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Pater Lohre: «Meinen Glauben an Jesus konnten die Dschihadisten mir nicht nehmen»
Episode 5928th November 2025 • Laut + Leis • kath.ch
00:00:00 00:32:37

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Shownotes

In Mali engagierte er sich viele Jahre für den christlich-islamischen Dialog. 2022 wurde er von Dschihadisten entführt und ein Jahr lang gefangen gehalten. In Gottesdiensten und Vorträgen berichtet Pater Hans-Joachim Lohre von seinen Erfahrungen und seiner Arbeit.

 Die Themen dieser Folge: 

  • Auf Einladung des Hilfswerks «Kirche in Not (ACN)» besuchte er die Schweiz: Wie reagiert sein Publikum?
  • Er gehört dem Orden der Weissen Väter an: Wollte er die Muslime in Mali zum Christentum bekehren?
  • In Bamako hat Pater Lohre das «Zentrum Glaube und Begegnung» geleitet: Wie funktioniert der christlich-islamische Dialog konkret?
  • Im November 2022 wurde er entführt: Hat er je mit einer Entführung gerechnet?
  • Wer hat ihn entführt, und wie haben die Entführer ihn behandelt?
  • Wie hat sein Tagesablauf in der Gefangenschaft ausgesehen?
  • Er sagt, er habe nie mit Gott gehadert: Woher kommt sein unerschütterliches Gottvertrauen?
  • Im November 2023 kam es zur Freilassung: Wie hat er die Freiheit erlebt?
  • Heute ist Mali eines der gefährlichsten Länder der Welt: Ist der christlich-islamische Dialog in Mali gescheitert?
  • Seit einem Jahr lebt und arbeitet Pater Lohre in Marseille: Was sind dort seine Aufgaben?

Transcripts

Pater Lohre [:

Abends kam der Chef und guckte sich meinen Pass an und sagte, so, Deutscher. Und ich sagte, ja, wieso haben Sie mich entführt? Ich bin Priester, ich arbeite zum Wohl der Menschen. Wir helfen also Christen und Muslimen. Das hat nichts damit zu tun, dass du Priester bist oder Christ. Du bist Deutscher, und Deutschland ist im Krieg gegen uns. Wir wollen, dass alle deutschen Soldaten das Land verlassen. Das ist unsere Rache an Deutschland.

Sandra Leis [:

Das sagt Pater Hans Joachim Lohre. Er war während insgesamt 26 Jahren Missionar in Mali und engagierte sich für den christlich-islamischen Dialog. Vor drei Jahren wurde er in der Hauptstadt Bamako gekidnappt und ein Jahr lang von Dschihadisten gefangen gehalten. Jetzt ist Pater Lohre auf Einladung des Hilfswerks Kirche in Not in der Schweiz und berichtet in verschiedenen Pfarreien über seine Erfahrungen. Ich bin Sandra Leis und treffe Pater Lohre in der Pfarrei Herz Jesu in Lenzburg. Pater Hans-Joachim Lohre, herzlich willkommen zu unserem Gespräch.

Pater Lohre [:

Dankeschön, Frau Leis.

Sandra Leis [:

Im Moment halten Sie Vorträge in der Schweiz und in Lichtenstein. Wer ist Ihr Publikum?

Pater Lohre [:

Mein Publikum sind relativ ältere Menschen, die noch werktags in die Kirche gehen. Aber dann auch, wenn nach den Messen zum Beispiel ein Gespräch bei Kaffee und Kuchen angeboten wird, dann kommen auch nochmal Leute von außerhalb dazu.

Sandra Leis [:

Das war jetzt in Lenzburg auch so, ich war ja auch dabei. Und wie reagieren denn die Zuhörerinnen und Zuhörer auf Ihre Schilderungen aus Mali?

Pater Lohre [:

Also ich habe ja nicht sehr viel Zeit, um von meiner Arbeit in Mali, von den Menschen in Mali, von der Situation dort und auch von dem Jahr der Gefangenschaft zu berichten. Ich versuche immer eine Beziehung zu schaffen zum Tagesevangelium oder zu der Lesung und dann zu zeigen, zu sagen, wie ich in meiner Gefangenschaft auf diese Situation geantwortet habe. Es ist also ganz sicher, was die Leute berührt, ist der Glaube, den ich mir behalten konnte in dieser Zeit, der tiefe Frieden, der immer in mir wohnte und das, das sagen die Leute, das überrascht uns aber, und das zeigt uns, wie sehr der Glaube auch wirklich in schwierigen Situationen tragen kann.

