Artwork for podcast Laut + Leis
Ombudsmann Thierry Moosbrugger, wie können wir besser streiten? (W)
Episode 3018th July 2025 • Laut + Leis • kath.ch
00:00:00 00:29:20

Share Episode

Shownotes

Er ist römisch-katholischer Theologe, Mediator und Ombudsmann des Kantons Basel-Stadt. Das heisst, Thierry Moosbrugger kennt sich aus mit Streitereien aller Art. Nun hat er ein Buch übers Streiten geschrieben und zeigt Wege auf zur Konfliktlösung.

Themen dieser Folge:

  • Warum funktioniert Streitkommunikation ganz anders als Alltagskommunikation?
  • Was ist christliches Streiten?
  • Wie unterscheidet sich Streit in der Familie von Streit im Beruf?
  • Warum fällt es uns im Streit oft so schwer, einfache Regeln der Kommunikation umzusetzen?
  • Was braucht es, damit ein Streit nicht eskaliert?
  • Welche Bedeutung haben Rituale?
  • Das Buch von Thierry Moosbrugger: «50x besser streiten. Wege zur Lösung», 328 Seiten, Verlag NZZLibro 2024.

Transcripts

Thierry Moosbrugger [:

Aus meiner Sicht funktioniert Streitkommunikation komplett anders und oft eben sogar gegensätzlich wie die Alltagskommunikation. Weil in der Alltagskommunikation ist die Beziehung zwischen den Menschen, die miteinander kommunizieren, oft einigermaßen klar und mehr oder minder stabil. Und da verträgt die Kommunikation sehr viele Grauzonen. Und im Streit ist genau das Gegenteil der Fall. Das stehen wir auf emotional sehr dünnem Eis, weil diese Stabilität vom Alltag verloren geht. Und damit geht eben auch diese Elastizität im Verstehen-Können und Einordnen-Können verloren.

Sandra Leis [:

Das sagt Thierry Moosbrugger. Er ist römisch-katholischer Theologe, ausgebildeter Mediator und seit sechs Jahren Ombudsmann des Kantons Basel-Stadt. Das heisst, er ist tagtäglich mit Streitigkeiten beschäftigt und hat jetzt ein Buch geschrieben mit dem Titel «50x besser streiten». Thierry Moosbrugger, herzlich willkommen zu unserem Gespräch. Wir treffen uns hier an Ihrem Arbeitsort in der Ombudsstelle in Basel, und wir sprechen über ein Thema, das uns alle betrifft: Streit. Wann haben Sie das letzte Mal so stark gestritten, dass die Fetzen geflogen sind?

Thierry Moosbrugger [:

Dass ich so stark gestritten habe, das ist jetzt tatsächlich schon länger her und war im Zusammenhang mit der Fasnachtsclique.

Sandra Leis [:

Sie sind ein ambitionierter Fasnächtler. Ist das so?

Thierry Moosbrugger [:

Das ist so, seit ich klein bin. Als Junge wollte ich einmal Waggis werden. Von Beruf.

Sandra Leis [:

Ah ja, gut, das sind natürlich große Ziele. Da kann es auch Streitereien geben. Das verstehe ich. Jetzt haben Sie ein Buch geschrieben übers Streiten. Es ist nicht das erste Buch zu dem Thema, zum Thema Kommunikation. Was unterscheidet Ihr Buch von den anderen Ratgebern?

Thierry Moosbrugger [:

Mein Buch ist ein Alltagsbuch. Man hat mir mal schon gesagt, mein Buch hat das Potenzial, der «Tiptopf» der Konfliktkommunikation zu werden. Das heißt ganz einfach, ganz basic, ganz praktisch umsetzbar.

Sandra Leis [:

Also wie das Kochbuch.

Thierry Moosbrugger [:

Wie das Kochbuch mit Großmutters Rezepten.

Sandra Leis [:

Sie sind römisch-katholischer Theologe und danken ganz am Ende des Buches den beiden Theologen Eugen Drewermann und Frére Roger Schutz für das spirituelle Mindset. Was meinen Sie genau damit?

