Zur Abwechslung niemand von ausserhalb: Sommergast bei SQUARE Talks ist Dr. Philipp Jeserich, Leiter Ressort Lehre & Beratung an der Universität St.Gallen. Mit Tim Kramer und Corinne Riedener spricht er über innovative Lehransätze im Sinne des informellen Lernens, wie es auch am SQUARE gefördert wird. Doch was bedeuten Schlagworte wie «Blended Learning» oder «Future Skills» konkret? Und was braucht es, um zukunftsgerichtete Kompetenzen zu stärken? Philipp Jeserich erklärt die Konzepte und berichtet von seiner Forschung. Dabei wird klar: Bildungseinrichtungen müssen sich dringend anpassen und weiterentwickeln, um sicherzustellen, dass sie die Studierenden mit den Skills ausstatten, die für den Erfolg in einer zunehmend komplexen und dynamischen Welt erforderlich sind.
Das Gespräch wurde am 9. Juli 2026 aufgezeichnet.
Square Talks, unser Podcast mit den Personalities und Artists in Residence. Tim, unser Haus ist fast leer. Das ist die letzte Woche, in der wir noch geöffnet haben im Square.
Danach rücken die Putzequipen an, wir werden gestaubsaugt. Bist du schon ein bisschen in Ferienstimmung?
tim:Ich bin ferienreif.
corinne:Ferienreif, sehr gut. Ja, dann trifft sich das ja gut, dass wir noch einen allerletzten Podcast machen, wo wir noch geöffnet haben.
Und dieses Mal haben wir ausnahmsweise mal keinen Gast von außerhalb, sondern wir wollen versuchen mal einen Blick in den Maschinenraum des Square zu werfen. Und wir haben uns darum einen Gast von der Uni eingeladen.
Sonst sprechen wir ja im Podcast immer ein bisschen wolkig und so auch über unser Haus Square, was hier drin alles passieren kann und dieses Future of Learning. Und heute wollen wir das mal versuchen, ein bisschen auf den Boden zu bringen zum Reisen, was dann das überhaupt bedeuten könnte auf Neudeutsch.
philipp:Deep Dive.
tim:Deep Dive habe ich von meiner Tochter.
corinne:Gelernt, aber diese Deep Dive, die dauern immer ein bisschen lang. Wir versuchen unsere reguläre Länge beizubehalten und unsere Zuhörerinnen nicht zu strapazieren. Ja, wen haben wir heute eingeladen? Philipp Jeserich.
Er ist Leiter des Ressorts Lehre und Beratung an der HSG und das ist beim Prorektorat Studium und Lehre angesiedelt und dieses ist verantwortlich für die strategische Entwicklung der Lehre für den Studienbetrieb. Mit ihm zusammen haben wir auch das Tipps entwickelt im Square.
Dazu kommen wir dann hoffentlich später noch Zuerst vielleicht noch einen Schritt zurück. Guten Morgen, Philipp Jeserich.
philipp:Guten Morgen. Schön bei euch zu sein.
corinne:Du beschäftigst dich viel mit innovativer Lehre. Das ist auch so ein Schlagwort, das hört man auch gern. Damit schmückt man sich auch gern.
Kannst du uns mal ein bisschen mitnehmen, was das überhaupt heißt? Was müssen wir darunter verstehen?
philipp:Ja, ich kann es versuchen. Lehre ist ja erstmal nur indirekt ein Gegenstand von uns als einer zentralen Einrichtung.
Lehre ist erstmal das, was zwischen Lehrenden, zwischen Faculty in der Regel und Studierenden passiert. Sie kann innovativ sein in einer individuellen Perspektive.
Einzelne Lehre entwickeln sich, einzelne Lehrende entwickeln sich weiter die ganze Zeit aus Notwendigkeit oder aus Interesse.
Das wäre etwas, was wir relative Innovativität nennen, weil es da keinen Entwicklungsvektor, also einen individuellen Entwicklungsvektor, aber keinen institutionellen gibt. Wir interessieren uns für institutionelle Entwicklungsvektoren. Wir sagen, wir fördern innovative Lehre.
Wir versuchen ein bisschen davon zu wissen, was an der Uni passiert, was organisch an Veränderungen in der Lehre passiert und versuchen Veränderungen, die einem größeren institutionellen Interesse entsprechen, gezielt zu fördern, bieten Unterstützungsangebote an. Was ist das dann? Also was ist innovative Lehre, die wir institutionell fördern wollen?
Tendenziell sind das alle Entwicklungen, die Lernwirksamkeit steigern. Das kann auf sehr unterschiedliche Weise passieren. Die einen wollen sich didaktisch qualifizieren, also ihren methodischen Unterbau entwickeln.
Einzelne wollen vielleicht Technik einsetzen, weil eine immersive Erfahrung die Studierenden weiterbringt. Wieder andere wollen vielleicht Spiele einsetzen, um komplexe Gegner, Gegenstände zugänglicher, leichter erschließbar zu machen.
Aber der Entwicklungsvektor, an dem wir ansetzen, ist immer Lernwirksamkeit steigern. Insofern, innovative Lehre nutzt Möglichkeiten technischer und anderer Art, um Lernwirksamkeit zu steigern.
corinne:Und gibt es da jetzt vielleicht auch unabhängig von der Uni St. Gallen so, sag mal Schlager oder so Evergreens, wo man weiß, das funktioniert wirklich extrem gut, wenn es um Lernwirksamkeit geht?
philipp:Evergreens? Ja, es gibt Evergreens.
Also was man sagen kann, ist, dass Lernwirksamkeit immer da höher ist, wo Studierende nicht in Passivität verharren, sondern aktiv werden. Aktive Wissenskonstruktion. Und das passiert typischerweise stärker dann, wenn Interaktion stattfindet.
Interaktion mit Lehrenden, Interaktion miteinander, Interaktion mit Material, mit räumlichem Umfeld. Interaktion ist das Stichwort. Das wäre ein Evergreen.
Und in der Folge ist ein Thema, das uns in vielen Handlungsfeldern beschäftigt, tatsächlich Interaktion stärken, sowohl von den Rahmenbedingungen her als auch in der Unterstützung individueller Lehrender oder Programme.
corinne:Wie ist so der Einfluss der Technik zu bewerten? Ist das also die technologische Entwicklung? Ist das für die innovative Lehre ein Vorteil, dass es so viele verschiedene neue Werkzeuge auch gibt?
Oder ist es auch Teilüberforderung?
philipp:Also es kann sicher beides sein. Ganz bestimmt.