Sandra Leis [:

Das ist Ihr Hauptanliegen, wenn Sie auf Reisen sind. Beginnen wir von vorne. Sie sind 1957 in Nordrhein-Westfalen geboren, haben in Toulouse Theologie studiert und lebten dann von 1981 bis 1983 im Rahmen Ihrer Ausbildung erstmals in Mali. 1985 wurden Sie zum Priester geweiht und danach übersiedelten Sie nach Mali. Warum ausgerechnet Mali ein Land im Nordwesten von Afrika? Was hat Sie fasziniert?

Pater Lohre [:

Ich gehöre der Gesellschaft der Afrikamissionare an, Weiße Väter. Und während meines Philosophiestudiums in Frankfurt sagte der Leiter, der jahrelang in Mali gewesen ist, mein Freund Joseph Dao wird zum Bischof geweiht. Ich kann nicht, nicht dahinfahren. Will einer von euch mitkommen? Und ich sag ja, ich. Und so habe ich schon 1979 drei Monate, drei Wochen in Mali verbracht, und als ich dann im Noviziat gefragt wurde, gibt es ein Land, wo du hingehen möchtest, ich sagte, ich kenne ja nicht viel von Afrika, ich war in Mali und das sagte mir wirklich zu, ein armes Land in der Sahelzone, 80 Prozent Muslime, 20 Prozent Naturreligion und zwei, drei Prozent Christen. Damals war es noch ein Prozent Katholiken, heute spricht man von zwei und die Evangelischen sind auch ungefähr ein bis zwei Prozent ,und das gefiel mir.

Sandra Leis [:

Sie gehören dem Orden der Weißen Väter an. Auch bekannt als Afrikamissionare. Wollten Sie die Menschen denn auch zum christlichen Glauben bekehren? War das ein Anliegen von Ihnen?

Pater Lohre [:

Niemals diese Evangelisierungskampagne, die man von evangelischen Christen kennt, das gibt es in der katholischen Kirche eigentlich nicht. Wir haben immer versucht, ein Zeugnis zu geben, so wie es auch im ersten Petrusbrief heißt: Seid immer bereit, Rechenschaft abzulegen von der Hoffnung, die in euch ist. Und das war unser Anliegen, auch unter den weißen Vätern und unserer Gemeinschaft so zu leben. Dass sich die Leute Fragen stellen. Wir sind ja immer in internationalen Gemeinschaften, also ein Engländer, ein Franzose, ein Deutscher. Und dann sagen die Leute schon, wie schafft ihr das zusammenzuleben? Und dann können wir sagen, gut, aus unserem Glauben an Gott, den Vater aller Menschen, in der Taufe sind wir Kinder Gottes geworden und somit Brüder und Schwestern untereinander.

Sandra Leis [:

In Bamako haben Sie das Zentrum Glaube und Begegnung geleitet. Was muss ich mir darunter vorstellen? Was war die Hauptaufgabe in diesem Zentrum?

Pater Lohre [:

Ja, das Zentrum Glaube und Begegnung wurde 2001 gegründet von den Weißen Vätern und der Diözese Bamako, weil man schon festgestellt hatte, da tut sich was in der islamischen Welt, eben diese fundamentalistischen Strömungen. Die Christen, die sagten, unsere Nachbarn, wir waren immer zusammen, wir haben zusammen Hochzeiten gefeiert, ganz besonders Beerdigungen, und plötzlich grüßen sie uns nicht mehr. Die sind ganz schwarz angezogen und da haben wir gesagt, wir Christen, also Christen und Muslime haben in Mali hundert Jahre lang sehr gut zusammengelebt, und plötzlich tut sich da was, und die Christen sind völlig unvorbereitet auf diese Situation. Und dann haben wir gesagt, wir veranstalten Vorträge, zu denen wir einen christlichen und einen muslimischen Redner einladen, zu Themen, die allgemein interessant sind wie zum Beispiel kann Beten heilen? Die Propheten in unseren verschiedenen Traditionen, Koran und Bibel, was ist der Platz? Zur Fastenzeit, gerade auch als Fastenzeit und Ramadan zusammenfielen, haben wir gesagt, welchen Sinn geben wir heute dem Fasten? Und in der Charta heißt es eben von dem Zentrum Glaube und Begegnung: Die Unkenntnis, die Ignoranz ist die Mutter von Intoleranz und Verachtung. Und das Hauptanliegen war eben das, die Kenntnis der anderen Religion zu fördern.

