Die prominente Benediktinerin ist eine spätberufene Frauenaktivistin und setzt sich ein für Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche. In einem neuen Buch spricht Schwester Philippa Rath über ihr Leben und ihren Glauben. Nach einer Herzoperation hat sie jetzt ihr erstes Interview gegeben.
Themen dieser Folge:
Wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann ist die Hoffnung die stärkste Kraft. Das ist viel mehr als ein bloßer Zweckoptimismus nach dem Motto «Es wird schon alles irgendwie wieder gut». Es ist eine ganz tiefe Kraft und Sehnsucht, die mich trägt. Und die hat mich durch mein ganzes Leben getragen. Und das war auch mein Anliegen, dass wir das weitergeben. Denn ich merke bei so vielen Begegnungen – ich habe ja in den letzten Jahren, bevor ich jetzt krank wurde, sehr, sehr viele Veranstaltungen absolviert –, wie sehr die Menschen nach Hoffnungszeichen suchen.
Sandra Leis [:Das sagt Schwester Philippa Rath. Die Benediktinerin lebt seit über 30 Jahren in der Abtei Sankt Hildegard in der Nähe von Rüdesheim. Berühmt geworden ist die Politikwissenschaftlerin und Theologin mit zwei Büchern. 2021 veröffentlichte sie das Buch «Weil Gott es so will». Darin berichten 150 Frauen von ihrer Berufung zur Priesterin und Diakonin. Ein Jahr später folgte «Frauen ins Amt! Männer der Kirche solidarisieren sich». Und jetzt gibt es ein neues Buch mit dem Titel «Meine Hoffnung übersteigt alle Grenzen». Darin erzählen Philippa Rat und der Würzburger Hochschulpfarrer Burkhard Hose über ihr Leben und ihren Glauben. Ich bin Sandra Leis und treffe meinen Gast in der Abtei Sankt Hildegard. Schwester Philippa, herzlich willkommen zu unserem Gespräch.
Philippa Rath [:Vielen Dank und ebenfalls herzlich willkommen am Rhein und in der Abtei Sankt Hildegard. Ich freue mich, dass Sie da sind und.
Sandra Leis [:Ich freue mich, dass ich mit Ihnen sprechen kann. Weil es ist das erste Interview, wie Sie mir vorhin gesagt haben, das Sie jetzt führen zu Ihrem Buch. Herausgekommen ist es ja schon im Sommer. Doch dann sind Sie ernsthaft krank geworden, mussten alle Termine absagen. Und jetzt haben Sie wieder einen. Wie geht es Ihnen heute?
Philippa Rath [:Es geht mir den Umständen entsprechend wieder gut, aber ich muss künftig einfach weniger machen. Mein Herz will nicht so, wie ich gerne möchte. Aber ich bin dabei, mich damit abzufinden und auch mich einzurichten auf die neuen Kapazitäten. Für ein Gespräch mit Ihnen reicht es hoffentlich. Wir werden sehen.
Sandra Leis [:Ich bin überzeugt, dass es reicht. Sie sagen von sich selber, Sie seien «eine spätberufene Frauenaktivistin». Wann sind Sie denn zum Schluss gekommen, dass Frauen in der römisch-katholischen Kirche Menschen zweiter Klasse sind?