Thierry Moosbrugger [:

Frère Roger ist mir in meinem Leben enorm wichtig geworden. Schon sehr, sehr lange her. Mit seinem Engagement für die unaufhörliche Versöhnung in allen Arten der Entzweiung und seinem einzigartigen Vertrauen, das er ausstrahlt. Ich hatte einmal das Glück, bei einer heißen Schokolade ihm gegenüber an einem Tisch zu sitzen, so wie jetzt mit Ihnen, und seinen Blick und seine Worte werde ich nie mehr vergessen. Eugen Drewermann wiederum ist ebenfalls eine ganz, ganz wichtige Figur für mich. Er ist der Theologe, der mich theologisch am meisten geprägt hat, weil für mich niemand so die menschliche Tiefe der biblischen Texte erschlossen hat wie er.

Sandra Leis [:

Die beiden geben das Mindset auch für das Buch.

Thierry Moosbrugger [:

Sie geben das Mindset für meinen Glauben und meine Überzeugungen. Wie Vertrauen, Glaube im Alltag gelebt werden könnte. Und das ist so ein bisschen wie mein persönliches Hintergrundrauschen auch für dieses Buch.

Sandra Leis [:

In der Bergpredigt sagt Jesus: «Wenn dich jemand auf deine rechte Wange schlägt, so wende ihm auch die andere zu.» Heißt das, dass Christinnen und Christen eigentlich Streit vermeiden sollen, wenn das möglich ist?

Thierry Moosbrugger [:

Nein. Für mich bedeutet dieser Satz von Jesus das, was ich in meinem Buch auch sage, nämlich: Tu nicht das, was man normalerweise in einem Streit tut, nämlich zu eskalieren und Gleiches mit Gleichem zurückzuzahlen. Sondern entschleunige. Weil der Satz heißt ja nicht, lass dich schlagen, sondern er heißt einfach, reagiere nicht, sondern halte still und schau mal, was passiert, indem du nichts tust. Und dieses Entschleunigen ist für mich einer der Schlüssel, wie man verhindern kann, dass Streit eskaliert.

Sandra Leis [:

Um das geht’s ja auch im Buch: Es heißt nicht, man solle nicht streiten. Streit gehört zum Leben. Aber wie man besser streiten könnte, gerade wie es eben auch im Untertitel heißt. Zu Gast im Podcast war Anfang Jahr auch einmal der Psychotherapeut Jörg Berger, und er hat sich mit Erschöpfung auseinandergesetzt und sich auch die Frage gestellt, weshalb gerade Christinnen und Christen Burnout erleben. Und er hat gesagt im Podcast, man solle Liebe nicht mit liebsein verwechseln. Das heißt, Berger plädiert wie Sie auch, dass man Konflikte austragen soll. Meine Frage an Sie, Thierry Moosbrugger: Gibt es denn eine Art von christlichem Streiten? Also so, wie es Jesus in der Bergpredigt sagt, oder wie verstehen Sie das?

Thierry Moosbrugger [:

Für mich ist die Bergpredigt tatsächlich nicht meine erste Referenz dafür, wie ich christlich streiten verstehe. Für mich sind es eine Geschichte aus dem Alten Testament, nämlich als die Israeliten in der Wüste sind und irgendwann einmal mehr genug hatten von diesem in der Wüste herumziehen und eigentlich einen Sitzstreik machten, nicht mehr weitergehen wollten. Und Mose vorwarfen, er habe sie nur aus Egoismus von den Fleischtöpfen Ägyptens weggeführt. Und bei diesem Sitzstreik geschieht dann eine, ja ich sage es mal so, geschieht dann eine Schlangenplage. Und die Lösung dabei ist, dass Gott selber Moses beauftragt, eine Kupferschlange im Camp aufzustellen und man solle die Kupferschlange anschauen, wenn man gebissen worden ist. Das heißt für mich christlich streiten. Erst mal das anschauen, was mich beißt. Und dann wie in der Geschichte, wenn die Israeliten eben gebissen wurden, den Kopf der Schlange angeschaut haben, dann wurden sie geheilt. Und die Israeliten haben das gemacht. Die Plage ging weg und sie haben wieder Mut gefunden, ihren Weg weiterzugehen. Das für mich die eine ganz wichtige Geschichte aus der Bibel. Was für mich christlich streiten heißt, nämlich hinschauen. Das ist das Alttestamentliche. Und die Parallele dazu im Neuen Testament ist dann, dass Paulus in einem Brief interessanterweise Jesus am Kreuz mit dieser kupfernen Schlange in der Wüste vergleicht. Er macht da eine Referenz, dass Jesus am Kreuz quasi die Schlange ist, von der das Heil kommt. Und ich finde das sehr interessant, weil für mich der gekreuzigte Jesus ein ultimatives Zeichen der Solidarität im Leiden ist. Dass Gott weiß, was mein Leiden heißt, weil er in Jesus Christus selber auch gelitten hat. Und dieses Wissen um mein Leiden, das gibt mir dann eben das Vertrauen, dass ich mich auf Gott verlassen kann, dass ich mich im Glauben nicht alleine fühlen muss. Und das wiederum hilft mir dann eben hinzuschauen, dort, wo es weh tut. Und diese beiden Passagen, das ist das, was für mich christlich streiten bedeutet. Und es ist eine große Tragik, dass das der Kirche immer wieder nicht gelingt.