Sandra Leis [:

Genau, das ist Ihr Hauptanliegen. Heute ist der 20. November und genau vor drei Jahren wurden Sie in Bamako entführt.

Pater Lohre [:

Ach ja, stimmt.

Sandra Leis [:

Also Sie, ein Mensch, der wirklich für den interreligiösen Dialog sich engagiert hat. Sie wurden entführt. Haben Sie eigentlich je mit einer Entführung gerechnet? Sie haben vorhin ja gesagt, man hat gemerkt, es gibt andere Strömungen, aber haben Sie gedacht, es könnte auch mir passieren?

Pater Lohre [:

Seit 2003 hat Al-Qaida Diplomaten entführt, Europäer, Angestellte von internationalen Hilfsorganisationen. Und es gab eben Gegenden in Mali, wo man nicht hinfahren durfte, einfach weil das Risiko von Entführungen zu groß war.

Sandra Leis [:

Insbesondere im Norden, nicht? Aber Sie lebten ja im Süden.

Pater Lohre [:

Genau, im Norden, auch im Zentrum, im Dogonland. Wir haben immer Bamako für sicher gehalten. 2015 gab es da drei Anschläge, auch mit Toten. Aber Entführungen gab es so nicht.

Sandra Leis [:

Sie waren der Erste, kann man das so sagen?

Pater Lohre [:

Ich war der Erste in Bamako.

Sandra Leis [:

Wenn Sie sich zurückerinnern, heute vor drei Jahren, was ist da passiert?

Pater Lohre [:

Also wie jeden Sonntag ging ich morgens um 7.30 Uhr aus meinem Haus, ging auf mein Auto zu, das war davor geparkt. Und dann kam also ein Mercedes angefahren in großer Geschwindigkeit, setzte sich hinter mein Auto und ich dachte, hey, hey, die Messe hier an der Kapelle von der Uni, die fängt erst um 8 Uhr an, ihr braucht euch nicht so zu beeilen. Da kamen eben auch Leute von außerhalb. Und dann springen drei Männer in Militäruniform heraus. Einer kommt um mein Auto rum, mir entgegen, zeigt auf mich und sagt, Pater, Sie sind verhaftet. Ich sage, das geht jetzt nicht, ich bin auf dem Weg zur Messe. Ich habe anderes zu tun. Und dann sagt er, seien Sie still, Sie können sich gleich auf der Basis erklären. Und in dem Moment greift mich einer von hinten und zerrt mich auf den Rücksitz von dem Mercedes und wir sind weg. Das war eine Sache von fünf Sekunden, vielleicht zehn.

Sandra Leis [:

Was ging Ihnen durch Kopf und Herz?

Pater Lohre [:

Ich habe gedacht, was habe ich denn wohl auf welchem sozialen Medium oder am Telefon oder E-Mail gesagt, was der Militärregierung missfallen hat. Denn das war schon bekannt, dass die Militärregierung Leute abholen ließ, verhaften ließ, die sich kritisch gegenüber der Regierung geäußert hatten. Und das habe ich gedacht. Aber in dem Moment, also nach 20 Minuten ungefähr, als wir über Kati, den Sitz der Militärregierung hinausgefahren sind, da war mir schlagartig klar, das ist eine islamistische Entführung. Dann weiß ich ja nun, wo ich die nächsten sechs Jahre bin. Ja, vielleicht drei, wenn ich Glück habe. Vier bis fünf, das ist so der Durchschnitt. Zwei, das wäre das Minimum. Ja, und ein Jahr, das wäre ein Wunder.

Sandra Leis [:

Hatten Sie Angst?

Pater Lohre [:

Überhaupt nicht. Überhaupt nicht. Gut, das geht also auch schon zurück auf das Jahr 2014, wo eben meine Familie und Freunde sagten, komm bloß zurück und das ist zu gefährlich in Mali. Und ich selbst war irgendwie, ja, nicht unsicher, aber ja, da war schon so ein Gefühl, was ist jetzt richtig? Ich war nicht im Frieden, sagen wir so. Und dann kam ich 2014 auf Urlaub und dann sagten mir meine Freunde, jetzt bleibst du aber hier, du fährst nicht zurück. Und ich sag, zurzeit bin ich an der katholischen Universität in Bamako, da sind 80 Prozent sind Muslime als Studenten. Ich gebe Kurse zur Education aux valeurs, also Erziehung zu den Werten. Ich habe sehr viele Einzelgespräche mit Muslimen, und diese Aufgabe erfüllt mein Leben mit Sinn. Wenn ich jetzt sage, das ist zu gefährlich, ich fahre jetzt zurück nach Deutschland oder Hövelhof und da überfährt mich ein Autobus, dann haben wir auch nichts gewonnen.

