruck, ich muss wieder von vorne beginnen. Und in der christkatholischen Kirche ist das nicht ganz so, aber ich habe doch den Eindruck, da müsste mehr möglich sein, was die ganze Liturgie anbelangt und so weiter. Und die ganze Weiterentwicklung der Struktur.
22
:Sandra Leis [00:09:51]
Also auch theologisch vermissen Sie etwas, wenn ich Sie richtig verstehe?
23
:Monika Hungerbühler [00:09:55]
Ja, also ich habe in der Offenen Kirche Elisabethen theologisch freier und fortschrittlicher gearbeitet mit meinem evangelischen Kollegen Frank Lorenz.
24
:Sandra Leis [00:10:07]
Sie haben jetzt schon mehrfach Ihre Mutter und Ihre Großmutter und ich glaube auch schon Ihre Urgroßmutter erwähnt, die in der christkatholischen Kirche gewesen sind. Von Ihrer Mutter weiß ich, dass sie dann konvertiert ist bei der Hochzeit. Das wurde von ihr verlangt, und sie musste auch versprechen, dass sie die Kinder römisch-katholisch erzieht. Und nachher, als die Kinder erwachsen waren, hat sie wieder gewechselt in die christkatholische Kirche. War es in dem Sinne auch ein Stück weit ein Vorbild für Sie, dass sie diesen Mut hatte, auch wieder zu wechseln, als sie ihre Aufgabe jetzt in Anführungszeichen erfüllt hat und die Kinder römisch-katholisch erzogen hat?
25
:Monika Hungerbühler [00:10:47]
Ja, da war sie schon ein Vorbild für mich, also das muss ich sagen. Sie hat mir das so geschildert, dass die Konversion zur römisch-katholischen Kirche für sie nicht ein wirklich schwieriger oder erzwungener Schritt war. Sie hatte ja römisch-katholische Verwandtschaft, sie war ja die Einzige eigentlich in dieser Linie, die christkatholisch war und hatte einen guten Bezug zu dieser Konfession. Aber doch, ich habe den Mut bewundert. Sie kam in eine wirklich schwarz-katholische Familie mit meinem Vater und dessen Familie und hat dann auch wieder, ist schön ihren Weg gegangen. Das finde ich sehr bewundernswert.
26
:Sandra Leis [00:011:29]
Und der Vater konnte das akzeptieren?
27
:Monika Hungerbühler [00:11:31]
Er hat das ganz akzeptiert, ja, genau. Er war ein offener Geist und wir haben sehr viel über Religion diskutiert, Konfession, und auch die Kritik an der römisch-katholischen Kirche war bei uns an unserem Tisch ganz gang und gäbe.
28
:Sandra Leis [00:11:49]
Und das schon in den:
29
:Monika Hungerbühler [00:11:51]
Ja, ja, genau. Schon in meiner Kindheit. Meine Mutter hat nicht hinter dem Berg gehalten, was sie jetzt von diesem und jenem hält.
30
:Sandra Leis [00:11:58]
Gut, das war dann auch die Zeit des Konzils natürlich, das kam dann auch dazu. Wenn Sie sich zurückerinnern an Ihre Kindheit, Monika Hungerbühler, wie sind Sie religiös erzogen worden?
31
:Monika Hungerbühler [00:12:09]
Ja, es war vor allem der Lebensvollzug. Es war ganz selbstverständlich, wie wahrscheinlich für sehr viele in dieser Zeit, dass man Religionsunterricht hatte, am Sonntag zum Sonntagsgottesdienst ging. Das war einfach so. Ich habe mir aber dann schon viele Gedanken gemacht, als ich ins Gymnasium kam mit elf Jahren ins humanistische Gymnasium, waren da die Jesuiten zuständig für die religiöse Erziehung. Das war für mich etwas ganz Wichtiges, und effektiv habe ich dann bei diesen Jesuiten, die im Borromäum zu Hause waren, einen wirklich tiefgehenden, kritischen, guten Katholizismus kennengelernt. Ich konnte alles fragen, das waren gescheite Männer, und neben dem Unterricht, Religionsunterricht war ich auch engagiert in einer Jugend-Liturgiegruppe, die eigentlich auf sehr freie Art Feiern da in diesem Borromäum mitgestalten konnte. Und mich hat dann auch der Philosophieunterricht, den ich da bei den Jesuiten hatte, sehr interessiert. Und am Schluss vor der Matura war wirklich dann die Möglichkeit, dass ich Theologie studiere. Mein Vater hat mich auch sehr ermutigt, bis gepusht, weil er als ältestes von fünf Kindern ins Kollegium in Stans ging zu den Kapuzinern, er sollte Priester werden und hatte eigentlich vor, Missionar zu werden, aber dieser Weg hat sich dann zerschlagen, er hat später meine Mutter kennengelernt. Das war für ihn der richtige Weg. Und trotzdem hat er mich ermutigt, Monika, geh, diesen Weg, das ist etwas Sinnvolles, das ist etwas Schönes.