Sandra Leis [:

Dass sie harmoniebedürftig ist beispielsweise und vieles unter den Teppich kehrt.

Thierry Moosbrugger [:

Genau.

Sandra Leis [:

Im Volksmund sagt man häufig: Zum Streiten braucht es immer zwei. Was sagen Sie dazu? Stimmt das? Oder was ist denn, wenn als einer wirklich mutwillig oder eine mutwillig einen Streit vom Zaun bricht? Stimmt dieses Sprichwort immer noch?

Thierry Moosbrugger [:

Das Problem bei diesem Volksmund ist es aus meiner Sicht, dass es oft als Argument gegen jemanden benützt wird. Oder die Mutter, die kommt und das ihrer Tochter sagt, weil diese mit ihrer Schwester gerade Streit hat oder mit ihrem Bruder. Und diese, diese moralische Ebene, die finde ich sehr schwierig. Auf der anderen Seite gibt es auch den Satz, um sich auseinanderzusetzen, muss man sich erst mal zusammensetzen. Und es ist normal, dass wir Menschen unterschiedliche Meinungen, Werte, Geschichten, Bedürfnisse Ziele haben, immer wieder, 100mal am Tag. Und dass es da Differenzen gibt. Und diese Differenzen sind der Keim, aus dem eine Lösung, eine Auseinandersetzung oder ein destruktiver Streit werden kann.

Sandra Leis [:

Und da hat der Mensch die Verantwortung zu wählen, welchen Schritt er machen will.

Thierry Moosbrugger [:

Genau. Und oft wählen wir eben nicht, sondern lassen uns unbewusst von unserem Unbewussten in die eine oder in die andere Richtung treiben. Und es ist ein Ziel oder ein Angebot meines Buches, immer wieder so Bewußtseinsecken zu schaffen, damit mir klar wird, was eigentlich gerade bei mir selber passiert und vielleicht auch beim Gegenüber.

Sandra Leis [:

Die Reflexion ist etwas ganz Wichtiges in diesem Buch. Über die schreiben Sie in verschiedenen Kapiteln auf unterschiedliche Art und Weise. Ein ganz wichtiges Kapitel ist das allererste. Da geht es um unseren Umgang mit der Sprache. Sie beschreiben Dinge, die wir eigentlich alle wissen oder wissen sollten: Beispielsweise mit Ich-Botschaften sprechen, «aber» durch «und» ersetzen, auf Wörter wie «immer» oder «nie» verzichten, positive Formulierungen wählen. Das wissen wir alle ein Stück weit. Und trotzdem, im Eifer des Gefechts, im Streit können wir uns nicht mehr daran erinnern. Oder wir haben diese Werkzeuge dann nicht zur Hand. Weshalb fällt es uns oft so schwer, diese Tipps dann im Streit auch wirklich umzusetzen?