Philippa Rath [:Ja. Ich muss zu meiner Schande gestehen, viel zu spät. Etwa vor zehn Jahren. Hintergrund der Spätberufung ist, glaube ich, mein Leben als Benediktinerin. Wir sind hier ein unabhängiges Kloster, unabhängig vom Bischof. Wir haben eine hundertprozentige Frauenquote bis auf das Amt des Priesters, was wir natürlich für die Heilige Messe brauchen. Das hat mich aber nie gestört. Muss ich gestehen. Ich bin nie auf die Idee gekommen, selbst dort am Altar stehen zu wollen. Weil alles andere, was in unserem Kloster passiert, entscheiden wir selbst. Auf das Thema Geschlechtergerechtigkeit kam ich durch mein seelsorgerliches Engagement. Ich begleite die kfd, Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands, in der etwa 100 Frauen engagiert sind und die alle ehrenamtlich in den Pfarreien tätig sind, die mir immer wieder sehr enttäuscht und sehr frustriert berichtet haben, wie sehr sie oft an gläserne Decken stoßen und vieles tun dürfen und vieles tun müssen. Und am Ende entscheidet immer der Pfarrer. Das zweite ist eine Gruppe, die zu uns ins Kloster kommt, Menschen, die nach Begleitung suchen. Darunter sind viele hauptamtliche Theologinnen, die in den pastoralen Berufen arbeiten und die wiederum dasselbe Problem haben, dass sie voll ausgebildete Theologinnen sind und vieles von dem, was sie gelernt haben, auch ihre eigenen Begabungen, Charismen, Talente nicht entsprechend einbringen dürfen, je nachdem, was sie gerade für einen Pfarrer als Vorgesetzten haben. Und diese beiden Gruppen haben mich gelehrt, dass in unserer Kirche Frauen nach wie vor zweite Klasse sind. Und das hat mein Engagement sehr beflügelt.
Sandra Leis [:Im neuen Buch erzählen Sie auch sehr Persönliches, beispielsweise, dass Sie als Kind gemobbt wurden. Hat diese Erfahrung von Ausgrenzung Sie geprägt, Sie sensibel gemacht für Ungerechtigkeiten?
Philippa Rath [:Sehr. Also meine Kindheit hat mich sehr geprägt. Meine Mutter war Diabetikerin, ohne dass wir das wussten oder sie selber es wusste. Und bekanntermaßen haben Diabetikerinnen übergewichtige Kinder. Das hat mich meine ganze Kindheit und Jugend beschäftigt, dieses Thema. Ich habe da schlimme Dinge erlebt, sowohl von Mitschüler:innen als auch vom Lehrpersonal. Das muss ich sagen. Das hat mich aber auch andererseits innerlich stark gemacht. Mein Patenonkel war Pfarrer und hat mir immer, sicherlich nicht zum Trost, sondern wirklich ernsthaft gesagt: «Gott liebt dich so, wie du bist.» Und das hat mir geholfen, muss ich gestehen. Gott liebt jeden Menschen gleichermaßen. Und Gott ist gerecht. Und wenn ungerechte Strukturen offenbar werden, dann ist das nicht im Sinne Gottes. Und insofern hat mich das sicher von Kindheit an geprägt, dass Gerechtigkeit sein soll. Das ist, glaube ich, ein Thema, was durchs ganze Leben durchgeht, bis hin jetzt zu dem Thema, es soll Gerechtigkeit in der Kirche herrschen.
Sandra Leis [:Eine Episode, die mir in sehr guter plastischer Erinnerung geblieben ist, weil sie mich verblüfft hat beim Lesen des Buches, war, als sie als sechsjähriges Mädchen gefragt wurden in der Schule, was Sie gerne beruflich machen möchten. Und dann haben Sie gesagt, das erzählen Sie im Buch, Sie möchten Bundeskanzlerin werden und haben dafür eine schallende Ohrfeige erhalten. Sie haben also schon früh gemerkt, durch Mobbing und durch solche Reaktionen, dass es eine Gerechtigkeit in dem Sinne nicht gibt. Und trotzdem sind Sie ja ein Leben lang in der römisch-katholischen Kirche geblieben.
Philippa Rath [:Ja. Vielleicht noch kurz zu der Bundeskanzlerin. Ich bin die Jüngste von sechs Geschwistern, und wir waren eine hoch politisch interessierte und engagierte Familie. Immer. Und ich habe die Tischgespräche – bei uns wurde noch immer jede Mahlzeit gemeinsam eingenommen – mitbekommen als Jüngste, und es wurde viel politisiert. Und wahrscheinlich fiel da irgendwann einmal der Begriff Bundeskanzlerin. Keine Ahnung, obwohl das in den 60er Jahren ja überhaupt noch nicht am Horizont war. Und dann habe ich das gesagt. Ja, und die Lehrerin war entrüstet, weil sie sich einfach nicht vorstellen konnte, dass so etwas geht. Und ich war immer eine, die gerne auch Grenzen überschritten hat. Grenzen des Denkens, Grenzen des Handelns. Und ja, ich habe das also recht selbstbewusst gesagt. Und dabei ist es auch geblieben. In der Kirche bin ich trotz der auch negativen Erfahrungen immer geblieben und werde es auch weiter tun, weil sie meine Heimat ist. Ich kann mir nicht vorstellen, außerhalb der Kirche meinen Glauben zu leben. Als Ordensschwester sowieso nicht. Aber auch wenn ich keine Ordensschwester wäre, würde ich niemals aus der Kirche austreten, sondern ich möchte helfen, dass Reformen in der Kirche verwirklicht werden, also dass sie sich ändert an den Punkten, wo sie sich ändern müsste.