Sandra Leis [:

Kommen wir zurück zur Entführung, die Perspektive sechs Jahre lang in Geiselhaft zu sein. Wie kann man da keine Angst haben?

Pater Lohre [:

Ab dem Moment, wo ich 2014 das gehabt habe, war ich im Frieden mit der eventuellen Möglichkeit entführt zu werden. Aber dann ist noch ein anderer Punkt. Die letzten vier Jahre seit 2019 mit dem Studienjahr zur Ausbildung zum Islamreferenten waren sehr stressig, sehr angefüllt mit Arbeit und dann auch als Verantwortlicher für den interreligiösen Dialog der Bischofskonferenz in Mali. Und ich habe meinen Oberen gesagt, ich brauche eine Auszeit. Und auf meinem Tisch lag das Flugticket vom 8. Februar bis zum 1. September 2023. Und in dem Moment, wo ich entführt wurde, habe ich an Viktor Frankl gedacht, den Gründer der Logotherapie, der ja gesagt hat: Auschwitz überlebt haben nicht die Leute, die sich aufgegeben haben oder die die SS gehasst haben, sondern die, die es verstanden haben, dieser Situation einen Sinn zu geben. Und da habe ich mir gesagt, den Sinn, den ich jetzt dieser Zeit gebe, ob das nun ein, zwei, drei, vier, fünf Jahre dauert, ist, heute beginne ich mein Sabbatical-Jahr. Ich habe keinen Stress mehr, ich brauche keine Predigten vorzubereiten, keine Referenten mehr zu suchen, keine Sitzungen mehr, um die Themen zu besprechen, keine Rapporte mehr schreiben. Ich habe einfach nur viel Zeit zum Beten.

Sandra Leis [:

Das klingt alles sehr gelassen. Wer waren denn Ihre Entführer, mit wem hatten Sie es da zu tun?

Pater Lohre [:

Also die drei Ersten, die waren vermutlich auch von Al-Qaida, wie man mir gesagt hat. Also das Kommando, was mich einkassiert hat. Wir sind zwei, zwei Stunden, drei Stunden gefahren. Die hatten mir ja alles weggenommen an Uhr, an Telefon. Und dann sind die von der Teerstraße abgefahren, haben angefangen zu telefonieren. Und dann kamen drei Dschihadisten, wie man die so aus dem Film kennt, also wie in Afghanistan mit den langen Hemden, den Patronengürteln um die Schulter und die haben mich dann übernommen. Und der eine, der rechts neben mir saß, sagte, hab keine Angst, wir sind die Guten, wir werden dich gut behandeln, wir sind nicht so wie die vom islamischen Staat, die die Leute einfach so umbringen, also hab keine Angst.

Sandra Leis [:

Das war noch beruhigend ein Stück weit. Aber was war denn das Anliegen der Entführer, wenn sie sagen, sie wollen Ihnen nichts Böses, was wollten sie? Wollten sie Lösegeld von Deutschland, die naheliegende Vorstellung, oder was vermuten Sie? Weshalb wurden Sie da gekidnappt?

Pater Lohre [:

Also abends kam der Chef und guckte sich meinen Pass an und sagte, so, Deutscher. Und ich sagte, ja, wieso haben Sie mich entführt? Ich bin Priester, ich arbeite zum Wohl der Menschen, wir helfen also Christen und Muslimen. Das hat nichts damit zu tun, dass du Priester bist oder Christ, du bist Deutscher. Und Deutschland ist im Krieg gegen uns. Von der Europäischen Union gab es ja verschiedene Kontingente an Soldaten. Wir wollen, dass alle deutschen Soldaten das Land verlassen. Das ist unsere Rache an Deutschland.

Sandra Leis [:

Und das war vielleicht ein Pfand, das sie dann in der Diskussion oder mit Deutschland möglicherweise in der Hand hatten.