32
:Sandra Leis [00:14:05]
Sie haben sich ein Leben lang für Gerechtigkeit eingesetzt, insbesondere für Frauen und auch für Flüchtlinge. Woher kommt Ihr Gerechtigkeitssinn?
33
:Monika Hungerbühler [00:14:17]
Ja, das ist wahrscheinlich etwas teils Natürliches, weil ich gemerkt habe schon als Kind, ich erinnere mich auch an gewisse Situationen, da stimmt etwas nicht. Da ist etwas ungerecht, und das ist nicht so gedacht. So dürfte die Welt oder das Leben nicht sein. Dann sicher auch durch die Erziehung durch meine Eltern und auch die religiöse Erziehung, aber ich habe natürlich auch Futter bekommen im humanistischen Gymnasium. Wir haben auch, da war Deutsch und die ganze Lektüre, das war für mich sehr, sehr wichtig. Und das hat mich eigentlich immer umgetrieben, und ich habe auch realisiert, dass ich als Mädchen, ich hatte einen Bruder und eine Schwester, habe. Und dass mein Bruder mehr Privilegien hat, dass mein Vater mehr Privilegien hat, und das fand ich schon als Kind ungerecht.
34
:Sandra Leis [00:15:13]
Und da gab es ja noch lange kein Stimmrecht für die Frauen.
35
:Monika Hungerbühler [00:15:16]
n. Ich erinnere mich nicht an:
36
:Sandra Leis [00:15:54]
Sie sind eine feministische Theologin und haben’s vorhin auch schon einmal erwähnt, in der römisch-katholischen Kirche ist das ein ständiges Dilemma. Wenn Sie auf Ihr Berufsleben zurückschauen, an welcher Stelle war dieses Dilemma am größten? Woran erinnern Sie sich?
37
:Monika Hungerbühler [00:16:11]
Ich habe einmal eineinhalb Jahre Aushilfe gemacht in der Clara-Kirche, in der St. Clara- Kirche in Basel. Eine meiner Aufgaben war, Gottesdienste zu halten, Sonntags-Gottesdienste. Und die Positionierung am Altar zum Beispiel mit dem Priester, wo stehe ich, wo darf ich nicht stehen, welche Handbewegungen darf ich machen und welche nicht? Das war schwierig. Wo ist mein Platz? Früher hieß das ja Laientheologin oder Pastoralassistentin, heute sind wir Pfarreiseelsorgerinnen, Spitalseelsorger und so weiter. Aber wo ist der Platz? Und zwar nicht nur örtlich, sondern wirklich auch ideell. Und diesen Platz zu haben oder zu finden war und ist gar nicht einfach.
38
:Sandra Leis [00:17:01]
Also das hat Sie auch ein bisschen begleitet in Ihrer Zeit.
39
:Monika Hungerbühler [00:17:03]
Ja, genau. Ich hatte meine erste Stelle als Jugendseelsorgerin, und ich erinnere mich da als junge Frau war ich in einer Sakristei, und der Pfarrer hat sich da parat machen lassen. Und ein Ministrant hat mich gefragt, ich stand da schon mit meinem Gewand, was bist du eigentlich, bist du Ministrant oder bist du Pfarrer? Und ich musste dann in der Kürze sehr schnell sagen, weder noch, ich bin Theologin. Ich habe dieselbe Ausbildung wie der Pfarrer, der sich da beim Anziehen helfen lässt. Und ich weiß nicht, ob der Junge draus gekommen ist, was ich bin. Weil ich bin ja eben kein Pfarrer, aber auch nicht so wie er und so weiter. Das war zwar lustig, aber hat mir immer zu denken gegeben.
40
:Sandra Leis [00:17:52]
Das stimmt einem nachdenklich. Das kann ich nachvollziehen. Sie mussten auch einmal beim damaligen Bischof Kurt Koch antraben und sich entschuldigen. Was war da vorgefallen?
41
:Monika Hungerbühler [00:18:03]
zum Sonntag»-Sprecherin von:
42
:Sandra Leis [00:18:37]
So haben Sie das gesagt?