Thierry Moosbrugger [:

Ich denke, das Wichtigste dabei ist es, was Sie gesagt haben: im Eifer des Gefechts. Aus meiner Sicht funktioniert Streitkommunikation komplett anders und oft eben sogar gegensätzlich wie die Alltagskommunikation. Weil in der Alltagskommunikation ist die Beziehung zwischen den Menschen, die miteinander kommunizieren, oft einigermaßen klar, mehr oder minder stabil. Und da verträgt die Kommunikation sehr viele Grauzonen. Da sind wir sehr elastisch und sehr flexibel im Verstehen oder im Einbetten von dem, was mein Gegenüber sagt. Und im Streit ist genau das Gegenteil der Fall. Das sind wir auf emotional sehr dünnem Eis. Darum reden wir auch von Streit. Und da ist es eben so, dass jedes einzelne Wort die Waagschale auf die eine oder auf die andere Seite fallen lässt, weil im Streit die Beziehung in Gefahr steht, weil ich mich angegriffen fühle, weil diese Stabilität vom Alltag verloren geht. Und damit geht eben auch diese Elastizität, das Verstehen-Können und Einordnen-Können verloren.

Sandra Leis [:

Ich möchte noch mal bei einem Punkt nachhaken, bei diesem positiven Formulieren. Da legen Sie ja großen Wert drauf im Buch. Wie kann ich denn verhindern, dass ich plötzlich beschönige oder eine Diskussion oder einen Knackpunkt unter den Teppich kehre?

Thierry Moosbrugger [:

Beschönigen und positiv Formulieren sind zwei komplett unterschiedliche Dinge. Beim positiv Formulieren, das ist eigentlich eine technische Angelegenheit. Wenn mein Kind auf einem Baum sitzt und ich sehe, es droht das Gleichgewicht zu verlieren, und dann sage ich: «Fall nicht runter!» Oder ich sage: «Halte dich fest!», dann habe ich nichts beschönigt, sondern ich habe positiv formuliert. Es geht mir darum, die Dinge positiv zu formulieren, aus der neurologischen Erkenntnis, dass sich das Hirn das Wort «nicht» nicht vorstellen kann im Stress. In einem einem stabilen Kommunikations-Setting wie jetzt hier können wir diese intellektuelle Anstrengung machen. Im Streit versteht der Mensch normalerweise das, was nach dem Wort «nicht» kommt, als hätte man es positiv gesagt. Und darum ist es wichtig, positiv zu formulieren.

Sandra Leis [:

Ich bringe ein ganz einfaches Beispiel aus der Arbeitswelt: Ich habe möglicherweise eine Kollegin oder einen Kollege, der tagelang E-Mails nicht beantwortet, und dann möchte ich es ihm oder ihr direkt sagen und eben nicht hintenherum, sondern auf die Person zugehen. Dann muss ich ja irgendwie schon sagen: Es stört mich, dass du die E-Mails nicht beantwortest, sagen wir innerhalb von 24 Stunden beantwortest. Wie könnte ich das ohne «nicht» formulieren?

Thierry Moosbrugger [:

Indem Sie sich überlegen, was Sie sich wünschen. Da fängt es ja auch bereits an: Also wenn Sie sagen, es stört mich, dass du das nicht tust, ist etwas anderes, als wenn ich sage, ich wünsche mir, dass du meine Mails innerhalb von 48 Stunden beantwortest. Da sage ich, was ich möchte, und setze mich ein stückweit damit auch aus. Es ist eben einfach, du zu sagen. Da müssen wir unsere eigene Komfortzone weniger verlassen. Wenn ich sage, du antwortest nicht auf meine Mails und wenn ich sagen muss, ich möchte das gerne. Dann gehe ich aus meiner Komfortzone und muss mich ein Stück weit dem aussetzen, dass der andere sagt, ja, das reicht doch auch in vier Tagen. Und da muss ich mir überlegen, stimmt das eigentlich? Brauche ich es wirklich in 48 Stunden? Vielleicht brauche ich es, und dann muss ich das erklären.

Sandra Leis [:

Und dann gut argumentieren. Also ein schönes Beispiel. Ich denke, das ist ein Alltagsphänomen, das viele Menschen kennen. Wie gesagt, überall, wo Menschen aufeinandertreffen, kann es zu Streit kommen. In der Familie, am Arbeitsplatz, im Sport, bei der Fasnacht, wo auch immer. Gibt es Ihrer Meinung nach einen Unterschied zwischen Streit im Privaten, im Familiären und Streit am Arbeitsplatz?