Pater Lohre [:

Am 9. Dezember wurde der Deutsche Jörg Lange freigelassen, ein Entwicklungshelfer nach viereinhalb Jahren. Und da sagte ich, ja, natürlich können sie den freilassen. Sie haben ja wieder einen neuen Deutschen, um weiterhin mit Deutschland zu verhandeln. Hoffentlich muss ich nicht auch vier Jahre warten. Aber während den zwei Wochen da auf meiner Rückreise sozusagen durch die Wüste, haben wir einen der Chefs getroffen, der gesagt hat, es gibt also drei Gründe, wieso wir Geiseln nehmen. Eins: Europa ist im Krieg gegen uns, die wollen den Islam vernichten, das ist unsere Rache an Deutschland, Frankreich oder was immer. Zwei: um Lösegeld oder Gefangene frei zu pressen. Drei: Wir wollen nicht, dass noch Europäer nach Mali kommen, also wir wollen diese Unsicherheit, damit sie nicht die Muslime mit ihren schlechten Sitten verderben.

Sandra Leis [:

Kommen wir zu Ihrem Tagesablauf. Wie muss man sich den vorstellen?

Pater Lohre [:

Der Tag ist getaktet durch die fünf täglichen Gebete. Eine Uhr hatte ich nicht, aber man weiß ja ungefähr, wann die beten. Und ich habe mir gesagt, ihr lebt euren Glauben, ich lebe meinen.

Sandra Leis [:

Und das haben sie akzeptiert?

Pater Lohre [:

Wie bitte?

Sandra Leis [:

Das haben sie akzeptiert?

Pater Lohre [:

Die haben mich sogar dafür respektiert. Die sagten immer, komm mit uns beten. Und machten dann eben die Bewegung, dass Sich-Niederwerfens. Und ich machte das Kreuzzeichen und sagte: Das mit dem Niederwerfen, das ist sehr gut für die Muslime, und das Kreuzzeichen ist sehr gut für die Christen. Und ich sage, wenn ich mit euch beten würde, die Gesten äußerlich tun, aber im Herzen an Christus glaube, dann wäre ich ja ein Heuchler. Ja, und den verabscheuen die Muslime noch viel mehr als die Ungläubigen. Aber so tun, als wenn, ach ne, das geht gar nicht. Und das haben die akzeptiert, und so habe ich jeden Morgen ein Morgengebet gemacht und dann Frühstück und dann zwei Stunden für mich Messe gelesen, und dann mittags habe ich eine Stunde Rosenkranz gebetet, dann Siesta und dann nachmittags noch mal eine Stunde Meditation und dann abends Rückblick auf den Tag. Ich habe also wirklich meine Exerzitien gemacht und da vier bis fünf Stunden am Tag gebetet.

Sandra Leis [:

Also sie haben auch nicht versucht, Sie zum Islam zu bekehren?

Pater Lohre [:

Oh doch, natürlich, natürlich. Die haben immer darauf bestanden, sprich mir bitte nach, la ilaha illallah Allah. Und das habe ich dann natürlich nachgesprochen, es gibt keinen Gott außer Gott. Und wenn die dann sagt Muhammad Rasulallah, Mohammed ist der Prophet Gottes, dann habe ich gesagt, Isa kalama Allah, und Jesus ist das Wort Gottes. Und dann sagten sie, nein. Gut, wir haben also sehr viel über den Glauben gesprochen. Aber wirklich in einem, von meiner Seite, ich war interessiert, was geht in ihnen vor, was denken die, wieso sind die Dschihadisten geworden. Was von meinen Worten bei ihnen angekommen ist, weiß ich nicht. Da ist schon diese Verachtung, dieser Stolz, dieser Hochmut bei denen gegenüber allen Nichtmuslimen. Wir sind eh die Besten. Wir brauchen auch nicht das Evangelium zu lesen, weil wir ja den Koran haben, das reicht uns.

Sandra Leis [:

Sie hatten Kontakt nach außen dank eines Radios, habe ich irgendwo gelesen. Wo haben Sie das Radio hergekriegt?

Pater Lohre [:

Also die ersten sechs Wochen, einer der Bewacher, hörte morgens Radio France International die Nachrichten, und abends habe ich mir das dann ausgeliehen und konnte dann die Spiele der Fußball- Weltmeisterschaft verfolgen und ganz besonders schön am 24. Dezember bin ich wirklich durch Zufall, Zufall wenn man das so will, auf Radio Vatikan gestoßen und konnte da die Christenmette aus dem Vatikan, also die ganze Messe mit verfolgen. Das war dann vorbei am 29. Januar, als ich in die Wüste gebracht wurde. Und dann Ende April kam ich mit italienischen Geiseln zusammen, und wir wurden dann in die Gegend hinter, oberhalb von Kidal, ganz im Norden von Mali, an der algerischen Grenze gebracht. Und da hatten wir auch um ein Radio gebeten, und das bekamen wir dann.