43
:Monika Hungerbühler [00:18:39]
Ja. Und zuerst passierte nichts, aber ich habe dann sehr, sehr viel Post bekommen, noch nie so viel wie auf dieses Wort. Eigentlich, was soll ich sagen, 95 Prozent positive Post und dann aber auch negative. Es hatte dann aber Auswirkungen, dass von Kurt Koch ja wirklich gemassregelt wurde, was ich eigentlich auch noch nachvollziehen kann. Es war sehr unangenehm ,und er hat verlangt, dass ich dieses Wort zurückziehe. Ich habe das aber nicht getan. Ich habe gesagt, das ist nicht möglich. Aber später musste ich dann schriftlich eine Differenzierung meiner Position vorlegen.
44
:Sandra Leis [00:19:25]
Und wie haben Sie das gemacht?
45
:Monika Hungerbühler [00:19:28]
Ja, ich habe es schon ein Stück weit zurückgenommen, aber gesagt, ich würde das vielleicht heute nicht mehr so formulieren. Es war wieder auch dieses Dilemma. Ich wollte weiterarbeiten. Ich habe gedacht, ich eigne mich nicht als Märtyrerin, die jetzt da weiterzieht. Und ich bin auch vom Typ her nicht so gestrickt. Ich gehe einen pragmatischen Weg. Also ich schaue, dass ich mich nicht die ganze Zeit wundreibe an Strukturen, aber trotzdem natürlich mich engagiere und doch das Positive im Vordergrund habe und nicht immer das, was schlecht ist, was nicht funktioniert, wo man sich eigentlich maßlos dauerärgern kann.
46
:Sandra Leis [00:20:16]
Pragmatisch ist ein Begriff, der sehr gut auf Sie zutrifft. Sie waren 13 Jahre lang in der Elisabethenkirche hier in Basel, in der Offenen Elisabethenkirche hier in Basel tätig, haben sie geleitet, und diese Kirche hat als erste Institution in der Schweiz das LGBTQI-Freundlichkeitslabel bekommen. Und ich kann mir gut vorstellen, dass Sie da auch Widerstand von innen bekommen haben, also von eigenen Kolleginnen und Kollegen, die das vielleicht gar nicht so toll gefunden haben.
47
:Monika Hungerbühler [00:20:50]
Auf dieses Label haben wir überhaupt keine negativen Reaktionen bekommen.
48
:Sandra Leis [00:20:54]
Auch nicht von römisch-katholischen Christinnen und Christen?
49
:Monika Hungerbühler [00:20:57]
Nein, die sind viel weiter als gemeinhin gedacht wird. Im Bistum Basel wurde eine Regenbogengruppe gegründet, die sich dieses Thema angenommen hat. Ich finde, sie hat eine differenzierte, aber natürlich konforme Position dazu. Ich denke, da sind die Mitglieder der römisch-katholischen Kirche, auch meine Kolleginnen und Kollegen, sogar im Bistum weiter, als man gemeinhin denkt.
50
:Sandra Leis [00:21:29]
Das ist noch überraschend und auch positiv.
51
:Monika Hungerbühler [00:21:31]
Ja, das ist sehr positiv. Ich denke an eine Kollegin, mit der ich die Institutio hatte, Barbara Kückelmann. Sie hat sich da sehr stark eingesetzt. Da bin ich auch froh und stolz, muss ich sagen. Aber trotzdem ist es innerhalb dieser Institution, von der man die Position trotzdem auch kennt.
52
:Sandra Leis [00:21:53]
Eben, es passte dann doch nicht ganz genau dazu.
53
:Monika Hungerbühler [00:21:56]
Ja, aber eben, Bistum Basel ist halt wirklich doch etwas Spezielles, und man könnte wirklich sagen, im Bistum Basel müsste eigentlich auch durch unseren jetzigen Bischof mehr möglich sein, als möglich ist.
54
:Sandra Leis [00:22:10]
Wenn man sich auf Instagram anschaut, wie die Offene Kirche Elisabethen sich präsentiert, dann ist ihr Slogan «Kirche für alle». Das klingt einerseits positiv natürlich, offen und gleichzeitig in meinen Ohren auch nach großer Beliebigkeit.