Sandra Leis [:Sie sprechen von Reformen. Gerade ist die Weltsynode zu Ende gegangen, und im Abschlussdokument sind 60 Seiten auf Deutsch. Da steht, dass die Frage, ob Frauen zu Diakoninnen geweiht werden können, dass diese Frage offenbleibt. Wie haben Sie reagiert, als Sie das gelesen oder gehört haben?
Philippa Rath [:Ich war im Gegensatz zu vielen anderen nicht enttäuscht. Viele haben sich sehr enttäuscht gezeigt von dieser Formulierung. Ich hatte mit überhaupt nicht mehr gerechnet, sondern bin eigentlich eher positiv erstaunt, dass die Frage wieder offen ist. Eigentlich hatte die Frage Papst Johannes Paul II. in einem Schreiben für beendet erklärt, und die Türe war zu.
Sandra Leis [:Also 30 Jahre lang.
Philippa Rath [:Das ist 30 Jahre her. Oder 32. Wir haben eigentlich in unseren Gruppen und in unserem Engagement immer gesagt, das ist kein Dogma, was Papst Johannes Paul damals gesagt hat. Und diese Frage muss weiter diskutiert werden und offenbleiben. Das hat jetzt die Weltsynode so formuliert, und das ist ein kleiner Fortschritt. Natürlich für uns in deutschsprachigen Ländern ein kleiner Schritt, ein wirklich kleiner Schritt. Ich hätte mir auch viel mehr erhofft und erwartet. Aber ich bin froh, dass dieser Schritt so ist und dass es diesen Paragraphen 60 in dem Dokument gibt, was ja Papst Franziskus jetzt auch schon anerkannt hat. Es gibt kein nachsynodales päpstliches Schreiben mehr. Aber ich denke, das Entscheidende wird sein, dass sich jetzt die nationalen Bischofskonferenzen auf die Hinterbeine stellen und proaktiv dieses Thema angehen und immer wieder in Rom auch Vorstöße machen, damit es Wirklichkeit wird.
Sandra Leis [:Und trauen Sie das den Bischofskonferenzen wirklich zu? Machen die das?
Philippa Rath [:Ich kenne die Deutsche Bischofskonferenz. Ich kann mir kein Urteil über andere Bischofskonferenzen erlauben. Ob sie als Gesamtkonferenz Schritte in diese Richtung tun, wage ich zu bezweifeln. Aber es gibt eine ganze Reihe von sehr engagierten Bischöfen, die klar Stellung beziehen, und ich gehe davon aus, dass es auch weiterhin. Bei uns ist ja der synodale Weg in den synodalen Ausschuss gemündet, dass wir von dort aus – da sind ja alle Bischöfe Mitglied – weitere Initiativen starten werden und nicht lockerlassen, bis dieses Thema wirklich von der hinteren auf die vorderste Ebene der Agenda kommt. Und ich bin nach wie vor zuversichtlich, dass es kommen wird.
Sandra Leis [:Im Januar 2023 haben Sie der «Welt am Sonntag» ein ausführliches Interview gegeben und darin gesagt: «Ich bin überzeugt, dass ich es noch erleben werde, dass die ersten Frauen geweiht werden.» Glauben Sie das heute immer noch?
Philippa Rath [:Ja, das glaube ich tatsächlich immer noch. Auch wenn ich nicht weiß, wie lange meine Lebenserwartung jetzt noch ist. Damals hatte ich damit gerechnet, mindestens noch 20 Jahre zu leben. Aber ich bin überzeugt, dass dieses kommen wird. Ganz sicher.