Also auf der Zeitlinie kann man sagen, dass es sicher technische Entwicklungen gibt, die Lernwirksamkeit potenziell sehr gesteigert hat. Großes Thema in der Didaktik in den letzten zwei, drei Jahrzehnten ist Onlinelehre mit der Weiterentwicklung Blended Learning gewesen.
Und die hat aus einer didaktischen Sicht den Vorteil, dass sie es erlaubt, die Vereinheitlichung von Lernpfad und Lerngeschwindigkeit die man in einem, ich sage mal, traditionellen Lernsetting typischerweise hat, aufzulösen, also Lernpfad und Lerngeschwindigkeit stärker zu individualisieren.
Das kann, muss nicht automatisch, aber kann Lernwirksamkeit sehr zugutekommen und kann dazu führen, dass die Zeit, die man dann in einer Gruppe verbringt, etwa im Seminarraum, gezielter genau diesen interaktiven Komponenten gewidmet werden kann, die wiederum eine hohe Lernwirksamkeit haben. Und Technik ist ein ganz starker Treiber.
Andere Dinge holen vielleicht Motivation sehr stark ab, Also Virtual Reality zum Beispiel ist ein Thema, immersive Lernerfahrungen, Gamification. Gamification gehört auch in den Bereichen, also Dinge, die Motivation stärken erstmal.
Da bin ich persönlich ein bisschen skeptisch, weil ich oft Der Ressourcenaufwand für diese Sachen ist in der Regel enorm, setzt enorme Ressourcen voraus, enorme infrastrukturelle Ressourcen voraus. Man könnte aber wahrscheinlich einen ähnlichen Effekt in einem ähnlichen fachlichen Setting auch deutlich einfacher erreichen.
Also ein Rollenspiel, etwa eine Simulation kann wahrscheinlich ähnliche Lerneffekte zeitigen wie ein Virtual Reality, aber es ist nicht so tech savvy.
tim:Und noch kurz Blended Learning ist hybrid. Habe ich das richtig verstanden? Blended Learning ist hybrid, also teilweise online und teilweise vor Ort.
philipp:Genau. Es gibt auf jeden Fall eine Vor Ort Komponente, in der Studierende und Lehrende physisch zusammenkommen.
Die andere Komponente muss nicht unbedingt Online Lehre sein, also synchron, aber nicht am selben Ort, sondern kann auch bedeuten, dass stud selbstgesteuert an Materialarbeit im Idealfall begleitet.
Aber sie sind eben nicht alle zusammen in einem Raum, sondern sie haben Lernphasen außerhalb des formalisierten Lehr Lern Settings, die nicht die üblichen Vor Nachbereitungsphasen sind, sondern genuine Selbststudienphasen.
corinne:Diese Frage nach geeigneter zukunftsfähiger Wissensvermittlung ist ja auf allen Stufen dringend eigentlich vielleicht auch ein kleiner Nebenpfad, weil ich so aus einer Primarlehrerfamilie komme.
Ist es schwieriger auf Primar oder Mittelstufe innovative Lern und Lehrformen auszuprobieren oder ist das eigentlich viel schwieriger auf tertiärer Stufe, weil da die Möglichkeiten nicht dieselben sind.
philipp:Gar nicht so leicht zu sagen. Also per se denke ich, innovative Lehre ist auf allen Stufen möglich, von der Primarschule bis zu den Universitäten.
Das bedeutet dann halt im Einzelfall was anderes Primarschulen, Sekundarschulen, da sind die Curricula tendenziell strukturierter, einheitlicher auch.
Also die Spielräume der einzelnen Lehrenden in den curricularen Gegenständen sind geringer, Lernziele sind stärker koordiniert, mit der Folge, dass innovative Lehre noch stärker als an Universitäten an den Lehr-Lernformen ansetzt. Und dann sehr oft von Ressourcenausstattung abhängt. Jetzt vereinheitliche ich sehr grob, aber das wäre so vielleicht eine Einschätzung, die hilft.
Und bei Universitäten ist oft der Druck, innovativ zu lehren größer.
Es kommt dazu, weil es ein typisches Element von Marktpositionierung von Universitäten ist und weil Universitäten, ganz generell Hochschulen noch stärker als die Schulen das berufsqualifizierende Moment präsent haben. Also wer bei uns fertig wird, der ist dann auch in der Regel erstmal fertig und der muss Eingang in den Arbeitsmarkt finden. Pannen intended.
Der muss Eingang in den Arbeitsmarkt finden. Das ist eine wesentliche Weichenstellung für die jungen Menschen, die zu uns kommen.
Insofern ist der Impuls, dass wir das Richtige lehren, dass wir es in der richtigen Weise validieren, damit es zur Geltung gebracht werden kann am Arbeitsmarkt.
Das wird stärker empfunden an Universitäten, gerade an Wirtschaftsunis, bei denen dieser berufsqualifizierende Aspekt noch stärker im Vordergrund steht als, ich weiß nicht, an der Uni Zürich, wo man vielleicht auch Koptologie studieren kann, wo das nicht ganz so im Vordergrund steht.
corinne:Zugespitzt gesagt kann man auch dann Wer heute nicht einen Schwerpunkt hat auf innovativer Lehre, der ist eigentlich auch gar nicht mehr wettbewerbsfähig als Hochschule.
philipp:Das ist vielleicht eine Zuspitzung, aber man sollte sich schon Gedanken machen, wie man Lernwirksamkeit unter Gegenwartsbedingungen stärkt.
corinne:Ja, das stelle ich mir vor allem diese Gegenwartsbedingungen einerseits, aber auch die Evaluation des Ganzen stelle ich mir noch schwierig vor, weil man hinkt ja immer hinterher.
Also heute weiß man ja nicht, ob das, was wir als innovative Lehre verstehen und denken, das ist ein gutes Rezept, ob das dann auch wirklich ein gutes Rezept war.
philipp:Ja, das stimmt.
Wenn wir ehrlich sind, haben wir das Problem natürlich immer, wenn wir für die Zukunft planen, kommen vielleicht aus einer historischen Phase, in der es leichter war, aus Daten der Vergangenheit über lineare Extrapolation Erwartungen an die Zukunft abzuleiten und dann entsprechend zu handeln, entsprechend zu entscheiden. Das ist ein bisschen schwieriger geworden.
Aber grundsätzlich, wenn es um Lernwirksamkeit geht, da haben wir es ja mit gewissen kognitiven Konstanten zu tun und können schon aus den Befunden der empirischen Bildungswissenschaften einigermaßen belastbar ableiten, was Lernwirksamkeit stärkt und was vielleicht eher nicht. Jetzt verändern sich die Menschen, die zu uns kommen, die sind anders geprägt, machen andere Erfahrungen, haben andere Erwartungen an uns.