Sandra Leis [:

Ist es richtig, dass Sie vor allem liegen mussten in dieser Zeit? Irgendwo habe ich gelesen, dass Sie sich kaum bewegen konnten. Stimmt das? Man liest allerhand über Sie, wenn man sich einliest.

Pater Lohre [:

In den ersten sechs Wochen im Busch, in der Wildnis, mit den Jugendlichen, die hatten mir dann so eine Strecke von vielleicht 50 Metern erlaubt, die ich den ganzen Tag gehen konnte, wenn ich wollte. Ich war unter den Bäumen. Dann in der Wüste sollte ich erst immer im Zelt, in diesem Verschlag bleiben. Und ich sagte, ich kann hier ja nicht 24 Stunden lang nur liegen. Und dann haben wir das auch verhandelt, und ich konnte also eine gewisse Strecke morgens und abends gehen, also wenn auch die Sonne nicht so heiß war. Aber trotzdem natürlich, von 24 Stunden lag ich 22 Stunden oder so.

Sandra Leis [:

Aber eben das ist ja verrückt, wenn man sich das vorstellt. Wie lange dauert das? Es könnte sechs Jahre dauern oder weiß ich wie lange. Und Sie haben trotzdem nie mit Gott gehadert?

Pater Lohre [:

Nein, nein, das war also die Gelegenheit, meinen Glauben zu vertiefen, ja. Ich sagte, jetzt ist der Moment, meinen Glauben ernst zu nehmen. Und wenn Jesus sagt, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt, okay, dann zeig das mal. Und es gab so viele Zeichen und Wunder.

Sandra Leis [:

Erzählen Sie eines.

Pater Lohre [:

Eins war zum Beispiel, ich wurde am Christkönigssonntag entführt. Und abends eben, als dieser Chef sagte, du bist Deutscher, und ich sagte, wieso ich? Und dann sagte er zu mir, ausziehen. Ich hatte ja immer noch die Kleider, mit denen ich entführt wurde. Und wenn man das eben dann an die Polizei weitergibt, dann zog ich mich aus. Und er greift mit der Hand in seinen Sack und zieht ein T-Shirt raus. Und da steht drauf: I love my King. Ich liebe meinen König. Und der Sonntag, an dem ich entführt wurde, war der Christkönigssonntag. Dann sag ich, okay. Ihr habt mir alles genommen, aber eins könnt ihr mir ganz sicher nicht nehmen, meinen Glauben und meine Beziehung zu Jesus. Das andere Zeichen war, als ich sagte, gut, sechs Jahre, drei Jahre, vier Jahre, ein Jahr wäre ein Wunder. Im November dann oben in der Wüste in Kidal gucke ich in den Sternenhimmel und sage, ist ja noch nicht zu spät für dein Wunder. Bring deinen Jungen nach Hause. Zupf, fällt eine Sternschnuppe runter.

Sandra Leis [:

So war das?

Pater Lohre [:

So war das. Und dann sage ich, ich bin ja blöd. Natürlich komm ich wieder nach Hause. Da hab ich also niemals dran gezweifelt. Aber wann? Deswegen sagte ich, vor dem 24. Mai 2024. Wieder eine Sternschnuppe. Drei Tage später kommt der Mann, der uns Essen und Wasser bringt und sagt, partir Allemagne, nach Deutschland fahren.

Sandra Leis [:

Das war am 26. November 2023.

Pater Lohre [:

Am 10. November hat er mir das gesagt, und am 26. November, am Christkönigssonntag und dem Todestag des Gründers der Weißen Väter, Kardinal Lavigerie, war ich auf dem Weg nach Deutschland, war ich frei.

Sandra Leis [:

Und was war das für ein Gefühl, wieder ein freier Mensch zu sein?

Pater Lohre [:

Ich habe also nur geweint die ersten zwei Tage mit all den Leuten, die mir begegnet sind, und da fällt sicher auch sehr viel Druck ab, der da gewesen ist. Sehr viel Erleichterung. Das war also mit der Freiheit relativ. Also ich fuhr dann nach Hause, und ich habe meine Mutter da und meine Schwester, meinen Schwager. Und für die war das die Hölle. Mein Gebet war ja immer, dass sie etwas von dem Frieden spüren mögen, den ich in mir fühlte. Aber die sagten, als ich sagte, oh ja, ich geh jetzt raus, um Gottes Willen. Du weißt nicht, was wir hier durchgemacht haben von Journalisten, die uns die Bude eingerannt haben und Radio und Fernsehen und so. Aber wir haben es geschafft, wirklich, hier kommt keiner rein. Und wenn du jetzt hier anfängst, Interviews zu geben oder sonst was, dann kannst du nach Köln umziehen zu den Weißen Vätern, aber wir wollen das nicht. Also die waren wirklich sehr, sehr bedacht und die ersten zwei, drei Wochen bin ich kaum rausgegangen. Und die Leute wussten. . . Und ja, und ich war auch froh, zu Hause zu sein. Und dann zu Weihnachten habe ich mich das erste Mal dann öffentlich gezeigt in der Pfarrei.