55
:Monika Hungerbühler [00:22:27]
Ja, das könnte man so sehen mit der Beliebigkeit, aber ich denke, es ist schon auch von diesem Hintergrund, den wir gerade beleuchtet haben, her gemeint. Wir haben ein großes Banner über dem Eingang aufgehängt: «Gott ist jede Liebe.» Also Gott ist Liebe, Erster Johannesbrief, aber Gott ist jede Liebe. Und deshalb wollten wir das noch unterstreichen, die Kirche für alle, aber selbstverständlich ist das nicht für Menschen mit rassistischem oder sexistischem Gedankengut gemeint. Oder das ist einfach quasi Jekami, eine Jekami-Kirche. Sondern es ist schon pointiert gemeint für Menschen, die sonst marginalisiert werden oder in der Kirche nicht willkommen gewesen sind.
56
:Sandra Leis [00:23:16]
Ein grosses Anliegen ist Ihnen auch die Schöpfung. Sie waren lange Mitglied der Sozialdemokraten und sind dann zu den Grünen gewechselt. Sie haben in Basel die sogenannte Primaten-Initiative unterstützt, dazu auch ein Video gemacht, das man noch auf YouTube findet. Und Sie sind den Klima-Seniorinnen beigetreten. Monika Hungerbühler, haben wir überhaupt noch eine reale Chance, unsere Welt zu retten? Wenn wir auf die jetzige politische Situation schauen, weltweit jetzt.
57
:Monika Hungerbühler [00:23:52]
Ja, das ist eine sehr schwierige Frage, die ich mir mir auch immer wieder stelle. Ich kann wirklich keine Antwort darauf geben, aber ich weiß oder ich bin fest davon überzeugt, dass es keine Alternative dazu gibt, sich zu engagieren, wie wenn es eine Hoffnung gäbe. Also, du hast keine Chance, aber nutze sie – so nach diesem Slogan. Und so wie in der römisch-katholischen Kirche eine starre Struktur, die mich auch immer ins Dilemma gebracht hat, ist es in Bezug auf Schöpfungsspiritualität oder Klimagerechtigkeit eigentlich dasselbe Thema. Ich möchte auch vor meinem Enkel, der jetzt ein Jahr alt geworden ist, als seine Oma in Erinnerung sein, die sich engagiert hat, dass er saubere Luft und sauberes Wasser hat, dass er in einer Welt leben kann, die Schönes parat hat für ihn und für alle Menschen.
58
:Sandra Leis [00:24:50]
Heute sind Sie als freiberufliche Theologin tätig. Sie haben auch eine sehr attraktive Webseite, und da habe ich etwas gefunden, wo ich ein bisschen gestutzt habe und gedacht habe, was ist das? Sie bieten feministische Wallfahrten an nach Lourdes. Monika Hungerbühler, was erlebe ich da, wenn ich da mitkommen würde?
59
:Monika Hungerbühler [00:25:10]
In meiner römisch-katholischen Verwandtschaft väterlicherseits sind sehr viele Lourdes-Wallfahrerinnen da. Und ich wusste auch immer, schon als Jugendliche und Erwachsene, ich werde nie nach Lourdes gehen. Das hat sich geändert, als ich am Radio im Mittagsgespräch eine Sendung gehört habe mit einer Psychoanalytikerin Ursula Bernauer, die eigentlich dieses Geschehen rund um diese Bernadette und um diese schöne Dame von Lourdes von einer völlig anderen Seite her beleuchtet hat, und ich wusste, ich werde eines Tages nach Lourdes gehen. Und der Cousin meines Mannes, der hat ein Car-Unternehmen und fährt regelmäßig nach Lourdes. Ich konnte da einmal mitfahren und dann wieder und habe mich damit auseinandergesetzt und gemerkt, da ist eigentlich viel mehr als einfach nur eine fromme Pilgerschaft, sondern da ist ein Kraftort, ein Gebetsort, und das wird man, wenn man mitkommt, auch erleben. Ich habe im Laufe meines Berufslebens ja auch neue, andere Zugänge zu Maria, der Mutter Jesu, erarbeitet, das wird man kennenlernen. Wir wallfahren auch zu Schwarzen Madonnen, da gibt es sehr viel zu sagen dazu, und ich denke, es ist ein wichtiger Ort für Mädchen wie eben diese Bernadette, 13 oder 14-jährig, die dem Numinosen oder dem Göttlichen in Form dieser schönen Dame von Lourdes begegnet ist. Also da werde ich dann mit den Leuten noch Auskunft geben.
60
:Sandra Leis [00:26:56]
Im August findet die nächste, gleichzeitig auch die letzte Lourdes-Wallfahrt statt, die Sie gestalten. Warum hören Sie auf?