Insofern Dynamik ist da immer im Spiel. Das stimmt. Aber so was, wie ich vorhin sagte, aktive Wissenskonstruktion, Interaktionsmomente sind tendenziell lernförderlich.
Das kann man ganz guten Gewissens sagen, auch für die Zukunft.
corinne:Also verstehe ich dich richtig.
Die Welt ist zwar im Wandel und alle sind irgendwie ein bisschen am Hypern, aber man soll sich davon jetzt auch nicht wahnsinnig machen lassen, weil ein paar Gewissheiten gibt es, wo man weiß, das fördert die Lernwirksamkeit. Muss man nicht alles umwerfen, was früher.
tim:Mal verhippt hat mit total spannenden Gedanken, weil ich das die ganze Zeit denke, dass der Rückgriff dann immer so ein bisschen verpönt ist. Aber ich bleibe ja da immer bei Sokrates hängen.
Ja, weil diese Hebammenkunst von Sokrates eigentlich irgendwie etwas ist, wo ich immer das Gefühl habe, da findet genau diese Interaktion statt.
darüber nachdenken, was vor: philipp:Unbedingt. Also der Satz Alter Wein in neuen Schläuchen muss in einem didaktischen Kontext nicht kritisch gemeint sein, würde ich auch so sagen.
corinne:Nebst innovativer Lehre.
Ein Schlagwort oder etwas, auf das auch wir uns im Square immer sehr gern betrifft und auch mit verschiedenen Formaten das immer versuchen, ist das sogenannte informelle Lernen. Kannst du uns erklären, was damit gemeint ist, was der Kern dieses informellen Lernens ist?
philipp:Ja, Lernprozesse finden die ganze Zeit statt.
Also Lernen ist etwas, was uns begleitet, nicht auf bestimmte Lebensphasen oder auf bestimmte Situationen beschränkt, sondern begleitet uns unser ganzes Leben hindurch. Und die wenigsten Lernprozesse, die wir durchlaufen, sind formalisiert. Wir kennen das klassisches Lehr Lern Setting, ein Schulraum.
Ein Lehrer erarbeitet gemeinsam mit Schülern einen Inhalt, also hochgradig formalisiert mit einer Rollenkonstellation, räumlich separiert von anderen Lebensbewandtnissen in einem ganz bestimmten Gruppensetting und so weiter und so fort.
Auf dem Weg in dieses Gruppensetting haben schon ganz viele Lernprozesse stattgefunden, Motorische, vielleicht höhergradig, kognitive zum Beispiel sozial interaktive.
Und ein ganz wesentlicher Teil dessen, was wir als Handlungsbefähigung erwerben im Rahmen unserer Reifung als Menschen, erwerben wir im Zuge dieser informellen Lernprozesse.
Interessant in den letzten Jahren ist das in der Didaktik geworden, weil viele der Kompetenzen, die wir als zukunftsbefähigende Kompetenzen beschreiben, Oft zunächst in diesen informellen Lernprozessen in lebensweltlichen Kontexten erworben werden. Kommunikationskompetenzen zum Beispiel sind ein Beispiel. Soziale Interaktion ist ein völlig selbstverständlicher Teil unseres alltäglichen Lebens.
Wir agieren in den Situationen, wir lernen, aber in der Regel sind wir uns als Kinder im weiteren Lebensverlauf nicht bewusst, dass wir da Lernprozesse durchlaufen. Das wäre ein Beispiel für informelles Lernen und warum uns das interessiert.
corinne:Und gibt es da Formate oder Anwendungen, die besonders gut funktionieren, die sich sehr gut eignen, um informelles Lernen zu fördern?
philipp:Ja, man kann schon sagen, dass informelle Lernprozesse dann eine größere Rolle spielen, wenn Lehrende die didaktische Vorstrukturierung ihrer Lehre tendenziell zurücknehmen, wenn sie Räume öffnen, in denen Interaktion passieren kann, in denen exploratives Verhalten Studierender eine Rolle spielt. Und solche offeneren Räume können ja ihrerseits gestaltete Räume sein.
Dozierende können hochgradig didaktisch strukturieren, was in einem Lehr Lern Setting passiert. Sie können auch indirekter strukturieren. Was kann das bedeuten?
Ich kann in einem Lehr Lern Setting anhand von definiertem Material in einer Präsentation den Aufbau eines konzeptuellen Gerüsts Schritt für Schritt mit den Studierenden erarbeiten. Ich kann aber auch Material anbieten, das in einer offenen Reihenfolgeordnung von den Studierenden bearbeitet, entdeckt werden kann.
Ich schaffe Anreize, explorativ mit Material zu arbeiten, gebe aber nicht genau vor, wie. Und damit entstehen Räume dieser Art, in denen unter anderem für informelle Lernprozesse Räume.
corinne:Entstehen, Das sind irgendwie wundervoll, würde ich auch gerne in diese Seminare gehen. Es sind aber auch wahnsinnig aufwendig von allen möglichen Ressourcen gesehen, also Zeit und Geld und Leute, wie ist das?
tim:Aber es kann auch umgekehrt sein. Also ich muss, weil du über Freiräume sprichst, das ist ja auch der Mut zum Freiraum in der Gestaltung meiner Lehrveranstaltung.
Also wenn ich zum Beispiel, wenn das Ballett hier war und die Proben unten, dann gab es einige Kurse, die innerhalb ihrer, das sind ja alles strukturierte Kurse bei uns, also sie wissen ja, wir haben trotzdem Freiraum gehabt, dann sind dort eine Stunde hingegangen, haben sich die Probe angeschaut innerhalb innerhalb ihrer Seminarzeit und vermutlich haben sie dann darüber auch versucht, darüber zu sprechen, über die Erfahrung, die sie dann dort gemacht haben und das dann eine Brücke zu schlagen zu dem, was in dem Kurs stattfindet. Also ich glaube, es geht auch so ein bisschen um Loslassen bei den Dozierenden, weil du sagst, es ist immer Aufwand können, ne?
corinne:Ich habe mich mehr gefragt bezüglich Aufwand auch so erstens als dozierende Person, du musst dich ja trauen, das zu machen. Wir sind ja auch Gewohnheitstiere. Das heißt, du musst auch eine Kultur entwickeln, irgendwie deine Studis auch machen zu lassen.
Du bereitest anders vor, du brauchst andere Räume.