Thierry Moosbrugger [:

Die Mechanismen der Eskalation sind in meiner Erfahrung überall dieselben. Ich habe mir das beim Schreiben tatsächlich immer wieder überlegt: Was ist anders? Und für mich ist dann immer wieder, wenn ich mir Beispiele überlegt habe oder auch, was ich selber schon erlebt habe, eine Frage. Bei familiären Bindungen denke ich, ist einfach noch die die emotionale Verbindung größer und damit auch die Nähe, dass ich meine Familie besser kenne, eine längere Geschichte damit habe, denen auch weniger aus dem Weg gehen kann, weil Familie bleibt Familie. Das macht vielleicht das Eskalationspotenzial größer. Und gleichzeitig, wenn es dann zu Eskalation kommt, glaube ich, sind die Mechanismen dieselben, und auch die Deeskalatoren sind dieselben.

Sandra Leis [:

Also Rituale beispielsweise zum Beispiel. Oder eben dieses Deeskalieren, Entschleunigen, wie Sie es vorhin gesagt haben.

Thierry Moosbrugger [:

Genau.

Sandra Leis [:

Ich habe das Buch mit großem Interesse gelesen und auch ein paar Dinge für mich mitgenommen. Es gibt ja verschiedene Möglichkeiten, es sind 50 Kapitel. Besonders geblieben ist mir auch das konkrete Fragen. Also mich selber konkret befragen: Was möchte ich? Was ist mir wichtig in diesem konkreten Fall und auch das Gegenüber befragen. Also nachfragen: Was meinst du mit Freiheit? Oder was meinst du mit Wertschätzung in diesem Zusammenhang? Das, finde ich, sind sehr wichtige Anregungen. Und was mir auch sehr aufgefallen ist, da schreiben Sie ein ganzes Kapitel darüber, über diese Streitereien während der Nacht. Sie schreiben von nächtlichen Endlos-Streitereien. Das haben wahrscheinlich alle Menschen schon mal erlebt, und gleichwohl tappen doch viele immer wieder rein und denken am Abend, jetzt lösen wir dieses Problem noch rasch, und es ist eigentlich selten zielführend. Warum geraten Menschen immer wieder in diese Endlosschleife, in diese nächtliche Endlosschleife?

Thierry Moosbrugger [:

Ich denke, da gibt es viele Gründe dafür. Ist auch nicht immer dasselbe. Natürlich. Ein Grund, denke ich, ist, dass wir, wenn wir ins Bett gehen, eigentlich schon in einem anderen Modus sind. Wir haben uns eingestellt, vielleicht noch etwas zu lesen, vielleicht dem Partner sogar noch nahe zu sein. Wir sind schon müde vom Alltag und wenn dann ein Streit entfacht, dann denke ich, ist es sehr viel einfacher, sich treiben zu lassen. Dann ist die Gefahr groß zu denken, okay, das klären wir jetzt noch kurz. Und in diesem Kurz liegt eben dann oft auch die Gefahr, dass wir auch beim Antworten oder beim Reagieren nicht die nötige Achtsamkeit haben und dann Worte wählen, die eskalativ wirken und nicht entschleunigend. Und dass wir vielleicht auch die Erfahrung nicht haben, dass man auch sagen kann: Stopp! Das möchte ich nicht mehr jetzt klären, können wir das morgen klären? Das ist auch etwas, das man lernen muss.

Sandra Leis [:

Sie schreiben im Buch auch bei anderen Situationen, nicht nur in der Nacht, dass es ganz wichtig sei, einen Fokus zu haben. Also: Über was streiten wir genau? Also nicht vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen, das stört mich auch noch und das, sondern jetzt besprechen wir dieses eine Problem und dann das nächste. Wichtig ist auch die zeitliche Eingrenzung. Sie sagen, man solle sich eine halbe Stunde Zeit geben oder eine Stunde, man muss es miteinander abmachen. Und das Dritte, was mir geblieben ist, sind diese Rituale. Warum braucht es die, um einen Streit gut durchzuführen und schließlich zu beenden?

Thierry Moosbrugger [:

Rituale haben etwas Verbindendes. Und Rituale sind etwas, das Klarheit vermittelt, weil wir wissen, wie es geht. Und im Streit ist es wichtig, sich immer wieder um die Verbindung zwischen einander zu kümmern oder zu bemühen. Rituale geben Sicherheit, und im Streit ist diese Sicherheit in Gefahr, weil wir eben unterschiedlicher Meinung sind und das auf eine Art ausdrücken, die mich in Frage stellen. Und mit Ritualen kann es gelingen, dass wir etwas gemeinsam tun, über das wir uns einig sind.