Sandra Leis [:Das würde heißen, in den nächsten 15 Jahren zum Beispiel.
Philippa Rath [:15, 20 Jahre. Es ist in allen Teilen der Welt Thema. Das hat man jetzt bei der Weltsynode gesehen. Da muss ich übrigens auch, ich weiß nicht, ob ich das hier darf, aber ich möchte es gerne tun. Helena Jeppesen-Spuhler, die Schweizer Delegierte bei der Weltsynode, und die anderen Frauen dort haben eine entscheidende Rolle gespielt, dass das Thema weiter auf der Agenda stand. Es sollte eigentlich ausgeklammert werden. Und da muss ich wirklich sagen, da haben die Frauen und auch eine ganze Reihe Bischöfe aus verschiedenen Kontinenten sich wirklich ins Zeug gelegt. Und das ist etwas, wofür ich unendlich dankbar bin.
Sandra Leis [:Also das heißt, Hoffnung besteht. Und das ist auch die Überleitung zum Buch, zum neuen Buch mit dem Titel «Meine Hoffnung übersteigt alle Grenzen». Darin erzählen Sie gemeinsam mit Burkhard Hose über Ihr Leben und Ihren Glauben. Können Sie uns noch sagen, was Sie mit Burkhard Hose verbindet? Dass Sie zusammen dieses Buch gemacht haben? Ich weiß so viel: Sie haben das sogenannte Männerbuch zusammen gemacht. Gibt es noch andere Gemeinsamkeiten zwischen Ihnen beiden? Dass Sie jetzt nochmals ein Buch machen, das ganz anders geartet ist natürlich.
Philippa Rath [:Er ist Hochschulpfarrer in Würzburg, äußerst engagiert in der Hochschulgemeinde, aber eben auch in gesellschaftlichen Bewegungen, in kirchlichen Bewegungen wie OutInChurch. Und ich kannte ihn nur aus diesen Zusammenhängen. Wir haben uns dann persönlich kennengelernt und bemerkt, dass wir ein gemeinsames Thema haben, was uns beschäftigt, bewegt und wo wir etwas erreichen möchten, nämlich Geschlechtergerechtigkeit. Er hat mir zum erstenmal bewusst gemacht, dass es viele Priester gibt, die ihr Priesteramt als Privileg verstehen. Ein Privileg, was Frauen eben nicht haben. Und er sagt: «Ich möchte kein privilegierter Mann in dieser Kirche sein.» Das hat mich damals sehr bewegt, als er mir das erzählte. Und so hat sich eine geistige Freundschaft entwickelt. Wir sehen uns kaum, ganz selten nur bei gemeinsamen Veranstaltungen. Aber es ist eine ganz, wie soll ich sagen, vom Herzen her und vom Engagement her innere Verbindung zwischen uns beiden. Und das ist schön.
Sandra Leis [:Bereits auf den ersten Seiten kann man lesen, dass sie beide eine Sehnsucht nach einer anderen Kirche haben. Wie soll diese andere Kirche aussehen Ihrer Meinung nach?