Ich wollte mir die Frage stellen, in einer Zeit, in der alles so auf Effizienz und ECTS-Punkte getrimmt ist und muss man sich das wirklich leisten wollen, diese Formen des informellen Lernens auch zu pflegen? Oder ist das eigentlich was, was viel einfacher ist, als wir meinen, stelle ich mir das viel zu ressourcenintensiv vor?
philipp:Ja, ich meine, der einzelne Dozent, die einzelne Dozentin, die müssen immer, also die sind ja nicht im luftleeren Raum. Ein einzelner Kurs findet in einem curricularen Kontext statt.
Da gibt es ein Qualifikationsziel, das ein Programm verfolgt und die Studierenden haben ja auch recht eine begründete Erwartung, dass sie zu diesem Qualifikationsziel tatsächlich geführt werden.
Die Brücke ist, glaube ich, im Bereich Lernwirksamkeit, also unser Thema vorhin, die Chance zu sehen, dass das Loslassen an einzelnen Stellen, wie du sagst, Lernwirksamkeit vielleicht erhöht, also das Öffnen von Freiräumen dazu führen kann, dass Lernziele besser erreicht werden. Das kann eine Brücke sein und vielleicht auch Lust darauf machen, diese Dinge auszuprobieren und Freiräume zu nutzen und selbst zu schaffen.
corinne:Ja, und zu sehen, dass es vielleicht dann auch nachhaltiger ist. Ich meine, Lernwirksamkeit alleine kann es ja noch nicht sein.
Also die Frage ist ja immer dann, was bleibt vom Gelernten und wie war der Prozess und wie kann ich das verinnerlichen und bewahren?
Und da stelle ich mir schon vor, dass es nachhaltiger ist, etwas zu lernen, wenn es nicht per Frontalunterricht passiert, wie es schon heiß, inne, biegen, auskötzle, erden, Prüfungen.
tim:Das ist schön. Können wir daraus ein T Shirt machen?
corinne:Das heißt doch immer was essen.
philipp:Ja, das Assessment. Ja unbedingt. Also ich sagte gerade, die einzelnen Dozierenden stehen ja auch in Rahmen.
Etwas, was sicher das Öffnen solcher Freiräume schwer macht, ist Skalierungsdruck. Wir sehen, die Nachfrage nach einem Angebot ist extrem groß. Da werden enorme Zahlen von Studierenden, riesige Kohorten.
Zusammengestellt, Jede Einzelperson für sich den begründeten Anspruch darauf hat, Lernziele zu erreichen. Das übt enormen Druck auf einzelne Lehrende aus.
Und natürlich ist dann die Folge, Formate zu wählen, die es erlauben, mit so einer großen Gruppe von jungen Menschen irgendwie zurechtzukommen. Also unbedingt. Es gibt Rahmen, die bestimmen die Möglichkeiten auf beiden Seiten.
corinne:Wenn wir jetzt weitergehen nach dem Assessment Jahr, auch nach dem Studium, du hast es vorhin schon erwähnt, man muss Fuß fassen im Berufsleben, diese zukunftsbefähigenden Kompetenzen, die du vorhin schon angesprochen hast, die auch gefördert werden durch das informelle Lernen. Kannst du uns erklären, was da dazugehört? Was sind diese Future Skills, diese sogenannten?
philipp:Ja, ich kann einen Versuch machen? Das Thema beschäftigt Hochschulen schon ziemlich lange, halbes Jahrhundert auf eine Weise und verstärkt vielleicht seit 20 Jahren.
Gibt eine ganze Reihe von Auslösern dafür.
Einer neben anderen ist sicher, dass zum Beispiel durch Digitalisierung so eine gewisse Entwertungsdynamik für klassische Fachkompetenzen in Gang gekommen ist. Man hat festgestellt, Arbeit verändert sich immer schneller.
Das heißt, das, was ich im Studium lerne an Fachkompetenzen, das hat eine immer geringere Halbwertszeit daraus. Man Selbstgesteuertes Lernen über ein Leben hinweg wird wichtig und das ist eine Kompetenz. Das kann man können oder weniger.
Also sollten wir das vielleicht in den Kanon der vermittelten Kompetenzen aufnehmen.
In den letzten Jahren hat das Thema sehr stark an Bedeutung gewonnen, weil es nicht mehr nur die Entwertungsdynamik klassischer Fachkompetenzen ist, sondern eine immer stärkere Dynamisierung von Umwelten, in denen professionelles Handeln passieren muss, also höhere Volatilität, Unsicherheit, Komplexität, Folgen und Nebenfolgen, die vielleicht räumlich und zeitlich disloziert.
corinne:Aussehen, Was wir als VUCA Welt benennen.
philipp:Heute, was wir VUCA Welt nennen, da waren die ersten vier Buchstaben, die ersten drei Buchstaben des Akronyms schon genannt.
Ambivalenz wäre das letzte, eine Unklarheit, auch in der Bewertung einzelner Verläufe, einzelner Optionen und unter diesen Bedingungen langfristig zu arbeiten, wertschöpfend zu arbeiten, aber auch sinnstiftend zu arbeiten, das stellt andere Anforderungen.
Wenn wir sagen, zukunftsbefähigende Kompetenzen sind wichtig, dann meinen wir Kompetenzen, die es erlauben, unter diesen Bedingungen wertschöpfend und sinnstiftend.
corinne:Also Kompetenzen, die nebst Fachkompetenzen, die wir auch lernen und vielleicht digitalen Kompetenzen in Bezug auf Werkzeuge uns noch weiter befähigen. Kannst du ein paar Beispiele nennen, was da dazugehört?
philipp:Ja, also klassischerweise, es gibt sehr viel Diskurs, sehr viele Kompetenzrahmen, die versuchen, auf unterschiedlichen Wegen diese Kompetenzen dingfest zu machen. Es gibt Elemente, die in sehr vielen oder sogar allen dieser Kompetenzrahmen vorkommen.
Der Komplex Kommunikation ist auf jeden Fall einer, den man immer finden wird, also das kompetente Agieren in sozialen Interaktionen, was dann reicht von etwa zielgruppengerechtem Kommunizieren, differenziert zielgruppengerecht kommunizieren können bis hin zu Multistakeholder Kommunikation unter Unsicherheit. Das wäre ein typisches Beispiel.
Was dahinter steht als Problemlage ist, dass diese vorhin umrissenen Zukunftsbedingungen immer stärkeres Bedürfnis danach entstehen lassen, soziale Legitimation zu organisieren, unter Legitimation zu agieren. Legitimation entsteht über Ausgleich von Interessen, also in kommunikativen Prozessen.
tim:Ja, nein, aber es macht schon klarer, würde ich sagen, oder.