Sandra Leis [:

Und eine Rückkehr nach Mali, das war keine Option mehr, oder?

Pater Lohre [:

Wenn ich meiner Familie sage, ich gehe nach Mali zurück, dann sagt sie, dann kennen wir dich nicht mehr. Sie sagten, wag bloß nicht davon zu sprechen. Du weißt nicht, was wir durchgemacht haben. Und das stimmt das. Also im Moment kann ich denen das nicht antun. Man hat mir ganz klar gesagt, und das wusste ich eigentlich schon in der Wüste, dass ich niemals gehört habe, dass Geiseln in das Land zurückgegangen sind, wo sie entführt wurden. Und man sagte mir ganz klar von Seiten der polizeilichen Autorität, alle die, die zurückgegangen sind und wieder entführt wurden, von denen kam keiner lebend zurück.

Sandra Leis [:

Also besser nicht.

Pater Lohre [:

Also besser nicht. Und was ich machen wollte, auch schon in der Wüste, wissend, dass ich vermutlich nicht nach Mali zurückgehen kann, sagte ich, ich möchte gerne weiter arbeiten in diesem Bereich christlich-islamischer Begegnung. Und da die Weißen Väter eine Gemeinschaft in Marseille haben, seit 1994, die gerade in christlich-islamischen Beziehungen und Zusammenleben mit den Muslimen arbeitet, sagte ich, das wäre doch vielleicht ein guter Platz für mich. Und da wurde ich auch hin ernannt.

Sandra Leis [:

Und was machen Sie da hauptsächlich?

Pater Lohre [:

Also in Marseille, unsere Pfarrei liegt im etwas verrufenen Norden von Marseille, Le quartier nord. Sehr viel Drogenkriminalität, sehr viel Hoffnungslosigkeit, Arbeitslosigkeit. 80 Prozent Muslime, hauptsächlich von Nordafrika. Und zur Pfarrei gehören sieben Hochhaus-Siedlungen, wovon vier fest in Drogenbanden Hand sind. Und in einer davon, vielleicht der schlimmsten, haben wir die Chance, ein kleines Lokal zu haben, einen kleinen Raum. Und da sind die Schwestern, die da auch da sind, die bieten Gespräche an mit den Frauen oder spielen mit den Kindern. Und mit anderen Muslimen wollen wir jetzt anfangen, etwas gegen die Hoffnungslosigkeit zu tun, indem wir Seminare anbieten, Vorträge über Vertrauen in sich selbst, Vertrauen ins Leben, Vertrauen in Gott, über verschiedene Werte wie Zusammenleben und das gibt so wahnsinnig viele interessante Initiativen in den verschiedenen Sozialzentren, mit denen wir zusammenarbeiten. Gut, das ist eins, diese Großstadt-Pastoral, wenn Sie wollen. Meine Mitbrüder sind sehr stark engagiert in der Hilfe an Migranten, Obdachlosen und Gefängnisseelsorge. Wir gehen auch ins psychiatrische Krankenhaus zur Messe oder ins Nordkrankenhaus. Dann haben wir zwei Kirchen, die Pastoral und dann eben christlich-islamischer Dialog. Da gibt es also acht große offizielle Gruppen, in denen wir alle vertreten sind und mitarbeiten. Und dann gibt es ganz, ganz viele kleine. Das heißt, da, an den Orten, wo wir sind, versuchen wir diese kleinen Gruppen aufzubauen mit drei Christen, drei Muslimen oder sowas. Die einfach sich einmal im Monat treffen und über ihr Leben sprechen und wie sie das aus ihrem Glauben herausgestalten.

Sandra Leis [:

Und da haben Sie ja sehr viel Erfahrung in diesem Dialog. Nochmals kurz zurück zu Mali. Heute ist Mali eines der gefährlichsten Länder der Welt. Muss man sagen, dass der christlich-islamische Dialog in Mali letztlich gescheitert ist?