Philippa Rath [:Vor allem Geschwisterlich. Männer und Frauen gleichberechtigt. Nicht nur gleiche Würde, sondern gleiche Rechte. Mitspracherecht aller an der Besetzung von Ämtern, was jetzt durch das Papier der Weltsynode einen Schritt weiter nach vorne gegangen ist, das muss man sagen. Gemeinsame Suche in den Gemeinden nach denjenigen, die besondere Charismen haben, um Kirche zu leben. Also es gibt Menschen in jeder Gemeinde, die gut von ihrem Glauben Zeugnis geben können, die predigen können. Es gibt Menschen, die besonders gut zuhören können. Das sind diejenigen für mich und für Burkhard glaube ich auch, die für die Beichte, das Beichtsakrament infrage kämen. Es gibt Menschen, die sehr gut Trauernde begleiten können, die dann wiederum die Menschen begleiten, bei Sterbefällen und Beerdigungen halten. Und ich denke, wenn wir dazu kommen, dass wir in den Gemeinden die Charismen gemeinsam suchen, die dort vorhanden sind vor Ort, dann bildet sich Kirche neu. Und dann entsteht das, was man eigentlich, glaube ich, in der Urgemeinde schon kannte. Und das ist so ein wenig mein Traum. Also die Urgemeinde ist für mich schon ein großes Vorbild, dass alles auch gemeinsam geteilt wird. Ja, und wir das Wort Gottes gemeinsam hören und leben. Und das ist für mich ja ein Traum von Kirche, der völlig unabhängig ist von Macht, von Ämtern. Man braucht sicherlich ein Leitungsamt. Auch da gibt es Menschen, die dazu berufen sind. Ja, ich weiß nicht, ob ich verständlich bin, aber ich glaube, die Art der Gemeinde, wie sie heute weithin ist, hat sich überlebt. Und ich sehe, dass sich Gemeinden in dieser Form, die ich eben beschrieben habe, auf privater Ebene bilden im Moment. Es gibt eine neue Bewegung, das sind eine Art Basisgemeinden, die nennen sich nicht unbedingt so, aber Gruppen, die zusammenkommen, ihren Glauben leben, die zusammen beten, sich treffen. Gemeinsames Engagement, auch Brot und Wein miteinander teilen, ohne dass sie das Kirche nennen oder Gemeinde nennen. Das sind Basisgruppen, und ich glaube, das ist eine Form der Zukunft.
Sandra Leis [:Das wäre eine ganz andere Form, als wie sie jetzt vorkommt.
Philippa Rath [:Anders, ja, vollkommen anders. Aber ich sehe zumindest hier bei uns: Die klassischen Gemeinden sterben, und da sitzen eigentlich nur noch Menschen mit grauen oder weißen Haaren. Die Jungen kommen nicht mehr, die sind weg. Zumindest hier bei uns. Und ich könnte oder wir könnten uns vorstellen, dass die Jüngeren dadurch deutlich mehr angesprochen werden, als sie es jetzt werden. Und deshalb erhoffe ich mir auch eine neue Form der Gemeinde.
Sandra Leis [:Das ist Ihr Traum der Zukunft der Kirche?
Philippa Rath [:Ja. Und ich sehe ihn an vielen Stellen verwirklicht. Ja, bereits, ohne dass die offizielle Kirche davon Notiz nimmt.
Sandra Leis [:Das läuft wie parallel.
Philippa Rath [:Es läuft parallel. Und das ist tragisch.
Sandra Leis [:Wie könnte man das ändern?
Philippa Rath [:Indem die offizielle Kirche – damit meine ich jetzt vor allem die Bischöfe, aber auch viele Priester – mit wachen Augen durch die Welt gehen und schauen, was es alles gibt. Ja, viele verstecken sich auch. Das muss ich leider so sagen und haben überhaupt keinen Bezug mehr zu den Menschen und schon gar nicht zu den Jüngeren.
Sandra Leis [:Ein Kernsatz von Ihnen ist folgender: «Die Hoffnung ist für mich die stärkste Kraft überhaupt.» Die Hoffnung ist bei Ihnen stärker als der Glaube oder die Liebe. Warum?
Philippa Rath [:Weil Hoffnung Türen öffnet, Zukunft ermöglicht. Leben schenkt. Also ich bin ein solcher Hoffnungsmensch, dass ich glaube, ohne Hoffnung wäre ich nicht da, wo ich heute bin. Es ist ein wie soll ich sagen. Die Hoffnung ist für mich tatsächlich die allerstärkste Kraft. Es gibt ein wunderbares Buch von Charles Péguy. Ich weiß nicht, ob dieser Name noch heute bekannt ist. Das Buch heißt «Das Mysterium der Hoffnung».
Sandra Leis [:Sie erwähnen es im Buch.