Wie du richtig gesagt hast, die Frage an der Wirtschaftsuniversität, die hier immer kommt, ist natürlich die, wie kann ich diese Kompetenzen evaluieren? Das ist sozusagen, wie kann ich das festmachen?
Das ist die Reibung, die ich spüre zwischen den, wie du sagst, früheren Lernprozessen, die relativ sehr strikten Rahmen hatten und auch eine klare Überprüfbarkeit.
Da war Und jetzt aber dadurch gerade durch die technische Entwicklung auch diese anderen Kompetenzen eigentlich mehr Gewicht bekommen, aber gleichzeitig natürlich auch nicht so gut bewertet werden können. Oder es ist halt schwer darüber ein Zeugnis auszustellen.
Meine Tochter hat jetzt Abitur gemacht, ich bin stolz, natürlich, stolzer Vater, eine Abiturientin und habe daran gedacht, dass ich in meinem Abiturzeugnis ein Zusatzblatt bekommen habe, ohne dass ich danach gefragt habe.
Und in dem Zusatzblatt stand eigentlich nur, Tim Kramer hat die Theater AG gegründet, sehr erfolgreich und das war ganz wunderbar für die Schule und hat die und die Produktionen gemacht, wurden auch noch aufgeführt und so. Und das habe ich damals so mitgenommen.
Aber jetzt im Rückblick habe ich gedacht, wie unglaublich fortschrittlich war meine Schule damals, dass sie das ohne einfach im Sinne ganz anderer Kompetenzen, die sonst gar nicht in diesem Zeugnis vorkommen, anscheinend das Bedürfnis war mir trotzdem diese Kompetenzen irgendwie zu belegen. Und irgendwie habe ich das Gefühl, wir müssten auch mehr wieder, also müssten mehr solche Zettel auch verteilen oder so viele.
corinne:Zeugnisse auf Primarstufe funktionieren ja zum Teil nur noch so, dass du eine schriftliche Bewertung bekommst, gar keine Note mehr. Ja, aber es ist schon, finde ich, eine relevante Wie evaluiert man den Erfolg von diesen Kompetenzen und woher kommen sie?
Weil ich kann mir vorstellen, ist ja auch eine Klassenfrage. Je nachdem, woher ich komme, habe ich es einfacher, gewisse Kompetenzen, weil mir sie schon ganz früh mit auf den Weg gegeben wurden.
Andere haben das nicht. Und wie kann man auch vielleicht eine Chancengleichheit schaffen, hier auf universitärer Ebene diese Kompetenzen mit auf den Weg zu bekommen?
Gibt es da Messwerte oder wie misst man das?
philipp:Also den Gedanken der Inklusion finde ich ganz wichtig, den Gedanken der sozialen Selektivität, der Inklusivität unbedingt. Also zukunftsbefähigende Kompetenzen vermitteln im Studium hat einen Aspekt von Inklusivität.
Man steht natürlich hinter den Selektionsmomenten hin zu einer universitären Ausbildung, die ja auch in Teilen gut begründet sein können.
Aber erstmal, wenn wir uns vornehmen, all unseren Studierenden zukunftsbefähigende Kompetenzen zu vermitteln, das kompensiert ungleiche Zugänge, die zum Beispiel durch Sozialisationseffekte, sozioökonomische Hintergründe und so im Raum stehen.
Das ist ein wichtiger Punkt, die Geschichte nach der die Frage nach der Validierung, nach der Zertifizierung, das ist eine ganz wichtige für uns vermitteln, das ist eigentlich noch mehr Schritte. Also wir behaupten jetzt erstmal, wir haben da die Richtigen identifiziert. Kommunikation war ein Beispiel.
corinne:Ja, vielleicht kannst du noch zwei andere nennen von diesen Kompetenzen.
philipp:Ja, sagen wir mal zukunftsorientiertes Handeln, strategisches Handeln, intentionales Handeln, Entscheiden können, Bewerten, Entscheidungsfähigkeit, Urteilsfähigkeit, kritische Reflexionsfähigkeit, Transformationskompetenzen.
corinne:Das kann man also subsumieren unter diesen.
philipp:Und wenn wir so einen Kompetenzrahmen formulieren, wie wir das gemacht haben mit einer ganz großartigen, sehr, sehr engagierten Arbeitsgruppe über das letzte dreiviertel Jahr, dann ist es erstmal eine Behauptung, müssen wir darüber nachdenken, wie kriegen wir das denn jetzt an diese jungen Menschen ran?
Und der erste Schritt, den man dann geht, ist in der Regel so systematisch gar nicht so sehr direkt über Lehr Lernformen nachzudenken, sondern genau über die Form der Validierung.
Also wie prüfen wir das, damit wir den Studierenden dann was in die Hand geben können, was in einer glaubwürdigen Weise, ja, die können in genau diesem Sinne kompetent handeln.
Und was man so, wenn man über Prüfungen nachdenkt, dann machen würde, wäre zu schauen, wie handelt denn jemand, der im Sinne zum Beispiel der Kompetenzkommunikation kompetent. Handelt, Also was tut der ganz konkret, in welche Art Situation?
Und dann würde man eine Prüfung so planen, dass genau dieses Verhalten gezeigt werden kann. Das hat eine Brücke zum Thema innovative Lehre. Das setzt gewisse Prüfungsformate voraus.
Also die Grundidee ist, wir formen die Beschreibung einer Kompetenz in einen Verhaltensanker um. Die Idee, wie verhält sich jemand, der kompetent handelt?
Eine Prüfungssituation schafft eine Situation, in der Lehrende, Bewertende dieses Verhalten beobachten können, damit sie dann begründet eine Einschätzung geben können. Ja, kann.
corinne:Also das heißt, ihr habt auch wie eine Art Katalog gemacht von verschiedenen Arten von Prüfungen für die Dozierenden, wo sie sich dann Ideen holen können, auch wie sie ihre Prüfungen gestalten können, oder geht das schon so weit?
philipp:Genau, das ist eine Form, so einen Kompetenzrahmen zu operationalisieren, dass man sich anschaut, welche Kompetenzen haben wir jetzt, Dann macht man so Kurztexte die ein bisschen erläutern, wie genau ist das gemeint, was kann jemand, der diese Kompetenz formuliert, dann Verhaltensanker und macht dann Vorschläge, wie könnte eine Evidenz, ein Nachweis aussehen und wie könnte eine Prüfung gestaltet sein, in der genau diese Art Evidenz dann auch entsteht.
tim:Und ihr habt im Rahmen dieser Arbeitsgruppe, die du gerade erwähnt hast, habt ihr hier unglaublich viele Daten hinzugezogen. Welche waren das genau? Wo habt ihr da eure Quellen angezapft?
philipp:Ja, wir haben drei Felder bearbeitet sozusagen, um uns der Frage anzunähern, welche Zukunftskompetenzen wir für die HSG im Besonderen stark machen wollen. Der Treiber der Initiative jetzt gerade ist das KI Thema.