Sandra Leis [:

Nehmen wir als Beispiel die Politiker und Politikerinnen. Von denen sagt man immer, sie würden nach einem heftigen Streit miteinander ein Bier trinken, dieses berühmte Bier. Ist das nicht auch ein Stück weit ein falscher Friede? Weil am nächsten Tag bekriegen sie sich ja wieder im Rat.

Thierry Moosbrugger [:

Nein, nein. Für mich ist das ein enorm wichtiges Ritual, wie Tausende andere Rituale auch. Es geht immer darum, dass die Beziehung, auch wenn das nur kurz, nur in Anführungszeichen «zwischendurch» ist, wieder eine gewisse Stabilität zu geben, auch wenn man danach wieder weiter streitet, sich weiter auseinandersetzt. Immer wieder sich darum zu bemühen, etwas Verbindendes zu schaffen, was auch immer das sei, ist die berühmte Friedenspfeife in ihren 1000 Varianten. Das finde ich etwas enorm Wichtiges, das meiner Erfahrung nach auch noch sehr viel weiteres Potenzial hat.

Sandra Leis [:

Einen Aspekt habe ich im Buch ein bisschen vermisst, denn es gibt ja Streitereien, die wiederholen sich regelmäßig. Ich sage jetzt nicht «immer», aber doch beispielsweise dieses E-Mail, von dem ich vorhin gesprochen habe, dass dann dieselbe Kollegin, der selbe Kollege, eben auch zwei Wochen später E-Mails unbeantwortet lässt, obwohl ich der Meinung gewesen bin, wir beide hätten einen Konsens gefunden. Oder ein privates Beispiel: Der Sohn hinterlässt die Toilette und ersetzt die W- Rolle nicht. Obwohl wir des Öfteren schon dieses Thema in Frieden und einander zugewandt diskutiert haben. Was raten Sie da? Weil ich glaube, das erleben ja viele Menschen, dass sie immer wieder beim gleichen Thema, egal welches, anstoßen. Was empfehlen Sie?

Thierry Moosbrugger [:

Also offensichtlich ist das, was Sie gesagt haben: Ich war der Meinung, das war geklärt. Und offensichtlich war das nicht der Fall. Wieso das so ist? Auch da gibt es dann viele Möglichkeiten. Entweder war ich zu wenig verständlich oder zu wenig klar oder zu wenig deutlich. Oder mein Gegenüber hat mein Anliegen, mein Bedürfnis nicht verstanden, weshalb auch immer. Und es bleibt nichts anderes übrig, als in solchen Situationen halt dasselbe Thema nochmals anzuschauen und zu versuchen, vielleicht tiefer zu gehen. Zu fragen: Was liegt darunter, dass das nicht funktioniert? Vielleicht kann es auch an einem Konflikt zwischen den beiden Personen sein, der ganz woanders liegt. Und das, was dann schlussendlich den Ärger auslöst – E-Mails nicht beantworten oder Toilette schmutzig zurücklassen –, das ist vielleicht nur das passiv aggressiv Reagieren auf etwas ganz anderes. Solange das andere nicht geklärt ist, ist auch dieses nicht möglich, weil je nachdem vielleicht auch der Zusammenhang gar nicht hergestellt wird vom Gegenüber. Oder es war nicht so ganz klar, wieso mir das wirklich wichtig ist. Und dann wäre es zum Beispiel eine Möglichkeit, die Ziele besser anzuschauen mit sogenannten smarten Zielen, so wie man das bei Mitarbeitergesprächen kennt. Dass die Ziele spezifisch, messbar, attraktiv, erreichbar und zeitlich begrenzt sind.

Sandra Leis [:

T für terminiert bei smart.

Thierry Moosbrugger [:

Genau. Und schlussendlich heißt das genau hinschauen. Und mein Buch hat dann die verschiedensten Möglichkeiten, wie man das tun kann.

Sandra Leis [:

Also vielleicht auch ein anderes Werkzeug probieren und flexibel bleiben.