Philippa Rath [:Ich erwähne es im Buch, und er sagt: «Die Hoffnung sieht das, was noch nicht ist. Und sie liebt das, was noch nicht ist. Und sie ist überzeugt, dass das, was noch nicht ist, kommen kann und Wirklichkeit werden kann.» Und deshalb gibt mir die Hoffnung immer wieder Kraft, auch weiterzumachen, wenn ich selbst am Ende bin. Wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann ist die Hoffnung die stärkste Kraft. Das ist viel mehr als ein bloßer Zweckoptimismus nach dem Motto «Es wird schon alles irgendwie wieder gut.» Es ist eine ganz tiefe Kraft und Sehnsucht, die mich trägt. Und die hat mich durch mein ganzes Leben getragen. Und das war auch mein Anliegen und Burkhards auch, dass wir das weitergeben. Denn ich merke bei so vielen Begegnungen – ich habe ja in den letzten Jahren, bevor ich jetzt krank wurde, sehr, sehr viele Veranstaltungen absolviert –, wie sehr die Menschen nach Hoffnungszeichen suchen und nach Hoffnungsträgern. Natürlich ist für mich der eigentliche Hoffnungsträger Jesus Christus. Er hat den Tod überwunden. Er hat neues Leben geschenkt. Und er ist für mich die Hoffnungsgestalt schlechthin. Aber die ganze Heilige Schrift, die Bibel, ist voll von solchen Hoffnungsgestalten. Er hat immer wieder Kranken, Leidenden neue Perspektiven eröffnet, und das ist für mich ganz, ganz wichtig. Und ich möchte da andere Menschen dran teilhaben lassen.
Sandra Leis [:Schwester Philippa, Sie selber haben auch Schweres durchmachen müssen. Beispielsweise haben Sie 15 lange Jahre Ihre leibliche Schwester gepflegt. Sie war auch Ordensschwester hier in der Abtei Sankt Hildegard, und sie war noch keine 50 Jahre alt, als sie dement wurde. Und sie haben ihre Schwester 15 Jahre lang gepflegt. Haben Sie in dieser Zeit auch mal mit dem Herrgott gehadert?
Philippa Rath [:Ja, natürlich. Aber er hat mir immer wieder Hoffnungszeichen gegeben. Und das muss ich sagen, davon schreibe ich auch in dem Buch an mehreren Stellen. Ich war oft am Ende und habe gedacht, ich kann keinen Tag länger das mehr machen. Und dann ist irgendetwas passiert, oft auch nachts. Und das hat mir wieder neue Kraft und neue Hoffnung gegeben. Und dann ging es wieder weiter, und auf einmal waren 15 Jahre herum, und meine Schwester ist Gott sei Dank dann friedlich und ruhig gestorben. Aber das waren sehr, sehr schwierige Jahre. Aber ohne diese Hoffnungskraft hätte ich die Jahre nicht durchgestanden. Ganz sicher nicht. Es war schon eine große Herausforderung. Und was für mich dann das stärkste Zeichen der Hoffnung war an dem Tag, als meine Schwester starb. Ich saß an ihrem Sterbebett. Da kamen auf mein Handy die ersten Zeugnisse von Frauen, die sich zum Diakonat und zum Priesteramt berufen wussten. Das war für mich wie eine Botschaft, wie ein Vermächtnis meiner Schwester, die sagte:Jetzt kümmere dich mal um die Frauen in der Kirche.
Sandra Leis [:Darf ich noch nachfragen? Sie sind im Sommer schwer erkrankt. Das haben wir gesagt. Wie haben Sie da an der Hoffnung teilhaben können? Was hat Sie da getragen in dieser Zeit?
Philippa Rath [:Meine Liebe zum Vaterunser.
Sandra Leis [:Ihr Lieblingsgebet.
Philippa Rath [:Ja, das Vaterunser und darin die Bitte «Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.» Das hat mich schon als Kind gerettet in den schwierigen Situationen. Ich habe immer gesagt, mir selbst gesagt: Wenn es dein Wille ist, dann hat das Ganze einen Sinn. Und dann gibst du mir auch die Kraft, das durchzustehen. Und genau daran habe ich jetzt auch wieder gedacht. Ja, und ich habe es durchgestanden. Ich bin wieder da. Und wenn auch reduziert, aber immerhin. Und ich glaube, das ist ein solches Gebet der Hoffnung für mich das Vaterunser. Ja, das hat mir geholfen in diesen Monaten jetzt. Und die Solidarität unendlich vieler Frauen, die ich natürlich kennengelernt habe durch das Buch oder durch die Bücher. Ich habe so viel Post bekommen in diesen drei Monaten. Woher sie wussten, dass ich krank war, weiß ich nicht. Aber es gab so viel Stärkendes, was mir von den Frauen vermittelt wurde, dass ich gedacht habe, das ist einfach fantastisch. Und am Ende war ich ganz befriedet. Und da habe ich gedacht, du hast eigentlich das Entscheidende getan und kannst dich jetzt zurücklehnen. Aber wenn du dich jetzt verabschieden müsstest, dann kannst du das auch.