KI kann sehr viele Tätigkeiten, die Arbeitnehmende ausüben, in ihren Berufsprofilen substituieren, ganz oder teilweise.
Und sie entwickelt sich massiv hochgradig dynamisch, mit der Folge, dass Berufsbilder perspektivisch vielleicht ausfallen oder sich sehr, sehr substanziell verändern.
Und das spielt eine Rolle für uns, weil wir ja in unseren Bildungsangeboten für genau diese Berufsbilder qualifizieren und die dafür nötigen Kompetenzen vermitteln. Wenn es die nicht mehr braucht, weil die entsprechenden Tätigkeiten von KI substituiert werden perspektivisch, dann machen wir was falsch.
Also was ist das Richtige? Haben dann ausgelesen, für welche Berufsbilder unsere Programme denn bis dato ausbilden.
Dazu informieren sie selbst, in der Regel auf der Basis von Alumni-Daten des Statistischen Bundesamtes. Und weiteren und haben diese Berufsbilder gemappt auf große Datenbanken.
Das US Arbeitsministerium pflegt eine, die EU Kommission pflegt eine und die bauen Berufsbilder über die Tätigkeiten auf, die jemand ausübt, der diesen Beruf hat und legen dann Kompetenzen darunter, die jemand mitbringen muss, um diese Aufgaben ausüben zu können.
Und dann gibt es arbeitsmarktnahe Forschung, die beschäftigt sich damit, zu bemessen, in welchem Ausmaß denn eine KI zu einem gegebenen Zeitpunkt in der Lage ist, genau diese Aufgabe auszuführen. Und was dann sichtbar wird, sind Transformationsvektoren.
Wir sehen, welche Kompetenzen erodieren tendenziell in ihrer Bedeutung für eine professionelle Rolle, welche gewinnen vielleicht an Bedeutung, weil sie weniger oder nicht substituierbar ist und gewinnen dann einen ersten Satz von Kompetenzen, die in dieser Entwicklung resilienter sind, widerstandsfähiger sind. Das war der erste große Komplex, der zweite ist der, den wir vorhin schon angesprochen haben.
Es gibt wahnsinnig viel Forschung, die hat unterschiedliche Schwerpunkte. Manche sind sehr arbeitsmarktnah, da ist der Fokus sehr stark Rekrutierung, Personalentwicklung.
Andere sind eher hochschulnah, die sind oft auf größere Zeithorizonte angelegt. Es gibt domänenspezifische Forschung, die sich mit KI-Kompetenzen oder unternehmerischen Kompetenzen beschäftigt.
Und das Format, das diese Forschung annimmt, das ist typischerweise der Kompetenzrahmen. Wir haben uns also Kompetenzrahmen angeguckt und haben eine größere Zahl verschiedener Kompetenzrahmen auf ihre Konvergenz hin untersucht.
Also wo sind sich sehr viele einig, dass eine gegebene Kompetenz eine zukunftsbefähigende Kompetenz ist. Und der dritte Komplex ist das Wissen, das wir in unserer eigenen Institution haben.
Wir sind eine sehr, sehr diverse Gemeinschaft hier an der HSG, sehr viele Menschen mit sehr unterschiedlichen fachlichen Hintergründen, Einblicke in Arbeitswelten, Forschungskontexte, Selbstlehrende natürlich, die Eindrücke haben, die belastbar sind, die eine bestimmte Perspektive repräsentieren und haben diese Perspektiven strukturiert abgefragt mit dem Ziel, die Bausteine, die dann rausgekommen sind, über die Analyse der Berufsbilder der existierenden Forschung, der Innenperspektiven zu nehmen, zu gruppieren, aber nicht einfach als Sack, sondern interpretativ auf die Identität der HSG, ihre Norm, ihre Werte zu beziehen. Auf diesem Weg ist ein Kompetenzrahmen entstanden.
tim:Also ich finde einfach beeindruckend, wie viel Daten ihr da im Grunde Informationen gesammelt habt über die Staaten, Gesamt EU Raum bis hin zu uns hier im kleinen Rahmen. Also ihr habt wirklich, glaube ich, ihr könnt eigentlich sagen, was passiert, oder ihr könnt in die Zukunft schauen, ja, oder in die Vergangenheit.
philipp:Also wir können zumindest versuchen, in Zukunft Szenarien zu denken und können sagen, KI kann das. Da stecken ganz viele Hypothesen drin.
Also eine Hypothese ist zum Beispiel, so eine latente Hypothese ist, Unternehmen haben Anreize, Tätigkeiten, die sie an KI delegieren können, tatsächlich an KI zu delegieren, weil das Einsparungen möglich macht. Ob es dazu kommt, das muss man dann mal sehen.
Man hört auch in den Medien viele uneindeutige Signale, aber es ist jedenfalls eine Hypothese, für die manches spricht. Und solche Hypothesen liegen unserer Arbeit zugrunde. Und der Versuch, aus solchen Hypothesen Szenarien.
tim:Abzuleiten, aber entschuldige dass ich da noch mal ganz kurz nachfrage, weil das gerade diese Frage wird ja so unglaublich stark debattiert oder debattiert in den Medien. Ich habe gerade die Woche gelesen von einer Minister von wem, die hat gesagt, das ist die Hiroshima, hat die gesagt, KI ist Hiroshima.
Also kannst du mir das ein bisschen einordnen, nach deinen Erfahrungen zu sagen, wo stehen wir da eher bei der Atombombe oder eher bei dem großen wirtschaftlichen Aufschwung durch die KI?
Das ist jetzt sehr simplifiziert, ich weiß aber es ist so irre, was da im Moment aufgrund der Unsicherheit gibt es eine so große Bandbreite in der öffentlichen Diskussion. Punkt.
philipp:Bin ich der Berufenste, das eine einzuordnen? Schwer zu sagen.
tim:Naja, aber ihr habt schon, also ich finde schon wirklich aufgrund dieser Studie finde ich insofern wirklich eure Arbeit, die ihr da gemacht habt, finde ich schon wirklich beeindruckend, weil ihr eben so eine unglaublich breite Daten euch angeschaut habt.
philipp:Also ich glaube, was man sagen kann, ist, dass diese Analyse mit guten Gründen Unsicherheit auslösen sollte.