61
:Monika Hungerbühler [00:27:05]
Ja, ich habe jetzt zwei dieser Wallfahrten gemacht, 22, 24, 26, die dritte. Ich habe gedacht, das reicht jetzt. Im vergangenen Sommer bin ich mit einer Freundin auch nach Rom gepilgert für Interessierte. Habe da mein Rom, also in Anführungszeichen, gezeigt, also was mich interessiert, fasziniert und freut. Und da habe ich gemerkt, ja, es gibt vielleicht noch anderes, was auch spannend ist, wo Leute mitkommen. Ich finde auch, man kann dasselbe auch nicht zu oft machen.
62
:Sandra Leis [00:27:41]
Wieder was Neues.
63
:Monika Hungerbühler [00:27:42]
Ja, wieder was Neues, wenn überhaupt, weil ja, ich merke schon auch, ich bin zwar noch so im kleinen Alter, aber ich merke schon Einschränkungen beim Gehen oder wie viel ich noch mag und so weiter. Das spielt schon auch eine Rolle.
64
:Sandra Leis [00:28:04]
Sie haben sich jahrzehntelang mit Theologie und mit der Bibel auseinandergesetzt. Welches Buch der Bibel ist Ihnen ganz besonders ans Herz gewachsen?
65
:Monika Hungerbühler [00:28:15]
Ja, das ist eine schwierige Frage. Vielleicht das Hohe Lied der Liebe im Ersten Testament oder Alten Testament ist mir sehr wichtig. Aber es sind weniger ganze Bücher als Bibelstellen. Also ich habe zwei Bibelstellen, die mich eigentlich zum Theologiestudium gebracht haben und mich immer noch darin halten. Das ist das Buch Genesis, das erste Buch, wo in einem der beiden Schöpfungslieder davon gesungen wird, dass Gott, die Lebendige, das Göttliche, den Menschen als sein oder ihr Ebenbild geschaffen hat, als männlich und weiblich und so. Das hat mir immer zu denken gegeben, wieso ist die Struktur, ist die Welt dann so, wenn das eigentlich von Anfang an, wie auch in anderen Religionen, so grundgelegt ist. Da stimmt doch etwas nicht. Eine andere Stelle im Brief des Paulus an die Gemeinde in Galatien. Man sagt Galaterbrief, da gibt es eine Stelle, eine Taufformel, wo unter anderem auch steht, es spielt eigentlich keine Rolle, ob du Mann oder Frau oder griechisch oder jüdisch bist, versklavt oder frei, weil wir alle eins oder einig sind in diesem Messias, Jesus. Und auch da diese Gleichberechtigung. Diese Weggemeinschaft von Gleichgestellten, das ist mir einfach wichtig, und das finde ich nicht nur an diesen beiden Bibelstellen, sondern noch und noch. Es ist eigentlich eine Befreiungs- und Gerechtigkeitsbewegung, die sich in verschiedenen Geschichten, Büchern, Psalmen, Liedern und so weiter festgelegt hat. Und das ist schon der Schatz, aus dem ich lebe und der mich zum Engagement treibt.
66
:Sandra Leis [00:30:09]
Monika Hungerbühler, vielen herzlichen Dank für Ihre Ausführungen und alles Gute für die Zukunft.
67
:Monika Hungerbühler [00:30:12]
Vielen herzlichen Dank für das Gespräch.
68
:Sandra Leis [00:30:14]
Das ist die 62. Folge des Podcasts «Laut + Leis». Zu Gast war die Theologin Monika Hungerbühler. Sie hat bis zu ihrer Pensionierung die Offene Kirche Elisabethen in Basel geleitet und ist danach von der römisch-katholischen zur christkatholischen Kirche konvertiert. Über Feedback freuen wir uns. Schreibt gerne per Mail an [email protected] oder per WhatsApp auf die Nummer. 078 251 67 83 und abonniert den Podcast und bewertet ihn positiv, wenn er euch gefällt. Als nächsten Gast begrüsse ich den Maler Manuel Dürr aus Biel. Er hat den internationalen Kunstwettbewerb gewonnen und durfte den neuen Kreuzweg in Petersdom in Rom gestalten. Entstanden sind 14 große Ölgemälde, die nun jährlich während der Fasten- und Osterzeit zu sehen sind. Wie Manuel Dürr diese Arbeit angepackt hat und welche Rolle dabei sein Glaube spielt, das hört ihr in der nächsten Folge von «Laut + Leis». Bis in zwei Wochen, und bleibt laut und manchmal auch leise.