Sandra Leis [:Das haben Sie zum Glück nicht müssen und sitzen mir gegenüber. Im Hoffnungs-Buch, ich nenn das jetzt mal so. Zuerst das Frauenbuch, dann das Männerbuch und jetzt das Hoffnungsbuch. Hier verweisen Sie auch auf den österreichischen Neurologen und Psychiater Viktor Frankl und sein Buch «. . .trotzdem Ja zum Leben sagen». Was bedeutet Ihnen dieser Viktor Frankl?
Philippa Rath [:Der war und ist für mich eine ganz wichtige Gestalt. Begleitperson sozusagen. Ich kannte ihn schon sehr lange. Ich kannte Viktor Frankl und das Buch «. . . trotzdem Ja zum Leben sagen». Dieses kleine Wort trotzdem ist für mich immer sehr wichtig gewesen. Trotzdem glaubst du, trotzdem bleibst du in der Kirche. Trotzdem. In den Jahren, als ich meine Schwester pflegte, war ich geistig nicht ausgelastet. Körperlich schon, aber geistig nicht. Und da habe ich entdeckt, dass es ein Fernstudium der Logotherapie und Existenzanalyse gab. Was mir dann meine Äbtissin sofort ermöglichte, das zu machen.
Sandra Leis [:Das ist die Therapie von Viktor Frankl.
Philippa Rath [:Ja. Man kann das kurz zusammengefasst als sinnzentrierte Psychotherapie bezeichnen. Sinnzentriert deshalb, weil er der Meinung ist, dass viele psychische Erkrankungen in einem Sinnvakuum ihren Ursprung haben und dass man als Therapeut oder Begleiterin den Menschen helfen muss, einen Sinn in ihrem Leben zu finden. Und das hat mich so fasziniert, dass ich diese Ausbildung gemacht habe. Und ich habe zweierlei Dinge dadurch gelernt: Einerseits konnte ich besser mit meinen eigenen Sinnkrisen, die natürlich kamen, in diesen 15 Jahren mit meiner Schwester besser bewältigen. Und zweitens habe ich dann später mit der Logotherapie auch im Sprechzimmer bei Menschen, die in Krisen oder Konfliktsituationen zu uns kommen und nach Hilfe suchen, mithilfe dieses Ansatzes diesen Menschen helfen können, neue Perspektiven, neuen Sinn in ihrem Leben zu entdecken.
Sandra Leis [:Schwester Philippa, kommen wir zum Schluss unseres Gesprächs. Sie sind für Ihr gesellschaftliches und kirchliches Engagement auch schon vielfältig ausgezeichnet worden. Ich nenne nur zwei Auszeichnungen: den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland, das eine ganz große Auszeichnung, und letztes Jahr die Edith-Stein-Medaille. Das heißt, Ihre Arbeit, die wird gesehen, die wird geschätzt. Gleichzeitig gibt es aber auch konservative katholische Kreise. Die beobachten Sie sehr kritisch. Wie gehen Sie mit diesen Anfeindungen, man kann es gar nicht anders sagen. Wie gehen Sie mit solchen Anfeindungen um, die es ja auch gibt?