Wenn man sich das in dieser sehr fein granularen Weise anguckt, was sind denn so die Kompetenzen, die unsere Zielberufsbilder definieren und wie verhalten sich die zu den Fähigkeiten von KI schon heute, Dann muss man feststellen, praktisch ausnahmslos sind die Kompetenzen, die wir vor allem fachlich vermitteln, exponiert. Das heißt, es wird sich etwas verändern.
Was genau, wie weit das reicht, da spielen dann viele andere Hypothesen mit rein, aber es wird sich etwas verändern. Es ist Unsicherheit in diesem System. Als Bildungseinrichtungen haben wir ja eine enorme Verantwortung.
Diese jungen Menschen kommen zu uns und sie kommen zu uns auf der Basis einer Reputation über viele Jahrzehnte gewachsen, dass wir sie qualifizieren, dass wir ihnen einen Einstieg ins Arbeitsleben ermöglichen, dass wir sie qualifizieren für Positionen, in denen man gestalten kann, mitgestalten kann, Verantwortung übernehmen kann. Diese Verunsicherung stellt das jedenfalls erstmal in Frage und das für sich genommen reicht schon, um uns sehr hellhörig und aufmerksam zu machen.
Ob jetzt Hiroshima die Folge ist, vielleicht etwas groß gegriffen, aber das ist vielleicht noch nicht gesagt.
Also Menschen werden weiter arbeiten, ob es so viele sind, ob es sie das Gleiche tun, wie eigentlich die Wertschöpfung verteilt wird in einer KI geprägten Arbeitswelt. Ja, da sind Szenarien denkbar, aber so starke Indikatoren, die es uns erlauben, so kommt das. Also ich persönlich wäre da lassen sich.
tim:Bis jetzt noch nicht herauslesen, wirklich, es.
corinne:Ist ja noch so viel offen.
Also es hat immer wieder so krasse Wandel oder Momente gegeben, wo technologischer Wandel und dazu gehört ja auch die KI Entwicklung, disruptive Momente gebracht haben.
Ich finde es vor allem interessant, früher haben wir immer darüber geredet, dass irgendwelche Jobs ersetzt werden, egal ob es jetzt in der industriellen Revolution oder auch 10, 20, 30 Jahren war wegen technologischem Wandel. Und heute ist es wie so ein bisschen das erste Mal, dass auch diese sogenannten White Collar Jobs halt in Frage gestellt werden.
Also alle diese Jobs, wo man immer früher gedacht, ne, also die braucht es immer, die verdienen auch gut.
Und hier wäre mehr meine diese Studie, diese Untersuchung, die ihr jetzt gemacht habt und auch die ganzen Fragen nach zukunftsgerichteten Kompetenzen, Sind wir da in der HSG eigentlich noch rechtzeitig dran oder schon ein bisschen zu spät oder vielleicht auch federführend? Also wie haben das andere Universitäten angegangen?
philipp:Also zu früh dran sein kann man sicher nie. Mein Eindruck ist, wir sind ziemlich früh zu einem Ergebnis gekommen. Ich weiß von vielen Universitäten, die sich mit ähnlichen Fragen beschäftigen.
Wir sind sie sicher sehr systematisch, sehr fundiert angegangen und wir sind sehr zügig zu einem Ergebnis gekommen, das per se operationalisierbar ist. Also dass wir unseren Programmen, unseren Lehrenden anbieten können zur Konkretisierung. Da sind wir gut und zügig dran.
Ich denke, viele werden nachziehen.
Insofern wird es für uns als Institution extrem wichtig sein, diese Ergebnisse dann auch wirklich zur Wirkung zu bringen, also daran zu arbeiten, dass unsere Studierenden diese zukunftsbefähigenden Kompetenzen wirklich erwerben, dass sie sie auch zur Geltung bringen können. Und wir werden evaluieren müssen, ob unsere Projektion, dass das die richtigen sind, wirklich die wichtigen sind.
Das heißt, wir müssen uns darauf einstellen, dass diese VUCA Welt für uns bedeutet, in viel engeren Zyklen zu evaluieren, ob es eigentlich das Richtige ist, was wir tun.
corinne:So würde ich das wäre genau meine Anschlussfrage, oder wenn du sagst, wie bringen wir das zur Wirkung? Also was ihr jetzt evaluiert oder herausgefunden habt, wie bindet ihr das ein ins Curriculare? Wie wird jetzt das umgesetzt?
philipp:Ja, wir versuchen Menschen zu gewinnen, so funktioniert das an Unis, Das sind ja Expertenorganisationen Lehrende sind frei in Lehre und Forschung. Insofern Anreize setzen. Menschen gewinnen ist das, was wir tun wollen. Wir argumentieren sehr gewinnend, möchte ich sagen, tun unser Bestes.
Wir haben über den Sommer sehr, sehr engagiert kommuniziert, viele Veranstaltungen bespielt und arbeiten jetzt gerade auch noch mit der AG daran, Materialien und Formate zu entwickeln, die Menschen informiert und befähigt, mit diesem Kompetenzrahmen zu arbeiten.
Ganz konkret werden wir auch unserem Rektorat Empfehlungen geben, wie wir in der Art und Weise, wie wir lernen, organisieren, strukturieren an der HSG Veränderungen vornehmen können, um Bedingungen zu schaffen, die der Vermittlung dieser Kompetenzen und ihrer Validierung noch besser angemessen ist.
Wir versuchen wirklich von der individuellen Befähigung bis zum großen Rahmen der Studienarchitektur ein in sich sehr stimmiges Gesamtbild zu schaffen, damit unsere Dozierenden die optimalen Rahmenbedingungen haben, damit zu arbeiten.
corinne:Das heißt, die kommen jetzt bald alle bei uns in den Square, weil wir auch die geilen Räume haben, um experimentell zu unterrichten.
philipp:Ja,.
corinne:Nein, scheiß. Aber wir haben ja schon über 80 oder 80 Kurse.
tim:Wir haben im Semester ungefähr zwischen 70 und 80 rein curriculare Veranstaltungen und viele.
corinne:Davon geben sich auch tatsächlich Mühe, andere Lernformen hier auszuprobieren.
tim:Auf jeden Fall werden sie herausgefordert.
Man ist eben oft bei dem Evaluieren, finde ich, bei dem Wunsch nach einem Ergebnis, wie sieht das jetzt aus bei uns kann man in jeden Lehrraum reinschauen und dann gibt es oft ach, die sitzen ja da auch genauso wie dann sage naja, das mag sein in dem Moment, aber die Reibung spüre ich dann doch.