Pater Lohre [:

Ich weiß es nicht, ob der gescheitert ist, denn das hat ja nichts mit christlich-islamisch zu tun. Das sind extremistische Muslime gegen den Rest der Welt. Gegen die 80 Prozent Muslime, die in Mali leben und von denen gehören noch mal zwei Drittel der Tidschānīya-Bruderschaft an. Das ist also wirklich eine geistliche Bewegung. Das hat also mit dem christlich-islamischen Dialog nichts zu tun. Man könnte genauso gut sagen: Sind die Muslime gescheitert, dass sie diese Extremisten haben hochkommen lassen?

Sandra Leis [:

Kürzlich hat das Hilfswerk Kirche in Not den Bericht «Religionsfreiheit weltweit 2025» publiziert und mit der Religionsfreiheit, die hat sich verschlechtert, wenn man vergleicht mit dem letzten Bericht. Sie haben sich ein Leben lang für den Dialog zwischen den Religionen eingesetzt. Offenbar braucht es noch mehr als Dialog.

Pater Lohre [:

Haben wir angefangen, wirklich mit unseren muslimischen Mitbrüdern, Mitschwestern zu reden? Oder leben wir nebeneinander her? Gehen wir auf die zu? Zum Beispiel im Ramadan werden von vielen Moscheen öffentliches Fastenbrechen angeboten, wo man hingehen kann, wo man ins Gespräch kommen kann. Ich glaube, der Dialog ist wichtiger denn je zuvor. Gerade auch gewisse Strömungen stellen auch den Islam als Feindbild dar, als Bedrohung für unsere Kultur. Und da ist es ganz, ganz wichtig, nicht in diese Vorurteile zu verfallen.

Sandra Leis [:

Das Gleiche gilt für den jüdischen Glauben, auch da gibt es ja sehr, sehr viele Vorurteile. Und als ich diesen Bericht jetzt im Hinblick auf unser Gespräch mir nochmal angeschaut habe, hat es mich schon erschreckt, denn rund fünfeinhalb Milliarden Menschen auf der Welt können ihre Religion, was immer es jetzt ist, nicht frei ausleben.

Pater Lohre [:

Die weltpolitische Lage hat sich sehr stark verändert mit diesen Autokraten, und da ist natürlich Religion immer ein Feind in Anführungsstrichen. Einfach weil es den Religionen um Gottes- und Nächstenliebe geht, was immer die Religion ist.

Sandra Leis [:

Heute sind Sie, Pater Lohre, 68 Jahre alt. Was sind Ihre Pläne?

Pater Lohre [:

Ich habe Ideen für die nächsten zehn Jahre in Marseille.

Sandra Leis [:

Also können Sie sich vorstellen, jetzt in Marseille zu bleiben?

Pater Lohre [:

Natürlich, ja. Ich hoffe und bitte, dass man mich da lässt. Die ganze Zeit in der Gefangenschaft habe ich Gott vertraut, dass der das schon richtig führen wird. Und so vertraue ich auch weiterhin darauf, dass er mir dann sagt und zu verstehen gibt, wo mein Platz ist. Im Moment ist er ganz sicher in Marseille.

Sandra Leis [:

Pater Lohre, vielen herzlichen Dank für den Einblick in Ihr Leben und auch den Einblick nach Mali. Für viele von uns ja ein unbekanntes Land. Herzlichen Dank für Ihre Ausführungen.

Pater Lohre [:

Ganz herzlichen Dank für das Interview.

Sandra Leis [:

Das ist die 59. Folge des Podcasts «Laut + Leis». Zu Gast war Pater Hans-Joachim Lohre. Er wurde vor drei Jahren in Bamako gekidnappt und ein Jahr lang von Dschihadisten gefangen gehalten. Über Feedback freuen wir uns: Schreibt gerne per Mail an [email protected] oder per WhatsApp auf die Nummer 078 251 67 83. Und: Abonniert den Podcast und bewertet ihn positiv, wenn er euch gefällt. In der nächsten Folge des Podcasts «Laut + Leis» geht’s ums Sternsingen. An dieser Aktion beteiligen sich jedes Jahr zwischen Neujahr und Dreikönigstag schweizweit über 10'000 Kinder und Jugendliche und mehr als 2000 Begleitpersonen. Zu Wort kommen ein engagierter Jugendarbeiter aus Arbon und eine Sternsingerin. Die Folge erscheint am 19. Dezember. Eine schöne Adventszeit und bleibt laut und manchmal auch leise.

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