Philippa Rath [:Die gibt es auch. Ich versuche, möglichst gelassen damit umzugehen, weil ich an sich ein toleranter Mensch bin. Ich kann gut haben, dass jemand andere Meinungen vertritt. Das ist also gar nicht die Frage. Bis zu einer bestimmten Grenze, was unter einer bestimmten Grenze ist, das nehme ich einfach nicht zur Kenntnis. Ich bin ganz bewusst nicht in den sozialen Netzwerken engagiert. Das habe ich während des synodalen Weges bemerkt mit anderen Synodalen, die dieselben Meinungen vertreten wie ich, wie sehr sie beschimpft, verleumdet, missachtet wurden. Also ganz schlimm. Ganz schlimme Dinge sind da passiert. Und ich habe gedacht, das muss ich mir nicht antun. Wenn dann doch etwas an mein Ohr dringt, und das tut es natürlich indirekt immer wieder, dann nehme ich das auch mit ins Gebet. Wir treffen uns ja fünfmal am Tag zum Chorgebet, wir sind Benediktinerinnen. Ich kann das nach oben geben. Also ich kann das im Gebet abgeben, ohne dass mich das schlaflose Nächte kostet oder mich zu sehr tangiert. Ich bin halt einfach überzeugt, dass Geschlechtergerechtigkeit sein soll und dass das Gottes Wille ist. Da bin ich wirklich überzeugt von. Und deshalb werde ich mich auch weiter dafür einsetzen, egal was die Menschen denken. Und Gott sei Dank gibt es dann auch ab und zu mal so eine Auszeichnung, auf die ich dann auch stolz bin. Gerade die Edith-Stein-Medaille war mir sehr wichtig. Edith Stein hat ja schon vor 100 Jahren auch davon gesprochen, dass das Priesteramt der Frau möglich ist. Dogmatisch möglich. Das war damals eine Revolution und ist es heute immer noch. Und dass es solche Frauen gab, die damals auch schon angefeindet wurden, das macht mir auch wieder Mut und Hoffnung. Und ich denke, es steht nirgendwo geschrieben, dass unser Engagement leicht sein muss. Es ist nicht leicht im Moment, und die Kirche hat es nicht leicht. Aber das hält mich nicht ab, mich weiter zu engagieren.
Sandra Leis [:Sie wirken zuversichtlich, nie verbittert. Was raten Sie Katholikinnen, also auch Katholiken, doch besonders den Frauen, die wirklich Veränderungen wollen. Wie können sie engagiert sein und gleichzeitig geduldig? Das ist ja eine Kunst für sich.
Philippa Rath [:Ich glaube, man muss den Blick weiten. Gerade gestern habe ich eine Mail bekommen von einer sehr engagierten Frau aus Mainz, die so frustriert war über die Weltsynode, dass alles nur noch misslungen ist und alles nur schlecht. Dann habe ich versucht, ihr zu zeigen, dass doch nicht alles schlecht ist. Ich habe einige Punkte aufgeschrieben, wo es doch vielleicht kleine Fortschritte gegeben hat, wo Türen sich wieder geöffnet haben, die schon zu waren. Dann hat sie sich bedankt und hat gesagt, ja, so kann man es auch sehen. Also ich glaube, wir müssen sehen lernen von verschiedenen Standpunkten her und auf verschiedene Perspektiven. Es gibt immer etwas, worüber wir uns freuen können. Und es gibt immer Hoffnung, da bin ich ganz sicher. Und das versuche ich den Frauen zu vermitteln.
Sandra Leis [:Schwester Philippe Rat. Vielen Dank für dieses Gespräch.
Philippa Rath [:Gerne. Vielen Dank Ihnen.
Sandra Leis [:Das war die 37. Folge des Podcasts «Laut + Leis». Zu Gast war Schwester Philippa Rath. Sie ist Benediktinerin und setzt sich unermüdlich ein für Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche. Im Buch «Meine Hoffnung übersteigt alle Grenzen» spricht sie über ihr Leben und ihren Glauben. Erschienen ist das Buch im Herder-Verlag.
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In der nächsten Folge von «Laut + Leis» geht's um das Heilige Jahr, das Papst Franziskus am 24. Dezember eröffnen wird. Ein Heiliges Jahr gibt es alle 25 Jahre. Mit dem Kirchenhistoriker Markus Ries schaue ich in die Geschichte dieser Tradition und frage ihn, wodurch sich die neue Ausgabe auszeichnet und vor welchen Herausforderungen die Stadt Rom steht. Bis in zwei Wochen. Und bleibt laut und manchmal auch leise.