Thierry Moosbrugger [:

Das ist das gute Stichwort. Genau, weil das sage ich manchmal auch bei Workshops oder so, man kann einen Nagel auf unterschiedliche Art aus der Wand kriegen: mit einer Flachzange, mit einer Beißzange, manchmal sogar dem spitzen Ende eines Baumes, je nach Situation und nach Vorlieben. Und mein Buch soll genau so etwas sein: eine Werkzeugkiste, wo man auswählen kann, was einem am besten passt.

Sandra Leis [:

Ganz am Ende Ihres Buches machen Sie ein neues Fass auf und fragen: Wie geht eigentlich Versöhnung? Ein Riesenthema, das Sie auf eineinhalb Seiten abhandeln. Antworten Sie mir als Theologe. Was glauben Sie, was braucht es, dass Versöhnung möglich sein kann?

Thierry Moosbrugger [:

Also erst möchte ich sagen, dass ich das Thema Versöhnung lediglich anschneide. Klar, und um es eben abzuhandeln, reichen weder eineinhalb noch 15 Seiten. Und für mich ist die Versöhnung der logische zweite Schritt nach dem Streiten. Und Versöhnung ist ein Thema, für das es ebenfalls ein großes Bedürfnis gibt, das nehme ich in der Gesellschaft wahr. Wie wir uns besser versöhnen können, quasi ab dem Tag eins nach dem Streit. Das ist ja auch auf politischer Ebene ein großes Thema, das immer wieder angesprochen wird. Und auch hier denke ich, dass es sehr viel Überlegungsarbeit braucht, Versöhnung neu so zu formulieren, dass wir Menschen von heute diese Wege gehen können, weil wir hatten einmal Versöhnungswege, und die Kirche war, die Kirchen waren die Fachleute oder auch Institutionen für sie, für dieses Thema und diese Expertise, diese anerkannte Expertise, die haben die Kirchen heute komplett verloren, und die Menschen sind mit dem Bedürfnis nach Versöhnung zurückgeblieben. Es gibt wenige Psychotherapeuten, welche hier Vorschläge machen. Irgendwann, so in ein paar Jahren, würde ich mir wünschen, dass jemand oder ich ähnlich wie dieses «50x besser streiten», ein Buch schreibt zum Thema «50x oder ein paarmal besser versöhnen».

Sandra Leis [:

Das wäre natürlich ein neues Projekt für Sie. Und als Theologe haben Sie vielleicht auch noch einen Hinweis, wie die Kirchen mit dem Thema umgehen könnten.

Thierry Moosbrugger [:

Ich maße mir nicht an, jetzt sagen zu können, wie das eigentlich geht. Für mich sind da jetzt schon auch Ansätze im Buch drin, weil es auch dann um das genau Hinhören geht. Was brauche ich eigentlich? Was gibt es schon? Was gibt es für Großmutter-Rezepte im Bereich Versöhnung, und wie kann ich die heute umsetzen, so dass sie, ich sag mal, den schmackhaften Kern behalten, ohne als oberflächlich und altbacken und damit untauglich zu wirken? Dem Thema Versöhnung immer wieder neue Formen für den Alltag zu geben, das wäre hilfreich und wichtig.

Sandra Leis [:

Thierry Moosbrugger, vielen Dank für Ihre Ausführungen und auch die vielen konkreten Tipps im Buch zum Thema Streiten.

Thierry Moosbrugger [:

Bitte. Gern geschehen.

Sandra Leis [:

Zu Gast im Podcast «Laut + Leis» war Thierry Moosbrugger: Er ist Theologe, ausgebildeter Mediator und seit sieben Jahren Ombudsmann des Kantons Basel-Stadt. Sein Buch heisst «50x besser streiten. Wege zur Lösung». Erschienen ist es im Verlag NZZ Libro.

Über Feedback freuen wir uns: Schreibt gerne per Mail an podcast@kath.ch oder per WhatsApp auf die Nummer 078 251 67 83.

Und: Abonniert den Podcast und bewertet ihn positiv, wenn er euch gefällt.

In der nächsten Folge besuche ich die interkonfessionelle Flughafen-Kirche in Zürich Kloten und spreche mit der Flughafen-Seelsorgerin Andrea Thali darüber, was Reisende bewegt und umtreibt.

Bis in zwei Wochen – und bleibt laut und manchmal auch leise.

Follow

Links

Chapters

Video

More from YouTube