Also ich sehe dann, wenn ich, weil ich das Glück habe, dass ich da sozusagen jede Woche einmal vorbeigehen kann an dem Leerraum, sehe ich, dass dann die Woche später auf einmal dann eine Veränderung stattgefunden hat, die sich aufgeteilt haben in kleinere Gruppen, andere Setting gemacht haben, andere und so weiter. Also die Reibung, glaube ich, die durch die Architektur gegeben wird, wird ein bisschen unterschätzt. Man möchte gern gleich das Ergebnis haben.
Wie sieht das dann aus? Aber interessanter finde ich eigentlich noch, dass sie eigentlich herausgefordert werden.
Wir haben sogar überlegt, weil wir über vorhin Technik gesprochen haben, weil irgendwann muss man ja Technik auch erneuern.
Wir hatten gestern ein Gespräch darüber, also was passiert, wenn das eine oder andere und und wir sind durchaus am überlegen, ob man nicht hier auch sozusagen mit Technikreduktion zum Beispiel, also nicht immer daran denkt, noch mehr zu ermöglichen, um eventuell dann das zu ermöglichen, was eh schon immer getan wurde, sondern eventuell, wenn man die eine oder andere Technik wegnimmt oder so, dadurch die Kreativität aber steigert, weil das ist auch so ein komischer Vorgang. Man versucht dann alles zu bieten damit und im Grunde nehme ich mir die ganzen Mittel, um dann das zu machen, was ich eh schon immer gemacht habe.
Aber dann kann ich mir das auch den Raum genauso einrichten wie einen anderen Raum. Also weil ich das dann eben kann. Aber viel interessanter wäre ja zu okay, hier gibt es jetzt keine Stühle.
philipp:In.
tim:Dem Raum, nur Yoga machen. Ja, zum Beispiel. Könnt ihr jetzt bitte mal damit umgehen. Das wäre jetzt glaube ich noch so ein.
Das war jetzt klar mal zu Es war jetzt, weiß gar nicht, warum ich das erzählt habe.
corinne:Ich finde das gut. Ja, wir müssen auch sparen. Das ist nicht der Grund.
Ja, aber ich meine, um zurückzukommen zum Square und auch zu diesem Haus, Ich meine, klar, wir können ja vieles bieten und auch vieles ermöglichen, aber die Architektur oder die Umgebung alleine ist ja auch nur ein Faktor. Machen musst du es ja selbst. Und unser Haus kann in dem Sinne auch nur Angebote machen, wie man es anders machen könnte.
Aber the Magic muss dann doch noch happen im eigenen Zimmer und mit den Dozentinnen und dem Team von Studis.
tim:Aber ich muss wirklich sagen, ich bin wahnsinnig froh über die Zusammenarbeit mit dem PAS, weil viele Dinge bei uns ja, also man muss sagen, das ganze Projekt ist ja eigentlich aus einem Gefühl heraus entstanden.
Also die Alumni, die aus ihrem professionellen Erfahrungsbereich gemerkt haben, es braucht andere Kompetenzen in der Zukunft, Das hat dazu geführt, dass sie das unterstützt haben, dieses Projekt, und zwar enorm. Und das ist ein Gefühl. Und dieses Gefühl versuchen wir sozusagen. Wir versuchen das hier als Team weiterzudenken und zu unterstützen.
Insofern finde ich natürlich diese Studie, deswegen bin ich so doch, ich muss sagen, echt begeistert über diesen Vorgang jetzt innerhalb der Universität, eben dieses Gefühl, nicht nur als Gefühl, was sich verbindend, muss ich sagen, über die Generationen hinweg hier an der HSG eigentlich. Man muss da keine große Überzeugungsarbeit leisten. Das ist, glaube ich, ein ganz wichtiger Punkt.
Aber natürlich über diese Studie ist es tatsächlich so, dass wir es jetzt auch greifbar haben, also dass wir es jetzt ist Argumentationsgrundlage.
Absolut, wo man wirklich von einem Gefühl wegkommt und gerade im Sinne einer Reflexion und einer produktiven Weiterentwicklung dann auch von den Dingen, die hier in dem Gebäude stattfinden sollen in der Zukunft natürlich unglaublich hilfreich ist.
corinne:Vielen Dank. Philipp Jeserich.
Vielleicht zum Schluss noch eure Untersuchung, Was sind jetzt die nächsten Schritte oder gibt es schon eine weitere Untersuchung, eine Vertiefung vielleicht oder wo ihr daran arbeitet? Wie geht es jetzt weiter?
philipp:Ja, wir haben also der Kompetenzrahmen, den wir erarbeitet haben, der ist Ende April in der Arbeitsgruppe Konsens gewesen.
Wir haben ihn beschlossen formal in der Arbeitsgruppe, Arbeitsgruppe erstmal, da werden jetzt im Herbst hoffentlich auch Gremienbeschlüsse folgen, werden Gremien vorlegen.
Wir haben seitdem weitergearbeitet und haben genau entlang der Systematik, die ich vorhin genannt habe, von der Zielkompetenz über die Prüfungen zu den Lehr Lernformen gearbeitet und haben uns weisen, Studium zu strukturieren, zu organisieren, angesichts in denen nach unserer Einschätzung die Bedingungen für die Vermittlung dieser Kompetenzen an zentralen Stellen besser sind als aktuell hier und haben daraus eine Reihe von ganz konkreten Empfehlungen abgeleitet, wie wir uns entwickeln könnten und werden das auch zunächst mal unserem Rektorat vorlegen im September.
Und jenseits dessen arbeiten wir daran, wie vorhin schon mal kurz gesagt, arbeiten wir daran, diesen Kompetenzhandel, der erstmal sehr, das ist ganz viel Begriffsarbeit, die da stattfindet. Es kommt sehr akademisch daher, da ist erstmal eine Übersetzungsleistung in die Praxis der Lehre zu leisten.
Wir arbeiten an Material und Formaten, die es möglich machen soll.
Und jetzt schreibe ich mein ideales Zielbild, spielerisch, explorativ auf der Basis von eigenem Material mit diesem Kompetenzrahmen zu arbeiten und Kompetenzbereiche zu verweben und das sowohl als individuelle Dozentin, individueller Dozent als auch als Programm oder als anderes Bildungsangebot und hoffen, dass wir, ich würde mal, naja, wenn ich realistisch bin, vielleicht Ende des Jahres einen substanziellen Schritt weiter sind und das ist dann schon Sprint.
corinne:Cool, dann können wir uns das mal vormerken. Ende des Jahres machen wir Folge 2 unseres internen Podcasts, sprechen wir wieder sehr gut. Vielen Dank, viel Erfolg für den Sprint.
Philipp Jesrich, danke, dass du da warst.
philipp:Ganz herzlichen Dank, dass ich hier sein darf.